Die Züge sind das Ziel, nicht die Bahnhöfe
Bummelzug nach IstanbulFür die Reise nach Istanbul bedurfte es nur einer Parkbank in London, zweier guter Freunde und der genialen Idee, per Interrail-Pass (33 Länder-Flatrate!) – trotzdem oder obwohl die beiden nicht mehr ganz ...
Für die Reise nach Istanbul bedurfte es nur einer Parkbank in London, zweier guter Freunde und der genialen Idee, per Interrail-Pass (33 Länder-Flatrate!) – trotzdem oder obwohl die beiden nicht mehr ganz jung sind – auf die Reise zu gehen. Passend zum günstigen Interrail-Pass sollte bitteschön auch alles andere auf dem Weg möglichst günstig sein und das Gepäck möglichst tragbar. So gehen die beiden, Tom und Danny, auf den Spuren des berühmten Orientexpresses auf eine gut vierwöchige Reise. Danny wird Tom nur auf der Hälfte der Fahrt begleiten, dann muss er seiner Frau wieder bei der Erziehung dreier Kinder unter die Arme greifen. Tom hat diese Sorgen nicht und gibt sich ganz der Bahnfahrerei hin.
Tom Chesshyre beschreibt die Etappen und die Leute, die sie kennenlernen, er schaut aus dem Fenster und begibt sich nicht nur gedanklich vom Spätwinter in den Frühling. Streiks und andere Unannehmlichkeiten sind inklusive. Von Zeit zu Zeit werden Kirchen oder Sehenswürdigkeiten besichtigt, einen völlig ungeplanten, wunderbaren Ausflug nach Pompeij zum Beispiel hat Tom in Italien gemacht, als er schon allein reist.
Für mich waren insbesondere die Beschreibungen der Länder, ihrer Bewohner und Sitten interessant, die ich selbst entweder noch nie oder nur kurz oder vor langer Zeit einmal gesehen habe. In Ungarn, Rumänien und Bulgarien war ich noch nie, das war ein echtes (Lese)-Erlebnis.
Manchmal tat es mir leid, dass Tom so schnell die Züge wechselte und nicht für ein paar Stunden vor Ort blieb. Wie kann man bloß in Caserta umsteigen, ohne sich den größten Königspalast der Welt anzusehen? Wie kann man in Antwerpen anhalten, ohne den (meiner Meinung nach) schönsten Bahnhof der Welt zu bewundern? Nun, Tom erklärt es das eine oder andere Mal, er ist nicht auf Sightseeingtour, er ist auf einer Bahnreise mit Ziel Istanbul. Alles andere am Rande der Schienen nimmt er nur wahr, wenn es in den Fahrplan passt. In Istanbul hat er aber jedenfalls genug Zeit für Sightseeing eingeplant und hat mir ordentlich den Mund wässrig gemacht, dort war ich nämlich auch noch nicht.
Man erfährt im Laufe des Reisens eine Menge über die Geschichte, nicht nur der Eisenbahn, auch der Länder und Städte. Man erfährt viel über Pünktlichkeit, Sauberkeit und einige Merkwürdigkeiten in den Zügen, auf den Bahnhöfen, in den Orten, speziell in Bahnhofsvierteln. Die bieten sich für eine schnelle Übernachtung nicht weit vom Bahnhof natürlich an, besonders, wenn man immer seinen Rucksack dabeihaben muss. Und er lernt jede Menge bahnverrückte Leute kennen, mit denen sich Tom gern unterhält. Manchmal hätten die Erzählungen darüber etwas kürzer sein können, aber sie waren immer interessant und unterhaltsam.
Schade fand ich es, dass nur auf der Umschlaginnenseite ein paar Fotos abgedruckt wurden. Mir haben passend zum Text eingestreute Fotos etwas gefehlt, selbst Schwarz-Weiß-Fotos hätten mir sicher gefallen. Nur als Beispiele: die Brücke in Bratislava ist so ungewöhnlich, aber ob sie jeder Leser kennt? Und wer war schon mal in Waterloo im Musée Wellington?
Die jedem Kapitel vorangestellten Karten erleichtern die Orientierung, wenn man sich am Ende die Übersichtskarte auf dem inneren Cover hinten anschaut, dann staunt man wirklich ob der Geduld, die der Autor aufgebracht hat, für den langen Weg wie auch für das ausführliche Reise(tage)buch.
Einige Äußerungen fühlten sich für mich etwas belehrend an: Warum sollte der Regierungssitz in Budapest nicht gut bewacht werden in heutigen Zeiten? Warum der Hinweis auf die „postfaschistische“ italienische Ministerpräsidentin? Warum so explizit erwähnen, dass man gut daran tut, wie Greta aus Schweden per Bahn zu reisen?
Nicht alle Strecken ließen sich per Bahn bewältigen, so ging es per Bus, als Tramp und auf der Fähre trotzdem immer weiter und das brachte auch noch etwas Abwechslung in das Geratter der Schienen.
Ganz am Rande gibt Tom auch einige Lesetipps, einen aber werde ich ganz sicher nicht befolgen: Satres „Der Ekel“ hat mir hinlänglich in Toms Beschreibungen gereicht.
Tom Chesshyre hat vor einigen Jahren schon einmal mit einem „Slow Train“ eine Reise auf Schienen durch einen großen Teil Europas unternommen und ein Buch darüber geschrieben. Nach der Lektüre von „Bummelzug nach Istanbul“ werde ich auch dieses erste Buch noch lesen, besonders, weil er darin auch über Polen und die Ukraine – Jahre vor dem Ukrainekrieg –schreibt.
Fazit: Ein abwechslungsreiches Buch, eine Reise im Kopf von London nach Istanbul und zurück. Dass zum Ende hin das Interesses des Autors wie des Lesers vielleicht etwas nachlässt, ist verständlich. Nach Tausenden Kilometern auf Schienen darf man sich wirklich nach Hause sehnen.