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Veröffentlicht am 25.04.2025

Vielleicht ist Blut doch dicker als Wasser!

Das Haus der Goldmanns. Drei Generationen. Ein Haus. Ein großes Geheimnis.
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2023: Britta lebt im Prinzip in den Tag hinein, wenn das Geld knapp wird, sucht sie sich Arbeit. Als sie nun mit Anfang vierzig einmal mehr eine Gelegenheit ergreift und ins Immobiliengeschäft wechseln ...

2023: Britta lebt im Prinzip in den Tag hinein, wenn das Geld knapp wird, sucht sie sich Arbeit. Als sie nun mit Anfang vierzig einmal mehr eine Gelegenheit ergreift und ins Immobiliengeschäft wechseln will, macht ihr ausgerechnet ihre Mutter einen Strich durch die Rechnung. Da Britta die einzige Verwandte ist, muss sie notgedrungen von Hamburg nach München, um sich um eine adäquate Unterbringung für ihre Mutter zu kümmern. Dass sich das als wesentlich schwieriger erweist als zuerst angenommen, ist logisch. Britta hatte noch nie für jemanden Verantwortung übernehmen müssen. Plötzlich hat sie eine demente Mutter, Margit, mit der sie eigentlich nichts verbindet. Dass sie im Verlauf des Romans doch eine Bindung einstellt, stimmt hoffnungsvoll.
Die Autorin Claudia Kaufmann, vor allem durch ihre Arbeit bei Fernsehen bekannt, hat einen Drei-Generationen-Roman geschrieben, der nach und nach viele erschütternde Details ans Licht bringt. Einerseits erzählt sie die Geschichte von Brittas Großeltern Elisabeth und Karl und ihrer Mutter Margit, andererseits ist Britta als Ich-Erzählerin diejenige, die versucht, die losen Enden der Vergangenheit zusammenzuführen. Der Leser erfährt die ganze Geschichte, aber Britta wird bis zum Schluss warten müssen, ehe sich ihr die ganze Dramatik ihrer Familiengeschichte enthüllt.
Nationalsozialismus und Holocaust spielen eine bedeutende Rolle im Roman, der 1933 beginnt, aber auch den Krieg, die Nachkriegsjahre, die 68er und das Heute umfasst. Die Protagonisten werden realistisch und auch drastisch dargestellt. Ich fand es besonders interessant, Einblick in eine junge Familie (Elisabeth und Karl) zu gewinnen, die aus einfachsten Verhältnissen dank SA-Mitgliedschaft und „richtiger“ Gesinnung zu angesehenem Kleinbürgertum aufsteigen kann. Und welcher Preis dafür zu zahlen war.
Das Buch ist durch seine häufigen Perspektivwechsel interessant aufgebaut, man legt es tatsächlich ungern aus der Hand. Die angenehme Sprache und die fesselnde Geschichte haben mir gut gefallen. Es ist ein fiktiver Roman, der in einer sehr realen Zeit spielt und auch heutige Probleme – in diesem Fall die Demenz und ihre Auswirkungen nicht nur auf den Erkrankten, sondern auch auf das ganze Umfeld – nachvollziehbar macht. Inklusive: ein Blick hinter die Kulissen der Pflegeeinrichtung.
Wäre es nach mir gegangen, dann hätte dieser Roman auch über Karl, Elisabeths Ehemann, noch etwas mehr berichtet, oder über die Zeit, die Margit aus München evakuiert bei fremden Menschen aufwachsen musste. Auch ein Kapitel über die Goldmanns und ihr Schicksal hätte ich gern gelesen. Und zu guter Letzt wären auch die Zukunftspläne von Britta noch eines längeren Kapitels würdig, an dieser Stelle endete mir das Buch etwas zu abrupt.
Ich persönlich habe mit vielen Problemen, die im Buch angesprochen wurden, direkt oder indirekt Kontakt gehabt, sei es der Holocaust und seine Auswirkungen bis heute, sei es der Nationalsozialismus, das ausgegrenzt sein meiner Mutter, die Nachwirkungen 10jähriger Haft meines Vaters in Hitlers Zuchthäusern, sein Alkoholismus, Erkrankung und Tod meiner Mutter, Beziehungsprobleme zu meinen Töchtern und Enkeln, es gibt viele Dinge, an die mich das Buch unweigerlich erinnert hat und die bei der Rezeption von Literatur bei mir immer eine prägende Rolle spielen. Deshalb bin ich aber auch dankbar für diese Art von Romanen, die in der Lage sind, ein ganzes Panorama an Tragödien und Gefühlen zwischen zwei Buchdeckel zu bekommen. Es lässt dann auch einmal einen Perspektivwechsel bei Betrachtung der eigenen Probleme zu.
Fazit: ein interessanter Roman über drei Generationen, die in ihrer Zeit bestehen und widerstehen und es doch nicht immer schaffen, für sich die Liebe und den Erfolg zu erreichen, den sie sich wünschten. Lesenswert und von mir eine gute Empfehlung.

