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Veröffentlicht am 30.07.2025

Ein Krimi mit anschaulich ausgearbeiteten Figuren, aber einem Fall, der eher linear ist

Schatten über Sømarken
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Lennart Ipsen von der Kriminalpolizei genießt seinen Urlaub und fiebert schon der Reise mit seinen Töchtern nach Spanien entgegen. Doch dann erreicht ihn eine Hiobsbotschaft aus dem Restaurant Argousier, ...

Lennart Ipsen von der Kriminalpolizei genießt seinen Urlaub und fiebert schon der Reise mit seinen Töchtern nach Spanien entgegen. Doch dann erreicht ihn eine Hiobsbotschaft aus dem Restaurant Argousier, das seine Freundin Maren führt: Ein Gast ist nach seiner Mahlzeit tot zusammengebrochen, vergiftet durch eine heimische Pflanze. Schnell rückt Maren selbst in den Fokus der Ermittlungen, da der Gast ihr ehemaliger Freund und Geschäftspartner war. Zwar ist sich Lennart sicher, dass Maren nichts mit dem Tod zu tun hat, doch sind ihm die Hände gebunden: Seine Kolleginnen grenzen ihn systematisch von den Ermittlungen aus…

Persönliche Meinung: “Schatten über Sømarken” ist ein Kriminalroman von Michal Kobr. Es handelt sich um den dritten auf Bornhold spielenden Krimi um den Ermittler Lennart Ipsen. Zwar ist der Fall in sich abgeschlossen, doch spielen die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich über die vorherigen Bände hinweg entwickelt haben, eine große Rolle, weshalb es sinnvoll ist, die Reihe chronologisch zu lesen. Erzählt wird die Handlung des Krimis aus der personalen Perspektive von Lennart. Während mir die ersten beiden Krimis der Reihe sehr gut gefallen haben, fand ich den dritten Band eher durchwachsen. Zum Positiven: Sehr detailliert sind die Beziehungen der Figuren ausgearbeitet. Hier kommt es verstärkt zu Reibungen, was mit lebendigen Dialogen dargestellt wird. So zweifelt Lennart einerseits an der Beziehung mit Maren, da sie ihm - wie sich im Laufe der Handlung zeigt - mehrere Dinge verschwiegen hat, andererseits fühlt Maren sich von Lennart Missverstanden, zumal sie durch die Verdächtigungen im Mordfall einem Shitstorm ausgesetzt ist, was sie zusätzlich belastet. Auch beruflich kracht es für Lennart: Er kann nicht verstehen, warum seine Kolleginnen - vor allem Britta - ihn systematisch von den Ermittlungen ausschließen - insbesondere, da Britta sich in Bezug auf die Gründe schmallippig gibt. Ebenfalls gefallen haben mir die Dialoge zwischen Lennart und seinem Vater Karl. Karl ist recht eigen, begeistert sich schnell für Dinge und gibt oftmals ungefragt Ratschläge, die meist an der Realität vorbeigehen, was für viele witzige Gespräche voller Situationskomik sorgt. Schön ist auch das Urlaubsfeeling, das immer mal wieder durch atmosphärische Beschreibungen der Handlungsorte aufkommt. Was mich nicht überzeugen konnte, ist der Fall an sich. Dieser war für mich zu linear, Verdächtige sind rar. Dementsprechend früh ahnt man, aus welchem Umfeld der Täter kommt. Hier hätte ich mir mehr Rätselhaftigkeit und Überraschung gewünscht. Der Schreibstil von Michael Kobr ist anschaulich und flüssig zu lesen, sodass man durch die Seiten des Krimis fliegt. Insgesamt ist “Schatten über Sømarken” ein schön geschriebener Krimi mit Urlaubsfeeling und stark ausgearbeiteten Figuren; hinsichtlich des Falls bleibt für mich aber Luft nach oben.

