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Veröffentlicht am 10.05.2025

Faszinierendes Portrait einer Kleinstadt im Schatten des Nationalsozialismus

Ginsterburg
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MEINE MEINUNG
Mit seinem historischer Roman "Ginsterburg" ist Arno Frank eine eindrucksvolle Darstellung der düsteren Ära des Nationalsozialismus in Deutschland gelungen. Der Autor bietet eine feinfühlige ...

MEINE MEINUNG
Mit seinem historischer Roman "Ginsterburg" ist Arno Frank eine eindrucksvolle Darstellung der düsteren Ära des Nationalsozialismus in Deutschland gelungen. Der Autor bietet eine feinfühlige und vielschichtige Erkundung der menschlichen Natur in Zeiten extremer Herausforderungen, schwindender Menschlichkeit und wachsender Skrupellosigkeit in einer von Angst, Opportunismus und ideologischer Verblendung geprägten Gesellschaft.
Der Roman ist geschickt in drei Teile gegliedert, die als Momentaufnahmen aufschlussreiche Einblicke in die Jahre 1935, 1940 und 1945 gewähren.
Angesiedelt in der fiktiven Kleinstadt Ginsterburg zeichnet Frank ein nuanciertes Bild der Gesellschaft unter dem NS-Regime und in den Kriegszeiten über einen Zeitraum von 1935 bis 1945. Durch atmosphärische und detailreiche Schilderung des Alltags in Ginsterburg versteht es Frank hervorragend, eine beklemmende Authentizität zu schaffen, die unter die Haut geht. Eindringlich beleuchtet er die komplexe Realität jener Epoche, die von tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungen und vielfältigen moralischen Verstrickungen geprägt war. Aus wechselnden Erzählperspektiven wird die dramatische Entwicklung der Geschehnisse facettenreich dargestellt. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die verwitwete Buchhändlerin Merle, die dem politischen Wandel und neuen Regime sehr skeptisch gegenübersteht, und hilflos zusehen muss, wie die Flugbegeisterung ihren jugendlichen Sohn Lothar in die Fänge der Hitlerjugend treibt.
Eindrücklich zeigt Frank auf, wie der Nationalsozialismus allmählich in alle Lebensbereiche eindringt, die Meinungsfreiheit zunehmend eingeschränkt wird und sich eine neue Ordnung mit einem veränderten Wertekompass etabliert.
Mit beeindruckender Detailgenauigkeit und psychologischem Feingefühl verknüpft Frank die persönlichen Schicksale seiner Charaktere - ihre Träume, Ängste und moralischen Kämpfe - mit den größeren gesellschaftlichen Umwälzungen und verleiht dem historischen Kontext eine zutiefst menschliche Dimension.
Gekonnt portraitiert der Autor die schleichende Veränderung des Alltags, Spaltung des gesellschaftlichen Gefüges, die allmähliche Erosion ethischer Grenzen sowie die unter der vermeintlichen Normalität lauernden Abgründe.
Eine besondere Stärke des Romans liegt in der einfühlsamen Darstellung der faszinierenden Charaktere, die in mit ihren komplexen Persönlichkeiten und Widersprüchlichkeiten sorgfältig und überzeugend ausgearbeitet sind. Hautnah erleben wir die persönlichen Konflikte und moralischen Dilemmata der Figuren mit. Anschaulich füht uns Frank die ganze Bandbreite des Umgangs der Bevölkerung mit den neuen Gegebenheiten in Ginsterburg vor Augen. Diese reicht von opportuner Macht- und Profitgier, über ohnmächtigen Rückzug bis hin zum verzweifeltem Versuch vieler, sich entgegen ihren Überzeugungen anzupassen und Überlebensstrategien in dem gnadenlosen totalitären System zu entwickeln.
Ob nun der opportunistische Blumenhändler Gürckel, der geschickt die Gunst der Stunde für seine Karriere nutzt, der Fabrikant und Kriegsgewinnler Jungheinrich oder der skrupellose Arzt Hansemann – sie alle zählen zu den Profiteuren der NS-Zeit, deren moralischer Kompass durch die Naziideologie rasch ins Wanken gerät.
Besonders bewegend ist die Entwicklung des idealistischen Lothar, der mit seinem jugendlichen Enthusiasmus leicht zu indoktrinieren ist und sein Traum vom Fliegen auf tragische Weise von den Nazis missbraucht wird. Es wäre allerdings hilfreich gewesen, wenn der Autor in einem Nachwort darauf hingewiesen hätte, dass es sich bei Lothar Sieber nicht um eine fiktive Figur sondern um eine reale historische Persönlichkeit handelt, was ich erst durch eigene Recherchen erfahren habe.
Die eingeschobenen Textpassagen mit Korrespondenzen, die zunächst nicht zuzuordnen sind, klären sich erst zum Ende des Romans auf und runden die Geschichte ab. Die offenen Enden einiger Handlungsstränge regen zum Nachdenken über den Ausgang und das mögliche Schicksal der Charaktere an.
"Ginsterburg" ist ein Roman, der durch seine nuancierte Darstellung verschiedener Grautöne des menschlichen Verhaltens überzeugt. Geschickt wirft er bedeutsame, universelle Fragen nach moralischen Werten, Verantwortung, Grenzen der Anpassung, Widerstandskraft und Schuld auf und regt zum Nachdenken an.