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Hochinteressant, aber zu detailreich

Die Verschwundenen von Londres 38
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„Zur Zeit des Putsches war ich ein Teenager und wusste wenig über Pinochet. In den folgenden Jahren besuchte ich Chile nicht, und die Chilenen, die ich kennenlernte, waren hauptsächlich Jurastudenten, ...

„Zur Zeit des Putsches war ich ein Teenager und wusste wenig über Pinochet. In den folgenden Jahren besuchte ich Chile nicht, und die Chilenen, die ich kennenlernte, waren hauptsächlich Jurastudenten, die meine Vorlesungen hörten, oder Akademiker, die im europäischen Exil lebten.“ Das schreibt Philippe Sands im ersten Kapitel „London, Oktober 1998“. Ich hatte zur Zeit des Putsches in Chile gerade mein zweites Lehrjahr begonnen und ein guter Freund, ein chilenischer Student, der kurz davor zurück in die Heimat musste, verschwand für immer ohne jede Spur. Chile und die dortigen politischen Ereignisse interessierten mich seither. Dass Südamerika, einschließlich Chile, ein Zufluchtsort für deutsche Nazis und Kriegsverbrecher wurde, interessierte mich ebenso. Meine Familie hat während der Nazizeit unter Verfolgung gelitten und rund 120 jüdische Verwandte, auch mein Großvater, wurden er ermordet. Der Untertitel des Buches „Über Pinochet in England und einen Nazi in Patagonien“ traf sofort meinen Nerv. Ich bin tatsächlich ein Verehrer von Philippe Sands, „Rückkehr nach Lemberg“ und „Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht“ habe ich mit Begeisterung gelesen. Ich liebe auch die Sprache (bzw. die Übersetzung) von Philippe Sands, der weder gendert noch „geschlechtergerechte“ Ausdrücke und unnötige Doppelnennungen verwendet. So war „Die Verschwundenen von Londres 38“ direkt in meinen Fokus gerückt. Ein Buch, dass ich unbedingt lesen wollte.
Sands nähert sich der Thematik von mehreren Seiten. Und er schreibt „Durch meine Arbeit an internationalen Streitfällen habe ich gelernt, dass man durch den Besuch eines Ortes ein besseres Gespür für dessen Geographie und seine Durchdringung mit Geschichte entwickeln kann, als Worte allein es einem vermitteln können.“ Ich weiß nicht, ob es noch andere Schriftsteller gibt, die derart tief eindringen in die Materie von Menschenrechten, Völkermorden, Strafverfolgung der Täter, Aufarbeitung dieser speziellen Geschichtsthemen. Mit seinen Besuchen vor Ort und mit seinen Interviews bekommen seine Bücher neben den unumstößlichen Fakten eine sehr persönliche und empathische Seite.
Um wen oder was genau geht es in diesem über 500 Seiten starken Buch? Um den deutschen Naziverbrecher Walter Rauff und den chilenischen Diktator Augusto Pinochet, deren Wege sich in Chile kreuzten. Um Schuld und Sühne, um lebenslanges Suchen nach Tätern, die sich der Justiz entziehen, sich häuten wie die Schlangen und im Unterholz verschwinden. Detail- und kenntnisreich berichtete Sands über seine Recherchen und verknüpfte alles zu gut lesbarem Text. Mit diesem Buch über Londres 38 hat er aus meiner Sicht aber zu viel des Guten gewollt und geschrieben. Aus Detailreichtum wurde ausufernde Detailverliebtheit. Name reiht sich an Namen, Orte an Orte, Fußnoten an Fußnoten. Mir fiel es teilweise schwer, dieser Fülle an Informationen aufmerksam zu folgen.
Pinochet entgeht schlussendlich der Justiz, Rauff bleibt für den Rest seines Lebens ein (fast unbescholtener) Einwohner Chiles. Ihre Verbindungen in den 1970er Jahren und ihre kalte Machtausübung und Mordlust werden im Buch ebenso wie die Verbindungen zu DINA (Chiles „Gestapo“ während Pinochets Diktatur) und auch zum BND ausführlich dargestellt.
Fazit: Ein wichtiges und hochinteressantes Buch, dass mich vom Stil eher an eine wissenschaftliche Dissertation erinnerte. Und wie so oft die Erkenntnis: Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen. Das gute Beispiel der Nürnberger Gesetze hilft nur bedingt.
4 Sterne

