Eine Leiche verschwindet
Die Hauptstadtund noch einiges mehr! Was wie ein Krimi beginnt, verläuft früh im Sande - wie in Brüssel, dem Zentrum der EU so einiges im Sande verläuft. Dies erkennt der Leser dieses Romans sehr früh - EU-Aktivitäten ...
und noch einiges mehr! Was wie ein Krimi beginnt, verläuft früh im Sande - wie in Brüssel, dem Zentrum der EU so einiges im Sande verläuft. Dies erkennt der Leser dieses Romans sehr früh - EU-Aktivitäten und was drum herum geschieht, sind nicht unbedingt effizient. Ja, die EU hat eine Menge Leichen im Keller, insofern hat die hier beschriebene Leiche einen durchaus symbolischen Wert.
Insgesamt ist vieles, was hier über die EU geschrieben wird, sehr zutreffend, angefangen vom Vokabular (Concours, Basis, Generaldirektion und, und, und). Als ehemalige EU-Angestellte (wenn auch nur für kurze Zeit) fühlte ich mich gleich zu Hause in der Sprache des Buches, in seinen Themen.
Die Hackordnung in der EU ist strikt festgelegt - die mit dem Geld, bspw. die Generaldirektion Landwirtschaft, sind ganz oben.
Und ganz unten ist die DG Kultur, ausgerechnet dort leitet Xeno, zypriotische Möchtegern-Aktivistin, eine Abteilung. Um sich zu profilieren, plant sie einen EU-Geburtstag, eine große Feier. Nein, sie soll nicht am Robert-Schuman-Tag, dem Geburtstag des Gründers stattfinden, jedenfalls nicht unbedingt und sie soll mit einem symbolträchtigen Ereignis verknüpft werden.
Dieses ist auch bald gefunden - ich verrate es Ihnen nicht - und es ist so logisch wie makaber. Obwohl es durchaus polarisiert, kommt man davon nicht mehr weg.
Und alle Figuren - ob EU-Beamte bzw. Angestellte oder aus anderen Gründen in Brüssel zugange, scharen sich drum herum, ob es ihnen selbst nun bewusst ist oder nicht.
Ja, die EU ist hier abgebildet und dass Österreich einen aus meiner Sicht etwas überproportionalen Anteil annimmt, hat sicher mit der Nationalität des Autors zu tun, ich würde es jetzt nicht ganz so zentral einbinden, wie es hier geschieht. Wobei natürlich nicht alle Eu-Länder gleichermaßen Erwähnung finden, aber das internationale und vor allem -kulturelle Gefüge wird durch die Erläuterungen des Robert Menasses sehr plastisch und durchaus nachvollziehbar abgebildet.
Was hier los ist! Oi oi oi, falsch Eu, eu,eu muss es heißen, denn um die EU kreist dieser dadurch ausgesprochen zeitgemäße Roman auf jeder Seite, sie ist das Universum, um das sich alles dreht, keine USA, keine NATO.
Menasse entwickelt einen wilden Reigen von Personen, denen man als Leser wieder und wieder begegnet: alte, mittelalte und junge, von denen jeder auf seine Art von Europa geprägt ist - und sein europäisches Päckchen zu tragen hat. Auch wenn es teilweise ein wenig chaotisch zuging, habe ich die Lektüre sehr genossen - am Ende standen mir die Tränen in den Augen, so habe ich mich in die Geschichte hineingefunden. Aber keine Angst, es gibt auch heitere Stellen, wenn auch eher solche der makabren Art. Sie können jetzt schon über die Bedeutung des Satzes "KZ-Überlebende sind keine Alumni." (S.242) rätseln, der für die Entwicklung der Story eine nicht unwesentliche Bedeutung hat. Vielleicht regt er sie ja zum Lesen an.
Definitiv ein Buch für Leser, für die die EU nicht nur eine Abkürzung ist, sondern ein Teil ihres Lebens. Und die, wenn sie sich darauf einlassen, viel Spass damit haben werden!