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Veröffentlicht am 25.07.2025

Dies ist KEIN "prophetischer" Roman!

Der ehemalige Sohn
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prophezeien (Deutsch) - Wortbedeutung/Definition: 1) etwas Zukünftiges vorhersagen; etwas möglicherweise Eintretendes voraussagen.

Dieser Debütroman von Sasha Filipenko wird als "prophetisch" gepriesen. ...


prophezeien (Deutsch) - Wortbedeutung/Definition: 1) etwas Zukünftiges vorhersagen; etwas möglicherweise Eintretendes voraussagen.

Dieser Debütroman von Sasha Filipenko wird als "prophetisch" gepriesen. In diese Richtung geht auch sein Vorwort der nun ins Deutsche übersetzten Fassung. Hier schreibt Filipenko: "Zum Glück für den Autor, aber zum Leidwesen der Belarussen sind ganze Seiten aus meinem Roman Wirklichkeit geworden...". Worum geht es überhaupt? 1999 fällt der Jugendliche Franzisk in ein Koma, nachdem er eine Massenpanik in Minsk überlebte. Zwischenzeitlich kümmert sich seine Großmutter liebevoll um den Komatösen und seine Mutter sowie der Stiefvater vernachlässigen ihn skandalös. Zehn Jahre später erwacht er und sein Land hat sich kaum verändert, ist eher zu einer noch schlimmeren Diktatur geworden. Zum Schluss kommt es zum Aufstand, der blutig niedergeschlagen wird.

Prophetisch ist das Ganze deswegen nicht, da alle Eckdaten und -ereignisse des Romans exakt so bis 2011, dem Jahr in dem der Roman endet, stattgefunden haben. Dies erfahren die interessierten aber eventuell nicht so gut informierten Lesenden aus einem sehr fundierten und wichtigen Nachwort der Übersetzerin. Das heißt, der Roman spiegelt tatsächlich eher die jüngere Zeitgeschichte des Landes wieder, als prophetisch in die Zukunft zu schauen. Der 2014 veröffentlichte Roman erfährt nun zufällig eine neue Aktualität durch die Geschehnisse im Land in 2020. Dies kommt dem Verlag unzweifelhaft zu pass, welcher dem Buch nun mehr unterstellt, als es leistet.

Politisch also hochaktuell und informativ ist dieser Roman durchaus. Ich hätte aber lieber einen Essay zum Thema gelesen als diese Geschichte mit einem doch recht weit hergeholten, überkonstruierten Plot. Durch sehr überzufällige Begebenheiten taucht der Protagonist zufällig überall dort auf, wo etwas historisch Belegtes in Minsk passiert. Das Buch ist ein gutes fiktionales Sprachrohr der belarussischen oppositionellen Bevölkerung, jedoch leider literarisch weniger überzeugend. Die Nebenfiguren sind größtenteils als Typen enworfen, die eher soziologischer aber gar keiner psychologischen Betrachtung dienen. Das ist okay, kann man machen. Aber auch die Hauptfigur Franzisk bleibt leider vollkommen flach, bekommt keine richtige Tiefe. Empathien für sein Schicksal werden eher durch die Konstruktion von den beiden scheinbar eindeutigen Polen "gut"/"liebevoll" (Großmutter) und "böse"/"kaltherzig" (Mutter und Stiefvater) und deren Handlungen und Gedankengänge erzeugt, als durch die Person Franzisk selbst. So bleibt der Roman eine unausgegorene Mischung aus Drama um das Schicksal des Komatösen und politischem Statement zum Schicksal eines Landes in katastrophalen Zuständen gesprenkelt mit ein wenig, kaum nennenswerten Galgenhumor.

Somit würde ich abschließend nicht aktiv von der Lektüre abraten. Gerade durch die Anmerkungen der Übersetzerin Ruth Altenhofer wird dieses Buch für deutschsprachige Leser*innen verständlicher und damit auch aufgewertet. Aber so wirklich empfehlen kann ich den Roman auch wieder nicht. Lieber einen guten Essay oder Reportage zum Thema lesen, würde ich sagen.

