Profilbild von Sago

Sago

Lesejury Star
offline

Sago ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Sago über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.04.2025

Im Bann der Zeit

Beneath the Ivy - The Witches of Silvercrest Coven
0

"Als Dad sich im letzten Herbst mit einem gebrochenen Fuß herumärgern musste, hat das Haus die Treppenstufen einfach ein paar Wochen lang niedriger gemacht. Was allerdings dazu führte, dass wir anderen ...

"Als Dad sich im letzten Herbst mit einem gebrochenen Fuß herumärgern musste, hat das Haus die Treppenstufen einfach ein paar Wochen lang niedriger gemacht. Was allerdings dazu führte, dass wir anderen mindestens einmal am Tag gestürzt sind, weil uns die normale Höhe der Stufen in Fleisch und Blut übergegangen ist."

Dass Cosy Hexen-Fantasy auch mit düsteren Einsprengseln sehr gut funktioniert, zeigt Christian Handel mit Beneath the Ivy.

The junge Hexe Marissa wohnt mit einer ganzen Hexenclan-Familie in Silvercrest Manor, einem Haus mit einem wunderbaren Eigenwillen. Eigentlich glaubt Marissa, sie müsse sich vor allem fragen, warum sie sich ausgerechnet von Caleb, der einer verfeindeten Familie angehört, so angezogen fühlt. Aber da erkrankt Marissas Lieblings-Cousine schwer. Und während Marissa nach Hilfe sucht, beschleicht sie das Gefühl, dass sie diesen Tag nicht zum ersten Mal erlebt...

Die Story glänzt mit Familiengeheimnissen, originellen Einfällen und dem Aufwerfen von moralischen Fragen, die zum Nachdenken anregen. Während der ersten Wiederholung des Tages war ich allerdings irritiert, weil sich nicht nur die Ereignisse, sondern beinahe jede Formulierung komplett wiederholt. Ich dachte tatsächlich, ich hätte mich verblättert. Das war einerseits zwar raffiniert, aber auch sehr redundant. Zum Glück sind die folgenden Wiederholungen aber abwechslungs- und fantasiereicher und die Geschichte macht wirklich Spaß. Schade nur, dass das Lektorat ein paar Ungereimtheiten übersehen hat. Die größte wirkt sich ausgerechnet auf die Auflösung aus. Dennoch eine gelungene Hexengeschichte, die Lust auf noch mehr Magie macht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.03.2025

Aristokraten sind bissig

Eleanor
0

"Dunkelheit drang zusammen mit der Stimme in den Raum. Sie war Jahrhunderte vom Leben und Tageslicht entfernt und wurde nur mithilfe reiner Willensanstrengung durch tote Lungen und eine eisige Kehle angetrieben. ...

"Dunkelheit drang zusammen mit der Stimme in den Raum. Sie war Jahrhunderte vom Leben und Tageslicht entfernt und wurde nur mithilfe reiner Willensanstrengung durch tote Lungen und eine eisige Kehle angetrieben. Obwohl die Kerzen noch brannten, schien der Vampir in seinem eigenen Schatten zu stehen; seine Augen waren wie Rubinsplitter und seine Hände und sein Gesicht so weiß wie die Spitzenkrause an seinem Hals."

Weiter geht es im zweiten Teil von Genevieve Cogmans Reihe um die Französische Revolution, den Geheimorden Scarlet Pimpernel, Vampire und Magier.

Zurück in England, ist Scarlet ehemals Dienstmagd in Vampirdiensten, nun tatsächlich ein Mitglied des Ordens Scarlet Pimpernel. Aber so richtig gleichberechtigt kommt sie nicht zum Einsatz. Adlig wie andere Ordensangehörige ist sie nicht und zu dem noch eine Frau. Dass sie die Seele einer alten Magierin beherbergt und über große Kräfte verfügt, weiß nur Eleanor selbst. Als der bekannte französische Staatsmann Talleyrand verschwindet, kommt die Liga Scarlet Pimpernel einer weitaus größeren Verschwörung auf die Spur...

