Profilbild von BookRomance

BookRomance

Lesejury Profi
offline

BookRomance ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit BookRomance über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.07.2025

Inszeniert bis zum Schluss

Die Probe
0

Katie Kitamuras Die Probe ist ein stiller, atmosphärischer Roman, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. Die Ausgangssituation ist ungewöhnlich und vielversprechend: Eine erfolgreiche Schauspielerin ...

Katie Kitamuras Die Probe ist ein stiller, atmosphärischer Roman, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. Die Ausgangssituation ist ungewöhnlich und vielversprechend: Eine erfolgreiche Schauspielerin wird während eines Mittagessens in Manhattan mit einem jungen Mann konfrontiert, der behauptet, ihr Sohn zu sein, obwohl sie nie ein Kind bekommen hat. Was folgt, ist weniger ein psychologischer Thriller oder ein Beziehungsdrama als vielmehr ein diskretes Spiel mit Identitäten, Projektionen und inszenierten Rollen.

Kitamuras Stil ist kühl und oft distanziert. Das passt zur Hauptfigur, die trotz ihrer beruflichen Rolle als Darstellerin stets eine gewisse emotionale Undurchlässigkeit wahrt. Gleichzeitig erschwert genau diese sprachliche Zurückhaltung eine echte Nähe zur Geschichte. Es wirkt, als betrachte man die Geschehnisse durch eine Glasscheibe, ästhetisch ansprechend, aber auch spürbar auf Distanz gehalten.

Der Anfang des Romans fesselt durchaus mit seinem seltsamen Setting und dem intensiven Aufeinandertreffen der Figuren. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr verliert sich der Text in Andeutungen und lässt eine klare Entwicklung vermissen. Die psychologische Spannung, die man erwartet, bleibt oft diffus. Die Grenzen zwischen Realität, Wunsch und Inszenierung verschwimmen, was interessant ist, aber auch gelegentlich frustrierend wirkt, da vieles unausgesprochen bleibt.

Die Probe ist kein Buch für Leser, die Klarheit oder Emotionen suchen. Wer sich darauf einlässt, wird eine Geschichte über Identität, Familie und Selbstbild entdecken, doch man braucht Geduld und die Bereitschaft, mit offenen Enden zu leben.

Eine interessante Idee, souverän umgesetzt, aber inhaltlich oft zu vage und unnahbar, um wirklich mitzureißen.

Veröffentlicht am 21.07.2025

Mehr Idee als Gefühl

Gesellschaftsspiel
0

Gesellschaftsspiel beginnt mit einem vielversprechenden Ausgangspunkt: Drei Frauen, die einander eigentlich kaum noch etwas zu sagen haben, treffen am Sterbebett der Mutter bzw. Schwester wieder aufeinander. ...

Gesellschaftsspiel beginnt mit einem vielversprechenden Ausgangspunkt: Drei Frauen, die einander eigentlich kaum noch etwas zu sagen haben, treffen am Sterbebett der Mutter bzw. Schwester wieder aufeinander. Schon diese familiäre Spannung hat viel Potenzial und wird dann noch ergänzt durch ein großes gesellschaftliches Experiment, das von einem Tech-Milliardär ausgerechnet in ihrer Stadt gestartet wird.

Die Mischung aus persönlichem Drama und politischem Gedankenexperiment fand ich anfangs noch reizvoll. Die Idee, dass eine ganze Stadt Teil eines digitalen „Gesellschaftsspiels“ wird, hat etwas Interessantes und regt zum Nachdenken an. Auch die eingeschobenen Social-Media-Kommentare, Chatverläufe und Interviews lockern die Erzählung auf und spiegeln ganz gut, wie unterschiedlich Menschen auf Veränderungen reagieren.

Trotzdem hat mich das Buch insgesamt nicht ganz überzeugt. Die drei Hauptfiguren blieben für mich recht blass. Ich habe lange gebraucht, um sie auseinanderzuhalten, und selbst dann fiel es mir schwer, eine wirkliche Verbindung zu ihnen aufzubauen. Ihre Konflikte wirken oft eher angedeutet als wirklich durchlebt.

Auch das große Thema rund um die App und das Gesellschaftsexperiment bleibt stellenweise vage. Es gibt viele kluge Ansätze und interessante Fragen, aber manche davon versanden, statt richtig vertieft zu werden. Ich hätte mir manchmal mehr Mut zur Klarheit oder auch mehr erzählerische Konsequenz gewünscht.

