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Veröffentlicht am 02.03.2025

Am Abstellgleis

Freunderlwirtschaft
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Alma Oberkofler ist nicht mehr die Jüngste, als sie Hauptkommissarin in Wien wird, auch nicht „ganz einfach“, wie es in Kollegenkreisen nach ihrer Versetzung in die Hauptstadt heißt. Und gleich ihr erster ...

Alma Oberkofler ist nicht mehr die Jüngste, als sie Hauptkommissarin in Wien wird, auch nicht „ganz einfach“, wie es in Kollegenkreisen nach ihrer Versetzung in die Hauptstadt heißt. Und gleich ihr erster Fall führt sie in die Wirren der Politik, denn in einer eleganten Wohnung im 8. Bezirk liegt ein Minister mit blutigen Kopf, aufgeschlagen auf der dicken Glastischplatte, allein verunfallt, im Streit geschubst oder gar vorsätzlich ermordet, ist unklar. Als Oberkofler nähere Ermittlungen aufnimmt und gar einen Zusammenhang mit einem weiteren Unfall herstellt, wird sie für zwei Wochen einer anderen Abteilung zugewiesen, auf Deutsch aufs Abstellgleis verschoben.

Mit Geschehnissen weit vor dieser Zeit beginnt der Kriminalroman, der rein fiktiv ist, dem Leser aber doch viele Parallelen zur Realität vor Augen führt, speziell dann, wenn dieser selbst Österreicher ist. Wortgewandt schildert Hartlieb die Geschehnisse der Kriminalhandlung, ebenso detailreich kommen private Einzelheiten von Alma und Jessica -Verlobte des Opfers und gleichzeitig Mordverdächtige - aufs Tapet, denn aus dem Blickwinkel dieser beiden weiblichen Figuren erfahren wir, was in den unterschiedlichsten Jahren passiert ist. Damit kein Durcheinander herauskommt, sind Episoden in zeitlicher Abweichung zur Chronologie stets gut gekennzeichnet. Überwiegend befinden wir uns aber ohnehin im Jetzt, wo ein brisanter Todesfall mit der gebotenen Ruhe und Diskretion behandelt wird. Ruhe ist ebenfalls ein Charakteristikum des hartliebschen Schreibstils, die ironischen Seitenhiebe in Richtung nicht existierender Dörfer und bestens ausgedachter Polit-Figuren überwiegen jedenfalls kriminalistische Spannung, was dem Ganzen aber keinerlei Abbruch tut, denn dieser Roman mit nebenher laufender Ermittlungstätigkeit bietet großartige Unterhaltung.

Ein bestens ausgewogener Mix aus Polizeiarbeit, Politischem und Persönlichem lässt dieses Buch zu einem wahren Lesevergnügen werden, das nicht nur vom Burgenland über Wien bis nach Tirol führt, sondern auch in die bunte und schillernde Welt Costa Ricas – alle Orte eine (Lese)Reise wert! Falls Alma Oberkofler eine Weiche zurückfindet vom aktuellen Abstellgleis, dann steige ich gerne wieder mit ein in ihre Ermittlungen.

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Veröffentlicht am 27.02.2025

Die Peterlesboum

Schafkopf (Sonderausgabe)
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Johann Dinder möchte nur schnell bei seiner Schankbude aufräumen, als er im Keller nebenan auf eine - im wahrsten Sinne des Wortes - zerfetzte Leiche stößt, ein Fußballtrikot steckt zwischen den heraushängenden ...

Johann Dinder möchte nur schnell bei seiner Schankbude aufräumen, als er im Keller nebenan auf eine - im wahrsten Sinne des Wortes - zerfetzte Leiche stößt, ein Fußballtrikot steckt zwischen den heraushängenden Gedärmen. Dinder kann zwar noch die Polizei verständigen und ein paar Antworten geben, dann bricht er zusammen und verstirbt wenig später. Kommissar Friedemann Joseph Peter Behütuns, kurz Friedo und seine drei Teamkollegen, allesamt mit dem Vornamen Peter gesegnet, daher die „Peterlesboum“, haben keinerlei Anhaltspunkt, wo sie zu ermitteln beginnen sollen. Der Tote ist unbekannt, wohin das Trikot weisen soll – zu rivalisierenden Fußballclubs oder zum Sponsor, einem Atomkonzern – oder ob der Täter der rechten Szene zuzuordnen ist, alles ist völlig unklar.

