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Veröffentlicht am 13.03.2025

Roman über Depressionen und vererbte Traumata

Kankos Reise
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Die 17-jährige Kanko leidet unter Depressionen. Sie würde am liebsten nicht mehr zur Schule gehen und dafür in ihrem Bett bleiben. Von ihrer Familie hat sie keine Unterstützung zu erwarten. Seit einem ...

Die 17-jährige Kanko leidet unter Depressionen. Sie würde am liebsten nicht mehr zur Schule gehen und dafür in ihrem Bett bleiben. Von ihrer Familie hat sie keine Unterstützung zu erwarten. Seit einem Schlaganfall ist ihre Mutter, eine Alkoholikerin, halbseitig gelähmt und eine völlig andere Person geworden. Mit dem Vater ist so lange gut auszukommen, bis ihn die Wut packt und er zuschlägt. Als seine Mutter im Sterben liegt, macht die Familie sich gemeinsam im Auto auf den Weg. Auf engem Raum spitzt sich die Situation immer weiter zu und droht zu eskalieren.

Mit ihrem Debütroman „Idol in Flammen“ gab die heute 25-jährige Rin Usami bereits einen tiefen Einblick in die Psyche einer jungen Frau. In „Kankos Reise“ ist ihr das, meiner Meinung nach, noch besser gelungen. Aus dem Japanischen übersetzte auch dieses Mal Luise Steggewentz. Die Handlung wird völlig aus der Sicht der Protagonistin Kanko erzählt, was das Geschehen umso eindringlicher wirken lässt. Im Zentrum steht dabei die Fahrt zur Großmutter, es wird aber auch das Davor und Danach geschildert.

Kanko lebt in einer völlig dysfunktionalen Familie. Ihre beiden Brüder haben bereits das Elternhaus verlassen, der ältere mit einem großen Knall, der jüngere eher unauffällig und leise. Zurück bleibt Kanko, die immer wieder vermittelt. Zwischen den Eltern, den Eltern und ihren Brüdern – dabei ist sie diejenige, für die sich jemand einsetzen müsste. Ihre Depressionen haben ihr schwer zugesetzt, sie hat bereits versucht, sich das Leben zu nehmen. Doch in Kankos Familie scheint jeder nur mit sich selbst beschäftigt. Alles gipfelt in einer folgenschweren Autofahrt, deren Ausgang schockiert.

„Kankos Reise“ ist ein Roman über Depressionen, aber vor allem einer über ungesunde familiäre Beziehungen und vererbte Traumata. Im Verlauf der Handlung wird deutlich, dass nicht nur Kanko sich verloren fühlt, sondern auch Vater und Mutter. Ein fataler Kreislauf, aus dem es auszubrechen gilt, aber wie soll das gehen, wenn Eltern ihre Kinder im Stich lassen und auch die Geschwister nicht füreinander da sind? Ein emotionaler, teilweise schwer zu ertragender Roman.

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Veröffentlicht am 05.03.2025

Beeindruckende Sammlung

YOKAI - GEISTER
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Im japanischen Volksglauben existiert eine Reihe von übernatürlichen Wesen, die unter dem Begriff „yōkai“ zusammengefasst werden. Der Prestel Verlag hat nun mit „Yōkai – Geister“ eine wunderschön gestaltete ...

Im japanischen Volksglauben existiert eine Reihe von übernatürlichen Wesen, die unter dem Begriff „yōkai“ zusammengefasst werden. Der Prestel Verlag hat nun mit „Yōkai – Geister“ eine wunderschön gestaltete Sammlung von Holzschnitten herausgegeben, die jene Wesen dokumentiert. Die Ausgabe ist mit einem festen, seidig glänzenden Einband und mit einer Schlauchbindung (auch japanische Blockbindung) versehen. Die Rückseiten der Illustrationen sind somit nicht bedruckt, so dass die Motive nicht durchscheinen und dicke Doppelseiten entstehen. Das Buch wird mit einer schwarzen Schleife verschlossen.

In seinem begleitenden Texten stellt der Gerichtsmediziner Philippe Charlier die unterschiedlichsten Arten von Geistern vor. Die yūrei sind bspw. Frauen in weißen Gewändern und mit offenen Haaren, wobei Weiß in Japan die Farbe des Todes ist. Die Holzschnitte sind manchmal farblos und trist, manchmal voll kräftiger Farben. Wir sehen schlichte Darstellungen, überladene Szenen, riesenhafte Skelette und herumfliegende Köpfe ohne Körper – es gibt allerhand zu entdecken in dieser Sammlung.

Die verschiedenen Geister und ihre Geschichten sind in Japan jedem Kind bekannt und es gibt für alles den passenden Geist. Da wäre zum Beispiel ubume, der Geist einer bei der Geburt verstorbenen Mutter auf der Suche nach ihrem Kind. Oder die so genannten funayūrei, Geister Ertrunkener, halb Mensch, halb Fisch, die Schiffe anlocken und auf Riffe zusteuern. Yuki-Onna, die Schneefrau lässt ihre Opfer erfrieren und die tsukumogami sind beseelte Alltags- und Gebrauchsgegenstände. Besonders aktiv sind Geister übrigens in der „Stunde der Kuh“ zwischen 2 und 3 Uhr nachts.

