Profilbild von walli007

walli007

Lesejury Star
offline

walli007 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit walli007 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.03.2025

Der Podcast

Blutsbande
0

Zu Alec Salters fünfzigstem Geburtstag soll eine große Party stattfinden. Die Einzige, die nicht auftaucht, ist Alecs Frau Charlie. Am meisten Sorgen macht sich Charlies Tochter Etty. Noch während die ...

Zu Alec Salters fünfzigstem Geburtstag soll eine große Party stattfinden. Die Einzige, die nicht auftaucht, ist Alecs Frau Charlie. Am meisten Sorgen macht sich Charlies Tochter Etty. Noch während die Party läuft, ruft sie bei der Polizei an. Die tut ihre Besorgnis ab, schließlich ist Etty erst fünfzehn und Charlie auf ihre Art bekannt. Es ist die Weihnachtszeit 1990, während der Frauen und Kinder nicht so viel zählen. Erst über dreißig Jahre später beginnt einer von Ettys damaligen Kumpeln mit einem Podcast über die Ereignisse. Damit werden alte Wunden wieder aufgerissen. Die Kinder von Alec Salter sind auch wieder vor Ort. Ihr an Demenz leidender Vater soll ins Pflegeheim und das Haus soll verkauft werden.

Dass es sich bei diesem Roman um den Start einer Reihe handelt, merkt man lange nicht. Die Handlung setzt im Jahr 1990 ein und das Verschwinden von Charlotte Salter beherrscht das Leben im Ort. Zunächst wird es abgetan, auch weil ihr Mann eher abfällig reagiert. Als dann eine weitere Person zu Tode kommt, scheint die Sache klar, wenigstens für die Polizei. Doch die Kinder von Charlie haben ihr Verschwinden auch nach über dreißig Jahren nicht verwunden. Erst als Alec nicht mehr alleine bleiben kann, kommen sie wieder in Glensted zusammen. Morgen, der journalistisch tätig ist, beginnt mit der Produktion seines Podcasts.

Im Jahr 2022 rollt Detective Inspector Maud O’Connor den Fall neu aufrollen. Und wie sie an das Vorhaben herangeht, ist wirklich beeindruckend und spannend. Sie als Außenstehende und Frau muss sich erstmal bei den örtlichen Polizisten durchsetzen. An dieser Haltung hat sich in dreißig Jahren nicht so viel geändert. Die dilettantische Ermittlung aus den Neunzigern geradezubiegen im Rahmen eines aktuellen Falls ohne die Ortspolizei allzu sehr anzugehen, ist alles andere als einfach. Man kann sehr gut verstehen, dass Maud manchmal einfach die Wahrheit sagen möchte und bewundert ihre Selbstbeherrschung. Wenn es doch im Privaten auch so gut liefe. Berührend ist auch wie Etty und ihre Brüder mit der Schwere umgehen, die das Verschwinden ihrer Mutter verursacht hat. Und irgendwann ist es soweit, dass Maud eine Ahnung bekommt, was damals tatsächlich geschehen ist. Ab dem Punkt muss man den Roman einfach inhalieren und mit einem Wow! beschließen.

4,5 Sterne

Veröffentlicht am 01.03.2025

Der Nebel

Der letzte Mord am Ende der Welt
0

In einer postapokalyptischen Welt neben nur noch etwas über hundert Personen auf einer kleinen Insel. Eine geheimnisvolle Barriere schützt sie vor einem tödlichen Nebel. Die Wissenschaftlerin und Lehrerin ...

In einer postapokalyptischen Welt neben nur noch etwas über hundert Personen auf einer kleinen Insel. Eine geheimnisvolle Barriere schützt sie vor einem tödlichen Nebel. Die Wissenschaftlerin und Lehrerin Niema hält das Gemeinwesen zusammen. Emory, die immer Niemas Lieblingsschülerin war, ist noch dabei, ihren Weg zu finden. Auch sie hat schon eine Familie gegründet. Bei einigen Talenten hat sie festgestellt, dass sie diese eher nicht besitzt. Lehrerin zu werden, ist nun fast die letzte Möglichkeit. Doch wofür Emory steht, ist das Stellen von Fragen. Ihr Wissensdurst ist schier unersättlich und sie versucht, die Gedanken in die richtige Reihe zu bringen. Als Niema tot aufgefunden wird, könnte gerade das es sein, was die kleine Gemeinschaft retten könnte.

Die drei Wissenschaftler allen voran Niema führen und leiten die kleine Inselpopulation. Sie geben den Weg vor und die anderen halten sie an die Empfehlungen. Damit führen sie nach der Katastrophe ein zwar hartes und entbehrungsreiches, aber doch angenehmes und sicheres Leben. Durch den hinterhältigen Mord gerät das ganze Gefüge durcheinander. Die Lage wird dadurch erschwert, dass sich keiner an den vorangegangenen Abend erinnern kann. Emory fällt nun die heikle Aufgabe zu, das Rätsel zu lösen. Zeit hat sie dafür nur 107 Stunden, denn mit Niemas Tod ist auch die Schutzbarriere heruntergefahren worden und der Nebel rückt näher.