Mit einem bizarren Einstieg verblüfft Tommie Goerz ebenso wie er des Lesers Neugierde weckt, wohin da ein Krimi führen kann. Im folgenden Kapitel lernt jeder, der es noch nicht kann, das Schafkopfen, ein fränkisches Kartenspiel mit vielen Details zu „kurzem“ und „langem“ Blatt, Eichel und Schelle und anderen Einzelheiten am Wirtshaustisch. Dann hört ein Ornithologe einen Knall. Jetzt kommen endlich die vier Peterlesboum ins Spiel, die Ermittlungsarbeit beginnt. Zäh, wie in Zeitlupe (Zeitdehner hat man früher gesagt, kindle, Pos. 255) gestalten sich diese, da es kaum Hinweise auf einen (oder mehrere) Täter gibt, daher in unterschiedlichsten vage erscheinenden Richtungen herumgestochert werden muss.

Tommie Goerz verquickt einen kompliziert anmutenden Kriminalfall mit einer melancholischen Heimatgeschichte, beschreibt Flora und Fauna rund um Nürnberg ebenso anschaulich wie die raue Bergwelt im italienisch-schweizerischen Tessin. Wunderbar fügen sich Wetterstimmungen in die knifflige Polizeiarbeit, ratscht man im Wirtshaus und am Berg im örtlichen Dialekt. Friedo geht recht unkonventionell an den grausigen Fall heran und erhält unverhofft Unterstützung aus Locarno, wo ein ähnlicher Mord für Aufsehen sorgt. Die anderen drei Peterle sind ebenso originell und leisten ihren Beitrag, um einen logischen Abschluss zu finden. Melancholie und Trägheit liegen über der Handlung, die paradoxerweise flott und fesselnd voranschreitet, paradox sind auch die Ergüsse des Psychologen, der immer dann zur Stelle ist, wenn man ihn gar nicht erwartet. Parallel zu Behütuns zieht auch er die richtigen Schlüsse und erklärt diese vorzugsweise bei einem „Seidal“ Bier.

Neben phantastischen Romanen (Im Tal, Im Schnee) kommt also auch ein rundum überzeugender Krimi aus Goerz' Feder; ich kann Schafkopf nur jedem empfehlen, der Wert legt auf einen großartigen Schreibstil (der teilweise zum Milieu passend derb ausfällt) und einen Blick auf kleinste Details. Ich werde diese Reihe auf jeden Fall weiterverfolgen!

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Veröffentlicht am 24.02.2025

Schattenwelt

Die Wächterin von Köln
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Spätmittelalter in Köln: Elsbeths Weg führt sie schon als Sechzehnjährige ins Bordell, Jahre später findet man ihren Halbbruder aufgeknüpft an einem Baum. Glücklicherweise hat sie sich in der Zwischenzeit ...

Spätmittelalter in Köln: Elsbeths Weg führt sie schon als Sechzehnjährige ins Bordell, Jahre später findet man ihren Halbbruder aufgeknüpft an einem Baum. Glücklicherweise hat sie sich in der Zwischenzeit ein Netz in der Schattenwelt aufgebaut und kann dem Todesfall nachgehen, der eindeutig Mord und kein Freitod ist.

Spannend geht es zu in den Jahren 1396 bis 1423, zwischen denen die Handlung munter hin- und herspringt. Elsbeth wandelt sich vom vermeintlich tumben Mädchen zur gewieften Bordellmutter, wobei sie größten Wert darauf legt, dass es bei ihr anständig und sauber zugeht. Als ihr die Nachricht vom Tod des Bruders zugeht, nützt sie all ihre Seilschaften, um Licht ins Dunkel zu bringen. Dabei steht allerdings weniger die Aufklärung eines Kriminalfalles im Mittelpunkt, sondern eher Elsbeths Leben selbst und die Umstände des Freudenhauses zur damaligen Zeit. Höchst lebendig und akribisch recherchiert tun sich hier alte Zeiten auf, in welchen man wohl eher nicht gelebt haben möchte. Armut, Hunger, Prügel stehen an der Tagesordnung, selbst die Machthabenden nützen ihre Position oft genug nur zu ihrem eigenen Vorteil aus und lassen es an Fürsorge für ihre Untergebenen mangeln. Geschickt versteht es Elsbeth dennoch, mit einem Geben und Nehmen vertrauenswürdige Freundschaften aufzubauen und sich und ihre Frauen um Hurenhaus bestmöglich zu beschützen.

