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Veröffentlicht am 07.03.2025

Unsympathische Hauptfigur, aber interessante Vorfahrinnen

Die Summe unserer Teile
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In ihrem Debütroman „Die Summe unserer Teile“ entwirft die Mathematikerin Paola Lopez eine interessante Familiendynamik zwischen den Frauen einer polnisch-libanesisch-deutschen Familie. Da ist die 23jährige ...

In ihrem Debütroman „Die Summe unserer Teile“ entwirft die Mathematikerin Paola Lopez eine interessante Familiendynamik zwischen den Frauen einer polnisch-libanesisch-deutschen Familie. Da ist die 23jährige Informatik-Studentin Lucy, die vor drei Jahren von München nach Berlin zog und damit den Kontakt zu ihrer Mutter Daria abbrach. Daria ist 1976 aus dem Libanon nach München gekommen, um dort Medizin zu studieren, aber auch sie brach den Kontakt zu ihrer Mutter Lyudmila früh ab, als sie in Deutschland ihren eigenen Weg mit ihrer neu gegründeten Familie gehen wollte. Und damit kommen wir in der Großelterngeneration von Lucy an. Ihre Großmutter Lyudmila floh im Laufe des Zweiten Weltkrieges aus Polen in den Libanon, nach Beirut, damals das Paris des Ostens, um dort Chemie zu studieren und ihren zukünftigen Ehemann, Professor Haddad kennenzulernen.

Den drei Frauen folgen wir in ganz unterschiedlichen Zeiten, die von 1944 bis 2014 reichen. Durch die Zeit- und Ortssprünge, die zu Beginn eines jeden Kapitels angekündigt werden, lernen wir nicht nur die einzelnen Lebensgeschichten der Frauen dieser Familie kennen, wir verstehen auch immer besser, wie es zu der angespannten Dynamik zwischen ihnen hat kommen können. Prägende Lebensereignisse bis hin zu Traumata verknüpft die Autorin geschickt miteinander, sodass man zum Ende des Buches hin das Puzzle der Familie immer besser zusammensetzen kann.

Sprachlich macht dies die Autorin sehr solide, allerdings begeht sie meines Erachtens einen Fehler bei den Lucy-Kapiteln. Alle Kapitel sind in personaler Erzählstimme verfasst und folgen dann jeweils entweder Lucy, Daria oder Lyudmila. Man merkt den verschiedenen Kapiteln durchaus unterschiedliche Töne an, die sich an den Stil der jeweiligen Person anpassen. Lucy, die wir gleich zu Beginn mit ihrem Konflikt in 2014 kennenlernen und die uns bis zum Schluss begleitet, wird dadurch automatisch zur Hauptperson des Romans. Ihre Handlung in 2014 erstreckt sich lediglich über wenige Wochen hinweg vom mysteriösen Erhalt eines Steinway-Konzertflügels in ihrer Berliner WG bis in die dadurch angestoßene Reise an die polnische Ostsee, um den Spuren ihrer Großmutter zu folgen. Ist die Erzählstimme zu den Lucy-Kapiteln in Berlin noch von Informatikbegriffen und -idiomen durchsetzt, was durchaus zu einer entsprechenden Studentin dieses Fachs passen kann, aber hier vielleicht einen Tacken zu viel von der Autorin genutzt wird. So verändert sich die Erzählstimme innerhalb von wenigen Tagen in Polen zu einer, der diese IT-Formulierungen vollkommen fehlen. Also nicht nur weniger werden, sondern einfach von jetzt auf gleich vollständig aus dem Romantext verschwinden. Gerade weil die Autorin in den ersten Lucy-Kapiteln so massiv um sich wirft mit den Begrifflichkeiten, erscheint es wenig authentisch, dass diese sich plötzlich komplett auflösen. Wie schon Lucys Großmutter feststellte: Es Stoff geht niemals verloren, er wandelt sich nur in andere Aggregatzustände oder verbindet sich zu neuen Stoffen. Vielleicht ist die Informatikerinnen-Persönlichkeit von Lucy ja von einen auf den anderen Tag verpufft. Ich weiß es nicht. Gefühlt gibt es auch das ein oder andere Plothole und der Zusammenhang zwischen Cover und der erzählten Geschichte des Romans wird mir nicht klar.