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Veröffentlicht am 21.04.2025

Thomas Mann macht es sich und anderen nie leicht

Thomas Mann macht Ferien
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Wenn Familie Mann in den Urlaub aufbricht, wirkt es wie ein Umzug auf einen fernen Kontinent. Die Hauptlast der Organisation und des Zusammenhaltens von Kind und Kegel und Hund obliegt Katja, geborene ...

Wenn Familie Mann in den Urlaub aufbricht, wirkt es wie ein Umzug auf einen fernen Kontinent. Die Hauptlast der Organisation und des Zusammenhaltens von Kind und Kegel und Hund obliegt Katja, geborene Pringsheim, seine Ehefrau und Vertrauten. Während ein Schriftsteller sich zurückziehen kann, um über „Herr und Hund“ zu schreiben, muss die Ehefrau zusehen, dass möglichst alle satt und zufrieden werden in diesem letzten Kriegssommer, im Jahr 1918. Dass bei der Rückkehr nach Wien kaum noch etwas so bleibt, wie es war, ahnt man zwar, aber in der Idylle von See und Bergen denkt man doch gerne etwas anderes.
Dass es sogar zwischen den Eheleuten vertraute und einsame Momente gibt, die sich in der Stadt so kaum finden lassen, erstaunt eigentlich nicht. Jeder Mensch hat einmal das Bedürfnis nach Liebe und Nähe, abendlichen Bootsfahrten und nächtlichem Tête-à-tête. So kommt es dass sich im Laufe des Sommers der Vater und sein jüngstes Kind, die kleine Elisabeth, sehr nahekommen und dass das sechste Kind eher ungeplant auch noch Einzug halten wird in die wilde Geschwisterschar. Am 21. April 1919 wird es als Michael Thomas Mann geboren, aber da ist das Buch von Kerstin Holzer längst beendet.
In die Sommerfrische kommt natürlich auch der eine oder andere Besuch, wirklich witzig ist das Erscheinen der Pringsheims, ihres Zeichens die Schwiegereltern des großen Schriftstellers, die mit etwas Abstand zur Villa Defregger Quartier nehmen. Obwohl so gar nicht politisch auf einer Linie, verträgt man sich und die Oma ist eine bevorzugte und begnadete Vorleserin für die größeren Kinder. Der Opa (nicht so vordergründig) auch derjenige, der die finanziellen Spielräume des Ehepaars Mann und ihrer Kinder erheblich vergrößert. Auch Thomas Manns Freund, der Germanist Ernst Bertram, erscheint zu gegebener Zeit, als endlich für ihn ein Zimmer gefunden ist und macht mit Thomas Mann wohl recht philosophische Spaziergänge.
Kerstin Holzer hat unheimlich viele Details über diesen Sommer, über Manns geistiges Umfeld und alles, was mit seinem Werk zusammenhängt, erkundet. Mir war es fast zu viel des Guten, manchmal hätte ich mich lieber mehr auf die Familie oder das Schaffen von Mann konzentriert. Der Stil und Ton dieses Buches macht Thomas Mann alle Ehre, passt sich ihm wie ein leichter Sommermantel fließend an.
Fazit: Wer immer mal wieder etwas Neues und noch nicht so sehr Bekanntes über den großen Dichter lesen möchte und wissen, wie er sich fühlt, wenn er auf einen etwas höheren Berggipfel steigt, um in die Zukunft seines Zauberbergs zu schauen, der ist hier richtig. Und wird sich bestimmt auch gut unterhalten fühlen. So wie ich.

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Veröffentlicht am 17.04.2025

Harte und weiche Worte gegen das Vergessen

Aus dem Jerusalem des Nordens
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Vilnius wird in jüdischen Quellen als „Litauisches Jerusalem“ bezeichnet. In dieser Anthologie scheint bei jedem Gedicht die Geschichte und Tradition der Juden des Nordens durch. Und der Verlust an Menschen, ...

Vilnius wird in jüdischen Quellen als „Litauisches Jerusalem“ bezeichnet. In dieser Anthologie scheint bei jedem Gedicht die Geschichte und Tradition der Juden des Nordens durch. Und der Verlust an Menschen, an Synagogen, an Leben, an Büchern, an Erinnerungen. Was nicht der Hitlerfaschismus vernichtet hatte, das vernichtete die Sowjetmacht. Die zeitgenössischen Dichter Litauens gehören zu jenen, die die Erinnerungen bewahren wollen. „… doch wo seid ihr denn? JUDEN!!“ sind die letzten Worte des Gedichts „Der Schrei“ von Kęstutis Navakas. Diese Zeile steht für das ganze Buch.
Die Gedichte lesen sich jedoch meist nicht leicht und lyrisch, es sind oftmals Sätze, die wie Prosatexte mit willkürlichen Zeilenumbrüchen wirken. Der Stil ist teilweise stakkatoartig und abgehackt. Mir fiel es schwer, mich besonders in die längeren Gedichte hineinzudenken. Aber das ist sicher auch eine Frage der Gewöhnung und der Gewohnheit, da ich sonst sehr selten Gedichte lese.
Alle Gedichte sind aus dem Litauischen ins Deutsche und Hebräische übersetzt, alle drei Sprachvarianten sind abgedruckt. Da ich weder Litauisch noch Hebräisch lesen kann, fand ich es etwas schwierig, denn es musste ja immer weitergeblättert werden, um zum nächsten deutschen Gedicht zu gelangen. Das mag für Sprachgenies und -wissenschaftler ja interessant sein, ich fand es nicht hilfreich. In diesem Zusammenhang frage ich mich natürlich auch, warum die beiden Nachworte und die Lebensläufe der 22 Dichter nicht auch dreisprachig verfasst wurden. Nur dann wäre das Buch für jüdische Leser, die nur oder bevorzugt Hebräisch lesen, eine Bereicherung, wie es für Litauer sicher auch zuträfe, wenn sie das Buch kaufen und nicht Deutsch können. Wirklich genial wäre es, wenn alles zusätzlich in Englisch wäre, dann könnte das Buch weltweit verkauft werden.
Die Nachworte vom Dichter Mindaugas Kvietkauskas (von dem das Gedicht „Rosch Haschana“ im Band veröffentlich ist) und von der Herausgeberin Indrė Valantinaitė haben mir tiefe Einblicke in die literarische Arbeit und das Selbstverständnis der litauischen Dichter gegeben. Valantinaitė schreibt fast zum Schluss „Die Liebe und das Leben tragen immer dort den Sieg davon, Menschen sich mutig der Wahrheit öffnen.“
Das wunderschöne Cover verleiht dem Buch zusätzlich noch einen ganz besonderen Reiz.
Fazit: eine interessante Zusammenstellung von litauischen Gedichten, die die Tragödie der Juden des Nordens zum Thema nehmen.

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Veröffentlicht am 08.04.2025

Kein Roman im Sinne von Lesen und sich Wohlfühlen

Museum der Mörder und Lebensretter
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Ich habe vor einigen Jahren das Hörbuch von Simon Stranger „Vergesst unsere Namen nicht“ gehört und es hat mich sehr beeindruckt, auch wenn mir der Stil nicht ganz so gut gefiel. Norwegen und seine Geschichte ...

Ich habe vor einigen Jahren das Hörbuch von Simon Stranger „Vergesst unsere Namen nicht“ gehört und es hat mich sehr beeindruckt, auch wenn mir der Stil nicht ganz so gut gefiel. Norwegen und seine Geschichte im Nationalsozialismus und in Verbindung zum Holocaust ist mir durch das Hörbuch aber schon damals etwas nähergekommen. Nun habe ich bei ttt den Bericht über das neue Buch von Stranger gesehen und war sofort Feuer und Flamme, bestellte und las in kurzer Zeit das ganze Buch.
Zuerst war ich wieder irritiert vom Schreibstil, von den hin- und herspringenden Gedanken, von verschiedenen Familien, von unglaublichen Schicksalen, von Erinnerungsstücken und Dokumenten. Dass das Buch den Genretitel Roman trägt, kann ich nicht so ganz verstehen, für mich kommt es einem Geschichte und Geschichten erzählenden Sachbuch näher.
Die Grundidee von Stranger ist der Besuch des imaginären „Museums der Mörder und Lebensretter“, er führt den Leser vom Foyer über 12 Säle bis zum Ausgang. Er führt durch Geschichte seiner Familie und Familienangehörigen, die er an Ellen, die Großmutter seiner Ehefrau Rikke, adressiert. Das Leben von Ellens Familie vor der Besetzung Norwegens durch die Nazis ist vergleichbar mit dem Leben gutbürgerlicher jüdischer Familien in Deutschland vor 1933. Der Vater besitzt eine Tabakfabrik und Ellen, ihre Zwillingsschwester Grete und zwei weitere Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Welt in Stücke bricht. Schritt für Schritt begleitet der Leser die Familie bis in die Emigration nach Schweden und wieder zurück.
Parallel dazu erfährt man vom Großvater des Autors, der als Druckereibesitzer während der deutschen Besatzung schmutzigste Nazipropaganda für die deutschen und norwegischen Nazis druckt. Auszüge aus diesen Pamphlets lassen einem das Blut in den Adern stocken, besonders, wenn man selbst jüdische Vorfahren hat, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Einen Großvater zu haben, der die Nazis durch seine Arbeit unterstützte, ist auch kein leichtes Erbe. Ohne die Nachforschungen des Autors wären diese Details seiner Familiengeschichte aber wohl auch im Dunklen geblieben.
Stranger reiht Ausstellungsstück an Ausstellungsstück, Fotografie an Fotografie, die Säle sind angefüllt mit Erinnerungsdetails, die er durch mühevolle Recherchen zusammengetragen hat und beschreibt, einige auch als Illustrationen zeigt. Ursprünglich hat er die Inspiration zum Buch wohl einem Podcast zu verdanken, der verschüttete Wahrheiten ans Licht brachte. Und so ist das tragische Schicksal der nicht mit Stranger verwandten Eheleute Jakob und Rakel Feldmann der rote Faden, der durch das Buch geleitet. Ihr Tod auf der Flucht nach Schweden ist kein Unfall, er ist Mord, ein Mord der nie gesühnt wird.
Je länger man diesen Erzählungen folgt, umso spannender und aufwühlender wird das Buch. Dass es gerade Ellen und ihre Familie ist, die durch die gleichen Fluchthelfer nach Schweden gerettet werden, die den Tod der Feldmanns auf dem Gewissen haben, ist so makaber wie der ganze Holocaust. Eine Aneinanderreihung von Zufällen, die gut oder böse ausgehen, wenn man die einzelnen Schicksale betrachtet. Und selbst wenn die Zufälle gut ausgehen, wie bei Ellen, so heißt das noch lange nicht, dass mehr als ihr nacktes Leben gerettet wurde. Das Erlebte bleibt so traumatisch, nicht nur für sie, für alle Überlebenden, dass ein normales Leben kaum möglich wurde. Die Traumata wirken nach bis in die Generationen der Kinder, Enkel, Urenkel. Zitat (S. 277) der Tochter eines ehemaligen KZ-Häftlings: „… die, die wir direkt nach dem Krieg geboren wurden, haben die Angst unserer Eltern mitgenommen. Das ist unser Erbe.“
Makaber sind auch die Auflistungen der Gegenstände, die aus jüdischen Haushalten gestohlen und versteigert wurden, es sind Parallelen zum Vorgehen der Nazis in Deutschland, Österreich und überall, wo ihnen Juden und deren Hab und Gut in die Hände fielen. Die Gier kannte keine Grenzen. Ebenso makaber ist die sogenannte Wiedergutmachung , die nach dem Krieg die wenigen überlebenden Juden zu Bittstellern machte, die am Ende ein Almosen von ihren Staaten bekamen oder gar nichts. Das lief in Norwegen genauso ab wie in Deutschland, ich besitze Akten von einem Verwandten, der eigentlich nur ausgelacht wurde ob seiner Forderungen nach Gerechtigkeit.
Interessant fand ich die Charaktere der Protagonisten. Alles bezieht sich ja immer auf real existierenden Vorbilder, aber der Autor ist natürlich ein subjektiv beobachtender Mensch, innerhalb seine Familienstruktur und innerhalb der gefundenen Details bei seinen Recherchen. So mutet zumindest die Beschreibung der ungeduldigen, zänkischen Frau Feldmann etwas übertrieben an. Vielleicht war sie so, vielleicht haben die, die sie beschrieben haben, ja auch nur ihre Unschuld zeigen wollen ob des Gezeters. Man weiß es nicht. Man weiß auch nicht, wie sehr Peder sich den Mord zu Herzen genommen hat, sein Mittäter jedenfalls scheint über moralische Skrupel erhaben gewesen zu sein. Wie muss sich da erst Peders Mutter gefühlt haben, in deren Stiefeln Frau Feldmann in den Tod ging. Und dann auch die Schilderung der Widerstandskämpfer, die tatsächlich selbstlos gehandelt haben, wie schwer muss es sein, im Nachhinein immer die Spreu vom Weizen zu trennen? Simon Stranger hat es sich nicht leichtgemacht mit diesem Buch!
Mir ist beim Lesen ein Wort immer wieder, eigentlich viel zu oft begegnet, die ständigen Wiederholungen sind vielleicht in Ermangelung passender Äquivalenzen zu verstehen. Flüchtende. Im Staatsrecht ist es so, dass die Bezeichnung Flüchtling, die mir persönlich oft viel leichter fällt, nur für diejenigen Personen gilt, die in einem anderen Land Asyl erhalten haben. Die sogenannte Genfer Flüchtlingskonvention hat das so festgelegt.
Fazit: Dem Leser bietet sich keine leichte, unterhaltsame Lektüre. Der schwierige und emotional bedrückende Gang durch das „Museum der Mörder und Lebensretter“ lohnt sich jedoch. Für den Widerstand gegen den seit dem 7. Oktober 2023 ständig anwachsenden, sich überall zeigenden Antisemitismus und Israelhass stärkt er den offenen Leser auf jeden Fall. Ich empfehle das Buch gern weiter. Gute vier Sterne.

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