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Veröffentlicht am 30.06.2025

Eine leichte, zarte Geschichte

Ein Sommer in Salerno
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„Ich fülle die große Leere aus, Éléonore. Ich habe wieder Lust am Leben gefunden. Das habe ich gebraucht...“

Eleonore ist eine recht bodenständige Frau, die zwei fast erwachsene Kinder hat und einen ...


„Ich fülle die große Leere aus, Éléonore. Ich habe wieder Lust am Leben gefunden. Das habe ich gebraucht...“

Eleonore ist eine recht bodenständige Frau, die zwei fast erwachsene Kinder hat und einen anstrengenden Putzjob. Dabei putzt sie nicht nur die Wohnungen ihrer Arbeitgeber und wäscht deren Wäsche, sondern wird als gute Zuhörerin immer mehr in das Leben dieser Menschen hineingezogen. Sie hilft, wo sie kann. Und das tut sie nicht zuletzt, um sich von ihrem Liebeskummer abzulenken.
Denn Eleonore hat sich vor einigen Wochen von ihrer Kurzzeitliebe Marco getrennt. Ein verheirateter Mann, emotional völlig unterentwickelt, so scheint’s… Viel mehr erfahren wir eigentlich nicht über diesen Mann. Auch wenn in Rückblenden immer wieder von ihm und dem Kennenlernen der beiden berichtet wird.

„Ein Sommer in Salerno“ ist eine sehr leichte, unterhaltende Lektüre. Eine ruhige Geschichte, in der die großen Dramen weitestgehend ausbleiben und wir auf ein Happy End hoffen dürfen. Auch wenn die Geschichte in Italien spielt, ist der Erzählton für mein Empfinden sehr französisch. Das Buch erinnert ein wenig an Geschichten von Agnès Desarthe. Die Atmosphäre ist eine gemäßigte, lebensbejahende.

Ich kann „Ein Sommer in Salerno“ als leichte Sommerlektüre all denjenigen empfehlen, die zarte Geschichten mögen und eine leichte, ans Herz gehende Geschichte suchen.

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Veröffentlicht am 05.06.2025

Sprachgebrauch im Dritten Reich

Verbrannte Wörter
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»Es geht nicht darum, eine Fahndungsliste für irgendeine Sprachpolizei zu erstellen. Sondern es geht darum zu vermitteln, was die Grundlagen jeder angemessenen Ausdrucksweise sind: Sensibilität, Kenntnis ...

»Es geht nicht darum, eine Fahndungsliste für irgendeine Sprachpolizei zu erstellen. Sondern es geht darum zu vermitteln, was die Grundlagen jeder angemessenen Ausdrucksweise sind: Sensibilität, Kenntnis der Stil-ebenen, Sinn für Angemessenheit und - ja - auch das Wissen um die Geschichte von Wörtern.«
In letzter Zeit wird es zunehmend wichtiger, sich mit dem Sprachgebrauch im Dritten Reich auseinander zu setzen. Der Rechtsruck macht die Nazis frecher, immer unverhohlener sprechen sie. Nicht nur auf inhaltlicher Ebene zeigen und fordern sie Undenkbares, auch auf sprachlicher Ebene überschreiten sie Grenzen und machen Unsagbares wieder sagbar. So schleichen sich die rechten Ideen in unseren Alltag.
Matthias Heises ‚Verbrannte Wörter‘ sammelt wie ein Wörterbuch solche (manchmal auch nur vermeintlich) verbrannten Wörter und Ausdrucksweisen. Darunter finden sich erstaunliche und erschreckende Einträge.
Wir müssen deshalb nicht in jedem Gespräch einen sprachlichen Eiertanz aufführen. Es hilft aber, sich mit der Thematik zu befassen und im Kopf zu haben, welche Konnotation Worte mitbringen und wie sie im Dritten Reich missbraucht wurden. Und das macht dieses Buch wertvoll: Es vereint sehr übersichtlich präsentiert Wörter, die zumindest im Verdacht stehen, von den Nazis missbraucht worden zu sein, und werden vom Autor jeweils in einem kurzen Fazit bewertet und in ihrem heutigen Sprachgebrauch einsortiert.
Der Autor leistet diese Bewertung für historisch verbrannte Wörter und kann so deutlich machen, wo Neonazis auch heute bewusst auf diese Sprache zurückgreifen.
Wo unsere Sprache und unser Denken unbewusst immer noch von der LTI (Lingua Tertii Imperii) beeinflusst sind, diese Brücke muss die Leserin selbst schlagen. Das Buch bietet die Grundlage dafür. Man sollte sich bewusst machen, dass über die historische Analyse hinaus, die Sprache im Blick behalten werden muss. Neue Worte tauchen auf, die unsere Gedanken färben, Hass säen und Gräben bauen. Sich einem weiteren Sprachwandel zu verschließen und nur das Bewusstsein für sprachliche Phänomene in der Vergangenheit zu schärfen, ist nicht ausreichend.
Wer in die Tiefe gehen und verstehen möchte, dem kann ich das Buch ‚LTI‘ von Victor Klemperer nahelegen.

