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Veröffentlicht am 04.03.2025

Der schöne Schein

Ein ungezähmtes Tier
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Bisher hatte ich von Joël Dicker noch nichts gelesen, aber die Leseprobe hat mich sofort angesprochen, und so war ich sehr gespannt auf das Hörbuch.
Sophie und Arpad wohnen in einem großen Haus in einem ...

Bisher hatte ich von Joël Dicker noch nichts gelesen, aber die Leseprobe hat mich sofort angesprochen, und so war ich sehr gespannt auf das Hörbuch.
Sophie und Arpad wohnen in einem großen Haus in einem Nobelvorort von Genf und sind ein Bilderbuchpaar - glücklich verheiratet, zwei Kinder, wohlhabend, tolle Jobs. Mit dem Ehepaar Greg und Karine aus der Nachbarschaft verbindet sie seit kurzem eine Freundschaft, die für den Polizisten Greg jedoch viel mehr ist. Er ist besessen von Sophie und spioniert ihr nach. Doch da ist nicht nur Greg, sondern auch ein geheimnisvoller Unbekannter, der Sophies Schritte verfolgt…Und wie hängt das alles mit einem Juwelenraub in der Genfer Innenstadt zusammen?

Joël Dickers Thriller beginnt mit einem Juwelenraub in Genf und blickt von diesem Tag im Juli 2022 zurück auf die Ereignisse der Wochen zuvor. In weiteren Rückblenden erfährt man Stück für Stück immer mehr über die Vergangenheit und das Leben der Figuren in den letzten 15 Jahren. Diese Zeitsprünge erfordern eine gute Konzentration und genaues Zuhören, doch ich liebe Romane, die häufig die Zeitebene wechseln, so dass mich genau dieser Kniff sehr angesprochen hat. Dicker hat einen raffiniert konstruierten Thriller entworfen, der bis zur allerletzten Seite hochspannend bleibt und immer wieder mit unerwarteten Wendungen überrascht. Weniger überzeugt haben mich die Figuren, die mir zudem ausnahmslos unsympathisch waren. Diese sind diese entweder schickimicki-neureich oder darauf bedacht, mit den Reichen mithalten zu können. Der schöne Schein und Status sind alles. Moralische Bedenken hat keiner der Protagonisten während der gesamten Handlung, der eigene Vorteil ist der einzige Antrieb. Dies führte dazu, dass es mir tatsächlich egal war, wie die Geschichte für die einzelnen Charaktere ausging, und mich die Story emotional völlig kalt ließ.
Torben Kessler liest das Hörbuch mit klarer, angenehmer Stimme und versteht es, jeder Figur einen eigenen Ton zu verleihen. Ich habe ihm sehr gerne zugehört.

Insgesamt hat mich der Thriller sehr gut unterhalten und war bis zu Schluss sehr spannend. Allerdings wirkte die Geschichte doch recht konstruiert, stellenweise etwas überzogen und wenig glaubwürdig. Hierfür vergebe ich knappe 4 Sterne.

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Veröffentlicht am 03.03.2025

Spionage, Menschenhandel und Schmuggel im Nachkriegswien

Internationale Zone
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Beim Lesen dieses Romans fühlte ich mich sofort an „Der dritte Mann erinnert“ – sicher nicht ganz zufällig, da auch die beiden Autoren eine kleine Hommage an Graham Greene direkt eingebaut haben.

Kurz ...

Beim Lesen dieses Romans fühlte ich mich sofort an „Der dritte Mann erinnert“ – sicher nicht ganz zufällig, da auch die beiden Autoren eine kleine Hommage an Graham Greene direkt eingebaut haben.

Kurz nach dem Krieg ist Wien ein internationaler Dreh- und Angelpunkt für Spionage, Schmuggel und Menschenhandel. Die Stadt ist unter den vier Besatzungsmächten aufgeteilt, die Kontrolle über den ersten Bezirk, die sogenannte „Internationale Zone“ im engeren Sinne, wechselt monatlich zwischen den vier Mächten. Milo Dor und Reinhard Federmann schildern in diesem 1953 entstandenen Werk die kriminellen Machenschaften, die sich im Nachkriegswien abspielten, unter den Augen und teilweise unter Mitwirkung der Besatzungskräfte.

