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Veröffentlicht am 25.12.2024

Interessantes Thema anstrengend zu lesen

Zwei Jahre Nacht
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Damir Ovčina erlebte seinerzeit selbst als bosnischer Muslim die Belagerung Sarajevos und die Kriegsgreul von Seiten der serbischen Besatzer. Entsprechend hoch war die Erwartung an diesen 750 Seiten umfassenden ...

Damir Ovčina erlebte seinerzeit selbst als bosnischer Muslim die Belagerung Sarajevos und die Kriegsgreul von Seiten der serbischen Besatzer. Entsprechend hoch war die Erwartung an diesen 750 Seiten umfassenden Roman. Es geht um einen jungen Mann im Alter von ca. 17/18 Jahren, der sich durch Zufall im "falschen" Stadteil Sarajevos bei dessen Belagerung befindet und fortan unter den Milizen zu leiden hat. Er erlebt Schreckliches, befreit sich und kämpft fortan im Untergrund.

Grundsätzlich sind die Bestandteile für einen historisch wie auch immer noch aktuell-politisch hochinteressanten Roman gegeben. Leider ist das Buch aus meiner Sicht kaum über diesen Umfang lesbar, da er durchgängig von stakkatohaften Sätzen lebt. Der Ich-Erzähler beschreibt die Geschehnisse in Form seiner Tagebucheinträge, welche über die ersten 100 Seiten hinweg sogar nicht einmal aus Hauptsätzen sondern vorwiegend aus durch Punkte getrennte Stichpunkte besteht. Selbst im etwas besser lesbaren Mittelteil bleibt es bei besagten stakkatohaften Hauptsätzen wie hier: "Wir laufen hintereinander mit eingezogenen Köpfen. Wir springen in den Geschäftsraum im Erdgeschoss. Aus dem Haus ein Maschinengewehr. Auf der anderen Seite explodiert etwas. Vom Jüdischen Friedhof her häufig etwas Schweres. Wir stellen Säcke mit Erde auf." usw. usf. Ich habe aufgrunddessen über weite Strecken den Text nur überfliegen können, da mir eine emotionale Verbindung zum Schicksal des Protagonisten, zum Schicksal der Bewohner Sarajewos und selbst zum Bosnienkrieg an sich, dadurch vollkommen genommen wurde. Ich habe außerdem wenig über die Zusammenhänge des Konflikts erfahren, da es sich um rein minutiöses Heruntererzählen von Erlebnissen dieser einen Person handelt. Dort gibt es kaum Gedankengänge, Überlegungen, Gefühle.

Leider, leider konnte mir dieser hochgelobte Roman den Bosnienkrieg und den Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen, welcher bis heute anhält, nicht erklären oder zumindest näher bringen.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Bitte alles, was in diesem Roman nicht mit Pink Floyd zu tun hat, streichen!

Die Kinder hören Pink Floyd
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Der Journalist Alexander Gorkow schreibt in diesem Roman über sein eigenes 10jähriges Ich, welches in einer Vorstadt Düsseldorfs mit Vater, Mutter und herzkranker 16jähriger Schwester in den 1970er Jahren ...

Der Journalist Alexander Gorkow schreibt in diesem Roman über sein eigenes 10jähriges Ich, welches in einer Vorstadt Düsseldorfs mit Vater, Mutter und herzkranker 16jähriger Schwester in den 1970er Jahren aufwächst. Der Roman zirkuliert dabei immer wieder um die Verbindung zwischen dem Jungen und der Schwester, welche ihn zum Pink Floyd-Fan macht und mit ihm die Titel und Alben dieser Jahrhundertband analysiert. Aber auch (zu) viele Alltagssituationen der 70er werden aus der Perspektive des kindlichen Hauptprotagonisten geschildert. Zuletzt gehts noch in die Gegenwart zu einem Gespräch mit Roger Waters - wer sich fragt: Der Durchgedrehtere von den beiden noch lebenden Sängern Pink Floyds. Syd Barrett lass' ich (und auch Gorkow) dabei mal gekonnt unter den Tisch fallen - war auch vor Gorkows Pink Floyd-Zeit...