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Veröffentlicht am 24.02.2025

Offen, selbstbewusst und unverkrampft

Viva la Vagina!
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„Offen, selbstbewusst und unverkrampft“ das trifft es sehr gut. Denn genau so ist dieses Buch geschrieben. Es kommt deshalb an keiner Stelle das Gefühl auf, dass es sich um ein peinliches Thema handeln ...

„Offen, selbstbewusst und unverkrampft“ das trifft es sehr gut. Denn genau so ist dieses Buch geschrieben. Es kommt deshalb an keiner Stelle das Gefühl auf, dass es sich um ein peinliches Thema handeln könnte.

Das Buch ist meiner Meinung nach besonders für junge Frauen und Mädchen in der Pubertät empfehlenswert, da es Selbstbewusstsein und Sicherheit vermittelt.
Für Frauen mittleren Alters und darüber hinaus ist es vor allem dann spannend, wenn sie sich mit der Thematik bisher wenig befasst haben (was recht häufig der Fall ist!). Ihnen wurde vielleicht noch das Gefühl vermittelt, dass man „darüber“ nicht spricht. Vieles ist ja auch in der Tat noch immer tabuisiert. Die beiden Ärztinnen Brochmann und Dahl sprechen alles an und machen das so charmant, dass es den Tabus die Brisanz nimmt.

Allerdings kommen Probleme, die vor allem ältere Frauen betreffen (vielleicht auch nach Schwangerschaften und Entbindungen), zu kurz. Deshalb fühlte ich mich nicht mehr zur Zielgruppe dazugehörig.

Ein weiterer Kritikpunkt gilt dem Fokus und dem starken Bewerben hormoneller Verhütung. Auch hier habe ich den Eindruck, dass das Buch sich vor allem an sehr junge Frauen richtet, bei denen die hormonelle Verhütung zu mehr Freiheit und Sicherheit führen kann. Aber nicht nur. Es gibt Kritik an der hormonellen Verhütung, die auch jungen Frauen vermittelt werden sollte. Hier hätte ich mir eine Beleuchtung des Themas auch aus kritischer Sicht gewünscht.

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Veröffentlicht am 15.12.2024

Unterhaltend, aber nicht tiefgründig

Für immer
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„Wir waren auch einmal Natur, wir Menschen, dachte sie. Jetzt sind wir nicht länger ein Teil dieses Kreislaufs, und ich weiß nicht, was wir sind, wer wir sind. Wenn es uns überhaupt gibt. Denn ein Mensch, ...

„Wir waren auch einmal Natur, wir Menschen, dachte sie. Jetzt sind wir nicht länger ein Teil dieses Kreislaufs, und ich weiß nicht, was wir sind, wer wir sind. Wenn es uns überhaupt gibt. Denn ein Mensch, der so unveränderlich ist wie ein Bild, muss eine Fiktion sein.“

An einem 6. Juni bleibt plötzlich die Zeit stillstehen. Aber nur für den Menschen, nicht für die Tiere und die Natur. Der Mensch entwickelt sich nicht weiter, er hat keinen Hunger mehr, altert nicht mehr, Krankheiten kommen zum Stillstand. Er kann nicht sterben, es werden aber auch keine Kinder mehr geboren.

