Eine schonungslose und unbequeme Erfahrung, die es sich lohnt zu machen
Hunchback„Hunchback“ ist ein wilder Roman mit einer vulgären, extrem direkten Sprache. Das Buch ist mit seinen 90 Seiten eine einzige Erfahrung und ich halte es für ein forderndes, aber auch sehr wichtiges Stück ...
„Hunchback“ ist ein wilder Roman mit einer vulgären, extrem direkten Sprache. Das Buch ist mit seinen 90 Seiten eine einzige Erfahrung und ich halte es für ein forderndes, aber auch sehr wichtiges Stück internationaler Literatur.
Die Geschichte hat klare autobiografische Züge, die Autorin hat wie die Erzählerin selbst eine angeborene Behinderung. Das Besondere für mich ist die Selbstbeobachtung beim Lesen: Warum irritiert es mich, wenn eine behinderte Person so roh und vulgär über ihr Leben und eben auch über Sexualität schreibt? Die Autorin schafft es also exzellent, ihren Finger in die ableistische Wunde zu legen - nicht zuletzt, weil ihre Figur Shaka eben eine Behinderung und auch körperliche Leiden hat ohne dem abwertenden Bild einer „gequälten, lebensmüden Behinderten“ zu entsprechen.
Stattdessen schreibt die Protagonistin selbst Sätze wie „Wie eine normale Menschenfrau ein Kind empfangen und abtreiben – das ist mein Traum“ ins Internet und wirft hier anhand eines polarisierenden Themas Fragen rund um Normalität auf. Das Selbstbestimmungsrecht sollte schließlich für alle gelten, gleichzeitig finden sich behinderte Menschen oft irgendwo zwischen Fetischisierung und Entsexualisierung wieder. Beim Schreiben wandert die Autorin auf einem Pfad voll triefendem Sarkasmus, zynischer Direktheit und offener Vulgarität - ich mochte das sehr gern, eben genau weil es so aufwühlt. Aber das vor dem Lesen für sich selbst einzuordnen ist sicher nicht verkehrt.
Ich mochte auch die ehrliche und unaufgeregte Darstellung des Lebens einer behinderten Person. Über die tägliche Schleimabsaugung inklusive technischer Details wird ebenso geschrieben wie über Pflegeheim-Routinen, Arbeit und Sexualität. Immer wieder lernen wir, wie ableistisch unsere Welt gestaltet ist - klugerweise wird z. B. auch auf die Barrieren der Buchwelt hingewiesen.
Die Protagonistin lebt trotzdem verhältnismäßig privilegiert, weil sie sehr wohlhabend ist. Das kann kritisiert werden, aber ich wüsste nicht, warum solche Figuren nicht auch in der Literatur stattfinden sollten. Außerdem ist Ableismus eine so tiefgreifende und noch wenig beachtete Diskriminierungsform, dass ich diese Kritik irgendwie ein wenig fehlgeleitet finde. Nichtsdestotrotz konnte ich auch nicht alle Handlungen Shakas nachvollziehen und erwartungsgemäß passiert auf den wenigen Seiten vieles recht schnell.
Mit dem Ende war ich völlig überfordert, keine Ahnung, was genau uns Saou Ichikawa da sagen wollte. 🙈 Deshalb ziehe ich auch ein bisschen was von der Bewertung ab. Und doch empfehle ich diese sehr kurze, aufwühlende, grenzenauslotende Geschichte, weil sie eine Perspektive abbildet, die viel zu selten Raum bekommt. Lasst euch von diesem Stück japanischer Literatur herausfordern und bildet euch ein eigenes Urteil.