Charlier erzählt auch Geschichten, wie die des Tellergeists Okiku, einer Magd, die von ihrem Herrn, einem Samurai, getötet wurde, weil sie sich ihm nicht hingeben wollte. Er stürzte sie in einem Brunnen, der als Tor zur Unterwelt verstanden wird und Filme wie „The Ring“ inspirierte. Am Ende weist ein Abbildungsverzeichnis alle gezeigten Werke mit Titel, Künstler, Lebensdaten und Ausstellungsort aus. Die bekanntesten Künstler dürften dabei Utagawa Hiroshige und Katsushika Hokusai sein.

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Veröffentlicht am 26.02.2025

Generationenroman mit komplexen Beziehungen

Die Tage nach dem Pflaumenregen
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Shanghai, April 1947. Suchi und Haiwen sind verliebt und wollen unbedingt heiraten. Doch dann meldet sich Haiwen freiwillig als Rekrut für den Bürgerkrieg, damit sein Bruder stattdessen bei seiner schwangeren ...

Shanghai, April 1947. Suchi und Haiwen sind verliebt und wollen unbedingt heiraten. Doch dann meldet sich Haiwen freiwillig als Rekrut für den Bürgerkrieg, damit sein Bruder stattdessen bei seiner schwangeren Frau bleiben kann. Es werden viele Jahre vergehen, bis Suchi 2008 in Los Angeles wieder in Haiwens Leben tritt. Dieser nennt sich nun Howard und das ist nicht die einzige Veränderung, welche die beiden aneinander feststellen. Was haben sie in der Zwischenzeit erlebt? Und können sie wieder an die Vergangenheit anknüpfen?

„Die Tage nach dem Pflaumenregen“ ist der Debütroman der taiwanesisch-amerikanischen Autorin Karissa Chen und wurde von Elke Link aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Erzählt wird aus der Perspektive der beiden Hauptfiguren Suchi und Haiwen; das jedoch nicht in chronologischer Reihenfolge. Die Autorin springt stattdessen immer wieder zwischen unterschiedlichen Zeitebenen hin und her. Insgesamt bewegen wir uns zwischen 1938, als Suchi und Haiwen sich als Siebenjährige in der Schule kennenlernen und der Gegenwart des Jahres 2008, als sie sich in Los Angeles wiedersehen und gemeinsam der Vergangenheit stellen.

Auch wenn der Titel eine schnulzige Liebesgeschichte vermuten lässt, ist „Die Tage nach dem Pflaumenregen“ so viel mehr. Der Roman zeigt, wie Kriege ein ganzes Volk spalten und Familien für immer voneinander getrennt werden. Suchi flieht mit ihrer Schwester 1948 nach Hongkong und schlägt sich dort als Sängerin in einem Nachtclub durch. Sie geht eine Ehe voller Gewalt ein, um den beiden ein besseres Leben zu sichern. Haiwen erlebt als Soldat die Schrecken des Krieges am eigenen Leib. Als er sich jedoch in eine Taiwanerin verliebt, muss er erkennen dass die Unterscheidung in Aggressoren und Unschuldige vielleicht auch nur eine Frage der Perspektive ist.

Was für ein unglaublicher Roman! Ich hatte zunächst befürchtet, dass hier nur die Beziehung zwischen Suchi und Haiwen im Vordergrund steht und sie auf magische Weise wieder zusammenfinden. Stattdessen bekam ich einen Generationenroman mit komplexen Beziehungen – unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 20.02.2025

Ein Leben in der Platte

Achtzehnter Stock
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Wandas Leben hat sich ganz anders entwickelt, als sie es sich vorgestellt hatte. Anstatt ihrem Traum von der Schauspielerei zu folgen, lebt sie mit ihrer kleinen Tochter Karlie im achtzehnten Stock eines ...

Wandas Leben hat sich ganz anders entwickelt, als sie es sich vorgestellt hatte. Anstatt ihrem Traum von der Schauspielerei zu folgen, lebt sie mit ihrer kleinen Tochter Karlie im achtzehnten Stock eines Berliner Plattenbaus. Doch dann die einmalige Chance: Wanda soll in einer spannenden neuen Serie mitspielen, doch wie soll sie ihre Rolle als Mutter mit der Traumrolle ihres Lebens vereinbaren? Es beginnt ein schwieriger Spagat zwischen Kind und Karriere, den Wanda eigentlich nur verlieren kann – und dann ist da noch ihr äußerst sympathischer Co-Star.

