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Veröffentlicht am 07.04.2025

Mein bisheriges Highlight des Jahres

Stromlinien
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Schon die Haptik des Einbandes dieses Romans ist toll, die titelgebenden Stromlinien sind in das Papier eingeprägt, was gemeinsam mit den Abbildungen und der Farbgestaltung perfekt zu diesem Buch passt. ...

Schon die Haptik des Einbandes dieses Romans ist toll, die titelgebenden Stromlinien sind in das Papier eingeprägt, was gemeinsam mit den Abbildungen und der Farbgestaltung perfekt zu diesem Buch passt. Einen weiteren Pluspunkt gibt es von mir zudem auch für das Lesebändchen, das hier nicht eingespart wurde und bei einem Buch mit 500 Seiten auch wertvolle Dienste leistet.

Nun aber zum Inhalt. Die Geschichte wird auf verschiedenen Zeitebenen erzählt, aber, es ist schwer möglich, mehr darüber zu schreiben, ohne schon zu viel darüber zu verraten, wie alles zusammenhängt. Die jüngste Zeitebene handelt im Jahr 2023 und die Zwillinge Enna und Jale stehen im Mittelpunkt. Sie sind 17 und leben bei ihrer Großmutter in den Elbmarschen, wo sie meist im Doppelpack in einem kleinen Motorboot unterwegs sind. Geboren wurden sie im Gefängnis, wo ihre Mutter Alea bereits lange vor der Geburt inhaftiert war, ohne, dass den Mädchen je gesagt wurde, weshalb. 2023 soll sie endlich entlassen werden und Enna und Jale fiebern diesem Tag entgegen. Doch dann sind am Tag der geplanten Entlassung plötzlich sowohl Alea als auch Jale verschwunden.

Für mich war dieser Roman mein bisheriges Lese-Highlight des Jahres 2025. Die Geschichte war sehr spannend, wozu auch die verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen beitrugen. Zudem kam es immer wieder zu überraschenden Wendungen und alles löste sich erst ganz am Schluss endgültig auf. Die verschiedenen Charaktere waren sehr überzeugend ausgestaltet mit ihren Ecken und Kanten und ich konnte sie mir ebenso gut vorstellen, wie die Landschaft in den Elbmarschen, die von der Autorin sehr atmosphärisch nachgezeichnet wurde. Auch die Coming-of-Age Geschichte, die neben der Familiengeschichte und den vielen damit verbundenen Geheimnissen noch enthalten war, konnte mich überzeugen. Ich freue mich schon auf weitere Werke von Rebekka Frank.

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Veröffentlicht am 07.04.2025

Landleben ohne Romantik

Hier draußen
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Das Cover von Martina Behms Debütroman ist relativ auffällig mit dem recht scheu wirkenden Wild und der eher modernen Schrift im Kontrast dazu.

Ingo und Lara sind mit ihren beiden Kindern aus Hamburg ...

Das Cover von Martina Behms Debütroman ist relativ auffällig mit dem recht scheu wirkenden Wild und der eher modernen Schrift im Kontrast dazu.

Ingo und Lara sind mit ihren beiden Kindern aus Hamburg in ein sehr kleines Dorf in Schleswig-Holstein gezogen, von dem aus Ingo gerade noch so zu seinem Büro in der Hamburger Hafencity pendeln kann, was ihn aber zunehmend mehr Kraft kostet. Aber Lara hatte den Traum von einem großzügigen und dennoch bezahlbaren Haus und einem Garten und mehr Ruhe und Privatsphäre auf dem Land. Eines Abends überfährt Ingo dann eine weiße Hirschkuh, die zu töten dem Aberglauben vieler Dorfbewohner nach, innerhalb eines Jahres den eigenen Tod zur Folge haben soll. Und so löst er damit ungewollt verschiedenste Ereignisse aus, die das Dorf und seine Bewohner betreffen.

Der Autorin ist es sehr gut gelungen, nicht nur Ingo und Lara mit ihren Problemen und ursprünglich ganz anderen Vorstellungen vom Landleben, sondern auch die weiteren Bewohner des Ortes mit ihren jeweiligen Eigenheiten zu charakterisieren und dies ungeschönt und fernab aller Klischees vom Landleben. Was die Handlung angeht, hält diese immer wieder Überraschungen bereit. Der Schreibstil ist gut lesbar und sehr anschaulich, sodass man sich gut an die jeweiligen Orte der Handlung versetzen kann.