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Veröffentlicht am 06.05.2025

Zwischen Erbe und Zukunft - ein vielschichtiger Familienroman

Wo wir uns treffen
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MEINE MEINUNG
Mit „Wo wir uns treffen“ legt Anna Hope einen feinfühlig erzählten, tiefgründigen Familienroman vor, der sich auf differenzierte Weise mit Trauer, familiärem Erbe, Verantwortung und den Schatten ...

MEINE MEINUNG
Mit „Wo wir uns treffen“ legt Anna Hope einen feinfühlig erzählten, tiefgründigen Familienroman vor, der sich auf differenzierte Weise mit Trauer, familiärem Erbe, Verantwortung und den Schatten der Vergangenheit auseinandersetzt.
Geschickt verwebt die Autorin aktuelle gesellschaftliche Themen mit den individuellen Lebenswegen ihrer vielschichtigen Figuren zu einer bewegenden Geschichte.
Im Mittelpunkt steht das traditionsreiche Landgut der Familie Brooke im englischen Sussex. Nach dem Tod des Patriarchen Philip Brooke versammelt sich die zerrissene Familie, um im kleinen Kreis Abschied zu nehmen und sich mit dem materiellen sowie emotionalen Erbe auseinanderzusetzen. Die Handlung entfaltet sich über fünf Tage und wird aus der Perspektive der drei Geschwister Frannie, Milo und Isa sowie ihrer Mutter Grace erzählt.
Anna Hope gelingt es hervorragend, lebendige und tiefgründige Charaktere zu erschaffen und ein glaubwürdiges und vielschichtiges Familienporträt zu zeichnen. So tauchen wir tief in die komplexen Dynamiken und die subtilen Spannungen zwischen den Familienmitgliedern ein. Jeder von ihnen ringt auf seine eigene Weise mit der Bewältigung vergangener Konflikte, der Übernahme persönlicher Verantwortung und dem Umgang mit den belastenden Hinterlassenschaften des familiären Erbes.
Die Geschwister verbinden sehr verschiedene Vorstellungen über die Zukunft des Anwesens, geprägt von ihren individuellen Lebensentwürfen und Erfahrungen in der Vergangenheit. Während die älteste Tochter Frannie das gemeinsam mit ihrem Vater initiierte „Albion-Projekt“ fortführen möchte und eine Renaturierung des Landes zur Wiederherstellung des Ökosystems anstrebt, verfolgt der mittlere Sohn Milo mit der Idee eines exklusiven Retreats vor allem wirtschaftliche Interessen. Die jüngste Tochter Isa hingegen zeigt sich eher zurückhaltend und unentschlossen. Die Ankunft der von ihr eingeladenen Clara, der jungen, dunkelhäutigen Tochter der langjährigen Geliebten des Vaters aus den USA, bringt Unruhe in die Familie. Sie enthüllt unbequeme Wahrheiten über die Vergangenheit und den Ursprung des Familienvermögens, die schließlich das Gefüge der Familie erschüttern.
Besonders beeindruckend sind die Passagen, in denen Hope die atemberaubende Natur ins Zentrum rückt und die Flora und Fauna des Anwesens eindrucksvoll und lebendig schildert. Mit großer Feinfühligkeit verdeutlicht sie, wie eng die Schicksale der Menschen mit dem fragilen und schützenswerten Zustand der Natur verknüpft sind.
Die Vielzahl der Themen – von Natur- und Umweltschutz über die Suche nach einer lebenswerten Zukunft, Suchtproblematik bis hin zu Rassismus und Kolonialismus – wirkt stellenweise etwas überfrachtet, sodass die Handlung mitunter leicht konstruiert erscheint.
Die Autorin lässt ihren beeindruckenden Roman mit einem überraschend offenen und nachdenklich stimmenden Ende ausklingen, das viel Raum für eigene Interpretationen und Reflexionen bietet.
ZUM HÖRBUCH
Die ungekürzte Hörbuchfassung wird von Julia Meier abwechslungsreich und zugleich sehr einfühlsam interpretiert. Mit feinem Gespür fängt sie die nuancierten Charaktere und die dichte Atmosphäre der komplexen Familiengeschichte stimmlich ein, sodass man mühelos in die Welt der Brookes eintaucht. Ihre ruhige, angenehme Stimme führt souverän durch die verschiedenen Perspektiven und verleiht jeder Figur eine eigene, glaubwürdige Färbung. Besonders gelungen bringt sie die Verletzlichkeiten, Sehnsüchte und inneren Konflikte der Charaktere zum Ausdruck. In manchen Passagen hätte ich mir jedoch eine noch deutlichere stimmliche Abgrenzung zwischen den einzelnen Figuren gewünscht.
Dank ihrer stimmungsvollen und nuancierten Vortragsweise überzeugt Meier auch in den leisen, nachdenklichen Momenten sowie bei den eindrucksvollen Naturbeschreibungen des Romans. Aufgrund der Vielzahl an Figuren und Themen ist gelegentlich eine erhöhte Aufmerksamkeit erforderlich, um den Überblick zu behalten. Insgesamt bietet diese Hörbuchumsetzung aber eine sehr gelungene und atmosphärische Interpretation der facettenreichen Familiengeschichte