Ein weiteres Problem habe ich noch mit Lucy. Diese ist meines Erachtens unglaublich unsympathisch, aber nicht auf eine gewollte Art und Weise. Sie ist mit Anfang 20 äußerst neurotisch und selbstzentriert. Angeblich soll sie als Kind ganz handzahm und ausgeglichen gewesen sein, so der Eindruck ihrer Mutter. Als Erwachsene ist sie dies jedenfalls nicht mehr, was man durchaus als harten, rebellischen Akt gegen ihre Mutter interpretieren könnte. Aber in der Regel ändert sich ein Mensch nicht so grundlegend, sondern nur in der Ausprägungsstärke eines Charakterzugs. Die junge Lucy hätte mich wahrscheinlich nicht so massiv genervt wie die erwachsene. Für mich sind einige ihrer Entscheidungen nicht nachvollziehbar abgebildet im Roman, was die Figur an sich für mich zur am schwächsten Entworfenen unter den drei Frauenfiguren macht.

Insgesamt ein durchaus interessanter Roman, der einmal ganz neue Blickwinkel, Zeiten und Regionen einbaut. Ich habe das Buch nicht ungern gelesen und es liest sich schön fluffig weg.

3/5 Sterne

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.02.2025

Wohl ungewollt etwas anachronistischer Protagonist, aber solide Story

Klapper
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Der 1991 geborene Autor Kurt Prödel legt mit „Klapper“ seiner Coming-of-Age-Geschichte mit einem Außenseiter als Hauptfigur ein solides Romandebüt vor. Im Zentrum steht Klapper, der eigentlich Thomas heißt, ...

Der 1991 geborene Autor Kurt Prödel legt mit „Klapper“ seiner Coming-of-Age-Geschichte mit einem Außenseiter als Hauptfigur ein solides Romandebüt vor. Im Zentrum steht Klapper, der eigentlich Thomas heißt, aber von seinen Mitschüler:innen den Spitznamen Klapper zugeschrieben bekam, weil sein spindeldürrer, langer, blasser Körper nach einem Wachstumsschub plötzlich anfing, bei jeder Bewegung zu knacken und knirschen. Klapper ist als Erwachsener im Jahre 2025, in dem wir ihn erstmals kennenlernen, ein PC-Nerd mit einer ungeliebten Stelle in der IT-Abteilung einer Firma. Seine wichtigste Aufgabe ist die regelmäßige Schulung, in der er Angestellten vermitteln muss, dass sie Email-Anhänge doch bitte nicht ungeschützt öffnen sollen. Nichts, was er sich noch im Alter von 15 Jahren erträumte, als er in 2011 die Sommerferien damit verbrachte, tagelang Counter Strike zu zocken und hierfür auch eigene Maps (nennen wir es mal „Level“ für Leute, die damit gar nichts anfangen können) zu kreieren. Er ist Metal-Fan, der jeden Tag eins seiner Bandshirts trägt und mit schwarzer Kutte rumläuft. Allein diese Merkmale machen ihn schon locker zum Außenseiter in der Schule. Im neuen Schuljahr lernt er Bär kennen. Ein großgewachsenes Mädchen, welches Deutschrap hört, kifft und Comicfiguren zeichnet, die alle einen Dübel im Mund haben. Wie es der Zufall will, zockt sie auch Counter Strike und die beiden freunden sich an. Doch irgendetwas führte zum Kontaktabbruch, ein Ereignis, dem wir uns nun im Roman langsam annähern und dabei die Beziehung der beiden Jugendlichen tiefer ergründen.