Mit ihrem fesselnden Schreibstil und überaus bildhaften Beschreibungen versetzt einen Petra Schier in eine brutale Welt des Spätmittelalters, in welche man für einige Stunden tief eintauchen kann. Ihre Charaktere hat der Leser rasch vor seinem geistigen Auge, ja sogar Geräusche und Gerüche vermeint man zwischen den Zeilen zu verspüren. Für die vielen Figuren im Roman gibt es glücklicherweise ein übersichtliches Verzeichnis zu Beginn, am Ende noch ein informatives Nachwort, das außerdem Lust weckt auf weitere Romane der Autorin mit einigen nun bekannten Personen.

Mir haben sowohl die geheimen Intrigen als auch die Welt im Freudenhaus großen Spaß bereitet beim Lesen, die Szenen sind höchst ausgewogen gehalten, auch was die Zeitsprünge innerhalb der etwa dreißig Jahre betrifft. Daher empfehle ich die Wächterin nun sehr gerne weiter.

Veröffentlicht am 22.02.2025

Fräulein Doktor

Wer aus dem Schatten tritt
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Renate Schwarz ist mit Leidenschaft Ärztin im Allgemeinen Krankenhaus Ochsenzoll, einer Psychiatrischen Klinik in Hamburg. Aber das ist als junge Frau (Fräulein Doktor!) gar nicht so einfach im Jahre 1958, ...

Renate Schwarz ist mit Leidenschaft Ärztin im Allgemeinen Krankenhaus Ochsenzoll, einer Psychiatrischen Klinik in Hamburg. Aber das ist als junge Frau (Fräulein Doktor!) gar nicht so einfach im Jahre 1958, insbesondere, wenn man den Kollegen im Erdgeschoss gegen sich hat und erst recht nicht, wenn der leitende Oberarzt einen loswerden will (kindle, Pos, 3392). Wie Renate mit den Anfeindungen umgeht, welche Romanze sich entspinnt und warum auch noch ein Stück weit eines Krimis mit hereinspielt, das erzählt Melanie Metzenthin auf brillante Weise in diesem wunderbaren Roman.

Erst geht es eher gemächlich dahin, erfahren wir von Renates Lebenslauf und ihren ersten Tagen in Ochsenzoll, dennoch spürt man gleich die Begeisterung der Ärztin für ihren Beruf und das große Fachwissen der Autorin, welche selbst Psychiaterin und Psychotherapeutin ist. Wer also anfangs meint, es handle sich vielleicht um einen oberflächlichen Roman mit einer piepsigen Dame als Hauptperson, der irrt gewaltig. Denn schnell stellt sich heraus, dass dieses Buch eine ganze Reihe von interessanten historisch belegten Details bereithält und ein phantastisches Bild seiner Zeit zeichnet. Dabei blickt Metzenthin tief hinter die Kulissen und beschreibt die einzelnen Szenen so bildhaft und realistisch, dass man sich ganz leicht verlieren kann im Geschehen und die 28 Kapitel in einem Rutsch hintereinander durchlesen möchte, ohne auf die Uhr zu sehen oder sich durch seine Umgebung ablenken zu lassen. Egal, ob es sich um das damalige Frauenbild handelt, als Mutter und am Herd, die Nachwirkungen des Nationalsozialismus oder eine aufkeimende Liebe, ja sogar um einen Kriminalfall – Melanie Metzenthin beherrscht ihr Metier und verknüpft alle Facetten dieses vielseitigen Romans perfekt zu einem lesenswerten Ganzen, das durch seine Lebendigkeit punktet. Die Charaktere sind derart lebhaft gezeichnet, dass man sich fast vor einer Leinwand wähnt, auf der dieser unterhaltsame Film abläuft. Während einige Figuren fest am Patriarchat festhalten, wenden sich andere der Zukunft zu und begegnen Frauen auf Augenhöhe, nicht zuletzt trägt Renate selbst dazu bei, sich ihren Platz zu erobern. Wenn sie demnächst ins Licht tritt, bin ich auf jeden Fall wieder mit dabei!