FAZIT
Ein berührender und einfühlsam erzählter Familienroman, der mit einer sensiblen Auseinandersetzung mit Erbe, Verantwortung und familiären Konflikten und vielschichtigen Charakteren überzeugt. Trotz gelegentlicher Überfrachtung besticht die Geschichte durch ihre atmosphärische Dichte und lebendige Naturbeschreibungen!

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Veröffentlicht am 05.05.2025

Vielschichtige Familiengeschichte

Die Summe unserer Teile
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MEINE MEINUNG
In ihrem eindrucksvollen Debütroman „Die Summe unserer Teile“ zeichnet Paola Lopez ein nuancenreiches Porträt dreier Frauenschicksale, das sich über drei Generationen und über siebzig Jahre ...

MEINE MEINUNG
In ihrem eindrucksvollen Debütroman „Die Summe unserer Teile“ zeichnet Paola Lopez ein nuancenreiches Porträt dreier Frauenschicksale, das sich über drei Generationen und über siebzig Jahre hinweg entfaltet. Sie entwirft eine vielschichtige, bewegende Familiengeschichte, die sich eingehend mit Fragen nach Herkunft, familiären Prägung, Verbundenheit und der Weitergabe von Traumata beschäftigt.

Im Mittelpunkt stehen die junge Informatikstudentin Lucy, ihre Mutter Daria und ihre Großmutter Lyudmiła, deren Leben nicht nur durch familiäre Bande, sondern auch durch ihre ausgeprägte Leidenschaft für die Wissenschaft verbunden sind- und dennoch durch Brüche und unausgesprochene Konflikte unwiderruflich voneinander entfremdet wurden.

