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Veröffentlicht am 26.08.2025

Ideologie zwischen Brotbacken und Waldausflügen

Heimat
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Das Buch Heimat von Hannah Lühmann, erschienen im Hanser-Verlag im August 2025, lässt mich auch Tage nach der Lektüre ratlos zurück. Während des Lesens wuchs mein Unwohlsein von Seite zu Seite. Die Geschichte ...

Das Buch Heimat von Hannah Lühmann, erschienen im Hanser-Verlag im August 2025, lässt mich auch Tage nach der Lektüre ratlos zurück. Während des Lesens wuchs mein Unwohlsein von Seite zu Seite. Die Geschichte beginnt vermeintlich harmlos: Jana und Noah sind Eltern zweier Kindergartenkinder, ein drittes ist unterwegs. Auf der Suche nach Ruhe und Idylle ziehen sie in eine Kleinstadt. Dort findet Jana schnell Anschluss. Vor allem in Carolin sieht sie eine Freundin und ein Vorbild. Carolin ist eine strahlende, selbstbewusste Frau, die in sozialen Medien ein perfektes Leben inszeniert: Brot backen, Waldausflüge, strahlende Kinder. Carolin ist eine Tradwife, eine Frau, die ein traditionelles Rollenbild lebt und stolz darauf ist. Doch hinter der makellosen Fassade verbirgt sich ein reaktionäres, nationalistisch aufgeladenes Weltbild: Abtreibungsgegnerin, Verfechterin von Homeschooling, klar gegen Migration. Über soziale Medien erreicht sie Tausende, darunter bald auch Jana – und mit jedem Like gerät Jana tiefer in den Bann dieser vermeintlich heilen Welt.

Die Autorin beschreibt diese schleichende Faszination beklemmend realistisch. Der Lesende spürt, wie sich Jana immer stärker von ihrem Partner Noah entfremdet, während sie sich zunehmend nach der Anerkennung in Carolins Umfeld sehnt. Doch über allem liegt ein Schatten: Warum ist Jana so bereitwillig, ihre eigenen Überzeugungen über Bord zu werfen? Selbst als die Nähe zur AfD und deren Gedankengut offen zutage tritt, bleibt Jana passiv. Statt Widerspruch oder Aufbegehren treibt sie nur eine Frage um: Wer ist die bessere Mutter? Doch auch Noah bleibt überraschend passiv und kämpft nicht um seine Familie. Er vertritt seine Werte, doch nicht seiner Lebenspartnerin gegenüber sondern vielmehr seinen Schülern und der Gesellschaft.

Lühmanns Sprache ist leicht, fast unauffällig, und gerade dadurch wirkungsvoll. Sie erzeugt eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Ich habe das Buch in einem Zug durchgelesen, ständig auf eine Konfrontation oder einen Wendepunkt hoffend – vergeblich. Jana bleibt eine Figur, die in ihrer Unentschlossenheit frustriert. Noah, der eigentlich den Gegenpol zu Carolins Ideologie bilden könnte, bleibt blass und zieht sich zurück, anstatt Haltung zu zeigen.

Heimat greift ein hochaktuelles Thema auf: die Rückkehr zu überholten Rollenbildern, die Sehnsucht nach vermeintlicher Sicherheit und die ideologische Unterwanderung von Familien- und Erziehungsdiskursen. Besonders deutlich wird der Druck, den Frauen wie Carolin auf andere Mütter ausüben, indem sie ihr Lebensmodell als einzig richtig darstellen. Die Andeutungen im Roman sind zahlreich, aber oft vage – ich hätte mir an manchen Stellen mehr Schärfe gewünscht. Vielleicht ist es aber gerade diese Unbestimmtheit, die den Text so beunruhigend macht: Wie leicht kann man in eine Welt hineingezogen werden, die man eigentlich ablehnt?

Trotz meiner Kritik konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen. Lühmann zwingt ihre LeserInnen, sich mit unbequemen Fragen auseinanderzusetzen: Wie stabil sind unsere Überzeugungen, wenn die Sehnsucht nach Zugehörigkeit groß ist? Wo endet Heimat – und wo beginnt Ideologie?

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Veröffentlicht am 30.05.2025

Regional, bodenständig, charmant

Natürlich Maria
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Das Kochbuch „Natürlich Maria. Das Glück liegt in den kleinen Dingen. Rezepte für das Leben“ von der bekannten Sterneköchin Maria Groß ist im März 2025 im Brandtstätter Verlag erschienen.

