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Veröffentlicht am 24.07.2025

Moderner Reiseführer für Zugfans

Japan – Die schönsten Zugreisen
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In ihrem kürzlich erschienenen Reiseführer „Japan. Die schönsten Zugreisen“ stellt uns die freie Journalistin Aimie Eliot, die seit 2020 selbst in Tokyo lebt, ausführlich Routen und Sehenswürdigkeiten ...

In ihrem kürzlich erschienenen Reiseführer „Japan. Die schönsten Zugreisen“ stellt uns die freie Journalistin Aimie Eliot, die seit 2020 selbst in Tokyo lebt, ausführlich Routen und Sehenswürdigkeiten für das Reisen auf der Schiene vor. Dabei zeigt sie, wie effizient und dicht Japans Eisenbahnnetz ist und dass man mit dem Zug auch in die entlegensten Winkel der vier Hauptinseln gelangt. Das ist vor allem attraktiv, wenn man bedenkt, dass der Zug noch immer das umweltfreundlichste Verkehrsmittel ist.

Zu Beginn des Reiseführers finden wir zunächst eine Karte, auf der alle beschriebenen Strecken eingezeichnet und mit unterschiedlichen Farben markiert sind. Diese Farben werden weiter hinten bei der ausführlichen Etappenbeschreibung wieder aufgenommen, so dass die Zuordnung stets klar und verständlich ist. Ein einführendes Kapitel erzählt anschließend von der Geschichte der japanischen Bahn, die über 30.000 Kilometer Schienennetz verfügt und im Schnitt nur eine Minute pro Zug verspätet ist. Der 1964 eingeführte Shinkansen kommt sogar nur auf 20 Sekunden Verspätung im Mittel. Kein Wunder also, dass die Bahn in Japan beliebt ist und neben einem Fernsehsender und verschiedenen Zeitschriften sogar eine Vielzahl an Fanartikeln besitzt.

Die vorgestellten Strecken sind in unterschiedliche Etappen eingeteilt. Viele davon haben die Großstädte Tokyo, Kyoto oder Osaka als Ausgangspunkt, andere hingegen führen quer über die vier Hauptinseln Hokkaido, Honshu, Shikoku und Kyushu. Dabei ist jede Etappe mit Bildern versehen und liefert wichtige Informationen zu Sehenswürdigkeiten, Fahrzeiten, Ticketpreisen, Restaurants, Übernachtungsmöglichkeiten oder sogar Ideen für Mitbringsel aus der Region. Zwischendurch gibt es auch allgemeine Informationen, zum Beispiel zu bestimmten Blütezeiten, japanischen Toiletten, Verhaltensregeln oder dem Railpass. Ein Glossar und ein Register von A bis Z runden den Reiseführer ab.

Fazit: Ein umfassender, modern gestalteter Reiseführer für alle, die Japan gerne per Zug erkunden möchten

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Veröffentlicht am 17.07.2025

Emotionaler Roman über Demenz und eine Familie zwischen zwei Kulturen

Onigiri
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Als Aki vom Tod ihrer Großmutter erfährt, ist ihr klar, dass sie ihre demenzkranke Mutter Keiko noch einmal in ihre Heimat Japan bringen will, bevor das vielleicht nicht mehr möglich ist. Während der Vorbereitungen, ...

Als Aki vom Tod ihrer Großmutter erfährt, ist ihr klar, dass sie ihre demenzkranke Mutter Keiko noch einmal in ihre Heimat Japan bringen will, bevor das vielleicht nicht mehr möglich ist. Während der Vorbereitungen, auf der gesamten Hinreise und im Hotel wirkt Keiko verloren und scheint nicht recht zu begreifen, was vor sich geht. Ein Besuch in ihrem Elternhaus, bei ihrem Bruder und der Schwägerin bringt jedoch endlich ein wenig Ruhe und fördert Erinnerungen zutage. Zum ersten Mal seit langer Zeit scheint Keiko wieder in der Lage, für sich selbst zu sprechen und zu entscheiden.

„Onigiri“ ist der Debütroman der studierten Kulturwissenschaftlerin Yuko Kuhn. Zuletzt war sie an der Hochschule für Film und Fernsehen München tätig und arbeitet seit diesem Jahr als freiberufliche Autorin. Die Handlung wird aus der Sicht von Aki in der Ich-Perspektive und der Gegenwartsform erzählt, so als würden wir Tochter und Mutter auf ihrer Reise begleiten. Dabei lenkt die Autorin nicht nur den Fokus auf Demenz als Erkrankung, sondern zeichnet auch das Bild einer komplizierten Familie zwischen zwei Kulturen.

