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Veröffentlicht am 23.01.2025

Ein Freund

Im Schnee
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Der Schorsch ist tot und Max begibt sich zur Totenwacht, die auch immer seltener so abgehalten wird wie früher, wie es sich gehört, wie man es gewohnt ist. Bis Mitternacht die Männer, danach bis zum Morgengrauen ...

Der Schorsch ist tot und Max begibt sich zur Totenwacht, die auch immer seltener so abgehalten wird wie früher, wie es sich gehört, wie man es gewohnt ist. Bis Mitternacht die Männer, danach bis zum Morgengrauen die Frauen. Max bleibt die ganze Nacht bei seinem Freund, lauscht den alten Schwänken und schildert selbst die ein oder andere Begebenheit.

Ruhig wie das Titelbild erscheint auch die Geschichte vom Leben und vom Sterben. Einen Tag und eine Nacht begleiten wir den alten Max, der schon über achtzig ist und das Totenglöckchen hört, als er stumm am Fenster steht und in die friedliche weiße Schneelandschaft hinausblickt. Wer wird es diesmal sein? Wer wird künftig nicht mehr ins Wirtshaus kommen? Es ist Schorsch, der nur im Pass und beim Pfarrer Georg Wenzel hieß, ansonsten stets der Schorsch war, ein angenehmer Nachbar, Maxens Freund seit Kindertagen.

In einfachen Sätzen und knappen Bildern schildert Tommie Goerz das Dorfleben einst und jetzt. Die Alten werden immer weniger, die gute alte Zeit immer blasser, wahrscheinlich war nicht immer alles so gut, wie es später scheinen mag. Durch einen hervorragenden Schreibstil wird die Atmosphäre der Totenwacht ebenso gut eingefangen wie der Blickwinkel der Zugezogenen und der Durchreisenden, die Dinge sehen, die man gar nicht sehen kann. Wie tief ist denn der Teich und was verbirgt sich wohl auf dessen Grund? Austhal als Stellvertreter für Dörfer, die aussterben, Gedanken bei der Totenwacht über Erlebnisse, die bald keiner mehr teilt, Hofnamen und Gewerke, an die sich niemand von den Neubürgern in der abseits liegenden Siedlung erinnert.

Ein Roman, der nicht nur erzählen, sondern auch schweigen kann, der mehr zwischen als mit den Zeilen sagt und den Leser mit seiner melancholisch-friedvollen Stimmung abholt. Ich bin gerührt ob der Macht von weniger als 200 Seiten. Absolute Empfehlung!

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Veröffentlicht am 18.01.2025

Sieg

Die Anwältin
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Zielstrebig, konsequent und unerbittlich ist Kelly McCann als Anwältin, spezialisiert auf die Verteidigung von Männern, welche für Sexualdelikte angeklagt werden. Ihr Ziel ist es stets, die Vorwürfe zu ...

Zielstrebig, konsequent und unerbittlich ist Kelly McCann als Anwältin, spezialisiert auf die Verteidigung von Männern, welche für Sexualdelikte angeklagt werden. Ihr Ziel ist es stets, die Vorwürfe zu entkräften, Beweise als falsch darzustellen und einen Freispruch zu erwirken, einen Sieg einzufahren. Als sie allerdings selbst zum Opfer wird, sinnt Kelly nach Rache.

Tempo und Überraschungen stehen bei diesem Thriller im Mittelpunkt, Bonnie Kistler versteht es, Spannung aufzubauen und hoch zu halten bis hin zur letzten Seite. Das Motiv, möglicherweise schuldige Männer zu verteidigen, wird ebenso herausgearbeitet wie das Bestreben vieler Frauen, sich nicht an die Behörden zu wenden, um sich vor weiteren Demütigungen zu schützen. Dazu kommen noch andere wesentliche Themenkomplexe, denen ich hier nicht vorgreifen möchte. Mit diesem bestens konzipierten Grundgerüst schafft die Autorin ein überaus realistisches Szenario, das den Leser kaum zu Atem kommen lässt und völlig gefangen nimmt von der Materie. Obwohl die ganze Angelegenheit bald abgehandelt zu sein scheint, hängt Kistler raffiniert noch etliche Kapitel an und verblüfft einen immer wieder, genau so, wie auch Kelly ob der Geschehnisse am Ende erstarrt.

Ein überaus gelungenes Buch, welches durch Bonnie Kistlers Zeit als Prozessanwältin realitätsnah und lebendig wird, somit kommt von mir eine klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 16.01.2025

Brautmord

Die Villa
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Dani leidet noch immer unter der Tatsache, dass der Mörder ihrer besten Freundin Aoife nicht gefunden werden konnte. Nun, drei Jahre später, organisiert sie eine Rückkehr nach Marbella, wo sie, gemeinsam ...

Dani leidet noch immer unter der Tatsache, dass der Mörder ihrer besten Freundin Aoife nicht gefunden werden konnte. Nun, drei Jahre später, organisiert sie eine Rückkehr nach Marbella, wo sie, gemeinsam mit drei weiteren Freundinnen, Aiofes Junggesellinnenabschied gefeiert hat. Wird sie am dritten Todestag dem Geheimnis näherkommen, die Abläufe in Andalusien rekonstruieren können?