Maria bringt ...

Das Kochbuch „Natürlich Maria. Das Glück liegt in den kleinen Dingen. Rezepte für das Leben“ von der bekannten Sterneköchin Maria Groß ist im März 2025 im Brandtstätter Verlag erschienen.

Maria bringt ihren Leser*innen eine bodenständige Küche mit regionalen Zutaten nahe. Mir gefällt sehr, dass die meisten Rezepte vegetarisch sind und nur selten Fisch oder Fleisch auf den Tisch kommen. Ich halte die Rezeptauswahl daher für sehr zeitgemäß auch wenn Maria durchaus Traditionsgerichte präsentiert.

Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt. Nach dem Vorwort und einer Vorstellung der „Bachstelze“, Marias Restaurant in Erfurt, gibt es unter dem Titel „Die Welt ist bunt“ 18 sehr unterschiedlich Vorspeisen, wie beispielsweise Saure Lachsforelle mit Gurke, Wassermelone mit grünem Spargel und Feta oder Thüringer Blutwurst mit Apfel. Das nächste Kapitel, “Koch Dich glücklich” umfasst 21 Hauptspeisen. Darunter zum Beispiel Fjordforelle mit Minz-Sauerkraut, Gebackener Chicorée oder Hackbraten mit Ofengemüse. Kapitel drei ist Kuchen, Keksen und Desserts gewidmet und das letzte Kapitel befasst sich mit Grundrezepten und Vorratshaltung.

Maria Groß präsentiert sich sympathisch, naturverbunden und nahbar. Die Ausführung des Buches ist sehr hochwertig und die Abbildungen gefallen mir sehr gut. Mir gefällt sehr, dass die Rezepte ausschließlich mit regionalen Zutaten auskommen und ich nicht eine komplett neue Gewürzpalette anschaffen muss. Besonders aufmerksam habe ich das letzte Kapitel “Marias Basics”gelesen, in dem sie auf Vorratshaltung und Grundrezepte eingeht.

Insgesamt ein tolles und hochwertiges Kochbuch, ich hätte mir jedoch mehr Rezepte und weniger Werbung für die “Bachstelze” gewünscht, daher 4 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 23.05.2025

Krimi trifft Familiengeschichte

Was am Ufer lauert
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“Was am Ufer lauert. Ein Fall für Gianna Pitti” von Lenz Koppelstätter, erschienen am 8. Mai 2025 bei Kiepenheuer & Witsch, ist nach “Was der See birgt” der zweite Kriminalroman um die Journalistin Gianna ...

“Was am Ufer lauert. Ein Fall für Gianna Pitti” von Lenz Koppelstätter, erschienen am 8. Mai 2025 bei Kiepenheuer & Witsch, ist nach “Was der See birgt” der zweite Kriminalroman um die Journalistin Gianna Pitti.

In diesem zweiten Band taucht Gianna Pittis Vater Arnaldo wieder auf – und bringt sie mit einem neuen Fall auf Trab. Eine Leiche im Gardasee, mysteriöse Hinweise auf Winston Churchill und ein Historiker mit gefährlichem Wissen führen Gianna und ihre Familie tief in ein Netz aus Vergangenheit, Politik und persönlichen Verstrickungen.

Die Geschichte lebt stark von ihren Figuren und dem familiären Geflecht, das mal charmant, mal überzeichnet wirkt. Der Kriminalfall entwickelt sich eher langsam, bietet aber interessante Wendungen und einen historischen Bezug, der neugierig macht. Wer einen klassisch aufgebauten Krimi erwartet, wird hier nicht ganz fündig – dafür punktet das Buch mit Atmosphäre, Lokalkolorit und einer originellen Erzählweise.

Das Cover ist stimmig und weckt die richtige Stimmung: Urlaubsflair trifft auf düstere Geheimnisse. Insgesamt eine unterhaltsame Lektüre, die eher durch Stil und Schauplatz als durch Hochspannung überzeugt. Wer Band 1 kennt, wird sich schneller zurechtfinden. Für Neueinsteiger empfehle ich, mit dem ersten Teil zu beginnen.

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Veröffentlicht am 02.03.2025

Ein süßes Bilderbuch mit kleiner Mut- und Mitmach-Botschaft

Mach mit, Mausi Maus!
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"Mach mit, Mausi Maus!" ist ein liebevoll gestaltetes Kinderbuch von der bekannten Kinderlieder-Sängerin Simone Sommerland, in dem Mausi Maus und seine Freunde aus dem Wald ein fröhliches Konzert planen. ...