Dieses Buch hat mich mit seiner Themenvielfalt und mit Metzenthins feinfühliger Schreibart so begeistert, dass ich „Im Lautlosen“ und „Die Stimmlosen“ sofort auf meine Wunschliste setze. Uneingeschränkte Leseempfehlung!


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Veröffentlicht am 20.02.2025

In der Forstau

Wintertöchter Trilogie
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Anna ist vierundsechzig und erinnert sich an ihr Leben in der Forstau, nahe Radstadt in Salzburg. Wehmütig schreibt sie auf, wie sie mit ihrer Mutter Marie am Julianenhof aufgewachsen ist und von klein ...

Anna ist vierundsechzig und erinnert sich an ihr Leben in der Forstau, nahe Radstadt in Salzburg. Wehmütig schreibt sie auf, wie sie mit ihrer Mutter Marie am Julianenhof aufgewachsen ist und von klein auf mitgeholfen hat bei der Almwirtschaft, weit weg vom Dorf und dessen Bewohnern. Ihre besondere Gabe, Dinge zu sehen, welche anderen verborgen bleiben, begleitet sie von Geburt an und bringt nicht nur Positives, sondern auch eine Menge an Schwierigkeiten mit sich, auch wenn Tante Barbara Erklärungen liefert. In drei überaus bewegenden Teilen dürfen wir Annas Geschichte mitverfolgen und teilhaben an aufwühlenden Ereignissen.

In der wunderschönen Forstau spielt sich der Großteil der Handlung ab und führt uns weit zurück ins Jahr 1940, in dem am Dreikönigstag Anna das Licht der Welt erblickt. In einer gelungenen Abwechslung aus tagebuchähnlichen Erinnerungen und einer romanhaften Erzählung sind wir hautnah dabei, wie sich dunkle Wolken über dem Tennengebirge zusammenbrauen und einen Schatten werfen auf Annas Schicksal, das geprägt ist von Niederlagen und Rückschlägen. Mit ihrer bildhaften und detailreichen Schreibweise fesselt Mignon Kleinbek ihre Leser von der ersten Seite an, zuweilen stockt einem der Atem, was Marie und Anna an Bürde zu tragen haben. Die Liebe zur Natur und die Ruhe auf der Alm können nur zum Teil ausgleichen, was das Leben für Mutter und Tochter vorgesehen hat. Mit eindringlichen Worten bringt die Autorin eine sehr berührende Geschichte zu Papier, die sich über viele Jahrzehnte spannt, bis hin ins Jahr 2004. Dabei bleibt die Spannung auf hohem Niveau, die gesamte Trilogie extrem kurzweilig. Wer anfangs im dritten Band meint, der große Zeitensprung kopple die Ereignisse zu stark ab vom bisherigen Geschehen, der wird bald eines Besseren belehrt und begegnet einigen Überraschungen, die das Ende dieser schönen Trilogie bereithält. Allerlei Interessantes über Kräuterkunde, besondere Sinnesempfindungen, Ausgrenzung von Menschen, die auf irgendeine Art „anders“ sind, fließt nach gewissenhafter Recherche in die drei Bücher ein, die Kulisse der abgelegenen Bauernhöfe passt bestens zur Atmosphäre, welche überwiegend vorherrscht. Wer Lust hat, kann auch heute noch zu jeder Jahreszeit auf Annas Spuren wandeln, im Nachwort werden Originalschauplätze genannt.

Wer sich einlassen kann auf ein entbehrungsreiches Leben am Berg, wer Einklang sucht bei Tieren und in der Natur, daraus Zuversicht und Überlebenswillen schöpfen kann, wer malerische Eindrücke von Österreichs Bergwelt schätzt, tief verschneite Winterlandschaften und anstrengende Sommer als Senner auf der Alm, darüber hinaus eine überwältigende Familiensaga mit ungewöhnlichen „Gaben“ sucht, der ist mit der Wintertöchtertrilogie von Mignon Kleinbek bestens beraten. Ich empfehle diese drei Bücher (in einem Band) jedenfalls sehr gerne weiter!


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