Grundsätzlich hat mich die Geschichte um den Außenseiter Klapper sehr interessiert, da ich in einigen Eigenarten mein jugendliches Selbst wiedererkannte. So verfolgte ich auch durchgängig mit Interesse die Geschehnisse, die letztlich zum Kontaktabbruch der beiden führten. Der Roman ist süffig geschrieben und liest sich schön runter. Mit den beiden Personen Klapper und Bär hat der Autor auch zwei Figuren entworfen, die außerhalb der häufig bespielten Coming-of-Age-Schablonen liegen. Nur ist mir leider beim Lesen immer wieder aufgestoßen, dass gerade Klapper mit seinen Interessen irgendwie nicht ganz in die Zeit passen will. Und zwar nicht so, dass er gänzlich gewollt anachronistisch angelegt scheint (als Beispiel: in 2011 Fan von Nirvana ist, die zu der Zeit ja schon lange nicht mehr existierten, und es aber trotzdem immer Jugendliche geben wird, die die Band verehren; alles gut). Klapper ist ja demnach 1996 geboren und mit all seinen Interessen wirkt er mir eher so, als ob er besser in die Jugend des 1991 geborenen Autors passen würde. Alles scheint minimal um fünf Jahre versetzt zu sein. Er trägt T-Shirts von System Of A Down, Tool etc. Er spielt Maps bei Counter-Strike, welches 2000 rauskam und 2004 rum besonders beliebt war, die eher in diese Zeit passen, auch wenn 2011 durchaus noch Counter-Strike gezockt wurde. Es wird erwähnt, dass wegen Schulamokläufen Counter-Strike dafür als „Killerspiel“ verantwortlich gemacht wurde. Historisch war dir vor allem nach dem Amoklauf in Erfurt 2002 der Fall. Die Technik, die genannt wird im Buch, passt nicht ganz in 2011. Bär soll die erste mit dem ersten iPhone in der Schule gewesen sein. Dies kam aber schon 2007 raus. An anderer Stelle schreibt sie im Whatsapp, was aber ja schlecht gehen würde, wenn sie scheinbar eine der ersten mit einem Smartphone gewesen ist. Klapper ist Fan von Oliver Kahn, der bis 2006 Spieler der Nationalelf war. Mal ganz davon abgesehen, dass dieses Fan-Dasein bis auf die Anwesenheit eines Posters in seinem Zimmer, nicht durch entsprechende Handlungen (wie Fußball schauen, sich mit anderen darüber unterhalten, selbst spielen etc.) untermalt wird. Ganz ehrlich, ich kannte in meiner Jugend viele Leute – und war eine davon – die man als Nerds bezeichnen würde, und niemand davon war Fußball-Fan. Das stand eher immer für das komplette, dumpfe Gegenteil von dem, wofür man selbst stand. Auch Klapper wird im Buch von dumpfen Fußballern seiner Schule gequält. Diese merkwürdig unerklärte Affinität wird meines Erachtens also überhaupt nicht im Buch begründet oder mit Handlungen untermauert. So erscheint mir besonders die Figur Klapper insgesamt nicht richtig passend in die zeit, in die er hineingeschrieben ist. Nun kann man natürlich auch argumentieren, dass das alles auch so hätte sein können, keine Frage, aber bei mir hat das immer zu einem Störgefühl beim Lesen geführt. Auch wirft der Autor mit Markennamen von Energydrinks, IKEA-Möbeln und – kurioserweise – ständig mit dem Namen Til Schweiger um sich, um scheinbar ein Feeling für „die damalige Zeit“, „als wir noch jung waren“ wiederaufleben zu lassen.

Die anderen Figuren sind mir mitunter nicht so richtig greifbar geraten. Bär ist ein kleines Mysterium geblieben und alle vier Elternteile scheinen irgendwelche psychische Störungen zu haben, die mal eben mit eine Rolle spielen. Das Ende kommt dann abrupt und dann ist das Buch auch schon wieder vorbei, ohne eine kräftige Wirkung hinterlassen zu haben.

Insgesamt kann ich mir also vorstellen, dass Leser:innen, die sich weniger an diesen ganzen Details stören als ich, durchaus ihre Freude an diesem Roman haben werden. Ich habe ihn durchaus nicht ungern gelesen, war zügig durch, es wird aber nicht allzu viel zurückbleiben von der Lektüre.

3/5 Sterne

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.12.2024

Ein wahrlich farbenreicher, wenn auch nicht farbenfroher Roman.

Das Leben ist ein Fest
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Die französische Autorin Claire Berest schafft in ihrem Roman sehr eindringlich, die überbordende und auch unheimlich verletzende Liebe zwischen der Malerin Frida Kahlo und dem "größten mexikanischen Maler" ...

Die französische Autorin Claire Berest schafft in ihrem Roman sehr eindringlich, die überbordende und auch unheimlich verletzende Liebe zwischen der Malerin Frida Kahlo und dem "größten mexikanischen Maler" Diego Rivera darzustellen. Hier geht es um nicht weniger als Liebe, Hass, Zärtlichkeit und Verletzungen, Schmerzen - seelischer wie auch körperlicher Art und allem dazwischen.