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Veröffentlicht am 16.07.2025

Über Verlust und generationenübergreifende, psychische Erkrankungen

Perlen
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In ihrem späten Debütroman verknüpft die Lyrikerin Siân Hughes ein mittelalterliches Gedicht „Pearl“ mit der Geschichte einer jungen Frau, die im Alter von acht Jahren unter mysteriösen Umständen ihre ...

In ihrem späten Debütroman verknüpft die Lyrikerin Siân Hughes ein mittelalterliches Gedicht „Pearl“ mit der Geschichte einer jungen Frau, die im Alter von acht Jahren unter mysteriösen Umständen ihre Mutter verliert und fortan mit dieser Leerstelle in ihrer Familie leben muss. Was genau mit der Mutter geschah, ist fraglich, aber sie verschwand einfach eines Tages, ging aus dem Haus, ließ nicht nur die achtjährige Marianne zurück sondern auch den Säugling Joe sowie den Ehemann und Vater der Kinder.

Anhand von einzelnen Kapiteln, denen jeweils der Vers des Gedichtes von „Gawain Poet“ (anonym) vorangestellt ist, erzählt Hughes nun, wie dieses Mädchen Marianne zur psychisch auffälligen Jugendlichen und jungen Erwachsenen heranwächst. Dabei verschränken sich verschiedene Faktoren bis hin zu Genese einer eigenen postnatalen Psychose. Auch schon die verschwundene Mutter zeigte psychotische Symptome und auch die Tochter von Marianne weist diese erneut auf. Leider wirft die Autorin hier verschiedene Krankheitsbilder in einen Topf, nämlich die schizoaffektiven Störungen bis hin zur erblich bedingten Schizophrenie und der, im Roman als postnatale Depression bezeichnete, postnatale Psychose. Diese Erkrankungen können sich durchaus gegenseitig bedingen, sind hier aber meines Erachtens für Laien schwer auseinanderzuhalten.

Die Autorin bemüht das Mittel der unzuverlässigen Erzählerin, was einfach aus Erinnerungsverzerrungen natürlich entstehen kann. Sie erwähnt die Möglichkeit der verfälschten Erinnerung allerdings ein wenig zu häufig ganz offen im Text. Hier hätte mehr Spannung dadurch aufgebaut werden können, dass es auch für die Lesenden lange offen bleibt, was tatsächlich passiert ist. Mit der Mutter. Mit Marianne. Mit dem Vater. Mit der Familie allgemein. Die Ausführungen zu Mariannes Jugend erscheinen mir hier ein wenig zu abschweifend. Letztlich bleiben die tatsächlichen Geschehnisse um das Verschwinden der Mutter genauso offen, wie auch Mariannes Geisteszustand zum Ende des Romans hin. Das ist gut gemacht, wenn es denn so auch intendiert war von der Autorin. Es wirkt alles ein bisschen zu gewollt nebulös gehalten. Wodurch auch eine Verbindung zu den Hauptfiguren nur schwer zustande kommt.

Für mich gab es keine einprägsamen Sätze und Passagen im Roman. Insgesamt habe ich das Buch gern gelesen, es wird wohl nur leider nicht so viel davon nachhallen.

3/5 Sterne

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Veröffentlicht am 12.06.2025

Diese Schrecken sind meine und doch nicht meins

Die Schrecken der anderen
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Die Autorin Marina Clavadetscher konnte mich mit ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ seinerzeit sowohl erzählerisch als auch inhaltlich überzeugen. Auch dieser vorherige Roman der Autorin ist zunächst ...

Die Autorin Marina Clavadetscher konnte mich mit ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ seinerzeit sowohl erzählerisch als auch inhaltlich überzeugen. Auch dieser vorherige Roman der Autorin ist zunächst ähnlich verwirrend aufgebaut, wie der vorliegende „Die Schrecken der anderen“, nur konnte mich hier die Geschichte leider nicht überzeugen.