Alles in allem ist Gesellschaftsspiel ein Buch mit spannenden Ideen und einem ungewöhnlichen Aufbau. Es bleibt allerdings ein bisschen auf Distanz, sowohl zu seinen Figuren als auch zu den großen Fragen, die es aufwirft. Kein schlechtes Buch, aber eben auch keines, das mich nachhaltig mitgerissen hat.

Veröffentlicht am 05.05.2025

Jagd nach der Wahrheit

Killer Potential
0

Killer Potential beginnt mit einem echten Knalleffekt: Evie, eigentlich nur zum Nachhilfegeben in Beverly Hills unterwegs, stolpert in ein echtes Albtraumszenario – tote Eltern, eine gefesselte Frau im ...

Killer Potential beginnt mit einem echten Knalleffekt: Evie, eigentlich nur zum Nachhilfegeben in Beverly Hills unterwegs, stolpert in ein echtes Albtraumszenario – tote Eltern, eine gefesselte Frau im Haus, Panik, ein Schlag, und plötzlich ist sie nicht mehr bloß Zeugin, sondern mutmaßliche Täterin auf der Flucht. Der Einstieg sitzt: schnell, dramatisch, voller Fragen.

Was als spannungsgeladener Thriller beginnt, entwickelt sich dann aber zunehmend in eine andere Richtung – nämlich zu einem Roadmovie, das mitunter etwas auf der Stelle tritt. Die Flucht dominiert den Mittelteil des Romans, samt gestohlenen Autos, billigen Snacks und zufälligen Begegnungen, während die eigentliche Frage – wer hat die Victors getötet und warum? – eher in den Hintergrund rückt.

Evie, die zu Beginn noch klug, bissig und relativ sympathisch wirkt, verliert zunehmend an Schärfe. Ihre Entscheidungen wirken manchmal schwer nachvollziehbar, ihre Gedanken drehen sich im Kreis. Auch ihre mysteriöse Begleiterin bleibt über weite Strecken eine leere Projektionsfläche. Zwar bekommt sie später mehr Profil, doch das, was man über sie erfährt, bleibt eher durchschnittlich und reiht sich nicht wirklich überzeugend in die Handlung ein.

Was der Geschichte jedoch gelingt, ist die medienkritische Ebene: Wie schnell jemand in der Öffentlichkeit zur Heldin oder zur Monsterfigur gemacht werden kann, wird klug angedeutet. Auch die Frage, wie wir mit Wahrheit und Schuld umgehen – besonders in Zeiten von Social Media – gibt dem Roman eine interessante Dimension, die man sich stärker ausgearbeitet gewünscht hätte.

Am Ende ist Killer Potential ein Buch mit guten Ansätzen, das aber viel von seinem anfänglichen Schwung verliert. Der Thriller ist durchaus unterhaltsam, aber verschenkt zu viel Potenzial, um wirklich lange im Kopf zu bleiben.

Veröffentlicht am 31.03.2025

Kunstvoll, aber distanziert

Was ich von ihr weiß
0

Jean-Baptiste Andreas Roman Was ich von ihr weiß nimmt sich viel vor: Er erzählt die Lebensgeschichte des Bildhauers Mimo, seine künstlerische Entwicklung, seine Beziehung zur freiheitsliebenden Viola ...

Jean-Baptiste Andreas Roman Was ich von ihr weiß nimmt sich viel vor: Er erzählt die Lebensgeschichte des Bildhauers Mimo, seine künstlerische Entwicklung, seine Beziehung zur freiheitsliebenden Viola und bettet all das in den historischen Kontext Italiens im 20. Jahrhundert ein. Doch trotz dieser vielversprechenden Ausgangslage gelingt es dem Buch nicht immer, eine fesselnde Erzählung daraus zu machen.

Ein zentrales Problem ist das Erzähltempo. Mit über 500 Seiten zieht sich die Handlung stellenweise erheblich. Insbesondere die detaillierten Beschreibungen, die sicher gut recherchiert sind, dominieren den Text so sehr, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen, allen voran die zu Viola, manchmal zu kurz kommen. Viola wird als faszinierende, unkonventionelle Frau eingeführt, bleibt jedoch oft auf Distanz – sowohl zu Mimo als auch zum Leser. Da der Roman aus seiner Perspektive erzählt wird, bleibt sie eine Figur, die er beobachtet, aber deren innere Welt weitgehend verborgen bleibt. Der deutsche Titel Was ich von ihr weiß scheint genau darauf hinzuweisen: Es ist letztlich nur das, was Mimo von ihr versteht, nicht was sie wirklich ausmacht.