Mit einer vollmundigen Sprache passt sich die Autorin scheinbar auch stilistisch der Art von Frida Kahlo an. Hier gibt es keine Grautöne, sondern viele Farbnuancen des Lebens. Wobei mir da der französische Originaltitel "Rien n'est noir." (Nichts ist schwarz.) passender erscheint, als der deutsche "Das Leben ist ein Fest". Hier ist nichts ausschließlich schwarz, auch weil jede Kapitelüberschrift einer Farbnuance zugeordnet ist und damit den Inhalt des jeweiligen Kapitels vorausscheinen lässt. Hier orientiert sich die Autorin an das "Gemalte Tagebuch" von Kahlo selbst. Auch nutzt sie viele Zitate aus erhaltenen Briefwechseln von Kahlo und Rivera. Das ist sehr gut recherchiert und lässt den Text unglaublich lebendig werden. Man hat das Gefühl mit Frida im Bett zu liegen und zu leiden oder zu lieben (je nachdem). In den Anmerkungen am Ende des Buches wir darauf hingewiesen, dass die Zitate kursiv gedruckt sind. Das ist eindeutig. Was weniger eindeutig ist, ist der erste Teil des somit kryptisch werdenden Kommentars: "Bei den kursiv gesetzten Stellen handelt es sich um kleine Anspielungen der Autorin oder um fremdsprachige Ausdrücke oder um Zitate von Frida Kahlo und Diego Rivera." Ist nicht immer ein gesamter fiktionaler/fiktionalisierter Roman eine Anspielung der Autor*innen? Was soll das denn heißen? Nun gut, selbst wenn ich dies diskret überlese, kann ich explizit eine andere genutzte Wortwahl leider nicht überlesen: Im Buch tauche immer wieder die Wörter "Indianerin", "indianisch" etc. auf. Das kann man machen in einem aktuell verfassten Roman, aber meines Erachtens unter den Bedingungen, dass es sich entweder um belegte Zitate von historischen Figuren handelt, aus dem Kontext hervorgeht, dass dieses Wort gezielt genutzt wird, um eine gesellschaftliche Einordnung im Rahmen der damaligen Zeit zu geben oder durch eine Anmerkung im Nachwort einsortiert wird. Indianer ist die im Deutschen verbreitete Sammelbezeichnung für die indigenen Völker Amerikas mit bestimmten Ausnahmen und dabei eine Fremdbezeichnung durch die Kolonialisten. Ich finde es bedenklich und nicht zu ignorieren, wenn in einem heutigen Roman unkommentiert dieses Wort repliziert wird.

Im Großen und Ganzen hat mir der vorliegende Roman wirklich sehr gut gefallen. Ich hatte bisher nur rudimentäre Kenntnisse zu Frida Kahlos und Diego Riveras Beziehung bzw. dem Leben von Frida Kahlo. Zu Ersterem erfuhr ich sehr viel - zu Letzterem nebenher durch Rückblicke auch so einiges, was bei Bedarf vertieft werden kann. Also eigentlich eine 4 Sterne Bewertung. Im speziellen Fall jedoch mit Abstrichen in der Form. Demnach sehr gute 3 Sterne von mir für diesen außergewöhnlichen Roman über eine außergewöhnliche Frau sowie ihre außergewöhnliche Beziehung.

Veröffentlicht am 25.12.2024

Black Mirror in Buchform

Friday Black
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Ana Kwame Adjei-Brenyah nimmt in seiner Kurzgeschichtensammlung nicht nur das Leben als Schwarze Person sondern auch die Konsumgesellschaft aufs Korn. Wobei das nicht bedeuten soll, dass die Geschichten ...

Ana Kwame Adjei-Brenyah nimmt in seiner Kurzgeschichtensammlung nicht nur das Leben als Schwarze Person sondern auch die Konsumgesellschaft aufs Korn. Wobei das nicht bedeuten soll, dass die Geschichten rein satirisch angelegt sind, sondern eben auch im wörtlichen Sinne, viele Waffen, Gewalt und Brutalität im Spiel ist, sodass tatsächlich hier viel "aufs Korn" genommen wird.

Die inhaltliche Qualität der Geschichten schwankt für mich stark. So finde ich die eher dystopisch angehauchten Erzählungen fast durchgängig großartig, die eher fantastisch angehauchten mitunter ziellos und überflüssig. Zu meinen Favoriten gehört z.B. die Geschichte über eine Art Freizeitpark, in dem Weiße die Möglichkeit haben, das Verteidigen ihrer Familie/ihres Hauses/Nachbarschaft vor einem "auffälligen, schwarzen Jugendlichen" zu simulieren und damit die Macht bekommen, ungestraft dem "Gerechtigkeitswunsch" nachkommen zu können, vorgegriffener Selbstjustiz nachzukommen. Durch eine Änderung in den Regularien des Parks gibt es einen massiven Plottwist. Großartig! In der ersten Geschichte wird man direkt von der Brutalität, die nie ohne Sinn und Verstand in den Geschichten auftaucht, geschockt. Ein Weißer Mann wird unbestraft freigesprochen, obwohl er fünf Schwarze Kinder vor einer Bibliothek mit einer Kettensäge zerstückelte. Alles als reine Selbstverteidigung. Gleichzeitig wird dieser Freispruch lebensverändernd für einen jungen Schwarzen sein. Auch die titelgebende Geschichte, in der zombiehaft Menschenhorden in einem Einkaufszentrum zum Black Friday-Schlussverkauf einfallen wird überspitzt aber hochpointiert dargestellt. Für diese Geschichten hat der Autor höchsten Respekt verdient.