Es geht um die Machenschaften von Alt-Nazis und Jung-Nazis in der Schweiz mit Blick auf die historischen Verwicklungen von Schweizer Geldhäusern und reichen oder noch-nicht-reichen Schweizern zu Zeiten des Nationalsozialismus als Staat, der die Neutralität ja angeblich mit Löffeln gefressen hat. Es geht darum, dass unter dem Deckmantel der Neutralität und Verlässlichkeit eine hässliche Fratze versteckt ist, die es aufzudecken gilt, sonst „wiederholt sich Geschichte“. Geschichte kann sich ja als solche nicht wiederholen, es kann nur zu ähnlichen Bewegungen in der Gesellschaft kommen und diese treten heutzutage aus dem Hintergrund immer mehr zutage. Altes Geld wartet darauf, alte reaktionäre Anliegen in den Händen von neuen Akteuren zu unterstützen. Wir müssen also nicht nur wachsam sein, sondern auch aktiv dagegen vorgehen. Dies ist die Quintessenz des Romans.

Vermittelt wird dies durch mehrere Erzählstränge, die sich immer stärker annähern. Weiß man zunächst noch nicht, was der agoraphobische Archivar der Polizei mit dem auf seine Millionen wartenden Erben oder die komische alte Hippie-Frau aus dem Wohnwagen mit der hundertjährigen Mutter des wartenden Erben zu tun hat und das alles mit einem Toten in einem gefrorenen Bergsee, so kommt nach und nach alles zueinander.

Sprachlich macht dies die Autorin wieder einmal top. Es gibt Sprachbilder, die mir im Gedächtnis bleiben werden und unglaublich stark sind. Wie eine Beschreibung der strengen Prägung durch die hundertjährige Mutter auf den mittlerweile nun auch nicht mehr jungen Sohn auf Seite 16, wenn sie mit der Naturgewalt von mächtigen Gesteinsbewegungen eines Bergmassivs verglichen wird:

„Sie sitzt tadelnd in ihm, egal wohin er selbst in Gedanken geht, ihre verbalen Anfälle geschehen direkt in deinen Hirnwindungen. Ihre eisigen Worte schieben sich wie eine Gletscherzunge durch sein Gehirn, und am Ende bleibt das Geröll in seinem Gedächtnis liegen, verdreckt und schwer. Jede Mutter hinterlässt ihre Ablagerungen.“

Und trotzdem konnte mich der Kniff der Autorin neben der Handlung her auf der Metaebene zu arbeiten und die Handlung literaturwissenschaftlich zu hinterfragen und zu definieren nicht überzeugen. So wird die Struktur der Geschichte immer wieder offen gelegt. Es heißt vom Verlag, damit „macht [Martina Clavadetscher] den unsichtbaren Elefanten im Raum sichtbar und fragt nach der Verantwortung von Literatur“. Und genau diesen Part habe ich schlicht und ergreifend nicht verstanden. Beziehungsweise habe ich das Gefühl es nicht in dem Ausmaße verstanden zu haben, wie es die Autorin vielleicht intendierte. Der Tote im Eis heißt McGuffin mit Nachnamen. Sie spielt auf einen Begriff an, den Hitchcock prägte, und der ein beliebiges Objekt oder Person beschreibt, das oder die die Handlung vorantreibt, ohne selbst von besonderem Nutzen zu sein. Ja, so ist es auch mit unserem Toten. Aber was will mir das sagen? Was soll diese Krimihandlung, wenn es der Autorin doch um das Wiedererstarken des rechten Gedankengutes geht? So muss sie uns auch zwischendurch immer wieder darauf hinweisen, was sie mit ihrem Roman auf anderer Ebene vorhat: „Bei undurchsichtigen Geschichten geht es oft um Ausdauer. Und um den richtigen Handlungsträger.“ (Ausdauer der Leserin: Check. Richtiger Handlungsträger: offen, eher nein.) Oder: „Nichts läuft je ins Leere. Alles ist miteinander verbunden.“ (Okay, ja. Und nun?) Und „Was passiert war, war passiert.“ (Amen.)

So bleiben außer ein paar griffigen Sätzen und ein paar genaueren historischen Informationen, wie in und nach der Zeit des Nationalsozialismus Schweizer bekannten Nazis geholfen haben nicht nur Gold, Kunstwerke sondern auch sich selbst aus Europa wegzuschaffen, nur Fragen aus dieser Lektüre. Ich habe immer noch auf den großen Clou gewartet, aber er kam nicht und letztlich war ich einfach nur froh, dass die Lektüre vorbei war. Sehr schade.

