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Veröffentlicht am 26.05.2025

Ein Streifzug durch patriarchale Mythen

Witches, Bitches, It-Girls
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Mit „Das Patriarchat der Dinge“ hat die Autorin und Journalistin Rebekka Endler ein Werk vorgelegt, an das ich immer wieder denken muss und aus dem ich immer wieder zitiere – meistens, wenn ich wütend ...

Mit „Das Patriarchat der Dinge“ hat die Autorin und Journalistin Rebekka Endler ein Werk vorgelegt, an das ich immer wieder denken muss und aus dem ich immer wieder zitiere – meistens, wenn ich wütend bin. Nun ist mit „Witches, Bitches, It-Girls“ ihr zweites Buch erschienen, in welchem sie in insgesamt 9 Kapitel darstellt, wie patriarchale Mythen uns prägen, wie sie unser Denken und Handeln bestimmen und wie wir das Patriarchat selbst weiter am Laufen halten.

Bei Rebekka Endler beginnt und endet alles mit Pandora, einem perfekten Beispiel der weiblichen Schuldigen, die – wie auch schon die biblische Eva – für alle Übel auf der Welt verantwortlich gemacht wird. Doch was muss die Antwort sein, auf all diese „patriarchalen Beben“, die sich aktuell auf der ganzen Welt ereignen? Der Autorin zufolge kann es da nur eine Antwort geben: intersektionaler Feminismus.

Das Buch beschäftigt sich mit einer wahren Vielzahl an Themen: Die ständige Inszenierung der Frau als Opfer und Objekt, der angeblich zunehmende „Männerhass“ oder die Instrumentalisierung der als „Karen“bezeichneten genervten Frau. Darüber hinaus entlarvt sie Mythen, wie die der angeblich gehäuft auftretenden Falschanschuldigungen gegen Männer, die Ideologie der Tradwives oder die Darstellung der filles fatales in Film und Literatur. Besonders wichtig fand ich das Kapitel „Ist die Frau der Frau eine Wölfin“, denn wenn wir ehrlich sind, leisten auch wir Frauen oft genug dem Patriarchat Vorschub – Rebekka Endler nimmt sich da selbst nicht aus. Dennoch bleibt am Ende, wie bei Pandora, die Hoffnung.

„Witches, Bitches, It-Girls“ versteht sich als Brücke zwischen den unterschiedlichsten feministischen Sachbüchern und verhandelt daher keines der Themen erschöpfend. Endler bezeichnet ihr Buch selbst als einen „anekdotischen Streifzug“ und genau das ist es, was man als Leser*in erhält. Das wirkt manchmal ein wenig sprunghaft und hin und wieder ist in den Kapiteln das übergreifende Thema nicht ganz klar. Zudem hätte ich mir noch eine Literaturliste gewünscht. Das ist allerdings Jammern auf hohem Niveau; ein wichtiges, aber auch unterhaltsames Buch.

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Veröffentlicht am 08.05.2025

Ein kraftvoller Text

Hunchback
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Shaka Izawa wird mit einer Muskelerkrankung geboren und lebt nach dem Tod ihrer Eltern in einem Pflegeheim. Da ihre Wirbelsäule stark verkrümmt ist, ist sie auf einen Rollstuhl und ein Beatmungsgerät angewiesen. ...

Shaka Izawa wird mit einer Muskelerkrankung geboren und lebt nach dem Tod ihrer Eltern in einem Pflegeheim. Da ihre Wirbelsäule stark verkrümmt ist, ist sie auf einen Rollstuhl und ein Beatmungsgerät angewiesen. Ihre Zeit vertreibt sie sich mit dem Schreiben erotischer Artikel und Kurzgeschichten und dem Teilen ihrer Gedanken auf Social Media – alles anonym, wie sie glaubt. Doch einiges Tages spricht ein Pfleger sie auf ihre Beiträge an, was Shaka nutzt, ihm ein unmoralisches Angebot zu machen.

„Hunchback“ ist der Debütroman der japanischen Autorin Saou Ichikawa, die selbst aufgrund einer angeborenen Myopathie im Rollstuhl sitzt und ein Beatmungsgerät nutzt. Sie ist die erste Schriftstellerin mit einer Behinderung, die den berühmten Akutagawa-Preis erhielt, die deutsche Übersetzung des Textes stammt von Katja Busson. Erzählt wird die Geschichte von der Protagonistin selbst in der Ich- und Gegenwartsform, was das Geschehen sehr eindringlich und unmittelbar wirken lässt.

Shaka spricht in ihren Texten Gedanken aus, die für eine Frau mit Behinderung ungehörig scheinen. „Im nächsten Leben werde ich Edelnutte.“, schreibt sie oder „Ich würde gerne schwanger werden und abtreiben.“ Was zunächst schockierend wirken mag, ist einfach nur Ausdruck des Wunsches nach Normalität, nach Körperlichkeit und Selbstbestimmung – Rechte, die behinderten Menschen nur allzu oft abgesprochen werden. Als sich für Shaka eine Gelegenheit bietet, einen dieser Wünsche aktiv umzusetzen, ergreift sie diese Chance, doch das alles ist nicht so unkompliziert, wie sie es sich vorgestellt hat.