Welch schönes Idyll könnte der verbliebene Rest der Welt sein, könnte man bei Anblick des farbenfroh gestalteten Covers denken. Man sieht den Leuchtturm, die Seilbahn, ein Boot, eine Hai-Finne. Eine Hai-Finne? Ganz so ungefährlich ist das Leben auf der Insel wohl doch nicht. Doch wie wird Emory mit der Bedrohung, die Gemeinschaft durch den Mord erfährt, fertigwerden? Kann sie dieser Aufgabe überhaupt gewachsen sein? Wer könnte die Macht und die Mittel gehabt haben, eine so gemeine Tat zu begehen? Emory ist eine, die anpackt. Als Leser möchte man sich gerne mit ihr identifizieren, auch wenn man erfährt, dass das aus gewissen Gründen eigentlich nicht geht. Auch einige Ungereimtheiten, die eher auf mathematischer Ebene liegen, werden im Verlauf geklärt. Überhaupt entwickelt sich der postapokalyptische Kriminalfall auf ganz andere Weise als man vermuten könnte. Neben der einfachen Aufklärung eines Mordes, die alles andere als einfach ist, geht es auch um eine Fortentwicklung. Wer sollte in einer Welt das Sagen haben? Und was wäre, wenn es einmal nicht die üblichen Verdächtigen wären? Ein Gedanken-Experiment, das hier gewagt wurde und dem man viel Erfolg wünschen möchte. In der heutigen Zeit beginnt man bald, sich zu fragen, auf welche Insel man fliehen sollte und ob die Gegenwart, den Autor nicht beinahe schon eingeholt hat. Die Schlussfolgerung, die man vielleicht ziehen kann, ist irgendwie hoffnungslos und hoffnungsfroh zugleich. Ein lesenswerter Roman, der sich nicht hundertprozentig einem Genre zuordnen lässt.

Veröffentlicht am 21.02.2025

Der Pilot

Nacht der Ruinen
0

Während des letzten großen Angriffs auf Köln im März 1945 wird ein amerikanischer Bomber abgeschossen. Einer der Piloten kann sich mit einem Fallschirm retten. Kurze Zeit später wird der amerikanische ...

Während des letzten großen Angriffs auf Köln im März 1945 wird ein amerikanischer Bomber abgeschossen. Einer der Piloten kann sich mit einem Fallschirm retten. Kurze Zeit später wird der amerikanische Soldat Joe Salmon, der früher Joseph Salomon hieß, nach Köln geschickt, um einen Lynchmord aufzuklären. Salmon stammt aus Köln. Glücklicherweise konnte er nach der Kristallnacht noch aus Deutschland fliehen. Und jetzt durchstreift er mit dem britischen Kriegsreporter George Orwell die zerstörte Stadt. Zur Tarnung soll für die wenigen in den Trümmern lebenden Kölner eine Zeitung herausgegeben werden. Doch insgeheim begibt sich Joe auf die Suche nach dem Mörder und nach dem, was noch von seiner Vergangenheit übrig ist.

Der Krieg ist noch nicht ganz vorbei, aber das tausendjährige Reich ist in Köln zum Glück beendet. Joe Salmon erkennt seine Stadt kaum wieder. Nahezu alles ist zerstört. Wasser und Strom gibt es kaum. Das bekommen auch die Amerikaner zu spüren, die sich in den weniger noch stehenden Häusern einquartiert haben. Auf der Suche nach dem vermeintlichen Mörder erfährt Salmon wie es nun in Köln zugeht. Viele wollen die Nazi-Zeit möglichst schnell vergessen, daran, dass sie selbst mitgemacht haben, erinnern sie sich lieber nicht. Nur wenige Menschen haben es geschafft, aufrecht die Zeit zu überstehen.

Mit seinem neuen Roman bringt Cay Rademacher seinen Lesern eine weit entfernte, aber vielleicht nicht so ferne Zeit nahe. Die Zerstörungen sowohl an Leib und Leben als auch an Häusern und der ganzen Infrastruktur einer Stadt werden sehr eindrücklich und bildhaft geschildert. Hinzu kommt die spannende Suche nach einem Mörder. Kleinste Puzzleteile müssen zusammengefügt werden, um auf eine Geschichte zu kommen, von der man annehmen kann, dass Joe nicht sicher ist, ob er sie überhaupt wissen wollte. Beklemmend wird es, wenn Joe bei seinen Ermittlungen erfährt, wie die Nazis ihre Mitmenschen, auch Kinder, bewerteten und darüber urteilten, ob ihr Lebens des Lebens wert ist. Manchmal gerät die Erzählung etwas kleinteilig. Doch die dramatischen Ereignisse ergreifen einen beim Lesen und man hofft, dass man so eine Zeit nie erleben muss.