2,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 07.03.2025

Unsympathische Hauptfigur, aber interessante Vorfahrinnen

Die Summe unserer Teile
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In ihrem Debütroman „Die Summe unserer Teile“ entwirft die Mathematikerin Paola Lopez eine interessante Familiendynamik zwischen den Frauen einer polnisch-libanesisch-deutschen Familie. Da ist die 23jährige ...

In ihrem Debütroman „Die Summe unserer Teile“ entwirft die Mathematikerin Paola Lopez eine interessante Familiendynamik zwischen den Frauen einer polnisch-libanesisch-deutschen Familie. Da ist die 23jährige Informatik-Studentin Lucy, die vor drei Jahren von München nach Berlin zog und damit den Kontakt zu ihrer Mutter Daria abbrach. Daria ist 1976 aus dem Libanon nach München gekommen, um dort Medizin zu studieren, aber auch sie brach den Kontakt zu ihrer Mutter Lyudmila früh ab, als sie in Deutschland ihren eigenen Weg mit ihrer neu gegründeten Familie gehen wollte. Und damit kommen wir in der Großelterngeneration von Lucy an. Ihre Großmutter Lyudmila floh im Laufe des Zweiten Weltkrieges aus Polen in den Libanon, nach Beirut, damals das Paris des Ostens, um dort Chemie zu studieren und ihren zukünftigen Ehemann, Professor Haddad kennenzulernen.

Den drei Frauen folgen wir in ganz unterschiedlichen Zeiten, die von 1944 bis 2014 reichen. Durch die Zeit- und Ortssprünge, die zu Beginn eines jeden Kapitels angekündigt werden, lernen wir nicht nur die einzelnen Lebensgeschichten der Frauen dieser Familie kennen, wir verstehen auch immer besser, wie es zu der angespannten Dynamik zwischen ihnen hat kommen können. Prägende Lebensereignisse bis hin zu Traumata verknüpft die Autorin geschickt miteinander, sodass man zum Ende des Buches hin das Puzzle der Familie immer besser zusammensetzen kann.

Sprachlich macht dies die Autorin sehr solide, allerdings begeht sie meines Erachtens einen Fehler bei den Lucy-Kapiteln. Alle Kapitel sind in personaler Erzählstimme verfasst und folgen dann jeweils entweder Lucy, Daria oder Lyudmila. Man merkt den verschiedenen Kapiteln durchaus unterschiedliche Töne an, die sich an den Stil der jeweiligen Person anpassen. Lucy, die wir gleich zu Beginn mit ihrem Konflikt in 2014 kennenlernen und die uns bis zum Schluss begleitet, wird dadurch automatisch zur Hauptperson des Romans. Ihre Handlung in 2014 erstreckt sich lediglich über wenige Wochen hinweg vom mysteriösen Erhalt eines Steinway-Konzertflügels in ihrer Berliner WG bis in die dadurch angestoßene Reise an die polnische Ostsee, um den Spuren ihrer Großmutter zu folgen. Ist die Erzählstimme zu den Lucy-Kapiteln in Berlin noch von Informatikbegriffen und -idiomen durchsetzt, was durchaus zu einer entsprechenden Studentin dieses Fachs passen kann, aber hier vielleicht einen Tacken zu viel von der Autorin genutzt wird. So verändert sich die Erzählstimme innerhalb von wenigen Tagen in Polen zu einer, der diese IT-Formulierungen vollkommen fehlen. Also nicht nur weniger werden, sondern einfach von jetzt auf gleich vollständig aus dem Romantext verschwinden. Gerade weil die Autorin in den ersten Lucy-Kapiteln so massiv um sich wirft mit den Begrifflichkeiten, erscheint es wenig authentisch, dass diese sich plötzlich komplett auflösen. Wie schon Lucys Großmutter feststellte: Es Stoff geht niemals verloren, er wandelt sich nur in andere Aggregatzustände oder verbindet sich zu neuen Stoffen. Vielleicht ist die Informatikerinnen-Persönlichkeit von Lucy ja von einen auf den anderen Tag verpufft. Ich weiß es nicht. Gefühlt gibt es auch das ein oder andere Plothole und der Zusammenhang zwischen Cover und der erzählten Geschichte des Romans wird mir nicht klar.

