Vilnius wird in jüdischen Quellen als „Litauisches Jerusalem“ bezeichnet. In dieser Anthologie scheint bei jedem Gedicht die Geschichte und Tradition der Juden des Nordens durch. Und der Verlust an Menschen, ...
Vilnius wird in jüdischen Quellen als „Litauisches Jerusalem“ bezeichnet. In dieser Anthologie scheint bei jedem Gedicht die Geschichte und Tradition der Juden des Nordens durch. Und der Verlust an Menschen, an Synagogen, an Leben, an Büchern, an Erinnerungen. Was nicht der Hitlerfaschismus vernichtet hatte, das vernichtete die Sowjetmacht. Die zeitgenössischen Dichter Litauens gehören zu jenen, die die Erinnerungen bewahren wollen. „… doch wo seid ihr denn? JUDEN!!“ sind die letzten Worte des Gedichts „Der Schrei“ von Kęstutis Navakas. Diese Zeile steht für das ganze Buch.
Die Gedichte lesen sich jedoch meist nicht leicht und lyrisch, es sind oftmals Sätze, die wie Prosatexte mit willkürlichen Zeilenumbrüchen wirken. Der Stil ist teilweise stakkatoartig und abgehackt. Mir fiel es schwer, mich besonders in die längeren Gedichte hineinzudenken. Aber das ist sicher auch eine Frage der Gewöhnung und der Gewohnheit, da ich sonst sehr selten Gedichte lese.
Alle Gedichte sind aus dem Litauischen ins Deutsche und Hebräische übersetzt, alle drei Sprachvarianten sind abgedruckt. Da ich weder Litauisch noch Hebräisch lesen kann, fand ich es etwas schwierig, denn es musste ja immer weitergeblättert werden, um zum nächsten deutschen Gedicht zu gelangen. Das mag für Sprachgenies und -wissenschaftler ja interessant sein, ich fand es nicht hilfreich. In diesem Zusammenhang frage ich mich natürlich auch, warum die beiden Nachworte und die Lebensläufe der 22 Dichter nicht auch dreisprachig verfasst wurden. Nur dann wäre das Buch für jüdische Leser, die nur oder bevorzugt Hebräisch lesen, eine Bereicherung, wie es für Litauer sicher auch zuträfe, wenn sie das Buch kaufen und nicht Deutsch können. Wirklich genial wäre es, wenn alles zusätzlich in Englisch wäre, dann könnte das Buch weltweit verkauft werden.
Die Nachworte vom Dichter Mindaugas Kvietkauskas (von dem das Gedicht „Rosch Haschana“ im Band veröffentlich ist) und von der Herausgeberin Indrė Valantinaitė haben mir tiefe Einblicke in die literarische Arbeit und das Selbstverständnis der litauischen Dichter gegeben. Valantinaitė schreibt fast zum Schluss „Die Liebe und das Leben tragen immer dort den Sieg davon, Menschen sich mutig der Wahrheit öffnen.“
Das wunderschöne Cover verleiht dem Buch zusätzlich noch einen ganz besonderen Reiz.
Fazit: eine interessante Zusammenstellung von litauischen Gedichten, die die Tragödie der Juden des Nordens zum Thema nehmen.
Ich habe vor einigen Jahren das Hörbuch von Simon Stranger „Vergesst unsere Namen nicht“ gehört und es hat mich sehr beeindruckt, auch wenn mir der Stil nicht ganz so gut gefiel. Norwegen und seine Geschichte ...
Ich habe vor einigen Jahren das Hörbuch von Simon Stranger „Vergesst unsere Namen nicht“ gehört und es hat mich sehr beeindruckt, auch wenn mir der Stil nicht ganz so gut gefiel. Norwegen und seine Geschichte im Nationalsozialismus und in Verbindung zum Holocaust ist mir durch das Hörbuch aber schon damals etwas nähergekommen. Nun habe ich bei ttt den Bericht über das neue Buch von Stranger gesehen und war sofort Feuer und Flamme, bestellte und las in kurzer Zeit das ganze Buch.
Zuerst war ich wieder irritiert vom Schreibstil, von den hin- und herspringenden Gedanken, von verschiedenen Familien, von unglaublichen Schicksalen, von Erinnerungsstücken und Dokumenten. Dass das Buch den Genretitel Roman trägt, kann ich nicht so ganz verstehen, für mich kommt es einem Geschichte und Geschichten erzählenden Sachbuch näher.