„Achtzehnter Stock“ ist bereits der zweite Roman der Schweizer Autorin Sara Gmuer, die neben dem Schreiben bereits Karrieren als Model und Rapperin vorzuweisen hat. Erzählt wird die Handlung aus Wandas Sicht in der ersten Person und dem Präsens, was uns als Leser*innen unmittelbar als ihrem Leben teilnehmen lässt. Wir erleben ihre Frustration, ihre Angst, aber auch ihre Träume und Hoffnungen. Gmuers Stil ist dabei von ungeheurer Präzision, jedes Wort passt, keines ist zu viel und darüber hinaus sind ihre Worte voller Poesie.

Im Mittelpunkt des Romans steht Wandas innere Zerrissenheit zwischen ihren Pflichten als Mutter und dem Wunsch, als Schauspielerin erfolgreich zu sein. Ihr Leben findet fast vollständig in der Platte statt, wo sie mit Hilfe ihrer Nachbarinnen, allen voran „Aylins Mama“ ihren Alltag stemmt. Als sie Adam Ezra kennenlernt, einen bekannten Schauspieler, und mit ihm gemeinsam in der Serie „Psalm“ besetzt wird, bietet sich Wanda ein realer Ausweg aus ihrem alten Leben. Doch dann wird Karlie krank und ihre Träume drohen, wie Seifenblasen zu zerplatzen.

Es ist eine eindringliche, echte Geschichte, die Sara Gmuer in „Achtzehnter Stock“ erzählt. Die Platte ist für Wanda wie ein tonnenschweres Gewicht, das sie am Boden hält und am Fliegen hindert. Im Verlauf der Handlung muss sie jedoch feststellen, dass dieses Gewicht auch ein Anker sein kann und ihre Nachbarinnen ihr Leben stärker bereichern, als sie es für möglich gehalten hätte. Ein toller Roman von einer ungemein sympathischen Autorin.

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Veröffentlicht am 11.02.2025

Spannendes, aber auch ernstes Sachbuch

Fatale Flora. Von giftigen Pflanzen und gemeinen Menschen
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Der Garten von Alnwick Castle in Northumberland im Norden Englands ist ein ganz besonderer Ort. Dort existiert seit 2005 der „Poison Garden“, der über 100 Gift- und narkotische Pflanzen beherbergt und ...

Der Garten von Alnwick Castle in Northumberland im Norden Englands ist ein ganz besonderer Ort. Dort existiert seit 2005 der „Poison Garden“, der über 100 Gift- und narkotische Pflanzen beherbergt und nur im Rahmen einer Führung besucht werden darf. Das tat auch die Journalistin Noemi Harnickell und verfasste daraufhin ihr zweites Sachbuch „Fatale Flora“. In diesem widmet sie sich 12 verschiedenen Giftpflanzen, beschreibt sie und ihre Wirkung, berichtet aus der Forschung und erzählt von historischen Fällen. Darüber hinaus webt sie auch immer wieder Szenen aus der Führung durch Alnwick Garden ein.

Der Schweizer Arzt und Philosoph Paracelsus prägte im 16. Jahrhundert die Feststellung, dass es die Dosis sei, die ein Gift ausmache. Pflanzen ernähren uns, liefern uns Kleidung und heilen uns, sie können uns aber auch schaden. So wird beispielsweise der giftige Fingerhut zur Herstellung von Digitalis, einem Herzmedikament verwendet. Auch die Droge Heroin aus der Gruppe der Opiate diente zunächst als Schmerz- und Hustenmittel. Diese Zusammenhänge stellt die Autorin sehr übersichtlich und gut verständlich dar.

Obwohl „Fatale Flora“ eine kurzweilige und unterhaltsame Lektüre ist, spricht das Buch auch sehr ernste Themen an, worauf die Autorin auch in ihrem Vorwort hinweist. Gifte dienten historisch immer wieder als furchtbare Waffen, sei es Zyanid in den Händen der Nationalsozialisten oder des Sektenführers Jim Jones, Nowitschok, das in den Anschlägen auf Alexei Nawalny sowie Sergei und Yulia Skripal verwendet wurde oder Rizin, das in der Spitze eines Regenschirms Georgi Markow das Leben kostete. Auch bekannte Serienmörder, wie der Lambeth Poisoner Thomas Neill Cream oder der berüchtigte Dr. Crippen werden erwähnt. In einem separaten Kapitel widmet sich die Autorin auch der Frage, warum weibliche Serienmörderinnen, wie bspw. Mary Ann Cotton (tötete mehr Menschen als Jack the Ripper), lieber übersehen werden.

Die meisten Gifte in Noemi Harnickells Buch sind solche, die man erwarten würde: Tollkirsche, Stechapfel, Brechnuss, Engelstrompete – eines überrascht jedoch und eigentlich auch wieder nicht, der Tabak. Allein in Deutschland sterben jährlich 143.000 Menschen an den Folgen des Konsums. Alkohol, wie die Autorin im Nachwort erwähnt, ist ein noch stärker akzeptiertes Gift. Ein spannendes, unterhaltsames Sachbuch, das auch zum Nachdenken anregt.

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