„Hunchback“ ist ohne Frage ein kraftvoller Text, der einen Einblick in das Leben einer behinderten Frau mit all ihren Wünschen und Sehnsüchten gibt und aufzeigt, welchen Beschränkungen und gesellschaftlichen Ansichten sie ausgesetzt ist. Man muss jedoch auch sagen, dass Shaka – trotz ihrer Einschränkungen – ein sehr privilegiertes Leben führt. Sie ist reich, besitzt das gesamte Heim, in dem sie wohnt und hat Einnahmen aus weiteren Immobilien. Sie wird nie im selben Maße so von anderen Abhängigkeit sein, wie wohl der Großteil behinderter Menschen.

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Veröffentlicht am 21.04.2025

Der bisher beste Band der Reihe

Der Inugami-Fluch
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Als das Oberhaupt der Familie Inugami, ein reicher Geschäftsmann und Besitzer eines Seidenimperiums, stirbt, wendet sich einer seiner Anwälte an Kosuke Kindaichi, denn er befürchtet, dass nun ein unerbittlicher ...

Als das Oberhaupt der Familie Inugami, ein reicher Geschäftsmann und Besitzer eines Seidenimperiums, stirbt, wendet sich einer seiner Anwälte an Kosuke Kindaichi, denn er befürchtet, dass nun ein unerbittlicher Kampf zwischen den Verwandten ausbrechen wird. Und tatsächlich löst die Testamentseröffnung Konflikte innerhalb der Familie aus – genau wie Sahei Inugami es geplant hatte. Bald darauf geschieht ein erster Mord und Detektiv Kindaichi macht sich auf die Suche nach dem Täter. Dabei kommen auch jede Menge Geheimnisse ans Licht.

„Der Inugami-Fluch“ von Seishi Yokomizo ist der vierte, im Deutschen erschienene Band der Reihe um den etwas seltsamen, aber brillanten Detektiv Kosuke Kindaichi. Das Original wurde bereits 1950 veröffentlicht, die deutsche Übersetzung stammt von der großartigen Ursula Gräfe. Erzählt wird die Geschichte in der dritten Person und der Vergangenheitsform vom Autor selbst, der auch immer wieder auf vorhergegangene Bände verweist und einen Überblick über das gesamte Material des Falls hat. Der Schreibstil ist daher eher berichtartig, eine sachliche Dokumentation der Verbrechen.

Der Ausgangspunkt der Handlung ist recht klassisch; ein Mann ist verstorben und seine Familie streitet sich um das Erbe. Im Fall der Familie Inugami wird dieses durch drei Insignien repräsentiert: Chrysantheme, Koto und Axt. Wer sie besitzt, hat das Sagen und so ist es besonders grausam, dass diese Symbole bei der folgenden Mordserie aufgegriffen werden. Durch die Menge an Charakteren (für die es zum Glück ein Personenregister gibt) und zahlreiche plötzliche Wendungen bleibt es bis zuletzt spannend.

Auch wenn Elemente wie der Streit um das Erbe, Familiengeheimnisse und aus dem Krieg zurückkehrende Söhne sich stets zu wiederholen scheinen, ist „Der Inugami-Fluch“ für mich absolut lesenswert und der bisher beste Band der Reihe. Das Setting hat mir gut gefallen und die Handlung war nicht so konstruiert, wie in manch einem der Vorgängerbände. Zusätzlich brachte das Einbeziehen der Familieninsignien noch einen zusätzlichen Spannungspunkt und eine Vorausdeutung darauf, was zwangsläufig noch passieren musste.

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Veröffentlicht am 09.04.2025

Ein Laden zum Wohlfühlen

Der kleine Laden des Herrn Takarada
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Im Tokioter Stadtteil Ginza liegt der kleine Schreibwarenladen von Ken Takarada. Hier finden Kunden nicht nur eine große Auswahl an Papier, Notizbüchern oder Schreibgeräten, sondern der Inhaber hilft auch ...

Im Tokioter Stadtteil Ginza liegt der kleine Schreibwarenladen von Ken Takarada. Hier finden Kunden nicht nur eine große Auswahl an Papier, Notizbüchern oder Schreibgeräten, sondern der Inhaber hilft auch beim Verfassen schwieriger Briefe. Hierzu hat er im Obergeschoss einen ruhigen Ort mit einem großen Schreibtisch geschaffen, an dem der Brief entworfen und geschrieben werden kann. Dabei hat Takarada-san stets ein paar aufbauende Worte übrig und greift manchmal auch ein wenig ins Geschehen ein.