Ein weiteres Problem habe ich noch mit Lucy. Diese ist meines Erachtens unglaublich unsympathisch, aber nicht auf eine gewollte Art und Weise. Sie ist mit Anfang 20 äußerst neurotisch und selbstzentriert. Angeblich soll sie als Kind ganz handzahm und ausgeglichen gewesen sein, so der Eindruck ihrer Mutter. Als Erwachsene ist sie dies jedenfalls nicht mehr, was man durchaus als harten, rebellischen Akt gegen ihre Mutter interpretieren könnte. Aber in der Regel ändert sich ein Mensch nicht so grundlegend, sondern nur in der Ausprägungsstärke eines Charakterzugs. Die junge Lucy hätte mich wahrscheinlich nicht so massiv genervt wie die erwachsene. Für mich sind einige ihrer Entscheidungen nicht nachvollziehbar abgebildet im Roman, was die Figur an sich für mich zur am schwächsten Entworfenen unter den drei Frauenfiguren macht.

Insgesamt ein durchaus interessanter Roman, der einmal ganz neue Blickwinkel, Zeiten und Regionen einbaut. Ich habe das Buch nicht ungern gelesen und es liest sich schön fluffig weg.

3/5 Sterne

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Veröffentlicht am 02.02.2025

Wohl ungewollt etwas anachronistischer Protagonist, aber solide Story

Klapper
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Der 1991 geborene Autor Kurt Prödel legt mit „Klapper“ seiner Coming-of-Age-Geschichte mit einem Außenseiter als Hauptfigur ein solides Romandebüt vor. Im Zentrum steht Klapper, der eigentlich Thomas heißt, ...

Der 1991 geborene Autor Kurt Prödel legt mit „Klapper“ seiner Coming-of-Age-Geschichte mit einem Außenseiter als Hauptfigur ein solides Romandebüt vor. Im Zentrum steht Klapper, der eigentlich Thomas heißt, aber von seinen Mitschüler:innen den Spitznamen Klapper zugeschrieben bekam, weil sein spindeldürrer, langer, blasser Körper nach einem Wachstumsschub plötzlich anfing, bei jeder Bewegung zu knacken und knirschen. Klapper ist als Erwachsener im Jahre 2025, in dem wir ihn erstmals kennenlernen, ein PC-Nerd mit einer ungeliebten Stelle in der IT-Abteilung einer Firma. Seine wichtigste Aufgabe ist die regelmäßige Schulung, in der er Angestellten vermitteln muss, dass sie Email-Anhänge doch bitte nicht ungeschützt öffnen sollen. Nichts, was er sich noch im Alter von 15 Jahren erträumte, als er in 2011 die Sommerferien damit verbrachte, tagelang Counter Strike zu zocken und hierfür auch eigene Maps (nennen wir es mal „Level“ für Leute, die damit gar nichts anfangen können) zu kreieren. Er ist Metal-Fan, der jeden Tag eins seiner Bandshirts trägt und mit schwarzer Kutte rumläuft. Allein diese Merkmale machen ihn schon locker zum Außenseiter in der Schule. Im neuen Schuljahr lernt er Bär kennen. Ein großgewachsenes Mädchen, welches Deutschrap hört, kifft und Comicfiguren zeichnet, die alle einen Dübel im Mund haben. Wie es der Zufall will, zockt sie auch Counter Strike und die beiden freunden sich an. Doch irgendetwas führte zum Kontaktabbruch, ein Ereignis, dem wir uns nun im Roman langsam annähern und dabei die Beziehung der beiden Jugendlichen tiefer ergründen.