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Veröffentlicht am 13.07.2025

Interessant erzählt, aber mit schwachem Ende

U
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Inhalt: Eine Frau steigt in eine U-Bahn, nickt ein. Als sie kurze Zeit später wach wird, ist die Bahn immer noch nicht losgefahren; allerdings drängt sich ein weiterer Fahrgast durch die sich schließenden ...

Inhalt: Eine Frau steigt in eine U-Bahn, nickt ein. Als sie kurze Zeit später wach wird, ist die Bahn immer noch nicht losgefahren; allerdings drängt sich ein weiterer Fahrgast durch die sich schließenden Türen. Nun fährt die Bahn endlich los. Was die beide noch nicht wissen: Es wird dauern, bis sie das nächste Mal hält.

Persönliche Meinung: „U“ ist eine Erzählung von Timur Vermes mit phantastischen Elementen. Die Handlung ist kafkaesk: Eine Frau und ein Mann sitzen in einer U-Bahn, die nicht hält; Hilferufe verhallen, weil niemand ihnen glaubt; mit der Zeit treffen die beiden auf surreale Szenerien. Reizvoll ist die Handlung insbesondere wegen der Komponente des Unbekannten: Warum hält der Zug nicht? Befinden sich die beiden überhaupt noch in unserer Dimension? Was hat es mit den surrealen Szenerien auf sich? Leider – und das ist für mich ein Manko der Erzählung – werden hierzu kaum handfeste Antworten gegeben, sodass man nach der Lektüre etwas enttäuscht und ratlos zurückbleibt. Eine Besonderheit ist der experimentelle Erzählstil: Schlaglichtartig, stakkatohaft und assoziativ werden die Gedanken der Frau dargelegt, meist in wenigen Worten pro Zeile. Auf den ersten Blick erscheint dies kompliziert zu lesen, aber keine Sorge, man kommt schnell rein. Im Wechsel mit diesen assoziativen Gedanken der Frau finden sich mehrfach Dialoge (u.a. mit dem Mann), die eher alltagssprachlich sind und einem Drehbuch ähneln. Zusätzlich finden sich häufiger typographische Hervorhebungen, durch die auf Schriftebene die Bedeutung einzelner Wörter imitiert wird. Diese experimentelle Erzählweise ist ungemein interessant, gleichzeitig „blähen“ typographische Entscheidungen aber auch die Seitenanzahl auf: Mit ca. 150 Seiten hat „U“ die Länge eines kurzen Romans, da aber teilweise nur zwei, drei Wörter in einer Zeile stehen, ist recht viel frei, die Lesezeit eher kurz. Das sollte nicht vom Kauf abhalten, aber berücksichtigt werden (am besten schaut man kurz in die Leseprobe, um zu entscheiden, ob „U“ etwas für einen ist). Insgesamt ist „U“ eine interessant erzählte Geschichte mit kafkaesken Elementen, die für mich aber ein Stück zu undurchsichtig blieb.

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Veröffentlicht am 08.05.2025

Eine Sammlung humoriger Krimis

Wer mordet schon am Rhein?
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„Wer mordet schon am Rhein?“ ist eine Krimikurzgeschichtensammlung von Barbara Saladin, Nadine Buranaseda und Anne Grießer. Versammelt sind hier elf Geschichten, die am Rhein spielen: beginnend in Calanda, ...