Die Protagonisten sind – bis auf eine Ausnahme – alles zwielichtige Gestalten aus der Halbwelt. Teilweise haben sie lange Flucht- und Lagererfahrungen während der Kriegszeit hinter sich und versuchen nun, durch kriminelle Machenschaften ein Stück vom großen Kuchen abzubekommen. Da die Autoren das Buch ungefähr zu selben Zeit, in der die Romanhandlung spielt, verfasst haben, wirken die Geschehnisse und auch die Sprache sehr authentisch. Einige Zusammenhänge, die auf politische Ereignisse und Machenschaften der Kommunisten während und kurz nach dem Krieg in Ungarn, Rumänien oder Bulgarien anspielten, wurden mir beim Lesen nicht ganz klar – hier fehlten mir entsprechende Detailkenntnisse.

Mir war vor der Lektüre von „Internationale Zone“ nicht bewusst, dass Wien damals ein Drehkreuz für Spione und Kriminelle war, und ich habe durch dieses Buch einen neuen Blick auf diese historische Phase bekommen. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang auch das sehr ausführliche Nachwort, das die Romanhandlung historisch einordnet und die Arbeiter-Zeitung als Inspirationsquelle für Dor und Federmann nennt.

Ein sehr lesenswerter Roman, der glücklicherweise vom Picus-Verlag wieder neu aufgelegt wurde.

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Veröffentlicht am 27.02.2025

einfühlsames, fantastisches Tierabenteuer

Foxfighter - Angriff des Schattens (Band 1)
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Ein Abenteuer komplett aus der Sicht eines Fuchses, in dem Menschen nur eine kleine Nebenrolle spielen – dieses eher ungewöhnliche Setting hat meinen Sohn (11) und mich gleich angesprochen.

Akram El-Bahay ...

Ein Abenteuer komplett aus der Sicht eines Fuchses, in dem Menschen nur eine kleine Nebenrolle spielen – dieses eher ungewöhnliche Setting hat meinen Sohn (11) und mich gleich angesprochen.

Akram El-Bahay beschreibt sehr einfühlsam, wie sich Finn im Wald zurechtfinden muss, nachdem ihn seine Menschenfamilie, die ihn aufgezogen hat, dort ausgesetzt hat, und wir haben den Fuchs sofort ins Herz geschlossen. Finns erste Jagdversuche und sein Bemühen, seine Sinne zu schärfen und sich lautlos fortzubewegen, sind aber nicht nur berührend, sondern auch sehr komisch beschrieben, so dass auch der Humor nicht zu kurz kommt. Für diesen sorgt auch der kleine Igel, dem Finn begegnet, und der während der Geschichte immer wieder für Momente zum Schmunzeln sorgt.

Sehr schön beschrieben ist, wie sehr sich Finn danach sehnt, zu einem Rudel, einer Familie, dazuzugehören und Freundschaften zu schließen. Auch Ausgrenzung und Diskriminierung werden thematisiert.

Es dauert ein bisschen, bis die Handlung Fahrt aufnimmt und ein Spannungsbogen entsteht, zumindest habe ich das so empfunden. Einige Muster wiederholen sich, etwa die Szenen, wenn Finn und seine neugewonnene Fuchsfreundin Fabelfell auf die Jagd gehen, oder die Art und Weise, wie Finn brenzlige Situationen meistert. Hier fehlt mir ein bisschen Abwechslung und auch Komplexität innerhalb der Geschichte. Auch die Handlung an sich ist recht vorhersehbar, zumindest für mich als Erwachsene, doch auch meinem Sohn ging es ähnlich. Die Erzählweise ist insgesamt eher ruhig.

Ich würde Foxfighter all jenen empfehlen, die fantastische, einfühlsame Tiergeschichten mit einer guten Portion Abenteuer lieben und weniger Wert auf Action legen.

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Veröffentlicht am 27.02.2025

berührende Liebesgeschichte

Für Polina
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Ich muss gestehen, dass ich Takis Würger bisher nicht kannte und „Für Polina“ mein erstes Buch des Autors war. Gleich von Beginn an gefielen mir besonders die außergewöhnlichen Figuren: Die junge Fritzi ...