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Veröffentlicht am 07.04.2025

Worüber nicht gesprochen wurde

Vor hundert Sommern
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Der Titel des neuen Romans von Katharina Fuchs gefällt mir sehr gut und er passt auch perfekt dazu, dass es zwei Zeitebenen gibt, die Gegenwart und die Vergangenheit, beginnend kurz nach Ende des Ersten ...

Der Titel des neuen Romans von Katharina Fuchs gefällt mir sehr gut und er passt auch perfekt dazu, dass es zwei Zeitebenen gibt, die Gegenwart und die Vergangenheit, beginnend kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges. Die Abbildung auf dem Cover war mir dagegen etwas zu abstrakt und verspielt, aber das ist Geschmackssache.

Lena ist 19 und hat vor kurzem ein Studium für nachhaltiges Design in Berlin angefangen, trotz aller Kreativität fühlt sie sich aber oft als Außenseiterin. Zusammen mit ihrer Mutter Anja räumt sie die Berliner Wohnung ihrer Oma, da diese in ein Hamburger Pflegeheim ziehen musste. Dabei stoßen die beiden Frauen auch auf einen Teil des Nachlasses von Lenas Urgroßtante Clara, die, als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, einen Hundesalon in Charlottenburg betrieb, über die in der Familie aber wenig bekannt ist, da das Thema stets gemieden wurde. Lena lässt sich jedoch nicht so leicht abschütteln.

Mir hat der Roman gut gefallen. Ich mag es, dass es eine Zeitebene in der Gegenwart gibt, die auch auf recht aktuelle Entwicklungen der heutigen Zeit eingeht und eine, die sich mit der schlimmen Zeit des Nationalsozialismus und dem Umgang der folgenden Generationen damit befasst. Durch die Perspektivwechsel konnte ich mich zudem gut in die jeweiligen Protagonistinnen hineinversetzen. Der Schreibstil der Autorin war gewohnt gut lesbar und die historischen Bezüge wirkten sorgfältig recherchiert. An manchen Stellen hätte die Handlung vielleicht etwas gestrafft werden können, aber, das ist nur ein kleiner Kritikpunkt.

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Veröffentlicht am 07.04.2025

Heimat ist der Ort, der einem nie egal wird

Russische Spezialitäten
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Dieser Roman sticht direkt mit seinem, in auffälligem Orange gehaltenen, Cover, das einen Fisch in Zeitungspapier gehüllt zeigt, ins Auge. Geschrieben wurde er von Dmitrij Kapitelman, der 1986 in Kiew ...

Dieser Roman sticht direkt mit seinem, in auffälligem Orange gehaltenen, Cover, das einen Fisch in Zeitungspapier gehüllt zeigt, ins Auge. Geschrieben wurde er von Dmitrij Kapitelman, der 1986 in Kiew geboren wurde und im Alter von acht Jahren als so genannter »Kontingentflüchtling« mit seiner Familie nach Deutschland kam. Daher weist die Geschichte sicher auch viele autobiographische Bezüge auf.

Der Ich-Erzähler lebt mit seiner Familie seit Jahrzehnten in Leipzig, ist aber in Kiew geboren, das er bereits in den 90er Jahren als Kind in Richtung Deutschland verlassen hat. Seine Muttersprache ist Russisch, da seine Mutter in Sibirien geboren ist, ihre Kindheit in Moldawien verbrachte und später erst in die Ukraine gezogen ist. Sein Vater ist jüdisch. Im ersten Teil der Geschichte geht es um den "Magasin" der Familie, einen russischen Spezialitätenladen, den sie Mitte der 90er Jahre in Leipzig eröffnet haben und der dann kurz nach Ende der Corona-Auflagen schließen musste. Man erfährt die ein oder andere Anektode aus dem Laden und lernt so die Familie des Ich-Erzählers und deren Umfeld in Leipzig besser kennen. Eine besondere Rolle spielt dabei natürlich seine Mutter, die ausschließlich russisches Fernsehen schaut und voll von der dort verbreiteten Propaganda den Krieg gegen die Ukraine betreffend überzeugt ist. Daher hat sie sich sogar mit den noch dort lebenden Verwandten zerstritten. Auch das Erstarken der AfD und auch des BSW in Sachsen macht dem Ich-Erzähler Sorge, wie immer wieder am Rande anklingt.