Der auf mehreren Zeitebenen angelegte Roman wechselt geschickt zwischen den Perspektiven der drei Frauen, wodurch er aufschlussreiche Einblicke in ihre Lebensumstände, inneren Konflikte und verborgenen Geheimnisse gewährt. Die Handlung spannt einen Bogen von Polen über den Libanon bis nach Deutschland und veranschaulicht eindrücklich die unterschiedlichen Herausforderungen, denen sich die Frauen in verschiedenen Zeiten und kulturellen Kontexten stellen mussten. So erleben wir Lucy in der Gegenwart des Jahres 2014 in Berlin, die durch die überraschende Lieferung des alten Steinway-Flügels aus ihrer Kindheit in ihrer Berliner WG mit der eigenen Vergangenheit und den ungelösten Konflikten ihrer entfremdeten Familie konfrontiert wird und beschließt, sich auf eine Spurensuche zu den Wurzeln ihrer Großmutter nach Sopot in Polen zu begeben. In weiteren Episoden erfahren wir mehr über Darias Kindheit und Jugend in Beirut und ihr weiteres Leben in München als Studentin, Ehefrau, Mutter und Ärztin. Zudem erhalten wir in Rückblenden Einblicke in Lyudmiłas Flucht aus Polen in den Libanon und ihre kompromisslose Verfolgung einer wissenschaftlichen Karriere als eine der ersten Chemikerinnen im Libanon.
Ein besonderes Highlight des Romans sind die fein ausgearbeitete Figurenzeichnung und die gelungene Verflechtung der Zeitebenen.
Lopez entfaltet in ihrem Roman ein eindrucksvolles und überzeugendes Panorama komplexer Mutter-Tochter-Beziehungen. Aus wechselnden Perspektiven beleuchtet sie die vielschichtigen emotionalen Verbindungen, die von tiefer Nähe, ebenso geprägt sind wie von schwelenden Konflikten, Entfremdung und alten Wunden. Jede Frau ist in ihrer eigenen Zeit gefangen, jede kämpft mit den Erwartungen der anderen und den eigenen Verletzungen. Besonders Lucys Entwicklung und ihre Suche nach Zugehörigkeit sind authentisch und nachvollziehbar gestaltet.
Lopez thematisiert eindrucksvoll die Herausforderungen, denen Frauen in männerdominierten Berufsfeldern wie den Naturwissenschaften begegnen. Dabei macht sie gekonnt die alltäglichen Kämpfe und Kompromisse greifbar, die mit dem Versuch einhergehen, berufliche Ambitionen, traditionelle Rollenbilder und familiäre Verantwortung miteinander zu vereinbaren.
Besonders eindrücklich zeigt sie, wie nicht nur der Wunsch nach Selbstverwirklichung und die Sehnsucht nach familiärem Zusammenhalt und Nähe jede der Frauen in einen unauflösbaren Zwiespalt stürzt, sondern auch wie Enttäuschungen, hohe Erwartungen und unausgesprochene Traumata von Generation zu Generation weitergegeben werden. Immer wieder stehen Missverständnisse, Sprachlosigkeit und Verschweigen einer verständnisvollen Beziehung im Weg und sorgen für Konflikte, emotionale Distanz und einem Kontaktabbruch. Anschaulich zeigt Lopez auf, wie das Erbe der Mütter bewusst oder unbewusst das Leben der Töchter formt und ein Durchbrechen dieses fatalen Kreislaufs immer schwieriger wird.

Mit ihrem bildhaften, feinfühligen Erzählstil entwirft Lopez vielschichtige, lebendige Charaktere und detailreiche Lebenswelten, die eine dichte, intensive Atmosphäre entstehen lassen. Auch wenn eine gewisse Distanz zu ihnen vorherrscht und man ihre Verhaltensweisen nicht immer gutheißen kann, so wirken diese dennoch sehr authentisch und glaubhaft. Indem die Autorin bewusst manche Details offenlässt und, uns im Ungewissen lässt, fordert sie zur eigenen Reflexion heraus und eröffnet Raum für eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Themen des Romans.

FAZIT
Ein bemerkenswerter und tiefgründiger Debütroman, der mit großer erzählerischer Kraft und psychologischer Tiefe drei Frauengenerationen in ihrem Ringen um Selbstbestimmung, Zugehörigkeit und familiäre Versöhnung porträtiert.
Eine bewegende Lektüre über das Erbe, das wir mit uns tragen – und über die Kraft, den eigenen Weg zu suchen und zu finden und ein lesenswerter Roman, der zum Nachdenken anregt und dazu einlädt, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen, um sich selbst besser verstehen zu lernen.