"Mach mit, Mausi Maus!" ist ein liebevoll gestaltetes Kinderbuch von der bekannten Kinderlieder-Sängerin Simone Sommerland, in dem Mausi Maus und seine Freunde aus dem Wald ein fröhliches Konzert planen. Die Geschichte vermittelt auf spielerische Weise die Freude am gemeinsamen Singen und Tanzen. Besonders schön ist die Botschaft, dass man Lampenfieber nicht alleine bewältigen muss – Mausi Maus’ Freunde stehen ihm sofort zur Seite, als er unsicher wird. Wie der kleine Bär so treffend sagt: „Singen und Tanzen macht zusammen mehr Spaß als allein.“
Allerdings fehlte uns insgesamt etwas Spannung. Der einzige aufregende Moment entsteht, als Mausi Maus überlegt, ob er sich nicht doch lieber verstecken und dem Konzert aus der Ferne lauschen soll. Doch schnell fasst er durch die Unterstützung seiner Freunde neuen Mut.
Schön ist, dass Kinder immer wieder zum Tanzen und zur Bewegung ermutigt und aufgefordert werden. So müssen sie nicht nur zuhören, sondern können selbst mitmachen
Ein großes Plus sind die liebevollen und kindgerechten Illustrationen von Tina Nagel. Auf jeder Seite gibt es viele kleine Details zu entdecken, die zum gemeinsamen Betrachten und Erzählen einladen.
Ein schönes Buch für kleine Musikliebhaber:innen, das Gemeinschaftssinn und Mut stärkt – wir hätten uns jedoch ein wenig mehr Abenteuer gewünscht.

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Spannender Jugendthriller mit kleinen Schwächen

Hotel Ambrosia - Du. Entkommst. Nicht.
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Protagonistin des Thrillers ist die 17jährige Robyn, die an ME/CFS leidet. Dabei handelt es sich um eine wenig erforschte schwere neuroimmunologische Erkrankung. Patient:innen leiden an grippeähnlichen ...

Protagonistin des Thrillers ist die 17jährige Robyn, die an ME/CFS leidet. Dabei handelt es sich um eine wenig erforschte schwere neuroimmunologische Erkrankung. Patient:innen leiden an grippeähnlichen Symptomen und starker Erschöpfung, haben Konzentrationsschwierigkeiten und Kopfschmerzen. Da Robyn zu schwach ist, um aufzustehen, verbringt sie die meiste Zeit im Rollstuhl – ihr Leben spielt sich in ihrem Zimmer und der Wohnung ab. Weil Robyns Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind als sie noch ein Baby war, kümmert sich ihre Großtante Nelly aufopferungsvoll um sie.
Robyns große Leidenschaft ist True Crime, und sie ist ein besonderer Fan des Podcasts Wispering Ivy. Robyn und Großtante Nelly wohnen gegenüber dem Hotel Ambrosia, um das sich zahlreiche düstere Gerüchte von vermeintlichen Verbrechen ranken. Robyn größter Wunsch ist es, Investigativjournalistin zu werden – daher beginnt sie, in die Vergangenheit des Hotels und seiner Bewohner einzutauchen. Als sie eines Tages glaubt, in einem der Fenster zu sehen, wie eine junge Frau betäubt und entführt wird, überschlagen sich die Ereignisse.
Katie Kento schreibt flüssig und mitreißend. Sie versteht es, Spannungsbögen aufzubauen und lose Enden zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzufügen. Allerdings waren für mich viele Wendungen nicht so überraschend, wie ich es mir gewünscht hätte und meine Vorahnungen haben sich mehr und mehr bewahrheitet. Das bedeutet aber nicht, dass ich keinen Spaß an der Lektüre dieses Thrillers hatte.
Besonders gute gefiel mir, dass immer wieder Email oder Kurznachrichten in den Fließtext eigearbeitet sind, die Robyn mit anderen austauscht. Das trug sehr zur Spannung bei. Auch die Skizzen des Hotels Ambrosia, die Robyn anfertigt, sind eine gelungene visuelle Ergänzung.
Insgesamt ein empfehlenswerter Thriller mit einem spannenden Setting und einer interessanten Protagonistin – allerdings ziehe ich einen Stern ab, weil mir der Verlauf der Handlung zu vorhersehbar war.

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