„Wer mordet schon am Rhein?“ ist eine Krimikurzgeschichtensammlung von Barbara Saladin, Nadine Buranaseda und Anne Grießer. Versammelt sind hier elf Geschichten, die am Rhein spielen: beginnend in Calanda, endend bei Duisburg, mit Zwischenhalten am Rheinfall, in Basel, Breisach, Strasbourg, Mannheim, Mainz, der Loreley, Bonn und Köln. Jedem Ort ist eine Kurzgeschichte gewidmet, verbunden werden die Geschichten durch ein Kreuzfahrtschiff, das jeden Ort ansteuert (dementsprechend erkennt man in späteren Geschichten auch einige alte Bekannte aus früheren wieder) – prinzipiell eine interessante Herangehensweise, die viel Lokalkolorit verspricht. Allerdings ist die Umsetzung eher durchwachsen. Teilweise – wie bei der Loreley, Bonn oder Strasbourg – sind die Orte eher Kulissen; Strasbourg z. B. wird gar nicht betreten, die Geschichte spielt ausschließlich auf dem Kreuzfahrtschiff. Andere Orte hingegen (Köln, Mainz oder Mannheim) werden dreidimensional beschrieben und die Figuren interagieren mit/in den Städten. Die Kriminalgeschichten sind meist humorvoll gehalten: Sie leben von ungewöhnlich handelnden Protagonisten, wodurch am Ende meist ein Twist erfolgt (dieser war für mich aber häufig recht vorhersehbar). Durch den Fokus auf den Humor kam für mich leider oft die Spannung zu kurz. Meine Highlights waren dementsprechend die Krimis, die eher spannungsgeladen waren: „Dunkle Wolken“, in der ein Mann schrittweise die Erinnerung an die letzten erlebten Stunden wiedergewinnt; „Herr Kloppstock sucht das Glück“, in der der titelgebende Protagonist (ungewollt) ein Verbrechen aufklärt, sowie „Die Taschen-Leserin“, in der eine Frau einer Serienmörderin auf der Spur ist. Jeder Kurzgeschichte sind Freizeitttipps nachgestellt, die fundiert recherchiert sind. Insgesamt ist „Wer mordet schon am Rhein?“ eine Kurzkrimisammlung, die sich besonders für Fans von humorigen Kriminalgeschichten eignet.

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Veröffentlicht am 08.05.2025

Ein dystopischer Roman, der unsere nahe Zukunft literarisch durchspielt

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
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Inhalt: Die 15-jährige Era schaut gerne Streams von zwei Mädchen, die maskiert Dinge auf einer Waldlichtung in die Luft sprengen. Nur Era kennt die Identität der Mädchen: Es handelt sich um ihre Mitschülerin ...

Inhalt: Die 15-jährige Era schaut gerne Streams von zwei Mädchen, die maskiert Dinge auf einer Waldlichtung in die Luft sprengen. Nur Era kennt die Identität der Mädchen: Es handelt sich um ihre Mitschülerin Maja und deren Schwester Merle, Töchter von Momfluencern. Kurzerhand geht Era zur Lichtung, auf der Maja und Merle ihre Sprengungen durchführen, und freundet sich mit beiden an. Doch kurze Zeit später brennt der Wald, bedroht das Haus, in dem Era und ihre Mutter leben, wobei die Brandursache nicht ganz deutlich ist…

Persönliche Meinung: „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und sprengen Sachen in die Luft“ ist ein dystopischer Roman von Fiona Sironic. Erzählt wird die Handlung aus der Ich-Perspektive Eras, die meist einen nüchternen, desillusionierten Ton anschlägt. Der Roman spielt einige Jahre in der Zukunft, in einem dystopischen Setting, das gerade aufgrund seiner Realitätsnähe erschreckend ist. Das Klima ist gekippt: Der Asphalt platzt auf den Schulhöfen auf, sodass die Pausen nicht mehr draußen verbracht werden können; generell muss man aufpassen, wenn man rausgeht, da die UV-Strahlung stark zugenommen hat. Viele Tierarten sterben aus (bzw. sind es schon), was insbesondere Era beschäftigt, die diese Tierarten dokumentiert. Auch die Medien zeigen ihre Schattenseiten: Majas und Merles Mütter haben in ihrer Karriere als Influencer alles gefilmt und hochgeladen – somit auch die Kindheit der beiden der Öffentlichkeit preisgegeben, womit besonders Maja stark hadert. Man merkt: Die Welt in „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und sprengen Sachen in die Luft“ ist unserer nur ein paar Jahre voraus, ihre Charakteristika aus heutiger Perspektive nicht undenkbar, wodurch sie für mich sehr eindrücklich war. Neben diesen dystopischen Zügen besitzt der Roman auch Elemente einer Liebesgeschichte: Zwischen Era und Maja entfaltet sich eine Beziehung. Wobei: Der Funke springt hier nicht wirklich auf die Lesenden über – zu lakonisch, nüchtern, ja teilweise kalt sind die beiden. Auf einer Metaebene ist dies aber stimmig, wird doch die Frage berührt, wie in einer lebensfeindlichen Welt Liebe überhaupt möglich ist. Insgesamt ist „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und sprengen Sachen in die Luft“ ein eindrücklicher dystopischer Roman, der literarisch durchspielt, wie unsere (nahe) Zukunft aussehen könnte.