Was finde ich gut an diesem Roman? Alle Passagen, die sich um die Songs und Alben der Band drehen, sowie die Darstellung von Musikrezeption als solcher. Der Journalist Gorkow versteht sich hervorragend darauf, diese Themen auseinanderzunehmen und für die Lesenden leicht verdaulich und verständlich wieder zusammen zu setzen. Es ist ein Genuss in den Liedtexten zu schwelgen und sich die Tonexperimente vorzustellen. Sofort bekommt man dabei Lust, die Floyd-Sammlung wieder aufzulegen - keine Frage. Und trotzdem hat dieses Buch für mich so viele Schwächen, dass ich es ab ungefähr Seite 50 kaum noch ertragen konnte und es am liebsten abgebrochen hätte. Das liegt vornehmlich an der kindlich-hochnaiven Erzählperspektive eines 10jährigen Jungen. Das kann man mal für die ersten Seiten machen, gut, aber doch bitte nicht über das (fast) gesamte Buch hinweg. Was zum Beispiel Hape Kerkeling in seinem "Der Junge muss an die frische Luft" herrlich beherrscht und auch sehr amüsant zu lesen ist, wird im vorliegenden Roman einfach nur zu einer Nervensache. Selten hat mich eine Erzählstimme so abgestoßen. Wenig fand ich dabei witzig oder auch nur leicht amüsant. Wenn Elke Heidenreich von diesem Roman schwärmt und Passagen verkürzt und pointiert zum besten gibt, klingt das viel begeisterungswürdiger als es sich dann tatsächlich liest. Die Pointen verpuffen leider beim Lesen und können nicht zünden. Auch das Flair der 70er versucht Gorkow zwar auf Papier zu bannen, kann dies auch teilweise transportieren, nur nervt es einfach nur noch, wenn mir zum zehnten Mal die Herstellermarke der damaligen Schulbänke präsentiert wird. Vielleicht liegt es am Fachbereich, denn bei der Schilderung der heimischen Musikanlage erschien mir dies interessant, ausgewogen und präzise.

Inhaltlich ist es meines Erachtens außerdem ein Mangel, dass der Erzählstrang um die contergangeschädigte, herzkranke Schwester einfach so fallen gelassen wird. Es gibt am Ende des Buches nur einen kurzen Halbsatz zu ihrem Verbleib. Aufgrund der bedeutsamen Rolle der Schwester für die Prägung des Jungen erscheint dies ihr einfach nicht gerecht zu werden. Neben der erkrankten Schwester scheint es außerdem in diesem Buch vor "Behinderten" und "Gestörten" nur so zu wimmeln. Annähernd jede noch so für den Plot unwichtige Person hat irgendein Defizit - körperlich oder psychisch - was meist mehr als nur erwähnt, sondern ausführlichst besprochen werden muss. Was der Autor damit bezweckt, außer darzulegen, dass wir alle unperfekt sind, bleibt fraglich.

Insgesamt kann ich also leider nicht zum Kauf des Buches raten, wenngleich die Ausgabe mit der Covergestaltung schön anzusehen und in sich stimmig ist. Wer Pink Floyd-Fan ist, braucht das Buch nicht, um sich eine Platte zu schnappen und ihre Genialität zu erkennen. Dafür lohnt es sich nicht, sich durch die gefühlt endlosen 186 Seiten zu kämpfen. Platte auflegen, Augen schließen und genießen. Damit ist die begrenzte Lebenszeit sinnvoller genutzt. Tick-Tack. "Time", ihr wisst schon...

Veröffentlicht am 24.12.2024

Ein Buch für die Feuilletonisten Deutschlands

Der falsche Gruß
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Selten hab ich so eine "Angst" vor dem Schreiben einer Rezension gehabt, wie bei diesem Buch von Maxim Biller. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man sich nach der Lektüre des vorliegenden Romans "Der ...