Was zunächst einmal wie eine Chance für viele Menschen klingt, zeigt nach und nach seine Unnatürlichkeit und seine häßlichen Seiten. So aus dem natürlichen Kreislauf gerissen zu sein, verändert Beziehungen, Lebensentwürfe und Gesellschaften.
Besonders deutlich zeigt sich diese Problematik an denjenigen, die nicht aus dem Leben scheiden können und an den Ungeborenen, die nicht ins Leben starten können.
Doch auch die Menschen, die mitten im Leben stehen und im ersten Moment beschenkt wirken, müssen feststellen, dass sie angesichts der Ewigkeiten verzweifeln.

Maja Lunde hat mit ihrem neuen Buch eine spannende und unterhaltende Utopie geschrieben. Sie dringt zu Teilen in die Psyche der einzelnen Figuren vor und schafft es aufzuzeigen, an welche Grenzen unsere Gesellschaft angesichts einer Unsterblichkeit geraten würde.

Leider reißt sie einige Ideen und Theorien nur an, bleibt immer an der Oberfläche und schreibt somit letzten Endes nur einen guten Unterhaltungsroman mit einem hastigen und unbefriedigenden Ende.

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Veröffentlicht am 18.11.2024

Die Veganerin

Die Vegetarierin
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„Ich weiß nicht, warum diese Frau weint. Auch nicht, warum sie ihren Blick nicht von meinem Gesicht abwendet und mit zitternden Fingern ununterbrochen mein bandagiertes Handgelenk streichelt. Mein Handgelenk ...


„Ich weiß nicht, warum diese Frau weint. Auch nicht, warum sie ihren Blick nicht von meinem Gesicht abwendet und mit zitternden Fingern ununterbrochen mein bandagiertes Handgelenk streichelt. Mein Handgelenk tut mir nicht mehr weh. Es ist mein Herz, das schmerzt, und in meiner Magengrube spüre ich einen undefinierbaren Druck. Er ist immer da.“

Eine scheinbar sehr durchschnittliche und angepasste Frau trifft eines Tages die Entscheidung, dass sie keine tierischen Produkte mehr essen möchte. Ihr mindestens ebenso durchschnittlicher, aber hochgradig egoistischer und unsympathischer Ehemann, der sie nur geheiratet hat, weil sie ihm ruhig und angepasst erschien, wird davon völlig aus der Bahn geworfen.

Nach und nach erfahren wir allerdings, dass die Frau nie einfach nur angepasst war. Dass sie ein schon ihrer Kindheit unterdrückter und traumatisierter Mensch ist. Ihre Träume und ihre so rigoros durchgesetzte Lebensweise scheinen Ausdruck einer Psychose, die auf ein Umfeld trifft, in dem die kleinste Unangepasstheit nicht geduldet wird.

Vom Klappentext ausgehend hätte ich etwas anderes erwartet: Eine Auseinandersetzung mit Vegetarismus (/Veganismus) in einer Welt, die das vielleicht als neu und seltsam erlebt. Ich dachte an eine Geschichte, in der eine Beziehung aufgrund gesellschaftlicher Normen und Erwartungen an ihre Grenzen stößt.

Aber dieses Buch geht weiter. Die Gesellschaft, in der die Geschichte spielt, ist sehr viel rigoroser und unbeugsamer, als ich es mir vorstellen konnte. Emanzipation und Ehe spielen sich auf ganz anderen Ebenen ab.

Dass dieses Buch so viel mehr in die Tiefe geht und eine mir fremde Welt aufzeigt (in der Menschen aber dieselben Bedürfnisse nach Freiheit und Individualismus haben), hat mich zunächst positiv überrascht. Etwas ähnliches hatte ich bisher noch nicht gelesen. Die Autorin ist in der Lage, ganz tief in die Psychologie des Menschen vorzudringen und eine bildgewaltige Geschichte zu erzählen.
Dennoch musste ich die Lektüre abbrechen, denn die schrecklichen Tierquälereien, Vergewaltigungen und Demütigungen waren für mich nicht aushaltbar.

Ich bin also zwiegespalten: Ein Buch, das ich nicht zu Ende lesen konnte und das ich einfach viel, viel, viel zu grausam finde; bei dem ich aber gleichzeitig denke, dass es ein großartiges Werk sein muss… wie soll ich es bewerten?

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