Die Grundidee von Stranger ist der Besuch des imaginären „Museums der Mörder und Lebensretter“, er führt den Leser vom Foyer über 12 Säle bis zum Ausgang. Er führt durch Geschichte seiner Familie und Familienangehörigen, die er an Ellen, die Großmutter seiner Ehefrau Rikke, adressiert. Das Leben von Ellens Familie vor der Besetzung Norwegens durch die Nazis ist vergleichbar mit dem Leben gutbürgerlicher jüdischer Familien in Deutschland vor 1933. Der Vater besitzt eine Tabakfabrik und Ellen, ihre Zwillingsschwester Grete und zwei weitere Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Welt in Stücke bricht. Schritt für Schritt begleitet der Leser die Familie bis in die Emigration nach Schweden und wieder zurück.
Parallel dazu erfährt man vom Großvater des Autors, der als Druckereibesitzer während der deutschen Besatzung schmutzigste Nazipropaganda für die deutschen und norwegischen Nazis druckt. Auszüge aus diesen Pamphlets lassen einem das Blut in den Adern stocken, besonders, wenn man selbst jüdische Vorfahren hat, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Einen Großvater zu haben, der die Nazis durch seine Arbeit unterstützte, ist auch kein leichtes Erbe. Ohne die Nachforschungen des Autors wären diese Details seiner Familiengeschichte aber wohl auch im Dunklen geblieben.
Stranger reiht Ausstellungsstück an Ausstellungsstück, Fotografie an Fotografie, die Säle sind angefüllt mit Erinnerungsdetails, die er durch mühevolle Recherchen zusammengetragen hat und beschreibt, einige auch als Illustrationen zeigt. Ursprünglich hat er die Inspiration zum Buch wohl einem Podcast zu verdanken, der verschüttete Wahrheiten ans Licht brachte. Und so ist das tragische Schicksal der nicht mit Stranger verwandten Eheleute Jakob und Rakel Feldmann der rote Faden, der durch das Buch geleitet. Ihr Tod auf der Flucht nach Schweden ist kein Unfall, er ist Mord, ein Mord der nie gesühnt wird.
Je länger man diesen Erzählungen folgt, umso spannender und aufwühlender wird das Buch. Dass es gerade Ellen und ihre Familie ist, die durch die gleichen Fluchthelfer nach Schweden gerettet werden, die den Tod der Feldmanns auf dem Gewissen haben, ist so makaber wie der ganze Holocaust. Eine Aneinanderreihung von Zufällen, die gut oder böse ausgehen, wenn man die einzelnen Schicksale betrachtet. Und selbst wenn die Zufälle gut ausgehen, wie bei Ellen, so heißt das noch lange nicht, dass mehr als ihr nacktes Leben gerettet wurde. Das Erlebte bleibt so traumatisch, nicht nur für sie, für alle Überlebenden, dass ein normales Leben kaum möglich wurde. Die Traumata wirken nach bis in die Generationen der Kinder, Enkel, Urenkel. Zitat (S. 277) der Tochter eines ehemaligen KZ-Häftlings: „… die, die wir direkt nach dem Krieg geboren wurden, haben die Angst unserer Eltern mitgenommen. Das ist unser Erbe.“
Makaber sind auch die Auflistungen der Gegenstände, die aus jüdischen Haushalten gestohlen und versteigert wurden, es sind Parallelen zum Vorgehen der Nazis in Deutschland, Österreich und überall, wo ihnen Juden und deren Hab und Gut in die Hände fielen. Die Gier kannte keine Grenzen. Ebenso makaber ist die sogenannte Wiedergutmachung , die nach dem Krieg die wenigen überlebenden Juden zu Bittstellern machte, die am Ende ein Almosen von ihren Staaten bekamen oder gar nichts. Das lief in Norwegen genauso ab wie in Deutschland, ich besitze Akten von einem Verwandten, der eigentlich nur ausgelacht wurde ob seiner Forderungen nach Gerechtigkeit.