Im zweiten Teil reist der junge Mann dann schließlich nach Kiew. Er hofft dadurch im Anschluss auch seine Mutter davon überzeugen zu können, dass ihre Sicht auf den Krieg und die daran Schuldigen die falsche ist. Dadurch, dass er ausschließlich einen deutschen Pass hat, muss er zumindest nicht befürchten, von der ukrainischen Armee eingezogen zu werden. Da geht es den männlichen Verwandten und Bekannten dort anders. Es gibt auch abseits der vollständigen Zerstörung überall Spuren des Krieges. Eine App, die dazu auffordert, Schutz zu suchen, Werbeplakate für die Armee, junge Kriegsversehrte in den öffentlichen Verkehrsmitteln und auch die Menschen, die er dort trifft, werden in ihrem Alltag konsequent damit konfrontiert, dass ihr Land im Krieg ist. Seine Mutter in Deutschland redet die Lage aber trotzdem weiterhin schön und ist überzeugt davon, dass ihm als Zivilisten nichts passieren könne, da die Russen nur militärische Ziele angreifen würden. Trotzdem bleibt auch immer wieder Platz für Galgenhumor, z. B. wenn die Züge in der vom Krieg gegeutelten Ukraine zuverlässiger fahren als die im sächsischen Grimma.

Ich fand es sehr interessant, aus dieser Perspektive mehr über den Krieg in der Ukraine und dessen Auswirkungen auf den Alltag der Menschen und darüber, wie unterschiedlich die Sicht darauf selbst innerhalb einer Familie sein kann, zu erfahren. Ich habe das Hörbuch gehört, das von Dmitrij Kapitelman selbst gesprochen wurde, was das Ganze noch authentischer macht. Trotz der ernsten Thematik bleibt dabei auch immer etwas Raum für Situationskomik, die alles auflockert, wobei diese nie zu plump ausfällt.

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Veröffentlicht am 27.03.2025

Letzte Dinge

Flusslinien
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Das Cover von Flusslinien hat mich aufgrund des Bildes, bei dem die Natur im Mittelpunkt steht, und natürlich auch wegen des Titels angesprochen.

Im Mittelpunkt der Handlung, die in Hamburg, nahe der ...

Das Cover von Flusslinien hat mich aufgrund des Bildes, bei dem die Natur im Mittelpunkt steht, und natürlich auch wegen des Titels angesprochen.

Im Mittelpunkt der Handlung, die in Hamburg, nahe der Elbe stattfindet, stehen Margrit, Luzie und Arthur, aus deren Perspektive auch erzählt wird, sodass man sich gut in sie hineinversetzen kann. Margrit ist 102 und lebt in einer Seniorenresidenz nahe der Elbe. Luzie ist 18 und ihre Enkelin, die gerade, nach einem traumatischen Erlebnis, die Schule abgebrochen hat und nun daran arbeitet, Tätowiererin zu werden.
Arthur ist 24 und jobbt als Fahrer in der Seniorenresidenz. Auch er muss etwas verarbeiten, was ihn sehr belastet. Margrit fährt er täglich zum "Römischen Garten" oberhalb der Elbe. Zu diesem verbindet die alte Dame ein besonderes Verhältnis, da dessen Erschafferin Else Hoffa vor dem Erstarken der Nationalsozialisten die Geliebte ihrer Mutter war. Margrit schwelgt oft in Erinnerungen an die vielen, ereignisreichen Lebensjahre, die hinter ihr liegen. Sie ist aber auch geistig noch sehr fit und sehr modern und offen eingestellt. Außerdem hat sie auch die Zukunft im Blick, nicht ihre eigene, ihr ist bewusst, dass ihr Leben bald vorbei sein wird, aber die von Luzie und Arthur.

Mir hat der Roman gut gefallen. Insbesondere wegen seiner feinsinnigen Sprache und den vielen Wortspielen und Metaphern. Auch die Protagonist:innen fand ich interessant, insbesondere Margrit, wie sie mit dem Alter und den damit verbundenen Einschränkungen umgeht, und dabei innerlich jung geblieben ist. Teilweise waren mir etwas zu viele Nebenhandlungen vorhanden, indem es auch noch um die Geschichte von Nebenfiguren ging, die nicht so viel Bezug zur Gesamthandlung hatten. Hier wäre mir eine etwas straffere Erzählweise lieber gewesen.

Ich habe den Roman als Hörbuch angehört. Dieses war durch die verschiedenen Sprecher sehr abwechslungsreich erzählt. Das Sprechtempo war dabei angemessen, sodass man gut folgen konnte.

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