Selten hab ich so eine "Angst" vor dem Schreiben einer Rezension gehabt, wie bei diesem Buch von Maxim Biller. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man sich nach der Lektüre des vorliegenden Romans "Der falsche Gruß" einfach zu dumm vorkommt, um sich überhaupt anmaßen zu können, eine Meinung dazu zu haben. Ein Minenfeld, welches man am liebsten gar nicht erst betreten möchte. Doch woran liegt das?

Sicherlich ist dies durch die unglaublich selbstreferenzielle und intellektualisierte Art, wie Biller seine (nennen wir sie lieber) Novelle aufzieht, begründet. Wir lernen einen Schriftsteller und Historiker ohne Abschluss kennen, der einem im Berliner Literaturbetrieb etablierten jüdischen Schriftsteller den falschen, nämlich namentlich den Hitlergruß, zeigt, nachdem er sich durch ein noch im Laufe der Geschichte näher zu definierendes Ereignis bzw. eine Ereigniskette provoziert fühlt. Unser Schreiberling mit dem zu locker sitzendem rechten Arm hat zufällig auch in der Familie die ("eigentlich alles nur Opfer") Naziverwandtschaft. Gerade zu Beginn strotzt die Geschichte nur so vor Querverweisen in Klarschrift oder abgeändert auf die Literaturwelt Berlins. Wer da nicht absoluter Insider ist, hat schon und fühlt sich einfach nur verloren in diesem Werk. Wer sich nicht verloren, sondern ertappt fühlen dürfte, sind all die Feuilletonisten Deutschlands, die mitunter mit einer Doppelmoral über die Geschichtsvergessenheit der Deutschen sinnieren. Denn letztendlich lässt sich der Inhalt am wahrscheinlichsten auf das (Billers) Kernthema des Antisemitismus herunterbrechen und der Umgang damit unter Intellektuellen. Die literarisch interessierten Leser*innen aus der Durchschnittsbevölkerung kann jedoch mit diesem Text höchstwahrscheinlich nicht viel anfangen. So ging es jedenfalls mir. Erst mit diversen Rückblicken hatte ich gegen Ende der nur 128 Seiten das vage Gefühl ein wenig vom Text verstanden zu haben.

Aufgrund der großen Uneindeutigkeiten in Billers Roman, kann ich jedoch zum Inhalt nur Vermutungen anstellen und überlasse den Rest dem Feuilleton.

Veröffentlicht am 24.12.2024

So staubtrocken wie die Wüste Mesopotamiens

Babel
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Eigentlich klingt es ganz amüsant und vor allem interessant. "Babel" verspricht, dem Archäologen Robert Koldewey bei seiner Ausgrabung Babylons und damit auch der Wiederauffindung des Turms zu Babel in ...

Eigentlich klingt es ganz amüsant und vor allem interessant. "Babel" verspricht, dem Archäologen Robert Koldewey bei seiner Ausgrabung Babylons und damit auch der Wiederauffindung des Turms zu Babel in 1913 über die Schulter zu schauen, während dieser sich mit einer Bilnddarmentzündung und ebenso seinem anstrengenden Assistenten Buddensieg herumschlagen muss.

Leider verliert sich der, von der Altorientalistin und Ethnologin Cusanit außerordentlich gut recherchierte, Roman zwischen referierten Fakten zu Ausgrabungstechniken und Briefwechseln Koldeweys. Eine "Handlung" besteht im eigentlichen Sinne kaum, da sich über 267 Seiten hinweg Koldewey von seinem Bett hin an den eigentlichen Ausgrabungsort schleppt, um dort eine befreundete Engländerin zu treffen. Auf dem gähnend langsamen Weg doziert er über viele Themen, die für sich genommen eigentlich ein interessantes Licht auf Raubkunst, den Vergleich von Morderne und Antike sowie die wackeligen Grundlagen des Alten Testaments werfen, jedoch so dicht präsentiert werden, dass man einfach nur noch hofft, dass der Herr bald an seinem Ziel ankommen möge. Eine Handlung im allgemein bekannten Sinne sollte man hier also nicht suchen. Sie, ebenso wie die Nebenfiguren, scheinen Cusanit allein dazu zu dienen, ihr ungemein großes Wissen in eine Romanform zu pressen.