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Veröffentlicht am 26.04.2025

Im Strom der Erinnerungen – ein vielschichtiger Generationenroman

Flusslinien
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MEINE MEINUNG
In ihrem facettenreichen Roman „Flusslinien“ entfaltet Katharina Hagena die Lebenswege dreier Generationen, die sich - wie Strömungen eines Flusses - begegnen, kreuzen, auf subtile Weise ...

MEINE MEINUNG
In ihrem facettenreichen Roman „Flusslinien“ entfaltet Katharina Hagena die Lebenswege dreier Generationen, die sich - wie Strömungen eines Flusses - begegnen, kreuzen, auf subtile Weise miteinander verflechten, bevor sie schließlich neue Richtungen im großen Strom der Zeit einschlagen.
Hagena gelingt es in ihrem tiefgründigen Roman eindrucksvoll, ein facettenreiches Portrait der menschlichen Schicksale ihrer drei Protagonisten zu zeichnen. Trotz aller Unterschiede in Alter und Lebenserfahrung verbindet sie ihre eingehende Auseinandersetzung mit Erinnerungen, Verlust, Trauma, Schuld und der Suche nach Selbstbestimmung und Heilung, wodurch eine bedeutungsvolle Verbundenheit geschaffen wird. Mit feinem Gespür verwebt die Autorin ernste Themen mit literarischen und kulturellen Anspielungen - von griechischer Mythologie über Fantasywelten bis hin zur Gartenkunst - und regt zudem zum Nachdenken über die sich wandelnde Rolle der Frau in Vergangenheit und Gegenwart an.
Die Geschichte ist an der Elbe in Hamburg angesiedelt und erstreckt sich über zwölf Frühsommertage, die das Leben der Figuren nachhaltig prägen.
Im Mittelpunkt steht die 102-jährige, ehemalige Stimmtherapeutin und Atemtrainerin Margrit, die in einer Seniorenresidenz lebt und auf ein faszinierendes Leben zurückblicken kann. Ihre 18 jährige Enkelin Luzie befindet sich nach einem traumatischen Erlebnis in einer schwierigen Lebenssituation, die sie ihrer Oma verschweigt. Kurz vor dem Abitur hat sie die Schule abgebrochen, lebt vorübergehend in einer Hütte am Elbufer und möchte Tätowiererin werden. Der 24-jährige Arthur arbeitet als Fahrer für Margrits Seniorenresidenz, erfindet neue Sprachen und engagiert sich beim Nabu. Nach einem dramatischen persönlichen Verlust hat er mit starken Schuldgefühlen zu kämpfen und hofft auf einen Neuanfang.
Hagenas lebendiger, bildhafter Schreibstil durchzogen von feinem Humor ist individuell auf die verschiedenen Charaktere zugeschnitten, sodass wir gut in ihre persönlichen Lebensgeschichten eintauchen können. Die Autorin versteht es, die unterschiedlichen Generationen mit ihren jeweiligen Herausforderungen und Sichtweisen in Beziehung zu setzen: Die hochbetagte, lebenserfahrene Margrit, geprägt von der Gelassenheit des Alters, ihre impulsive Enkelin Luzie, die in jugendlichem Aufbegehren Halt und Identität sucht, sowie der 24-jährige Arthur, der als Vertreter einer bereits desillusionierten Generation im Spannungsfeld von biografischen Brüchen, Selbstfindung und wachsender Verantwortung seinen Platz sucht