Endlich bekommen wir mehr von den Vampiren zu sehen. Die Idee, Adlige als Vampire zu präsentieren finde ich sehr gelungen. Nur von den Magiern, die mit den Vampiren in einen Krieg verwickelt waren, erfahren wir weiterhin zu wenig.

Eleanors beeindruckende Entwicklung setzt sich fort und es stellt sich die Frage, ob es für sie und Charles trotz des Standesunterschieds eine Zukunft geben könnte.

Der Mont St. Michel, zu dem es die Liga verschlägt, bietet ein wunderbares Setting und auch die Rolle des gruseligen Prinzen von Paris hat mich fasziniert, so dass ich auf ein Wiedersehen im dritten Teil hoffe.

Bei aller Sympathie für Eleanor fehlen mir noch immer die Protagonisten von Cogmans Reihe um die unsichtbare Bibliothek, die einfach einen einzigartigen Charme hatten.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 06.03.2025

Endlich nach Luft schnappen

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
0

"Wenn früher in meiner Gegenwart über die Wechseljahre gesprochen wurde, war mir nie klar, wie lebendig und hungrig man sich fühlt, wenn man offiziell schon abgeschrieben ist.
Warum hören die meisten Lebensträume ...

"Wenn früher in meiner Gegenwart über die Wechseljahre gesprochen wurde, war mir nie klar, wie lebendig und hungrig man sich fühlt, wenn man offiziell schon abgeschrieben ist.
Warum hören die meisten Lebensträume eigentlich mit circa fünfunddreißig Jahren auf?
Ich hätte gerne einen Plan für die nächste Hälfte, irgendwas außer der Vorbereitung auf das Sterben."

Das fragt sich Nina mit fast fünfzig. Bei der Scheidung hat sie sich von ihrem begüterten Ehemann ordentlich über den Tisch ziehen lassen. Inzwischen hat dieser mit einer um Jahrzehnte jüngeren Influencerin eine neue Familie gegründet. Als Nina auf einem Gartenfest dem dreißigjährigen David begegnet, spürt sie zum ersten Mal seit langem wieder Anziehungskraft und Lebenslust. Die beiden landen gemeinsam im Bett und bald stellt sich die Frage ob da je mehr sein kann...

Anika Decker schafft das Kunststück, gleichzeitig leichtfüßig, tiefgründig und amüsant zu erzählen, auf wie vielfältige Weise Frauen noch immer anders behandelt werden als Männer. Die Geschichte bietet dabei, anders als vom Klappentext beworben, einiges mehr als die Age-Gap-Lovestory. Viel Raum nimmt zum Beispiel auch eine Me too-Problematik in der Filmfirma, in der Nina arbeitet ein, ebenso wie das Hausfrauendasein von Ninas Schwester Lena und weitere Familienthemen.

Wirklich aus dem Leben gegriffen waren für mich Ninas Kinder, die die Handlungen ihres Vaters ohne weiteres akzeptieren, Nina ob ihres Interesse an einem jüngeren Mann aber regelrecht beschämen und abkanzeln. Oft legt Anika Decker den Finger gekonnt in die Wunde, z. B. als Nina auf Tinder von einem einzigen gleichaltrigen Mann ein Like bekommt, trotz ihres guten Aussehens ein so seltenes Ereignis, das es von Nina und ihrer Freundin sogar bejubelt wird.

Mich hat es begeistert, dass hier zahlreiche Missstände angesprochen werden und das Lesen dann gleichzeitig noch so viel Spaß machte. Teilweise habe ich förmlich an den Seiten geklebt. Nur schade, dass das Ende dann doch so überzuckert und übertrieben daherkam, das es für mich nicht recht zur übrigen Story passen wollte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.03.2025

Magie hat ihren eigenen Kopf

Geheimnisse des Nil, Band 1 - What the River Knows
0

"Aber all die schon gewirkte Magie, dieses unfassbare Etwas, war ja in der Welt, war tief in der Erde oder in Seen und Meere eingesunken. Sie haftete an Gegenständen und manchmal sprang sie auch ...