Aus den Blickwinkeln der fünf Freundinnen Aoife, Dani, Tiff, Beth und Celine wird abwechselnd erzählt, teils auf aktueller Zeitebene, teils drei Jahre zuvor, beim ausgelassenen Junggesellinnenabschied. Dani möchte so viel wie möglich ganz ähnlich gestalten wie damals, um ihrem Gedächtnisverlust endlich beizukommen. Die Ungewissheit um den grausamen Mord an Aoife soll endlich ein Ende haben. Wir treffen die fünf jungen Frauen also am Flughafen, besteigen einen weißen Seat Ibiza und fahren die kurvenreiche Straße zur Villa Floriana hinauf. Dort hat sich kaum etwas geändert und somit sprudeln ganz unterschiedliche Gefühle hervor. Während es Rufe gibt nach sofortiger Abreise, wünscht sich Dani zumindest eine gemeinsame Nacht im Unglückshaus.

In knappen Sequenzen führt uns Jess Ryder durch die Handlung und gibt manchmal mehr Rätsel auf als gelöst werden. Obgleich man für eine solche Reise fünf eng befreundete Frauen erwartet, gibt es doch einige Differenzen, ja sogar Geheimnisse und Hinterlistigkeiten, die natürlich nicht gleich offenbar werden. Und auch im heißen Andalusien sind nicht nur ehrenwerte Einheimische unterwegs. Spannende Stunden mit einem steten Hin und Her zwischen den Jahren, unterhaltsame Spielchen und strömender Alkohol, sowie Trauer und die Suche nach Klarheit beherrschen die Handlung, welche den Leser stets mitnimmt in ein weiteres Kapitel, weil die Neugierde einfach groß ist.

Ein tödlicher Junggesellinnenabschied und die Suche nach dem „warum“ – unblutig, aber spannend und wendungsreich.

Veröffentlicht am 15.01.2025

Alte Geschichten

Tod im Piemont - Trüffel, Nougat und Barolo
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Im kleinen Bergdorf Corazzo, nahe dem Lago Maggiore, betreibt Sofia ein kleines, feines Café. Wer einen Blick in die Zukunft wünscht, bestellt einen Mokka. Diese „Dienstleitung“ hinter dem Holzvorhang ...

Im kleinen Bergdorf Corazzo, nahe dem Lago Maggiore, betreibt Sofia ein kleines, feines Café. Wer einen Blick in die Zukunft wünscht, bestellt einen Mokka. Diese „Dienstleitung“ hinter dem Holzvorhang ist aber nur Einheimischen bekannt, weshalb Sofia sehr verwundert ist, als ein Fremder danach fragt. Wenig später findet man ihn tot an einem Baum hängen, ein sympathischer Commissario aus Verbania, Alessandro Ranieri, übernimmt die Ermittlungen und stößt auf alte Geschichten.

Begleitet von vielen kulinarischen Details aus Sofias Küche geht es durch diesen Kriminalroman, der neben einem Toten auch eine Verbindung ins Jahr 2001 liefert. Im Mittelpunkt steht die junge Cafébetreiberin mit köstlichen Haselnusstorten und hausgemachten Nudelspezialitäten. Darum herum entspinnt sich wie nebenbei ein interessanter Mordfall. Sympathische Charaktere, duftende Küchenaromen und eine malerische Landschaft werden immer wieder von einer Oktobernacht dreiundzwanzig Jahre zuvor unterbrochen, wodurch sich ein gewisses Maß an Spannung aufbaut und den Leser miträtseln lässt, wie alles zusammenhängen mag. Auch Anna Meratis flüssiger Schreibstil trägt zum Spaß beim Lesen bei, sodass man flott durch die Kapitel kommt und Sofia dabei begleitet, wie sie selbst in ihrer Nachbarschaft nachforscht und dabei noch Sympathien für den Kommissar entwickelt.

Ein schönes Buch, weniger für Krimifreunde, welche zielstrebige Ermittlungen bevorzugen, sondern eher für jene, die nach Unterhaltung und regionalem Flair suchen. Bei einem weiteren Fall bin ich gerne wieder dabei.

Veröffentlicht am 15.01.2025

Marillen - Marmor - Mord

Ein Schimmern am Berg
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Im Marmorsteinbruch von Laas (Südtirol) liegt eine Leiche, sorgfältig mit der schweren Fräsmaschine im Bergwerk zerstückelt. Commissario Grauner ist allein, denn Saltapepe und Tappeiner urlauben in New ...

Im Marmorsteinbruch von Laas (Südtirol) liegt eine Leiche, sorgfältig mit der schweren Fräsmaschine im Bergwerk zerstückelt. Commissario Grauner ist allein, denn Saltapepe und Tappeiner urlauben in New York und obendrein hat er noch Streit mit seiner Ehefrau Alba. Wie wird er diesen Fall wohl lösen?

Südtirol als Kulisse für diesen zehnten Krimi rund um den eigenwilligen Grauner wird wieder prächtig in Szene gesetzt, finstere Bergdörfer, mundfaule Einheimische, ein Zwist zwischen Marmorbrucharbeitern und Marillenbauern prägen die Szenen. Schnell findet man einen Verdächtigen für den Mord, dann einen anderen. Wer von den beiden ist der Täter, wie kann derjenige überführt werden? Grauner ist überfordert ohne sein bewährtes Team, aber da ergibt sich doch tatsächlich eine Spur nach Amerika und Saltapepe und Tappeiner müssen Ermittlungen in Übersee in Angriff nehmen.

Flott im Schreibstil, kurzweilig in der Handlung geht es dahin, grausame Details führen zu der Überlegung, ob nun nicht wirklich ein langer Urlaub oder gar die Pensionierung für Grauner anstehen.

Ein wunderbarer Krimi mit Südtiroler Atmosphäre und Abstechern nach Las Vegas und New York, der beste Unterhaltung bietet.