Die Erzählperspektive wechselt zwischen den Hauptfiguren und gewährt aufschlussreiche Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt, so dass der Spannungsbogen allmählich wird gesteigert. Faszinierend sind die zahlreich eingestreuten Rückblenden, die uns vor allem bei Margrit in bewegte Vergangenheit und die historischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts zurückführen. Insbesondere ihr Ausflugsziel der Römische Garten knüpft eine Verbindung zu ihrer Mutter Johanne und ihrer besonderen Beziehung zur historisch verbürgten Landschaftsarchitektin Else Hoffa, die diesen damals konzipierte und anlegte.
Ausgezeichnet ist der Autorin die einfühlsame, vielschichtige Charakterzeichung ihrer Protagonisten gelungen, die lebendig und authentisch wirken. Jede der Hauptfiguren ist mit ihren Eigenheiten, Sehnsüchten, Wünschen und Ängsten überzeugend dargestellt. Besonders überzeugend hat die Autorin die persönlichen Schicksale der Figuren mit übergeordneten gesellschaftlichen Themen verknüpft – etwa Umweltschutz, das Älterwerden in einer sich wandelnden Gesellschaft sowie den Kampf gegen patriarchale Strukturen und sexuelle Gewalt. Besonders gelungen ist der Autorin auch thematische Auseinandersetzung mit Sprache und Kommunikation, die uns die verschiedenen Facetten menschlicher Kommunikation erkunden lässt.
Die eindrucksvollen, atmosphärisch dichten Naturbeschreibungen der Hamburger Elblandschaft und des Römischen Gartens schaffen eine ganz besondere Stimmung, die gekonnt die seelische Verfassung der Charaktere subtil widerspiegelt. Die Autorin schließt ihren Roman mit einem bewusst offenen Ende ab – ein Spiegel des Lebens, das selten klare Perspektiven für uns bereithält.
ZUM HÖRBUCH
Das gekürzte Hörbuch besticht mit Ruth Reinecke, Chantal Busse, Julia Nachtmann und Jesse Grimm durch ein herausragendes Sprecherensemble, das jeder Figur mit ihrer lebendigen Lesung eine eigene, unverwechselbare Stimme verleiht. Die Besetzung der Rollen ist stimmig und die Interpretation von großer Dynamik und Einfühlungsvermögen.
Dank der abwechslungsreichen und nuancierten Vortragsweise gelingt es den Sprechern, die unterschiedlichen Charaktere klar voneinander abzugrenzen und ihre unterschiedlichen Lebensalter und Perspektiven glaubwürdig wiederzugeben. Jede Figur erhält durch die individuelle Interpretation eine authentische Persönlichkeit, indem sie ihre Emotionen, Erinnerungen und Verletzlichkeiten fein herausgearbeitet werden. Die ruhigen Passagen, in denen Margrit Erinnerungen nachhängt, werden ebenso überzeugend vermittelt wie die impulsiven, manchmal emotional aufgeladenen Ausbrüche von Luzie.
Die verschiedenen Stimmen bereichern das Hörerlebnis und machen es leicht, sich nicht nur auf die zahlreichen Stimmungswechsel einzulassen, sondern sich auch in die Beziehungen zwischen den Figuren hineinzuversetzen. Der komplexe, etwas verschachtelte Erzählstil erfordert allerdings erhöhte Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf die vielschichtige Geschichte mit den verschiedenen Zeitebenen einzulassen. Insgesamt bietet diese Hörbuchfassung aber eine sehr gelungene, atmosphärische Umsetzung, die durch die exzellenten Sprecherleistungen besticht.