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Veröffentlicht am 08.05.2025

Ein interessant erzählter Roman über eine besondere Freundschaft

Wohnverwandtschaften
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Inhalt: Nach der Trennung von ihrem Lebensgefährten ist Constanze auf der Suche nach einer neuen Wohnung – und wird in der Wohngemeinschaft von Jörg, Anke und Murat fündig. Hier treffen vier Charaktere ...

Inhalt: Nach der Trennung von ihrem Lebensgefährten ist Constanze auf der Suche nach einer neuen Wohnung – und wird in der Wohngemeinschaft von Jörg, Anke und Murat fündig. Hier treffen vier Charaktere mit Lebensentwürfen, die nicht unterschiedlicher sein könnten, aufeinander. Doch als sich einer der vier verändert, müssen die anderen drei überlegen, wie sie in Zukunft weiterleben möchten…

Persönliche Meinung: „Wohnverwandtschaften“ ist ein Roman über Freundschaft von Isabel Bogdan. Dabei ist die Wohngemeinschaft, über die der Roman handelt, bunt zusammengemischt: Der verwitwete Jörg, dem die Wohnung gehört, plant eine große Reise; die Schauspielerin Anke sorgt sich um ihre Zukunft, denn aufgrund ihres Alters wird sie immer weniger für Engagements gebucht; die Zahnärztin Constanze ordnet ihr Leben nach der Trennung von ihrem Lebensgefährten neu und Murat möchte einfach das Leben genießen. Erzählt wird die Handlung einerseits aus den Ich-Perspektiven der einzelnen Figuren. Dabei nutzt Isabel Bogdan einen Kniff: Mehrere Szenen (z. B. eine Feier) werden aus allen vier Perspektiven erzählt, sodass sich für die Lesenden mosaikartig ein Gesamtbild der jeweiligen Szenen zusammensetzt, das Bewertungen, Gefühle und Sichtweisen aller Protagonisten enthält. Stark beschrieben fand ich insbesondere die Perspektive von Jörg: Dieser leidet zunehmend an Demenz, sucht Wörter und begibt sich dabei auf kognitive Abwege, was eindrücklich und berührend dargestellt wird. Daneben wird auch stellenweise ein neutrales Erzählverhalten benutzt: Wie in einem Drama werden lediglich die Äußerungen der Figuren aufgeschrieben, was ich sehr interessant fand, da man dieses Erzählverhalten wenig liest. Trotz allem konnte mich die Handlung nicht komplett überzeugen: Zwar verändert sich aufgrund unterschiedlicher (z. T. dramatischer) Ereignisse die Gruppenchemie über die Handlung hinweg, allerdings konnte mich dies kaum mitreißen, was möglicherweise daran lag, dass mir die Identifikation mit den Protagonisten schwer fiel. Insgesamt ist „Wohnverwandtschaften“ ein interessant erzählter Roman über eine besondere Freundschaftsgruppe, der eine geeignete Lektüre für zwischendurch ist.

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