Interessant fand ich die Charaktere der Protagonisten. Alles bezieht sich ja immer auf real existierenden Vorbilder, aber der Autor ist natürlich ein subjektiv beobachtender Mensch, innerhalb seine Familienstruktur und innerhalb der gefundenen Details bei seinen Recherchen. So mutet zumindest die Beschreibung der ungeduldigen, zänkischen Frau Feldmann etwas übertrieben an. Vielleicht war sie so, vielleicht haben die, die sie beschrieben haben, ja auch nur ihre Unschuld zeigen wollen ob des Gezeters. Man weiß es nicht. Man weiß auch nicht, wie sehr Peder sich den Mord zu Herzen genommen hat, sein Mittäter jedenfalls scheint über moralische Skrupel erhaben gewesen zu sein. Wie muss sich da erst Peders Mutter gefühlt haben, in deren Stiefeln Frau Feldmann in den Tod ging. Und dann auch die Schilderung der Widerstandskämpfer, die tatsächlich selbstlos gehandelt haben, wie schwer muss es sein, im Nachhinein immer die Spreu vom Weizen zu trennen? Simon Stranger hat es sich nicht leichtgemacht mit diesem Buch!
Mir ist beim Lesen ein Wort immer wieder, eigentlich viel zu oft begegnet, die ständigen Wiederholungen sind vielleicht in Ermangelung passender Äquivalenzen zu verstehen. Flüchtende. Im Staatsrecht ist es so, dass die Bezeichnung Flüchtling, die mir persönlich oft viel leichter fällt, nur für diejenigen Personen gilt, die in einem anderen Land Asyl erhalten haben. Die sogenannte Genfer Flüchtlingskonvention hat das so festgelegt.
Fazit: Dem Leser bietet sich keine leichte, unterhaltsame Lektüre. Der schwierige und emotional bedrückende Gang durch das „Museum der Mörder und Lebensretter“ lohnt sich jedoch. Für den Widerstand gegen den seit dem 7. Oktober 2023 ständig anwachsenden, sich überall zeigenden Antisemitismus und Israelhass stärkt er den offenen Leser auf jeden Fall. Ich empfehle das Buch gern weiter. Gute vier Sterne.
Es ist schwierig, hier über die Geschichte zu schreiben, ohne nennenswerte Spoiler einzusetzen, denn der Verlagstext ist eigentlich schon die schönste Rezension, die mir einfallen könnte: "Wer temporeiche ...
Es ist schwierig, hier über die Geschichte zu schreiben, ohne nennenswerte Spoiler einzusetzen, denn der Verlagstext ist eigentlich schon die schönste Rezension, die mir einfallen könnte: "Wer temporeiche Hochspannung zum Miträtseln liebt, kommt an Ursula Poznanski nicht vorbei. In ihren Krimi-Bestsellern aus Wien geht es ebenso blutig wie geheimnisvoll zur Sache. Und wie die junge Ermittlerin Fina Plank sich in einem eingeschworenen Männer-Team Respekt verschafft, ist einfach nur ein großes Vergnügen."
Ich habe die ersten beiden Bände dieser Reihe nicht gelesen bzw. gehört, das werde ich nun nachholen, denn mir hat Fina Plank als Ermittlerin gut gefallen. Man kann "Teufels Tanz" auch gut hören oder lesen, ohne die ersten Bände zu kennen, und ich verspreche nicht zu viel, wenn ich gute Unterhaltung wünsche. Mir hat es Spaß gemacht, Julia Nachtmann zuzuhören.
Was ich noch anmerken muss: Das Cover ist sehr gut gelungen, ein absoluter Eye-Catcher.
Peggy Guggenheim, der Name verbindet sich bei mir mit den drei Sehnsuchtsorten New York, Venedig und Bilbao, mit den Guggenheim-Museen, mit der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts. Zuletzt gelesen habe ...
Peggy Guggenheim, der Name verbindet sich bei mir mit den drei Sehnsuchtsorten New York, Venedig und Bilbao, mit den Guggenheim-Museen, mit der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts. Zuletzt gelesen habe ich über sie bei Uwe Wittstock, der in „Marseille 1940“ ihre Flucht aus Frankreich vor den Nazis beschreibt und ihr Kennenlernen mit Max Ernst, ihrem späteren Ehemann. Beides wird in diesem Buch nicht thematisiert.
Die amerikanische Schriftstellerin Rebecca Godfrey hatte viele Jahre zu diesem Buch über Peggy Guggenheim recherchiert und es bereits zu rund zwei Dritteln fertiggestellt, als sie 2022 an Krebs starb. Leslie Jamison, ihre Freundin, und einige andere haben ihr Werk zu Ende geführt. Das ist sehr berührend, mit diesem Roman wurde Rebecca Godfreys Vermächtnis intellektuell und emotional erfüllt.