Grundsätzlich hat mich die Geschichte um den Außenseiter Klapper sehr interessiert, da ich in einigen Eigenarten mein jugendliches Selbst wiedererkannte. So verfolgte ich auch durchgängig mit Interesse die Geschehnisse, die letztlich zum Kontaktabbruch der beiden führten. Der Roman ist süffig geschrieben und liest sich schön runter. Mit den beiden Personen Klapper und Bär hat der Autor auch zwei Figuren entworfen, die außerhalb der häufig bespielten Coming-of-Age-Schablonen liegen. Nur ist mir leider beim Lesen immer wieder aufgestoßen, dass gerade Klapper mit seinen Interessen irgendwie nicht ganz in die Zeit passen will. Und zwar nicht so, dass er gänzlich gewollt anachronistisch angelegt scheint (als Beispiel: in 2011 Fan von Nirvana ist, die zu der Zeit ja schon lange nicht mehr existierten, und es aber trotzdem immer Jugendliche geben wird, die die Band verehren; alles gut). Klapper ist ja demnach 1996 geboren und mit all seinen Interessen wirkt er mir eher so, als ob er besser in die Jugend des 1991 geborenen Autors passen würde. Alles scheint minimal um fünf Jahre versetzt zu sein. Er trägt T-Shirts von System Of A Down, Tool etc. Er spielt Maps bei Counter-Strike, welches 2000 rauskam und 2004 rum besonders beliebt war, die eher in diese Zeit passen, auch wenn 2011 durchaus noch Counter-Strike gezockt wurde. Es wird erwähnt, dass wegen Schulamokläufen Counter-Strike dafür als „Killerspiel“ verantwortlich gemacht wurde. Historisch war dir vor allem nach dem Amoklauf in Erfurt 2002 der Fall. Die Technik, die genannt wird im Buch, passt nicht ganz in 2011. Bär soll die erste mit dem ersten iPhone in der Schule gewesen sein. Dies kam aber schon 2007 raus. An anderer Stelle schreibt sie im Whatsapp, was aber ja schlecht gehen würde, wenn sie scheinbar eine der ersten mit einem Smartphone gewesen ist. Klapper ist Fan von Oliver Kahn, der bis 2006 Spieler der Nationalelf war. Mal ganz davon abgesehen, dass dieses Fan-Dasein bis auf die Anwesenheit eines Posters in seinem Zimmer, nicht durch entsprechende Handlungen (wie Fußball schauen, sich mit anderen darüber unterhalten, selbst spielen etc.) untermalt wird. Ganz ehrlich, ich kannte in meiner Jugend viele Leute – und war eine davon – die man als Nerds bezeichnen würde, und niemand davon war Fußball-Fan. Das stand eher immer für das komplette, dumpfe Gegenteil von dem, wofür man selbst stand. Auch Klapper wird im Buch von dumpfen Fußballern seiner Schule gequält. Diese merkwürdig unerklärte Affinität wird meines Erachtens also überhaupt nicht im Buch begründet oder mit Handlungen untermauert. So erscheint mir besonders die Figur Klapper insgesamt nicht richtig passend in die zeit, in die er hineingeschrieben ist. Nun kann man natürlich auch argumentieren, dass das alles auch so hätte sein können, keine Frage, aber bei mir hat das immer zu einem Störgefühl beim Lesen geführt. Auch wirft der Autor mit Markennamen von Energydrinks, IKEA-Möbeln und – kurioserweise – ständig mit dem Namen Til Schweiger um sich, um scheinbar ein Feeling für „die damalige Zeit“, „als wir noch jung waren“ wiederaufleben zu lassen.

Die anderen Figuren sind mir mitunter nicht so richtig greifbar geraten. Bär ist ein kleines Mysterium geblieben und alle vier Elternteile scheinen irgendwelche psychische Störungen zu haben, die mal eben mit eine Rolle spielen. Das Ende kommt dann abrupt und dann ist das Buch auch schon wieder vorbei, ohne eine kräftige Wirkung hinterlassen zu haben.

Insgesamt kann ich mir also vorstellen, dass Leser:innen, die sich weniger an diesen ganzen Details stören als ich, durchaus ihre Freude an diesem Roman haben werden. Ich habe ihn durchaus nicht ungern gelesen, war zügig durch, es wird aber nicht allzu viel zurückbleiben von der Lektüre.

3/5 Sterne

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