Leider habe ich die deutsche Übersetzung der Geschichten gelesen und schnell wird klar, dass diese nicht nur unter ihren Möglichkeiten bleibt, sondern auch von jemandem verfasst worden scheint, der keine Verbindung zum Vokabular der Generation Adjei-Brenyahs hat. Bei von ihm (Thomas Gunkel) übersetzten Autoren wie Paul Auster ist der 1956 Geborene sicherlich gut aufgehoben. Ein kleines aber bezeichnendes Besipiel, warum der Übersetzer hier jedoch fehl am Platz ist, zeigt dieser eine beispielhafte Satz: "Wir waren das Entladeteam, so was wie die Gerechtigkeitsliga oder die Avengers. Die Spezialisten." Das geht einfach gar nicht. Und so liest sich leider das gesamte Buch. Häufig hat man eine Ahnung, welches originale englische Wort jeweils übersetzt wurde und kann sich dadurch vorstellen, dass die Geschichten des Autors im englischen Original wahrscheinlich viel mehr hergeben, als in dieser deutschen Übersetzung. Wer also die Möglichkeit hat, sollte definitiv auf das Original zurückgreifen!

Insgesamt hat dieser junge Autor ein unglaubliches Potential, welches hier für mich nicht in jeder aber doch in einigen Geschichten durch die mangelhafte Übersetzung durchstrahlt. Ich bin gespannt auf zukünftige Werke des Autors.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Auf dem Weg in einen psychotischen Nervenzusammenbruch

Traum von China
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Der chinesische Dissident Ma Jian entwickelt in seinem Roman "Traum von China" eine sich steigernde, fiebertraumartige Erzählung über einen hohen Beamten im aktuellen China, der nach und nach den Verstand ...

Der chinesische Dissident Ma Jian entwickelt in seinem Roman "Traum von China" eine sich steigernde, fiebertraumartige Erzählung über einen hohen Beamten im aktuellen China, der nach und nach den Verstand verliert. Ma Daode ist in der Provinz Leiter des Traum-von-China-Amts. Ein Amt, welches die Vorstellungen des amtierenden Staatoberhaupts Xi Jinping für ein zukünftig gloreiches China umzusetzen versucht. Dabei werden Postings im Internet kontrolliert und zensiert, Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, um riesige Industriestädte aufzubauen und am liebsten gleich noch die Erinnerung an frühere Zeiten ausgelöscht. Wir erinnern uns: Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 wird heutzutage aus den Suchmaschinenergebnissen Chinas entfernt bzw. kommt gar nicht erst zur Erwähnung.

Ma Jian stellt in seiner Parabel den "typischen" (korrupt, rumvögelnd, linientreu) Beamten Chinas dar und treibt dessen Verhalten im Roman auf die Spitze. Entgegen hält er dramatische Erinnerungen des Protagonisten aus der Zeit Maos Kulturrevolution, während derer Ma Daode als Jugendlicher gekämpft und gemordet hat. Durchsetzt ist das Ganze von anzüglichen Massenger-Nachrichten der Geliebten von Ma Daode. Alles läuft auf einen psychotischen Zusammenbruch des Einzelnen in einem schizophrenen System hinaus. Klingt in der Kürze recht interessant. Ist aber über 180 Seiten schon ermüdend. Die Parallelen und Anspielungen sind schon nach der Hälfte klar. Literarisch konnte mich das Buch nicht mitreißen, obwohl die Grundidee dieser Gegenüberstellung von persönlichem Schicksal und dem staatlichen Kurs durchaus sehr kreativ ist. Am besten hat mir jedoch das Vorwort des Autors gefallen. Dieses gibt sehr gute Einblicke in das heutige China und lässt die europäische Leserin den folgenden Plot besser einordnen.

Letztendlich hätte ich aber wohl lieber einen ausführlichen Essay von Ma Jian zum Thema gelesen, als diesen Fiebertraum von einem Roman.