Auch die Liebesgeschichte folgt bekannten Mustern: Ein armer, aber talentierter Künstler trifft auf eine reiche, rebellische Adelige, die sich gegen gesellschaftliche Zwänge auflehnt. Diese Konstellation hätte durchaus Potenzial, doch es fehlt an Überraschungen oder emotionaler Tiefe, die sie über das Klischeehafte hinausheben würden. Die Begegnungen zwischen Mimo und Viola sind oft flüchtig, ihr Verhältnis schwankt zwischen Nähe und Distanz, doch wirklich greifbar wird ihre Verbindung selten.

Ein weiteres Manko ist die Einbettung in die historischen Ereignisse. Zwar wird der Aufstieg des Faschismus thematisiert, doch bleibt er oft eine Kulisse für Mimos persönliche Geschichte, anstatt wirklich in die Handlung integriert zu werden. Während Viola früh die Zeichen der Zeit erkennt, scheint Mimo oft nur reaktiv zu agieren. Hier hätte eine stärkere Auseinandersetzung mit der politischen Dimension der Epoche dem Roman mehr Tiefe verleihen können.

Positiv hervorzuheben ist Andreas Schreibstil. Seine Sprache ist bildhaft und poetisch, ohne ins Überladene abzudriften. Wer sich für kunstvolle Beschreibungen begeistern kann, wird hier auf seine Kosten kommen. Doch wer auf eine packende, emotionale Erzählung hofft, könnte sich an der Langatmigkeit und der distanzierten Figurenzeichnung stören.

Insgesamt ist Was ich von ihr weiß ein ambitionierter Roman mit einer interessanten Grundidee, der jedoch in der Umsetzung nicht immer überzeugt. Die Geschichte verliert sich zu oft in Details und bleibt emotional auf Distanz. Wer sich für das Thema Bildhauerei interessiert und ein Faible für langsame, atmosphärische Erzählungen hat, könnte hier fündig werden – wer jedoch eine fesselnde, tiefgehende Charakterstudie oder eine intensive historische Auseinandersetzung sucht, wird möglicherweise enttäuscht sein.

Veröffentlicht am 24.02.2025

Jugend am Abgrund

bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann
0

Oliver Lovrenskis "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" will atemlos und brutal ehrlich sein – eine schonungslose Momentaufnahme jugendlicher Rastlosigkeit und Perspektivlosigkeit in Oslo. Die ...

Oliver Lovrenskis "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" will atemlos und brutal ehrlich sein – eine schonungslose Momentaufnahme jugendlicher Rastlosigkeit und Perspektivlosigkeit in Oslo. Die vier Freunde, die zwischen Drogen, Gewalt und einer tiefen, fast verzweifelten Loyalität zueinander gefangen sind, werden als verlorene Seelen einer reichen, aber gleichgültigen Gesellschaft gezeichnet.

Das Buch besticht durch seinen fragmentarischen Stil und eine konsequente Kleinschreibung, die den Eindruck eines rohen, spontanen Erfahrungsberichts verstärkt. Doch genau hier liegt auch eine der Schwächen: Während die Sprache die ungeschliffene Realität widerspiegeln soll, bleibt sie oft floskelhaft und stilisiert. Die Kapitel sind extrem kurz, was zwar die Rastlosigkeit der Charaktere transportiert, andererseits aber auch Tiefe und Reflexion verhindert.

Thematisch bewegt sich das Buch auf vertrautem Terrain: Drogen, Gewalt, kaputte Familien, toxische Männlichkeit und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Doch es bleibt oft an der Oberfläche. Die Charaktere verschwimmen ineinander, ihre Schicksale berühren, ohne wirklich unter die Haut zu gehen. Was bleibt, ist ein raues, wütendes Buch, das wichtige Themen anschneidet – aber nicht immer die emotionale Tiefe erreicht, die es anstrebt.

"bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" ist in temporeiches, stilistisch auffälliges Debüt, das die Schattenseiten einer Jugend im Ausnahmezustand beleuchtet – aber oft mehr Lärm macht, als es wirklich erzählt.