Es scheint, als sei Keiko nach ihrer Heirat mit einem deutschen Mann nie ganz angekommen. Dessen Eltern, Akis Großeltern, schlossen die „fremde“ Frau stets aus, so dass nie ein richtiges Verhältnis zwischen ihn entstand – nach der Trennung von Keiko und Karl und dessen Versuch, sich das Leben zu nehmen, wurde dieser Graben nur noch größer. Erst in hohem Alter schafft Keiko es zum ersten Mal, den Schwiegereltern die Stirn zu bieten und schlägt eine Einladung einfach aus.

Besonders emotional sind die Szenen zwischen Aki und ihrer dementen Mutter. Keiko vergisst immer wieder Lebensereignisse, wie zum Beispiel den Tod ihrer Mutter, und Aki muss ihr stets dieselben Dinge erklären. In einigen Momenten vergisst sie sogar, dass sie überhaupt Kinder hat. Yuko Kuhn beschreibt sehr eindringlich, wie Aki dabei an ihre Grenzen gerät und oft auch die Geduld verliert, während ihr Bruder Kenta oder ihr Mann Felix immer ruhig und besonnen bleiben.

Fazit: Ein emotionaler Roman über einen Abschied auf Raten und eine Familie zwischen Japan und Deutschland

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Veröffentlicht am 26.06.2025

Was macht den Menschen aus?

Toward Eternity
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In einer nahen Zukunft ist es Forschern gelungen, mit einer experimentellen Therapie Krebs zu heilen. Dabei werden menschlichen Zellen durch so genannte Naniten, also Roboterzellen, ersetzt. Überwacht ...

In einer nahen Zukunft ist es Forschern gelungen, mit einer experimentellen Therapie Krebs zu heilen. Dabei werden menschlichen Zellen durch so genannte Naniten, also Roboterzellen, ersetzt. Überwacht wird dieses Projekt in Kapstadt von Dr. Mali Beeko, die sich jedoch gerade einem Problem gegenüber sieht: Der Literaturwissenschaftler Dr. Yonghun Han – ihr Patient Eins – ist verschwunden. Hat die neue Nanitentechnologie etwas damit zu tun?

„Toward Eternity“ ist der erste Roman des preisgekrönten Übersetzers Anton Hur, der zum Beispiel die Texte von Bora Chung oder Park Seolyeon ins Englische übertrug. Hurs eigenes Werk übersetzte Cornelius Reiber, wobei der Autor selbst sich dafür einsetzte, dass dessen Name auf dem Cover genannt wird. (Wie es, ehrlich gesagt, ja auch sein sollte!) Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive der verschiedensten Figuren, mal in der Vergangenheits-, mal in der Gegenwartsform, aber immer aus der Ich-Perspektive. Das lässt uns die Geschichte sehr unmittelbar erleben.

Neben Dr. Beeko und Dr. Han spielen noch weitere wichtige Charaktere eine Rolle. Da ist zum Beispiel Ellen van der Merwe, eine Cellistin und Patientin Zwei, die nach der Nanitenbehandlung mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Oder Pandit, ein Computerprogramm für die Analyse literarischer Texte, das von Dr. Han erschaffen wurde und ein eigenes Bewusstsein zu besitzen scheint. Und schließlich sind da noch die Evas, eine Armee von Soldatinnen, die alle aus demselben Prototyp eines Nanodroiden erschaffen wurden – doch auch in ihnen regt sich ein eigener Wille. Verbunden werden die einzelnen Kapitel durch ein Notizbuch, in welchem die Figuren ihre Gedanken festhalten.

„Toward Eternity“ spricht eine Vielzahl von interessanten Themen an: Wenn alle Zellen des eigenen Körpers ersetzt werden, ist man selbst dann überhaupt noch ein Mensch? Und was macht einen Menschen aus? Existiert die Seele? Und ist die Unsterblichkeit, die mit der Behandlung einhergeht, Fluch oder Segen? Anton Hur ist hier ein grandioser Roman gelungen – nur hätte ich gerne bei manchen Figuren länger verweilt.

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Veröffentlicht am 18.06.2025

Ein echter Wohlfühlroman

Der alte Apfelgarten
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Schon seit Jahren haben die Schwestern Bette und Nina Crowdie sich voneinander entfremdet. Bette verließ den elterlichen Hof zum Studium und kam als erfolgreiche Anwältin nur selten zurück. Nina hingegen ...

Schon seit Jahren haben die Schwestern Bette und Nina Crowdie sich voneinander entfremdet. Bette verließ den elterlichen Hof zum Studium und kam als erfolgreiche Anwältin nur selten zurück. Nina hingegen unterstützte ihren Vater stets bei der Farmarbeit und fühlt sich von Bette verlassen. Als nun der Vater der beiden verstirbt und ein überraschendes Testament hinterlässt, müssen die beiden gemeinsam beschließen, wie es mit dem Hof weitergehen soll. Können sie einander vertrauen? Ist der Hof überhaupt zu retten? Und was hat es mit dem geheimnisvollen Apfelhain an den Klippen auf sich?