Tatsächlich sehnte ich dem Ende des Buches ab mindestens der Hälfte dessen entgegegen. Die zu Beginn noch durch ihre Erhabenheit glänzende Sprache wirkte gegen Ende nur noch überfordernd und trocken. Kenah Cusanit hat definitiv gezeigt, dass sie ein sehr hohes Sprachniveau beherrscht, konnte dies jedoch nicht in einen überzeugenden Roman ummünzen. Oft überwog das Gefühl beim Lesen, sie möchte zu sehr zeigen, was sie alles weiß und wie toll sie es sprachlich verpacken kann. Das konnte jedoch - jedenfalls bei mir - auf die Länge des Romans nicht zünden, sodass das Buch leider so staubtrocken, wie die Wüste durch die sich Kaldewey budelte, geworden ist.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Funktioniert vielleicht als Kabarettstück besser - als Buch leider nicht.

Die Party
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Durch merkwürdige Umstände verirrt sich die namenlose Protagonistin (hauptberuflich Softeisverkäuferin mit einem Lehrauftrag als Nebenjob) dieses Romans auf eine Koch-Party mit noch viel merkwürdigeren ...

Durch merkwürdige Umstände verirrt sich die namenlose Protagonistin (hauptberuflich Softeisverkäuferin mit einem Lehrauftrag als Nebenjob) dieses Romans auf eine Koch-Party mit noch viel merkwürdigeren Gästen. Neben der Zubereitung des Essens dreht sich dort alles um ach so aufgeklärte Gesprächsthemen wie Feminismus, Sexismus und anderes, was mir schon wieder entfallen ist. Nebenher denkt die Protagonistin über die Funkstille zwischen ihr und ihrer älteren Schwester nach, zu deren zweiter Niederkunft sie eigentlich unterwegs war, als sie von einem vergesslichen Regisseur zu seiner eigenen Party mitgeschleppt wurde. So weit, so absurd.

Mit einem leider sehr nervigen Schreibstil und einem noch anstrengenderen Satzbild versucht die Autorin und Kabarettistin die Selbstgerechtigkeit, Bösartigkeit und Borniertheit selbsternannter kulturell aufgeschlossener Künstlerkreise der oberen Mittelschicht darstellen. Da darf natürlich das glückliche Paar nicht fehlen, welches ganz "selbstlos" syrischen Flüchtlingen ein gemeinsames Essen anbietet, dann aber doch nichts vom Mitgebrachten essen will, weil "man weiß ja nie, was da so drin ist" und die Familie dann doch eigentlich zu störend und Laut von ihrem Wesen her empfindet. Genauso wenig, wie die Frauen, die sich selbst unglaublich befreit fühlen und von dem Regisseur mansplainen lassen, welcher Frauen eigentlich nur empowern will, dadurch, dass diese nicht in seinen Stücken auftreten dürfen. usw. usf. Leider funktioniert das Kokettieren mit Zweideutigkeiten hier nicht und nie amüsierte ich mich über diese unkonventionell/konventionelle Partygesellschaft. Satire, eine Kunstform, in welche ich diesen Roman einordnen würde, sollte einen Nerv treffen, um Problembereiche amüsant aufzuzeigen und zu hinterfragen. Bei mir konnte der Text jedoch keinen der relevanten Nerven gezielt treffen. Vielmehr hat es einfach nur genervt das Buch zu lesen und ich hätte meine Lesezeit gern anders verbracht. Allein das finale Hineinsteigern in gegenseitige Vorwürfe war annähernd interessant zu lesen.

Von meiner Seite gibt es damit keine Leseempfehlung für dieses Buch. Da kann auch die ansehnliche Covergestaltung und hochwertige Verarbeitung der Buchdeckel nichts mehr ändern. Vielleicht funktioniert der Text ja einfach besser als Kabarettstück.