Der Roman ist in der Ich-Form geschrieben, Peggy erzählt ihre Geschichte. Aber im Gegensatz zur Autobiographie „Ich habe alles gelebt“ geht dieser Roman selektiv vor. Er ist in drei Teile gegliedert, zuerst Kindheit und Jugend, dann das Leben in Paris, die brutale Ehe mit Laurence Vail, der letzte Teil bezieht sich hauptsächlich auf ihre Beziehung zu Samuel Beckett und auf ihre Emanzipation als Galeristin. Das Buch endet 1958, Peggy lebt in Venedig und ist mit sich selbst im Reinen.
Mir hat besonders der erste Teil des Buches sehr gefallen, weil die Beschreibung eines Lebens im goldenen Käfig sehr authentisch und emotional ist. Der Verlust des Vaters, der beim Untergang der Titanic stirbt, ist ein Wendepunkt im Leben der Guggenheims. Peggy wird bis zum Schluss diesen Verlust beklagen. Dass es danach in ihrem Leben weitere Verluste geben wird, lässt sie irgendwann zu dem Schluss kommen „Ich war eine Überlebende.“ Um überleben zu können brauchte sie mehr als das ererbte Geld, wie sie es schaffte, das kann man im Roman beinahe tagebuchartig nachlesen. Ihr Leben lang wird sie damit hadern, dass möglicherweise gerade das Geld ihr die Männer, aber auch Frauen zu Füßen warf. Beinahe ist das ererbte Vermögen verbraucht, als ihre Mutter stirbt und dies ihr die Möglichkeit gibt, ihre erste Galerie in London im Januar 1938 zu eröffnen. Das ist bereits zu einer Zeit, in der Hitler über die deutschen Grenzen hinaus Furcht und Angst verbreitet. Und Juden beginnen zu begreifen, dass sie „einer fremden Rasse“ angehören, wie es bei der BBC übersetzt wird. Dass es nicht mehr lange dauerte bis zu einem Krieg und es tatsächlich auch in Frankreich gefährlich wurde, nicht nur für alle Menschen, besonders für die Juden, sondern auch für die Bilder, erzählt der kurze Rückblick im Epilog.
Peggy, die „Überlebende“, sagt an einer Stelle „Sentimentalität ist Selbstmord.“ Man möchte es ihr glauben, nur mit eisernem Willen und großer ideeller Vorstellungskraft kann einem so ein Lebenswerk gelingen. Rache, Ehre und Triumph, das könnte auch auf ihrem Grabstein stehen.
Ich bewundere diese Frau sehr, die am Ende mit ihren übergroßen, exzentrischen Sonnenbrillen endlich das schaffte, was keinem noch so teuren Chirurgen gelang: Kein Mensch interessierte sich noch für ihre „Kartoffelnase“. Genial. Außerdem hinterließ sie ein unendliches Kunstvermächtnis, das jeden Sammler in den Schatten stellt. Dass für sie nicht das Schrille, sondern das Feine und Zurückhaltende von besonderem Wert war, davon zeugt das sechzehnte Kapitel „Vogel im Raum“.
Ich habe mir nach der Lektüre ihre Autobiographie sowie den Dokumentarfilm „Peggy Guggenheim – ein Leben für die Kunst“ von 2018 gekauft. Über einige der Protagonisten im Roman gibt es ausführliche und interessante Beiträge im Internet. Auf diese Weise habe ich z. B. auch über die Anarchistin Emma Goldman gelesen, die von Peggy sehr unterstützt wurde. Bei Emma hatte ich dann auch endlich einmal das Gefühl, dass sie zu ihrer Gönnerin mehr als das Geld zog, die Freundschaft der beiden gehört zu den wundervollen Erfahrungen aus dem Roman.
Das Nachwort gibt einen Einblick in die mühevolle Arbeit, ein fremdes Buch zu vollenden. Die Danksagungen, die der Ehemann von Rebecca Godfrey, Herb Willson, und die Agentin Christy Fletcher schrieben, zeigen nicht nur die Mühe mit dem Buch, sondern auch die Leerstelle, die die Ehefrau, Mutter, Freundin und Kollegin hinterlässt.