„Der alte Apfelgarten“ ist bereits der vierte Roman der Autorin Sharon Gosling, der in Schottland spielt. Sie alle können unabhängig voneinander gelesen werden, auch wenn wir in diesem Band eine alte Bekannte wiedertreffen und einen Blick auf das Ende ihrer Geschichte werfen können. Übersetzt wurde dieser vierte Roman, wie auch schon die Vorgänger, von Sibylle Schmidt. Die Handlung wird wechselnd aus der Sicht der beiden Schwestern erzählt, so dass wir einen guten Eindruck von ihrem Gefühlsleben erhalten. Beide verstehen einander zu Beginn stets falsch und sind gereizt, haben aber auch ihre Gründe für diese Reaktion.

Für mich sind Sharon Goslings Romane richtige Wohlfühlbücher. Ihr gelingt es immer, den Charme eines bestimmten Ortes einzufangen und deutlich zu machen, was er den jeweiligen Protagonistinnen bedeutet. Dieses Mal ist es ein Hain mit einer sehr alten Apfelsorte, die perfekt für die Ciderherstellung geeignet ist. Gosling erzählt gleichzeitig die Geschichte dieses Gartens und die Geschehnisse in der Gegenwart. Dabei gibt es zwar auch eine Liebesgeschichte, diese ist aber nur ein Aspekt von vielen, wie zum Beispiel komplizierte Familienverhältnisse oder die Schwierigkeiten, mit denen Besitzer kleiner Farmen zu kämpfen haben.

Es ist wirklich schön zu sehen, wie sich die beiden Schwestern im Laufe des Romans wieder annähern und ihre eigene Haltung reflektieren. Dabei werden sie von sympathischen Nebenfiguren unterstützt, müssen aber auch das ein oder andere Hindernis überwinden.

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Veröffentlicht am 16.04.2025

Für mich der bisher schönste Band des Quartetts

Die Windmacherin
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Der 11-jährige Tobias wird über den Sommer auf die abgelegene Insel Wetterland geschickt, um dort den Schrecken des Krieges zu entfliehen. Zunächst kann der Junge sich nicht mit dem Gedanken anfreunden ...

Der 11-jährige Tobias wird über den Sommer auf die abgelegene Insel Wetterland geschickt, um dort den Schrecken des Krieges zu entfliehen. Zunächst kann der Junge sich nicht mit dem Gedanken anfreunden und will seine Eltern nicht verlassen. Doch dann scheint die Aussicht auf einen Sommer weit weg von allem gar nicht so schlecht – wenn er nicht ausgerechnet bei der mürrischen Lothe wohnen müsste, die ihn eigentlich gar nicht bei sich haben will. Als Tobias in ihrem Haus auf ein gut gehütetes Geheimnis stößt, wird Lothes Verhalten verständlicher. Kann er ihr helfen? Aber was kann ein Kind schon für eine Erwachsene tun?

„Die Windmacherin“ ist der dritte Band aus Maja Lundes Jahreszeiten-Quartett, der sich nach Winter und Frühling nun mit dem Sommer beschäftigt. Die deutsche Übersetzung stammt von Ina Kronenberger und die zauberhaften Illustrationen von Lisa Aisato. Die Handlung wird von Tobias erzählt, der aus einem bestimmten Grund als Erwachsener auf diesen Sommer zurückblickt. Lisa Aisatos Kunst unterstreicht dabei in jeder Szene die vorherrschende Stimmung: mal sind ihre Bilder düster und bedrohlich, mal sanft und ruhig. Sie spielt mit Farben und schafft unglaublich lebendige Figuren.

Tobias ist kein glückliches Kind. Im Krieg hat er in der so genannten „weißen Nacht“ ein schweres Trauma erlitten, von dem wir nach und nach erfahren. Dieses hat dazu geführt, dass er all seine Phantasie und die Freude am Spielen verloren hat. Das bringt ihn irgendwann auch näher mit Lothe zusammen, die selbst einen schweren Verlust verkraften muss. In seiner sensiblen Art versucht Tobias zu vermitteln und die Probleme zwischen den Erwachsenen zu lösen – nur muss er dabei feststellen, dass das manchmal gar nicht so einfach ist.

„Die Windmacherin“ ist für mich der bisher schönste Band der Reihe, der ein wichtiges Thema mit wunderschönen Bildern verknüpft. Die Titel gebende Windmacherin bringt zudem etwas Märchenhaftes in die Geschichte, das den durch den Krieg traumatisierten Kindern wieder Hoffnung gibt. Eine tolle Reihe – für Kinder und Erwachsene.

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