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Veröffentlicht am 02.04.2025

Bildreich und mitreißend

Die Frauen hinter der Tür
1

Nicola hat ihr Tee besorgt. Sie trinkt ihn selten, bereitet ihn aber zu. Besser eine Tasse als ein Glas in der Hand. Obwohl, früher hätte sie ihren Gin oder Wodka auch aus dem Kohleeimer gesoffen. Es waren ...

Nicola hat ihr Tee besorgt. Sie trinkt ihn selten, bereitet ihn aber zu. Besser eine Tasse als ein Glas in der Hand. Obwohl, früher hätte sie ihren Gin oder Wodka auch aus dem Kohleeimer gesoffen. Es waren nicht immer Gläser zu finden, aber das hat sie nicht abgehalten. Nicola ist ihre Göttin, wie sie geht, sich kleidet, der Welt entgegentritt. Nicola hat als Älteste der vier Geschwister viel miterlebt, was zwischen ihrer Mutter und dem Vater passierte, mehr als ein Kind sehen sollte. Ihre Mutter Paula war mit einem Dieb verheiratet und brauchte jahrelang, um ihre Identität zurückzuholen.

Als Leo Varadkar vor einem Jahr das Land in den Lockdown führte, hatte Paula sich das erste Mal bereit gefühlt, fähig dazu. Vorbereitet. Den anderen einen Schritt voraus. Ihr ganzes Leben bestand seit Jahren aus Einschränkungen. Wie lange blieb sie, wenn sie sich mit anderen traf? Was trank sie, während die anderen Alkohol tranken?

Nicola war dabei, als Paula ihrem Vater die Bratpfanne überzog und ihn aus dem Haus jagte. Sie hatte immer wieder versucht zu gehen, mal mit und mal ohne die Kinder, es aber nie geschafft. An dem Tag, als Nicola vor ihrer Tür steht und ihr sagt, dass sie nicht zurück zu Tony und den Kindern geht, nie mehr, versteht Paula gar nichts mehr.

„Hat er dich geschlagen?“ „Nein, Mum“

„Hat er die Kinder schlecht behandelt?“ „Nein“

„Willst du darüber sprechen, Süße?“ „Nein“

Es ist das Muster, das in mich gepflanzt ist. „Der arme Mann, armer Tony, ganz allein mit den Kindern“. „Der arme Charlo“. Selbst nachdem er mich fast totgeprügelt hatte, dachte ich, dass ich das wohl verdient haben musste, dass es an mir lag.

Fazit: Roddy Doyle hat eine Geschichte über häusliche Gewalt geschaffen, die mich in ihren Bann geschlagen hat. Die Erzählstimme ist ruhig, es brodelt eher unter der Oberfläche. Nach und nach zeigen sich, in den Dialogen zwischen der Protagonistin und ihrer Tochter, die grausamen Einzelheiten. Die Gespräche sind so authentisch, dass ich quasi mit den beiden Frauen in Paulas Küche sitze und gebannt zuhöre. Wirklich gut herausgearbeitet hat der Autor Paulas Schuldgefühle, die ganze bittere Scham, weil sie den Kindern wahlweise zu sehen gab, wie sie schwerst misshandelt wurde oder komatös besoffen auf dem Sofa lag. Die Tochter liebt und hasst ihre Mutter. Beide spielten ihre Rollen des Frauenbildes, das sie interniert haben. Die Tochter hatte gelernt, stark sein zu müssen, sich zu kümmern, nichts abzugeben und sich mit dem Schein derer, die alles im Griff haben, zu umgeben. Die Mutter hatte gelernt, dass sie für alles verantwortlich ist, hat alle Schuld auf sich genommen und sich in Selbsthass gesuhlt. (Hervorragend dargestellt durch Paulas innere Dialoge) Als die Tochter dann alles hinschmeißt, konkurriert die Mutter mit ihr, bevormundet sie und fühlt sich in der Rolle der selbstgerechten Märtyrerin wohl. Es knallt zwischen den unterschiedlichen Frauen und wird so schmerzhaft ehrlich und verbindend, dass am Ende der Raum, in dem ich sitze, heller wirkt und die Luft sauberer riecht. Das war so echt und bildreich und einfühlsam und mitreißend und und und. Großes Kino!