Das farbige Cover gefällt mir sehr gut, es wird auf jedem Ladentisch auffallen. Mich erinnert es unweigerlich an die Künstler der Moderne, an Farben und Formen von Max Ernst oder Picasso. Genauso gut könnte es von ihrer Tochter Pegeen sein, die das Malen sehr liebte. Jenny Offills feministische Eloge auf dem Cover hätte ich nicht unbedingt benötigt, bei anderen englischen Buchausgaben (auch auf amazon.de) gibt es zusätzlich noch einen kurzen Text von Gary Shteyngart, den man mit „elegant, sinnlich und nachdenklich“ übersetzen könnte. Das entspricht schon eher meiner Empfindung für dieses Buch.
Zum Schluss: Ein wenig verwundert war ich über diesen Text im Impressum: „Alle Figuren in diesem Roman sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten zu realen Personen, lebend oder tot, sind rein zufällig.“ Diese Aussage stimmt nicht.
Fazit: Biografisch-fiktiver Roman über eine amerikanische Millionenerbin, die weit mehr zu Stande brachte, als nur das ererbte Geld wieder auszugeben. Peggy Guggenheim ist ein Freigeist im besten Sinne, eine bemerkenswerte Frau, mit einer noch bemerkenswerteren Lebensgeschichte. Gut lesbar, sehr zu empfehlen.
Die Autorin Valerie Jakob hat offenbar am Thema Familie und Trauma großen Gefallen gefunden. Schon mit „Mauersegler“ hatte sie tief in der Familiengeschichte ihrer Protagonisten und in der Zeitgeschichte ...
Die Autorin Valerie Jakob hat offenbar am Thema Familie und Trauma großen Gefallen gefunden. Schon mit „Mauersegler“ hatte sie tief in der Familiengeschichte ihrer Protagonisten und in der Zeitgeschichte ihren Roman zu einer fulminanten Entwicklung getrieben. Auch in „Frag nicht nach Agnes“ verbindet sie das Hier und Heute mit der tragischen Lebensgeschichte der Familien Steiner und Kleefeld.
Zuerst lernt der Leser Lilo Kleefeld kennen, Goldschmiedin von Beruf, lebt sie in Baden-Baden, und besucht ihre Mutter Monika zum Geburtstag. Es ist nicht klar, ob es der 60. ist, aber es könnte so sein. Es kommt bei diesem Zusammentreffen zu einem kleinen Eklat, Lilo lässt ihre frisch in Trennung lebende Mutter zum Feiern mit ihren Freundinnen zurück und nimmt einen Brief mit. Eigentlich soll dieser in den Briefkasten, aber Lilo zieht er magisch an. Der Name Frank Steiner deutet auf einen Verwandten ihrer Mutter hin und nur zu gern möchte sie endlich das wohl gehütete Familiengeheimnis lüften. Lilos Großmutter war eine verheiratete Steiner, soviel weiß Lilo. Aber sie kennt nicht einmal ihren Vornamen, auch vom Großvater weiß sie nichts. Lilos Mutter Monika war noch als Kleinkind in Pflege gegeben worden und hatte nie Kontakte zur leiblichen Familie. Das Schweigen darüber belastet das Verhältnis der Familie Kleefeld, die Spannungen haben auch zur Trennung der Mutter von Lilos Vater beigetragen. Nun versucht sie mit allen Mitteln, jenen Frank Steiner zum Reden zu bringen, um endlich Klarheit über ihre Vorfahren und die Familiengeschichte zu erlangen. Ganz so einfach geht es jedoch nicht.
Der zweite Erzählstrang führt zurück ins Jahr 1943, Agnes (so heißt Lilos Großmutter also) landet ausgebombt, ohne jede Familie und vollkommen mittellos in Rotweier bei Familie Steiner, die für Ausgebombte eine Unterkunft angeboten hatten. Der aus dem Ersten Weltkrieg kriegsversehrte Carl ist nicht das Familienoberhaupt, diese Stelle hat Frieda, seine Frau eingenommen. Der älteste Sohn ist gefallen, der jüngste Sohn Ernst, lebt mit im Haus. Dann ist da noch Walter, der „steht im Felde“. Agnes wird nach kurzer Eingewöhnungszeit zu einer Art preisgünstiger Hausangestellter. Sehr angenehm ist das nicht und bequem auch nicht, aber sie hat ein Dach überm Kopf und zu essen. Als sie bei einem Fronturlaub Walter kennenlernt, fleht dieser sie an, im Haus wohnen zu bleiben und sich um die Eltern zu kümmern, auch um Ernst. Kurze Zeit später wird sie per Brief einen Heiratsantrag bekommen. Ihr Leben und ihre weitere Entwicklung werden nach der schnell folgenden Hochzeit nie mehr frei und ungebunden sein.