Veröffentlicht am 16.02.2025

Für die ehemaligen Optimisten

Die Achse der Autokraten
0

Wenn man sich fragt, was schief läuft in dieser Welt in diesen Tagen, dann könnte dieses Buch zumindest einen Teil der Antwort geben. In Deutschland erschien es am 10.Oktober 2024, also noch vor der Wahl ...

Wenn man sich fragt, was schief läuft in dieser Welt in diesen Tagen, dann könnte dieses Buch zumindest einen Teil der Antwort geben. In Deutschland erschien es am 10.Oktober 2024, also noch vor der Wahl in Amerika, zu einer Zeit, in der man noch denken konnte, Amerika gehöre zu den freiheitlichen Demokratien. Natürlich kann mit einem Aufsatz von knapp 200 Seiten nicht jedes Rätsel gelöst werden, aber man bekommt doch einen Eindruck darüber, wie es läuft in autokratisch geführten Staaten. In Staaten, in denen man keine Rücksicht nehmen muss und schlimme Dinge einfach macht, weil man es kann. Man bekommt Strukturen aufgezeigt über persönliches Zusammenwirken der Autokraten, über finanzielle Ströme und Strukturen und auch wirtschaftliche Ziele oder Zwänge. Auch im Hinblick auf die Nutzung von Social Media zum Wohle und zum Machterhalt der Autokratien, zur Destabilisierung der Demokratien ist einiges zu erfahren. Da kann einem beim Lesen Angst und Bange werden, vor allem wenn man seine eigene Welt irgendwie erhalten möchte. Ein paar Hinweise gibt es, was getan werden könnte. Doch dazu müssten Staatenlenker für das Volk und die Demokratie eintreten und das Volk müsste auch mitmachen. Transparenz wäre ein gutes Stichwort. Nur mag sich der Silberschein am Horizont nicht so recht auftun. Das Buch ist den Optimisten gewidmet, doch es wird wohl eher von den ehemaligen Optimisten gelesen. Natürlich wird es weiterhin Hoffnung geben, allerdings wird die Arbeit schwieriger.

Die Autorin bekam den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2024 für ihr Gesamtwerk.

Veröffentlicht am 06.02.2025

In Gedanken

Der Lärm des Lebens
0

Der Autor Jörg Hartmann, wahrscheinlich vielen bekannt als Kommissar Faber aus Dortmund, legt hier sein erstes schriftstellerisches Werk vor. Mit emotionalen Worten erzählt er von seiner Familie. Beginnend ...

Der Autor Jörg Hartmann, wahrscheinlich vielen bekannt als Kommissar Faber aus Dortmund, legt hier sein erstes schriftstellerisches Werk vor. Mit emotionalen Worten erzählt er von seiner Familie. Beginnend mit seinen ersten Schritten zur Karriere als Schauspieler nimmt er die Leser oder Hörer mit durch die Jahre. Dabei geht er auch zurück zu den Großeltern, die in der Nazi-Zeit als Gehörlose immer mit Repressalien rechnen mussten, deren Kinder keine Beeinträchtigungen hatten und die vor Schlimmeren bewahrt werden konnten. Und auch seinen Eltern verleiht er eine Stimme, insbesondere seinem Vater, der an Demenz erkrankte und den er nach einigen Dingen nicht mehr fragen konnte.

Diese berührende Familiengeschichte erzählt der Autor selbst in dem Hörbuch mit den jeweiligen Situationen angepasster Intonation, wodurch man die besondere Wärme der Handlung spürt. Mal geht es dabei humorvoll, komisch zu. Das Mettbrötchen mit Brigitte Bardot will sich gerne in die eigene Vorstellung bringen. Manchmal wird es allerdings auch traurig, eben wenn es heißt vom Vater Abschied zu nehmen. Dazu ist man nie bereit, auch wenn man sich der Unausweichlichkeit bewusst ist. Bei Sorgen, die man sich um die Kinder macht, wird wohl jeder mitfühlen können. Und anrührend ist die Begegnung mit einem Tumorpatienten, der länger durchhält, auch wegen seinem Kumpel Faber.

Das Hörbuch ist völlig zurecht für den Deutschen Hörbuchpreis 2025 nominiert und man kann die Entscheidung der Jury sehr gut nachvollziehen. Mit viel Wärme erzählt der Autor von seiner Familie, von glücklichen und traurigen Momenten, so wie es in jeder Familie ist. Da kann man hin und wieder die Gedanken zur eigenen Familie wiedererkennen, wenn manchmal die Zeit zu schnell vergeht, wenn man etwas erfährt, das bisher nicht bekannt war. Mit seiner ausdrucksstarken Stimme nimmt der Autor einen mit durch die Erlebnisse, die mehrere Generationen seiner Familie geprägt haben, wobei auch die aktuellen Krisen und ihre Auswirkungen nicht übergangen werden. So wie das Leben eben ist.

Das Bild auf dem Cover bildet das Vertrauen zwischen Kindern und Eltern sehr gut ab.