Ich muss gestehen, dass ich Takis Würger bisher nicht kannte und „Für Polina“ mein erstes Buch des Autors war. Gleich von Beginn an gefielen mir besonders die außergewöhnlichen Figuren: Die junge Fritzi Prager, die sich mit ihrem Sohn Hannes für einen ungewöhnlichen Lebensweg entscheidet, ihre Freundin Günes und deren Tochter Polina und der kauzige, etwas schroff wirkende, aber doch sehr liebenswerte Heinrich Hildebrand. Der kleine Hannes ist ein stilles Kind, das so anders ist und auf Außenstehende etwas zurückgeblieben wirkt, aber ein ganz feinfühliger Beobachter ist, der seine Gefühle leichter durch Musik als durch Worte ausdrücken kann. Ganz anders die lebhaftere Polina, und dennoch wächst zwischen den beiden von Kindesbeinen an eine einzigartige Freundschaft.

Takis Würger entwirft eine berührende Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die sich so nahe stehen und die dennoch in den entscheidenden Momenten nicht miteinander kommunizieren können. Würger erzählt hierbei aus Hannes‘ Sicht, so dass sein Leben und seine Gefühlswelt sehr gut nachzuvollziehen sind, während Polina mir ein bisschen zu kurz kommt. Auch sind eine Momente etwas kitschig geraten, und manche Details wirken nicht ganz stimmig, so dass die Authentizität der Figuren mitunter etwas leidet: Wer transportiert beispielsweise ein Baby auf dem Fahrrad ernsthaft in einem alten Schulrucksack? Und es erscheint mir unglaubwürdig, dass jemand, der als Möbelträger gearbeitet hat, was der Fingerfertigkeit nicht zuträglich ist, und einen Finger verloren hat, sich nach jahrelanger Pause plötzlich ans Klavier setzt und spielt wie ein junger Gott. Wenn man über diese Dinge hinwegsieht, ist „Für Polina“ ein sehr berührender, warmherziger Roman, der einfach großartig erzählt ist. Er zeigt, welche verschlungenen Wege das Leben manchmal nehmen kann und lässt einen mit einem warmen, hoffnungsvollen Gefühl zurück.

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Veröffentlicht am 18.02.2025

ein bewegender Roman über soziale Mobiiltät

Achtzehnter Stock
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Ich muss gestehen, dass ich an diesem Roman zunächst vorbeiging und erst durch eine Empfehlung darauf aufmerksam wurde.

Von Anfang an hat mich die Hauptfigur, Wanda, ganz besonders herausgefordert. Sie ...

Ich muss gestehen, dass ich an diesem Roman zunächst vorbeiging und erst durch eine Empfehlung darauf aufmerksam wurde.

Von Anfang an hat mich die Hauptfigur, Wanda, ganz besonders herausgefordert. Sie war mir nicht unbedingt sympathisch, sondern ist eine Person, an der ich mich als Leserin immer wieder reiben konnte. Manchmal – gerade, wenn es um ihre Tochter Karlie ging – war ich beim Lesen ziemlich aufgewühlt und hätte ihr am liebsten die Meinung gesagt. Und dann gab es wieder Stellen, an denen ich mich Wanda sehr nahe fühlte und mich genau in sie hineinversetzen konnte. Ich liebe Bücher, deren Charaktere nicht glatt sind, sondern ambivalent mit Ecken und Kanten, und Wanda ist so ein Charakter.

Die Autorin Sara Gmuer schreibt eindringlich und lebendig, so dass ich mir das Hochhaus und seine Atmosphäre, die Bewohner und Bewohnerinnen, aber auch die Szenen am Film-Set und im Schickimicki-Restaurant in allen Details vorstellen konnte. Inwieweit die beschriebene Situation in der Filmbranche der Realität entspricht, kann ich nicht beurteilen, Ich vermute jedoch, dass hier deutlich überzeichnet wurde, und hätte mir ein bisschen weniger Klischee gewünscht, da an diesen Stellen die Geschichte etwas vorhersehbar und schablonenhaft wirkt.

Der Roman zeigt, wie sehr uns das Milieu unserer Herkunft prägt und wie schwer es ist, die gläserne Decke zwischen den sozialen Schichten zu durchbrechen, auch in unserem Verhalten und Denken. Wanda ist dies bewusst, und sie kämpft immer wieder dagegen an.

Ein unerwartet tiefgründiger, bewegender Roman, dessen Ende mich mit gemischten Gefühlen zurücklässt, auch wenn es sehr passend ist. Für Wanda und die Handlung rund um das Hochhaus würde ich 5 Sterne vergeben, einen Stern ziehe ich ab für die Geschichte rund um die Schauspielerei, da sie mir zu stereotyp war.

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