Zwischen den Schilderungen aus Rotweier erfährt der Leser mehr und mehr von Lilos Leben, ihren Wünschen, Hoffnungen und ihrer Arbeitsstelle beim Goldschmied Falkner. Zeichnet sich zuerst eine hoffnungsvolle Karriere ab, muss sie nach und nach feststellen, dass ein neuer Mitarbeiter alles auf den Kopf stellen kann. Küster, ein Mann des Marketings, der schlangengleichen Anpassung und des inhaltsleeren Redens nimmt ihr binnen Kurzem jede Chance. Enttäuscht muss sie feststellen, dass ihre über Jahre erarbeitete Stellung in der kleinen Firma wohl dem Ende zugeht.
Lilo hat einen Freund, Felix, sie kennen sich schon seit der Schulzeit, dieser hilft ihr zumindest moralisch wieder auf die Beine und er unterstützt ihre frisch begonnene Spurensuche nach der Wahrheit in der alten Familiengeschichte. Denn der Ausspruch „Frag nicht nach Agnes“ hängt über allem, was geschieht. Diese Agnes so schuld sein an einer ganzen Familientragödie, natürlich auch am zerstörten Leben ihrer Mutter, und Lilo will endlich die Hintergründe dafür wissen.
Als Anfang der 1950er Jahre Walter aus der russischen Kriegsgefangenschaft entlassen wird, hat Agnes längst Arbeit gefunden. Ausgerechnet bei den französischen Besatzern. Die Bedingungen, unter denen verheiratete Frauen zu jener Zeit noch zu leiden hatten, zumindest im Westteil Deutschlands, spotten heute jeder Beschreibung. Der Ehemann war der absolute Herr und Herrscher. Wie sich die Geschichte zwischen Walter und Agnes weiterentwickelt, was zum Zerwürfnis führt und zu Monikas Entfernen aus der Familie, das muss jeder selbst lesen. Ich fand es einerseits interessant, über diese Zeit mehr zu erfahren, andererseits aber machte es mich auch traurig, welche Auswirkungen nicht nur der Krieg, sondern auch der Nachkrieg auf die „ganz normalen“ Leute hatte.
Die Arbeitsprobleme von Lilo haben mich hingegen nicht so sonderlich bewegt, kenne ich doch aus meinem früheren Berufsleben ausreichend Beispiele für solche wortgewaltigen und hohlen „Führungspersönlichkeiten“. Ich habe nicht nur einen davon schnell wieder gehen sehen, leider immer mit großen Abfindungen, damit man sie schnell wieder loswurde. Auch Lilos hehre Ansichten bezüglich der Herkunft von Gold und Edelsteinen und der Ausnutzung von Ressourcen wurden etwas überstrapaziert, mit der eigentlichen Geschichte hat das nur am Rande zu tun.
Die Auflösung der Rätsel um Agnes und Walter wurde etwas vereinfacht dargestellt, die Suche in den Bundes- und Landesarchiven ist wesentlich langwieriger und schwieriger als es im Buch dargestellt wird. Dass es teilweise aber auch schon beim Lesen der Dokumente eines sehr guten Spürsinns bedarf, das weiß ich aus Erfahrung. Alte Dokumente haben ihren besonderen Reiz, wenn man sie entschlüsselt hat. So auch in diesem Roman.
Mir hat der Roman trotz einiger Lägen gut gefallen, die Charakteristik der Protagonisten erschien mir manchmal etwas zu flach oder klischeehaft. Wirklich gefallen hat mir die Figur der Agnes, für sie konnte ich echte Sympathie und auch Empathie aufbringen. Lilo ist aus meiner Sicht zu eifrig dargestellt, Monika bleibt recht farblos, Frieda wünscht sich niemand als Schwiegermutter und Frank Steiner möchte man auch nicht unbedingt in der Familie wissen. Bleibt noch Ernst, der an der Tragödie offenbar zerbricht. Über Walter ist am Ende alles zu lesen. Dem greife ich nicht vor.
Das Cover passt gut zu Agnes! Die großzügige, klassische Typografie ist sehr angenehm.
Fazit: Leseempfehlung für alle, die sich für die deutsche Geschichte im Allgemeinen und für Traumabewältigung im Besonderen interessieren. Eine gute Idee, lebensnah umgesetzt. Gute 4 Sterne.