"Aber all die schon gewirkte Magie, dieses unfassbare Etwas, war ja in der Welt, war tief in der Erde oder in Seen und Meere eingesunken. Sie haftete an Gegenständen und manchmal sprang sie auch über... Magie hat ihren eigenen Kopf... Begreiflicherweise kaufen die Leute nicht gerne etwas, dem womöglich noch ein alter Zauber anhaftet. Am Ende erwischt man noch eine Teekanne, die Neid zusammenbraut oder einen kratzbürstigen Geist heraufbeschwört."

Das kleine, feine Magiekonzept in diesem Buch hat mich wirklich begeistert. Teekannen voller Neid oder auch bissige Bücher - davon hätte ich gern noch viel mehr gelesen. Aber letztendlich wollte die Autorin eine historische Romanze schreiben und das ist ihr auch gelungen.

Inez Oliveira hat ihre Eltern immer nur die Hälfte des Jahres bei sich in Buenes Aires. Den Rest der Zeit verbringen sie in Ägypten bei Ausgrabungen. Als sie auf rätselhafte Weise ums Leben kommen, reist Inez kurzentschlossen allein nach Ägypten zu ihrem Onkel Ricardo. Dort gibt ihr nicht nur der verwegen gutaussehende Engländer Whitford Hayes Rätsel auf, sondern auch ihr Onkel selbst. Ist er etwa in den Tod ihrer Eltern verwickelt?

Der Roman, der 1884 spielt, atmet ägyptische Geschichte, Schatzsuchervibes und lebt natürlich auch von der Anziehung zwischen Inez und Whit. Dazu gibt es vor allem zum Ende hin einige überraschende Wendungen, die umso neugieriger auf den zweiten Teil machen. Der wunderschöne Farbschnitt wird sich darauf wahrscheinlich fortsetzen. Den Großteil der Geschichte über ist die Atmosphäre ziemlich cosy. Über die zunehmende Gewalt im letzten Teil war ich daher etwas verblüfft. Spannender wurde es damit aber allemal!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.02.2025

Zusammenhang zwischen dem Furchtbaren und dem Schönen

Bis unsre Seelen Sterne sind. Rilke und Lou Andreas-Salomé
0

Den genialen Dichter Rilke verband eine lebenslange Liebe und freundschaftliche Verbundenheit mit der fast 15 Jahre älteren Lou Andreas-Salome. Er ist 22, als sie sich begegnen ubd Lou ist bereits verheiratet ...

Den genialen Dichter Rilke verband eine lebenslange Liebe und freundschaftliche Verbundenheit mit der fast 15 Jahre älteren Lou Andreas-Salome. Er ist 22, als sie sich begegnen ubd Lou ist bereits verheiratet und selbst literarisch erfolgreich.

Maxine Wildner beleuchtet schlaglichtartig Begegnungen der beiden berühmten Persönlichkeiten und springt dabei immer wieder auch zurück in der Zeit, um Entwicklungen durch frühere Ereignisse zu erklären. Dabei beschränkt sie sich insgesamt nicht nur auf die Verbindung der beiden, sondern beleuchtet auch das Liebesleben mit den Ehepartnern und anderen.

Vor allem Lou hat mich sehr fasziniert. Sie war für die damalige Zeit wirklich eine starke Frau, von faszinierender Unabhängigkeit, die sogar von Freud zur Psychoanalytikerin fortgebildet wurde. Über sie hätte ich gern noch viel mehr erfahren. Da alle Begebenheiten sehr nüchtern geschildert werden, bin ich Lous Innersten nicht völlig nahegekommen. Plastischer wurde da insgesamt der oft kränkelnde Rilke, dem das "Wissen um die Unenrinnbarkeit seiner letzten Einsamkeit" das längere Aushalten von Nähe unmöglich machte.

Rilkes Texte sind gelegentlich in die Handlung eingestreut, so dass ihr Entstehen deutlich wird.

Hier wurde das Leben zwei großer Geister lebendig und nahbar.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere