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Veröffentlicht am 13.05.2025

Nicht gegen die Liebe. Nur gegen den Mythos.

Entromantisiert euch!
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In „Entromantisiert euch! – Ein Weckruf“ nimmt uns Beatrice Frasl mit auf den steinigen Weg der Erkenntnis. Dabei lässt sie keinen Stolperstein und keinen Fallstrick aus, die uns der durch Disney und Co ...

In „Entromantisiert euch! – Ein Weckruf“ nimmt uns Beatrice Frasl mit auf den steinigen Weg der Erkenntnis. Dabei lässt sie keinen Stolperstein und keinen Fallstrick aus, die uns der durch Disney und Co ins Gehirn gehämmerte Glaube an die romantische Liebe vor die Füße wirft.

Frasl erzählt mit trockenem Humor und bitterbösem Zynismus von den ernsten Themen, die uns die heteronormative, romantische Liebe beschert.

Aufgeteilt ist das Buch in drei große Abschnitte:
I. Die große Liebe
II. Das Elend der heterosexuellen Paarbeziehung
III. Danke, nein!

Diese wiederum sind unterteilt in mehrere, kürzere Informationshappen, thematisch passend geordnet. Das ist auch bitter nötig, denn der Stoff ist alles andere als leichte Kost. Dabei aber so, so wichtig.

Denn nur wer von der Illusion weiß, kann sie auch entzaubern und tappt ihr nicht in die Falle.

So erfahren wir beispielsweise, warum „verliebt sein“ im Grunde eine behandlungsbedürftige (hoffentlich) vorübergehende Geisteskrankheit ist. Wieso es früher üblich war, auch in Männerfreundschaften körperlichen, freundschaftlichen Kontakt zu haben. Wie gefährlich (statistisch belegt) eine Beziehung für Frauen sein kann. Und warum das Ganze für die meisten weiblich gelesenen Personen eigentlich einfach nur Arbeit ist, von vorne bis hinten.

Leicht zu lesen ist dieses Buch sicherlich nicht. Ich musste mehrere Pausen einlegen, habe manche Abschnitte wiederholt und dabei vieles daraus für mich mitgenommen. Ich finde es lohnt sich, dieses Buch gelesen zu haben.

Auch wenn für die eine oder andere Leser*in, die sich bereits mit dem Thema beschäftigt hat, sicher nicht alles brandneu sein wird, sondern manches schon bekannt ist. Trotzdem konnte ich auch einige neue Aspekte für mich entdecken.

Die passenden Songzitate über jedem Kapitel und die dazugehörige Playlist runden das Buch für mich ab.

Auch der letzte Abschnitt, in dem die Autorin betont, dass es ihr nicht um die Abschaffung der Liebe an sich geht, sondern nur um die der romantischen Liebe.
Warum die romantische Liebe uns so oft im Weg steht und uns den Blick verstellt auf die vielen anderen Formen der Liebe in unserem Leben und einige alternative Vorschläge, die sie unterbreitet, tragen zum Abrunden bei und machen das Ganze für mich zu einem wichtigen Leseerlebnis, das uns allen Hoffnung gibt (gut, zugegeben, nachdem es uns ein wenig zerstört hat).

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Veröffentlicht am 11.05.2025

Es zerriss mich, heilte mich und ließ mich mit Liebe zurück

Gute Gründe
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Dieses Buch hat mich fertig gemacht. Zerrissen, zerkaut, ausgespuckt und dann liebevoll geglättet. Zum Abschied hat es mir nochmal freundlich über den Kopf gestreichelt und all seine Eindrücke in mir zurückgelassen. ...

Dieses Buch hat mich fertig gemacht. Zerrissen, zerkaut, ausgespuckt und dann liebevoll geglättet. Zum Abschied hat es mir nochmal freundlich über den Kopf gestreichelt und all seine Eindrücke in mir zurückgelassen. Ich wollte eigentlich nur rein lesen, die ersten paar Seiten und dann ein anderes Buch weiterlesen. Aber Nadine J. Cohens Stimme hat sich in mir festgesetzt und mich nicht mehr los gelassen, bis ich gestern Abend weinend vor Trauer und Glück diese berührende Geschichte beendet habe. Yael hat nein zum Leben gesagt und wollte sich umbringen. Doch ihre Schwester will sie nicht verlieren und so versucht Yael Gründe zu finden „JA“ zum leben zu sagen. Dabei ist Yael unglaublich sympathisch und nahbar. Sie ist witzig, auch wenn es ihr offensichtlich nicht gut geht, schlagfertig und versteht es im richtigen Moment das richtige zu denken oder zu sagen. Man fiebert von Anfang an mit und hofft, dass Yael gute Gründe findet am Leben fest zu halten und dass sie heilen und sich erholen kann. Nach und nach wie bei einem Puzzle setzt sich dabei die Geschichte vor unserem Auge zusammen, bis wir schließlich erkennen was Yaels Gründe waren ihr Leben nicht mehr lebenswert zu finden. Zeitgleich entspinnt sich ein Mosaik aus Yaels aktueller Situation und lässt ein Bild erkennen in dem wir Leser und hoffentlich auch die Protagonsistin selbst ein schönes Leben erkennen kann. Dabei begleiten wir sie ein Jahr lang. Die Geschichte ist in Monate aufgeteilt und die Monate wiederum in mal kürzere, mal längere Abschnitte. Ein wilder Mix aus Jetzt und Erinnerungem, der hier gekonnt zu einer Geschichte verwoben wird die man so schnell nicht wieder vergisst und die hier und da auch Fragen an einen selbst aufwirft. Darüber wie man mit bestimmten Situationen umgehen möchte und auch darüber welche guten Gründe man selber hat. Auch das australische Setting hat mich absolut abgeholt. Das Frauen Schwimmbad am Meer als ein zentraler Dreh- und Angelpunkt empfand ich selbst durch die Seiten als Safe Space. Als Ort um einfach nur zu sein und auch als Ort um wieder zu sich selbst zu finden. Schade, dass wir hier so was nicht haben. Ich persönlich empfand es als heilsam wie in diesem Buch über Verlust und Trauer geschrieben wurde. Das muss aber natürlich nicht jedem so gehen. Wenn ihr ein melancholisches Buch mit Hoffnung lesen möchtet seid ihr hier genau richtig. Irgendwie hatte es was von „the fault in our stars“ nur sehr viel erwachsener geworden.