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Veröffentlicht am 01.04.2025

Zeiten des Eisernen Vorhangs

370m über NN
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Hana und Frederik sind seit vier Jahren ein Paar. Sie unterhalten ein Hostel in Holland, das ganz gut läuft. Hana ist Frederik schon seit einer Weile mit ihren Familiengeschichten auf die Nerven gegangen. ...

Hana und Frederik sind seit vier Jahren ein Paar. Sie unterhalten ein Hostel in Holland, das ganz gut läuft. Hana ist Frederik schon seit einer Weile mit ihren Familiengeschichten auf die Nerven gegangen. Jetzt ist er sie für die nächsten vier Wochen los. Sie ist auf dem Weg in ihr Heimatdorf, um Fragen zu klären, die sich ihr aufdrängen. Als erstes besucht sie ihren Vater, bei dem sie auch wohnen wird. Er war gerade erst an der Hüfte operiert worden.

Sie erkennt die Siedlung nicht wieder. Die grauen zehnstöckigen Plattenbauten sind Fassaden in gelb-grün-blauen Pastelltönen gewichen. In seiner Wohnung angekommen, hat sich allerdings gar nichts verändert. Der selbe abgestoßene Schuhschrank im Flur, die verblichenen Vorhänge im Wohnzimmer, die sie noch mit ihrer Mutter aufgehängt hat. Beim Abendessen spricht sie ihren Vater auf Honza an, den dritten auf ihrer Liste, den sie treffen will. Der Vater sitzt da wie versteinert. Er braucht eine Weile, bis er sie wissen lässt, dass er darüber auf keinen Fall reden wird.

Als erste trifft sie Milada, die sich freut, sie nach fünfzehn Jahren wiederzusehen. Milada redet ohne Unterlass und leiht ihr am Ende ihr Auto. Hana fährt zum alten Friedhof, ganz in der Nähe ihres Dorfes. Die zwei Kühltürme thronen über der Landschaft und strahlen Präsenz aus. Der Staudamm hat das Haus ihrer Familie verschluckt, ebenso die Schule, an der sie nach dem Referendariat unterrichten wollte und die Mühle. Auf dem Rückweg zum Auto trifft sie auf Konopka, der sie mit unverhohlener Feindlichkeit übergießt. Sie solle verschwinden, weil sie seinen Sohn an der Nase herumgeführt habe, nie in der Kirche war und sich Gott weiß wo herumgetrieben habe.

Fazit: Jirí Hájícek hat eine Geschichte erzählt, die tief in die sozialistische Vergangenheit der Tschechoslowakei blickt. Er verhandelt das Thema Verlust und Entwurzelung. Er spricht die Zwangsumsiedelung in den 50er-Jahren an und zeigt die daran zerbrochenen Menschen. Wie schwer die Männer darunter litten, verbitterten und diese Verbitterung auf die Söhne übertrugen. Der Autor zeigt, wie ganze Dörfer kurz nach der Tschernobyl-Katastrophe dem Bau eines Atomkraftwerkes weichen mussten. Die Demonstrationen, die weitergingen, als der Eiserne Vorhang schon gefallen war. Politiker versprachen, was sie nicht halten konnten. Im Vordergrund steht die Protagonistin und ihre Familie. Ihr wortkarger Vater, der nicht der Vater ihres Bruders ist und den Stiefsohn deutlich heftiger behandelt als die Tochter. Während die Eltern den Umzug in den Plattenbau hinnehmen und der Sohn längst verschwunden ist, kämpft die Tochter erbittert bis zum Schluss, ähnlich wie Don Quichotte gegen die Windmühlen. Eine fein ziselierte, aufwühlende Familiengeschichte, die mich in die Zeit des Kalten Krieges und der atomaren Aufrüstung entführt hat.

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Veröffentlicht am 31.03.2025

Starke wütende Heldin

Fischtage
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Seit Ella dreizehn ist, hat sie diese Wutanfälle. Es überkommt sie zügig. Ein falsches Wort an der richtigen Stelle, ein so tun als ob, ein Versprechen, das nicht gehalten wird, verbrennt ihr die Magenwände, ...

Seit Ella dreizehn ist, hat sie diese Wutanfälle. Es überkommt sie zügig. Ein falsches Wort an der richtigen Stelle, ein so tun als ob, ein Versprechen, das nicht gehalten wird, verbrennt ihr die Magenwände, dann die Speiseröhre und kriecht ihr die Wirbelsäule hoch, bis ihr der Kopf platzt. Sie hat damit schon viele Freunde vergrault, deswegen lässt sie das mit der Nähe und dem Vertrauen jetzt.

Mit dreizehn hat Mama mich noch jedes Mal festgehalten, mit vierzehn hat sie versucht, mit mir darüber zu reden, mit fünfzehn hat sie mich aufgegeben. S. 11

Der Einzige, dem sie alles erzählen konnte, der wirklich zugehört hat, ist der olle Eckard, aber der driftet jetzt zielstrebig in die Vergesslichkeit und immer öfter erkennt er sie nicht mehr. Normalerweise hilft Rennen, das verhindert, dass sie den Menschen Ziegelsteine ins Gesicht wirft. Allerdings ist sie besoffen von einem Karussell geflogen und hat sich mehrmals das linke Bein gebrochen. Deswegen brüllt sie einfach, wenn es sie überkommt, aber danach hasst sie sich dafür.

Die Eltern haben sie in Therapie geschickt, seitdem kann sie dienstags und donnerstags nachmittags nicht mehr mit Kotsche abhängen. Jeden Mittwoch besucht sie den coolen ollen Eckard. Der Vater ihres Vaters ist früh gestorben und der Vater ihrer Mutter ist ein Vollzeitarschloch, das in Düsseldorf-Oberkassel sitzt und sich einen Scheiß für sie interessiert. Ihre Eltern sind zwei f****** Junkies aus der Kunstszene, die knallen Acid, Pilze, Koks, Gras und MDMA. Und jetzt ist ihr jüngerer Bruder spurlos verschwunden.

Fazit: Charlotte Brandi hat in ihrem Debüt eine temporeiche Coming -of- Age Story geschaffen und ich muss sagen Story“Telling“ kann sie absolut. Ihre sechzehnjährige Protagonistin wächst mit ihren zwei Geschwistern in einem Elternhaus auf, in dem es ihr an nichts fehlt, außer an echter Zuneigung und Wertschätzung. Von ihrer hormonellen Explosionsfähigkeit abgesehen, lebt sie in einer Familie, in der sich jeder selbst der Nächste ist. Die Eltern, je nach Stand der Dröhnung, die sie intus haben, sind auf Kante genäht und entsprechend reizbar. Der Bruder, dem sie sich noch am nächsten fühlt, ist plötzlich augenscheinlich abgehauen und die weitere Entwicklung der Geschichte lässt das Schlimmste befürchten vor den Kulissen des Dortmunder Underground. Die Stimmfarbe ist bockig, explosiv, stinksauer und so mutig. Ich liebe diese neuen Geschichten, in denen Mädchen oder junge Frauen so authentisch dargestellt werden wie sie sind und nicht wie die vernünftigen Püppchen der letzten vierzig Jahre. Die Autorin hat mich mitgenommen auf einen Trip mit einer starken Heldin, die ich gerne in echt kennengelernt hätte. Das war geil.

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Veröffentlicht am 28.03.2025

Sehr anschaulich erzählt

Zehn Bilder einer Liebe
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David

David hat Luisa nach vielen Jahren wiedergesehen und sich im Gegensatz zu ihr an sie erinnert. Damals war er mit seinen Eltern auf Milos gewesen und hatte ihr beim Tanzen zugesehen, er war neunzehn. ...

David

David hat Luisa nach vielen Jahren wiedergesehen und sich im Gegensatz zu ihr an sie erinnert. Damals war er mit seinen Eltern auf Milos gewesen und hatte ihr beim Tanzen zugesehen, er war neunzehn. Jetzt war sie in der Halle aufgetaucht, in denen er mit zwei Freunden Schiffe restauriert. Er kann kaum glauben, dass sie eine zehnjährige Tochter hat.

Der Plastikbecher mit seinem Sperma war nicht richtig verschlossen. Die Probe hat sich unter seiner Jeans verbreitet und ist wertlos. Im Aufzug der Kinderwunschklinik vor ihm stehen zwei Frauen Hand in Hand, verträumt lächelnd. Bei ihnen scheint es geklappt zu haben. Zuerst konnte er sich in der Praxis nicht gehen lassen. Statt sich selbst zu erregen, fuhr er Kopfkino. Die Rezeptionsmitarbeiterin gab ihm einen Becher, damit er ihn zuhause, in entspannter Atmosphäre füllen könnte. Dann würden sie zur erneuten Insemination kommen, alles kein Problem. Jetzt fühlt er sich schlecht und weiß nicht, wie er Luisa das erklären soll. Sie wird ihn für einen Versager halten und er kann es ihr nicht verdenken. Es war schließlich seine Idee. Sie wäre zufrieden gewesen mit ihrer Situation, sie hatte ja schon Ronya geboren. Er vermisst die ersten Jahre des Heranwachsens, sehnt sich nach einer richtigen Bande, einer festen, intensiven Vater-Kind-Beziehung. Er bräuchte einfach nur seinen Part zu leisten. Was war das schon im Gegensatz zu Luisa, die hormonell behandelt wird, die Stimmungsschwankungen in Kauf nimmt und sich seine aufbereiteten Zellen einpflanzen lässt. Er sieht schon die Spur der Enttäuschung in ihrem Gesicht, die sie versucht vor ihm zu verbergen.

Luisa

Er hat sie angerufen und ihr von seinem Malheur erzählt. Natürlich ist sie enttäuscht, wird aber versuchen, sich nichts anmerken zu lassen. Sie hilft Ronya, sich als Robin Hood zu verkleiden, wirft ihr die grüne Strumpfhose zu. Als sie die Haustüre zufallen hört, dreht sie sich um und sieht David gebeugt im Flur stehen. Sie ignoriert seine Haltung, will ihn jetzt nicht auffangen. Sie setzt sich auf den Balkon, während David zu Ronya ins Zimmer geht. Dort wird er Stunden bleiben, um sich nicht mit ihr auseinandersetzen zu müssen, sie kennt das. Also fährt sie in ihre Küche, um das Event für morgen vorzubereiten.

Fazit: Hannes Köhler zeigt ein Paar, das sich füreinander entschieden hat. Wie sie sich kennengelernt haben. Was für Luise mit dem Vater ihrer Tochter nicht gestimmt hat und wie sie Davids Verlässlichkeit schätzt. Sie meistern gemeinsam alltägliche Hürden und bringen sich zu gleichen Teilen in die Beziehung ein. Beide hegen ihre Zweifel am anderen und an sich selbst, raufen sich aber immer wieder zusammen. Davids Kinderwunsch und die damit verbundenen Strapazen sind eine große Herausforderung für das Paar. Der Autor erzählt mit großem Einfühlungsvermögen, lotet beide Seiten aus, lässt beiden genug Raum, sich zu zeigen. Beide Charaktere sind in ihrem Handeln und Denken so wundervoll normal. Es ist erstaunlich, wie sehr wir unsere eigenen Erwartungen an uns selbst auf unsere Partner*innen projizieren und uns damit boykottieren. Hannes Köhler lässt seine Protagonisten ein Beziehungsmodell finden, das sich nicht am Außen orientiert, sondern am Ende für sie beide passt. Eine gleichberechtigte Liebe mit beiderseitigen Entwicklungsmöglichkeiten ohne gängige Klischees. Und eine Geschichte zweier kluger Menschen, denen ich sehr gerne zugeschaut habe.

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Veröffentlicht am 25.03.2025

Eine einfühlsame Entwicklungserzählung

Hunger und Zorn
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Der Vater ist sich sicher, dass Isor, seine dreizehnjährige Tochter schon immer eine Art Geistesschwäche hatte. Die Mutter spricht voller Liebe über ihr Kind und schwelgt in schönen Erinnerungen. Wie sie ...

Der Vater ist sich sicher, dass Isor, seine dreizehnjährige Tochter schon immer eine Art Geistesschwäche hatte. Die Mutter spricht voller Liebe über ihr Kind und schwelgt in schönen Erinnerungen. Wie sie die blauen Samtbänder kaufte, die Isor ausgesucht hatte und sie ihr in die Zöpfe flocht. Isor gibt sich ganz dem Schmerz hin und verwandelt ihn in Traurigkeit, aber auch in der Freude ist sie ganz präsent. Ihre Bewegungen sind linkisch und unbeholfen, sie macht alles auf ihre Weise.

Isor tanzt zur Musik in ihrem Kopf, findet Erfüllung in ihren Bewegungen. Der Tanz ist erst zu Ende, wenn sie auf dem Boden liegt mit einem Lächeln im Gesicht. Sie wollte nie lernen, nicht sprechen, nicht die Namen der Eltern. Nie hat sie sie aus der Wiege heraus angelächelt. Die Ärzte rieten von Schulbesuchen ab. Wenn die Eltern sie zu Hause unterrichteten, bekam sie Wutanfälle, die wie ein Unwetter über sie hereinbrachen.

Der Vater putzt die Fenster des 18. Arrondissements. Die Mutter ist bei der Feuerwehr, deshalb hat der Vater zu Anfang seine Stunden gekürzt und blieb bei Isor. Bis sie zwei war, gab es keine Auffälligkeiten, außer, dass sie unruhig war. Entspannen konnte sie sich erst, wenn sie die Übertragung einer japanischen Hockeymannschaft sah und die hysterischen Kommentatoren und der frenetische Jubel ertönten. Der Vater hatte das durch Zufall entdeckt. Eine erste Untersuchung ergab, dass sie Reize braucht, akustisch, sensorisch, visuell, ganz egal. Es muss Emotionen in ihr hervorrufen, dann beschäftigt sie sich Stunden damit.

Fazit: Wow! Alice Renard hat mich mit ihrem Debüt mitgenommen. Sie zeigt das Innenleben eines Mädchens, das frühkindlichen Autismus entwickelte. Ihre Protagonistin hat wenige Ausdrucksmöglichkeiten. Sie spricht nicht und meidet Kontakt. Ihrer Überforderung macht sie durch Wut Luft. Die Geschichte ist klug aus Sicht der Eltern erzählt. In einzelnen Abschnitten lässt die Autorin – ähnlich eines Interviews – abwechselnd die Mutter oder den Vater zu Wort kommen. Wobei die Mutter die Eigenarten betont und träumerisch beschönigt und der Vater die mangelnde Leistungsfähigkeit moniert. Interessant ist auch die schulmedizinische Odyssee beschrieben. Alle Spezialisten tun so, als verstünden sie, welche Probleme Isor hat. Tatsächlich aber sind sie nach anfänglicher Euphorie bald ebenso ratlos und resigniert wie die Eltern. Als Isor den alten, einsamen Nachbarn kennenlernt, beginnt eine gegenseitige Akzeptanz und Bewunderung. Er lässt Isor, wie sie ist und freut sich über das, was sie ihm bietet. Durch Beobachten erkennt er, was Isor braucht und gibt es ihr. Für mich ist die Geschichte auch eine klare Ansage an unsere Leistungsgesellschaft über den angemessenen Umgang mit Neurodiversität. Muss man Menschen in eine Norm quetschen, nur weil die „meisten“ so funktionieren oder sollten wir Menschen individueller betrachten und eigene „besondere“ Fähigkeiten fördern oder wenigstens akzeptieren? Eine einfühlsame Entwicklungserzählung mit nicht zu erwartendem Ausgang, die ich sehr genossen habe. Die Geschichte wurde in Frankreich mehrfach ausgezeichnet.

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