FAZIT
Ein eindrucksvoll komponierter, vielschichtiger Generationenroman, der mit großer erzählerischer Kraft und viel Feingefühl die Lebenswege dreier Menschen miteinander verwebt. Wer sich auf die ruhige Erzählweise und die tiefgründigen Charaktere einlässt, wird mit einer bewegenden, nachdenklich stimmenden Geschichte belohnt.

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Veröffentlicht am 19.04.2025

Ein fesselndes Verwirrspiel

Ein ungezähmtes Tier
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MEINE MEINUNG
Mit seinem neuesten Roman „Ein ungezähmtes Tier“ hat der Franko-Schweizer Bestsellerautor Joël Dicker erneut einen hochkomplexen Spannungsroman verfasst, der mich mit seinem packenden Plot ...

MEINE MEINUNG
Mit seinem neuesten Roman „Ein ungezähmtes Tier“ hat der Franko-Schweizer Bestsellerautor Joël Dicker erneut einen hochkomplexen Spannungsroman verfasst, der mich mit seinem packenden Plot über Geheimnisse, Verrat und menschliche Begehrlichkeiten erneut sehr fesseln konnte.
Die in Genf angesiedelte Geschichte um einen spektakulären Juwelenraub verbindet gekonnte Elemente aus Thriller, Gesellschaftsroman und psychologischer Studie und enthüllt nach und nach die faszinierenden Abgründe hinter einer scheinbar perfekten Fassade.
Im Mittelpunkt des ereignisreichen Romans stehen das wohlhabende Ehepaar Sophie und Arpad Braun, das in einer luxuriösen Villa am Waldrand lebt, sowie die mit ihnen befreundeten, aber finanziell weniger privilegierten Nachbarn Karine und Greg, die in der von Anwohnern abfällig als „Warze“ bezeichneten Neubausiedlung leben. Parallel dazu erhalten wir in einem Countdown Einblicke in einen minutiös geplanten Juwelenraub und dessen raffinierte Ausführung.
Es entspinnt sich eine clever angelegte und hochdynamische Handlung, bei der ein ständiger Wechsel zwischen unterschiedlichen Erzählperspektiven und Zeitebenen erfolgt. In geschickt eingestreuten Rückblenden werden die vielschichtigen Vergangenheiten der Charaktere beleuchtet. Dicker versteht es hervorragend, die Spannung durch die parallele Erzählweise zwischen Vergangenheit und Gegenwart, den Countdown bis zum eigentlichen Raubüberfall sowie zahlreiche unvorhersehbare Plottwists stetig zu steigern. Es bereitet großes Vergnügen, die privaten Dramen und Verwicklungen zu verfolgen, mitzurätseln und allmählich den Verbindungen und wahren Hintergründen auf die Spur zu kommen. Immer wieder führen vermeintliche Spuren in die Irre, offensichtlich Verdächtiges entpuppt sich als falsche Fährte, sodass man bis zur überraschenden Auflösung dieser Geschichte voller Intrigen und Täuschungen weitgehend im Dunkeln tappt.
Hervorragend gelungen ist Dicker die Zeichnung seiner komplexen, ambivalenten Charaktere, deren vielschichtige Psyche und moralische Zwiespältigkeit für zahlreiche Überraschungen sorgen. Ob nun die attraktive Anwältin Sophie Braun mit ihrer makellosen Fassade und einigen dunklen Geheimissen, ihr allglatter Vorzeigeehemann Arpad mit seiner nicht ganz so rühmlichen Vergangenheit oder Sonderermittler Greg, der mit seiner Obsession für Sophie zunehmend in Schwierigkeiten bringt – sie alle überzeugen mit ihren Verletzlichkeiten, ihrer Vorgeschichte und überraschenden Handlungen. Allerdings wirken einige Charaktere durch bestimmte klischeehafte Züge stellenweise etwas zu stereotyp und überzeichnet.
Dicker versteht es, in seiner komplexen Geschichte sorgsam gehütete Geheimnisse, verdächtige Details und persönliche Verstrickungen zu enthüllen, und dabei zum Nachdenken über soziale Ungleichheiten, moralische Grenzen und die dunklen Seiten menschlicher Beziehungen anzuregen. Nach etlichen überraschenden Wendungen verknüpft er gekonnt die verschiedenen Handlungsstränge zu einer stimmigen Auflösung, die uns in erschreckende Abgründe der menschlichen Psyche blicken lässt.
ZUM HÖRBUCH
Torben Kessler erweist sich mit seiner angenehmen und einfühlsamen Stimme als Idealbesetzung für dieses ungekürzten Hörbuch. Er versteht es hervorragend, uns unmittelbar in die fesselnde Geschichte hineinzuziehen und an die unterschiedlichen Schauplätze zu entführen. Durch gezielte Variationen in Tempo und Lautstärke erzeugt er gekonnt Abwechslung, fängt die jeweiligen Stimmungen treffend ein und baut subtil Spannung auf. Die Vielzahl an Handlungssträngen erfordert zwar eine gewisse Konzentration und Aufmerksamkeit, um der komplexen und wendungsreichen Geschichte folgen zu können. Dennoch bietet dieses Hörbuch ein durchweg mitreißendes und lohnendes Hörerlebnis, das durch Kesslers Interpretation eine besondere Dynamik und Intensität gewinnt.
FAZIT
Ein vielschichtiger, raffiniert konstruierter Spannungsroman, der bis zur letzten Seite fesselt.
Die geschickte Verbindung von Thriller-Elementen, gesellschaftlicher Analyse und psychologischer Tiefe, gepaart mit überraschenden Wendungen und vielschichtigen Figuren, macht den Roman zu einem echten Pageturner. Ein Muss für alle Fans intelligenter Spannungsliteratur!

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