„Der kleine Laden des Herrn Takarada“ von Kenji Ueda ist Band 1 einer Reihe, die im japanischen Original bereits 5 Bände umfasst; die deutsche Übersetzung stammt von Rainer Schmidt. Jedes der fünf Kapitel ist dabei aus der Sicht einer Kundin oder eines Kunden in der Ich- und Vergangenheitsform erzählt, so dass wir den Inhaber aus verschiedenen Perspektiven erleben. Gleichzeitig ist jedes Kapitel auch einer bestimmten Schreibware gewidmet, die im Fokus steht, zum Beispiel das Notizbuch oder der Füller – eine interessante Herangehensweise.

Der Schreibwarenladen „Shihodo“ ist ein echter Ort zum Wohlfühlen. Inhaber Takarada-san berät all seine Kunden mit Verständnis und gibt ihnen die Zeit, wichtige Briefe in seinem Laden zu schreiben. Da ist beispielsweise Berufseinsteiger Rin, der seiner Großmutter von seinem ersten Gehalt ein Geschenk mit Begleitbrief senden möchte, um sich bei ihr für ihre Unterstützung zu bedanken. Oder der Unternehmer Herr Minatogawa, der mit der Trauerrede für seine Ex-Frau hadert, die er vor der ganzen Familie vortragen soll.

Kenji Ueda gelingen mit seinem Roman „Der kleine Laden des Herrn Takarada“ zwei Dinge gleichzeitig: Auf der einen Seite erzählt er kurze Episoden aus dem Leben einer oder mehrerer Personen, die aber dennoch in sich abgeschlossen sind. Auf der anderen Seite setzt er anhand dieser fremden Perspektiven ein Bild des Inhabers zusammen und wir erfahren zumindest Fragmente aus seinem Leben. Für zukünftige Bände würde ich mir hier noch mehr Informationen wünschen, damit seine Person mehr Tiefe erhält. Dennoch ein sehr schöner Reihenstart!

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Veröffentlicht am 31.03.2025

Interessanter Rätselkrimi

HEN NA E - Seltsame Bilder
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Es ist der 19. Mai 2014, als der Student Shūhei Sasako zum ersten Mal von dem mysteriösen Blog erfährt. Ein gewisser Ren Nanashino (Nanashino = japanisches Äquivalent zu unserem „Mustermann“) berichtet ...

Es ist der 19. Mai 2014, als der Student Shūhei Sasako zum ersten Mal von dem mysteriösen Blog erfährt. Ein gewisser Ren Nanashino (Nanashino = japanisches Äquivalent zu unserem „Mustermann“) berichtet dort von seiner Frau Yuki, deren Schwangerschaft und ihrem plötzlichen Tod. Illustriert sind die Einträge mit seltsamen Zeichnungen, die Yuki selbst angefertigt hat. Am 28. November 2012 schreibt Ren dann überraschend, dass er den Blog nicht mehr aktualisieren wird. Shūhei ist enttäuscht – er muss unbedingt herausfinden, was aus Ren geworden ist und was die Zeichnungen zu bedeuten haben.

„HEN NA E. Seltsame Bilder“ ist der erste Roman des anonymen Autors Uketsu, der stets mit schwarzem Ganzkörperanzug und weißer Maske auftritt. Die Übersetzung aus dem Japanischen stammt von Heike Patzschke. Der Autor wird als Schöpfer eines neuen Trend-Genres verstanden, dem „Sketch Mystery-Roman“. Jedes der insgesamt vier Kapitel befasst sich mit einer oder mehreren Zeichnungen, anhand deren ein konkreter Fall gelöst wird. Diese Bilder, die Blogeinträge sowie weitere Skizzen und Berichte bilden den Kern der eigentlichen Kriminalhandlung.

Zu Beginn wirken die vier Kapitel sowie die vorgeschaltete kurze Erzählung sehr willkürlich und scheinen nur die Zeichnungen gemeinsam zu haben. Durch die Perspektiven der unterschiedlichsten Figuren setzt sich jedoch bald nach und nach aus Puzzleteilen ein Gesamtbild zusammen und es wird klar, wie alles miteinander zusammenhängt. Der Schreibstil ist dabei sehr sachlich, die Handlung eher konstruiert – für mich passte das aber gut zu dieser Art des Rätselkrimis, Hier geht es eher darum faktisch darzustellen, wie und warum etwas geschehen ist, als in schöner literarischer eine Geschichte zu erzählen.

Mir hat diese andere Form des Kriminalromans gut gefallen, ich bin aber auch gespannt, wie gut sie auf Dauer funktioniert und ob sich dieses spezielle Genre nicht schnell abnutzt. Wer gerne miträtselt und versteckte Hinweise sucht, kann an diesem Buch sicherlich viel Spaß haben. Darüber hinaus gibt der Aufbau der Handlung den Charakteren mehr Tiefe und wirft diskussionswürdige Fragen auf.

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