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Veröffentlicht am 25.04.2025

Hilfst du mir, wie ich dir? Oder auch: Fragen, Lücken, Unsicherheiten.

Before we were innocent
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In Before we were innocent ergründet Ella Berman auf 448 Seiten die Abgründe einer Freundschaft, die durch ein schreckliches Ereignis für immer geprägt wird. Geschickt nutzt die Autorin zwei Zeitebenen ...

In Before we were innocent ergründet Ella Berman auf 448 Seiten die Abgründe einer Freundschaft, die durch ein schreckliches Ereignis für immer geprägt wird. Geschickt nutzt die Autorin zwei Zeitebenen – 2008/2009 und 2018. Dabei greifen diese wie kleine Rädchen eines Uhrwerks Kapitel für Kapitel ineinander um die Geschichte vorantreiben:

2008: Bess, Joni und Ev sind unzertrennlich – beste Freundinnen, die nach dem Schulabschluss einen Sommer in Griechenland verbringen wollen. Doch nur Bess und Joni kehren zurück: Am leben, aber für immer gezeichnet.
2018: Bess lebt zurückgezogen und vermeidet den Kontakt zur Außenwelt, bis plötzlich Joni, mit der sie lange keinen Kontakt mehr hatte, vor ihrer Tür steht – mit einer Bitte, die alles ins Wanken bringt: ein Alibi. Bess’ sorgsam aufgebautes Leben beginnt zu bröckeln.

„Dieser packende Roman liest sich wie ein True-Crime-Fall.“ sagt Reese Witherspoon über ihren Book Club Pick.
Was ich zunächst für ein wenig Übertreibung zu gunsten guter PR gehalten habe entpuppte sich schnell als passend.

Mit feinem psychologischem Gespür seziert Ella Berman die Dynamik zwischen den drei Freundinnen. Vieles spielt sich in Bess innerem ab, wirft gekonnt Fragen auf. Nicht nur bei Bess, sondern auch bei uns Leser:innen:

Wie reagiert man auf den viel zu frühen Tod einer Freundin? Bleibt man als Überlebende verbunden, nur weil man etwas Schreckliches gemeinsam erlebt hat? Und überhaupt: Wie geht man damit um, wenn das Leben einen, einfach nur still und leise, auseinanderdriften lässt?

Der Schreibstil ist klar und schnörkellos – gerade dadurch entfaltet er seine Sogwirkung. Das Buch liest sich so schnell und flüssig, dass man es kaum aus der Hand legen möchte. Und genau deshalb funktioniert die Geschichte so gut: Man ist ganz nah dran, spürt die Atemlosigkeit der Figuren, besonders die von Bess – in beiden Zeitebenen. Man will wissen, was damals wirklich geschah. Was denn nun wirklich in jenem Sommer passiert ist? Und was "jetzt gerade" geschieht.
Dabei sind beide Zeitebenen auf ihre eigene Art und Weise spannend.
Während ich eingemummelt auf meinem Sessel saß entwarf mein Kopf immer wildere Theorien was zur Hölle hier denn nun eigentlich wirklich nicht stimmt.

Spannend fand ich auch, wie die Auswirkungen medialer Aufmerksamkeit auf die Überlebenden nach einem solchen Vorfall dargestellt wurde. Wie geht man damit um, wenn einen die ganze Welt kennt und verurteilt? Auch noch Jahre später? Ohne zu viel zu verraten: Joni und Bess jeden Falls sehr, sehr unterschiedlich.

Aber auch ohne das wäre es interessant gewesen einfach nur den feinen Sprüngen zu zu sehen, die sich beginnen in einer Freundschaft auszubreiten, die über den Zenit geschritten ist. Wie sie zu immer größeren Rissen werden, die man einfach nicht mehr übersehen kann. Bis dann, schlussendlich, alles zerspringt oder vielleicht sogar gekittet wird.

Jetzt, beim Schreiben dieser Rezension, wird mir noch einmal bewusst, wie gekonnt Ella Berman die Psyche ihrer Figuren zeichnet. Wie sie feinfühlig andeutet statt plump zu benennen, wie viel sie uns Leser:innen zutraut – und gerade dadurch so viel Tiefe schafft: Gänsehaut!

Wer eine einfache Geschichte mit klar benannten „Guten“ und „Bösen“ sucht, um das Buch am Ende beruhigt zuklappen zu können, wird hier enttäuscht werden. Das nur als Warnung vorweg.
Wer bereit ist, sich einzulassen – auf Fragen, auf Lücken, auf Unsicherheiten –, wird dieses Buch so schnell nicht vergessen.

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Veröffentlicht am 26.03.2025

TikTok & Only Fans trifft auf wahnwitzige WG trifft auf Meta Ebene

Only Margo
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Auf 352 Seiten trifft Tiktok und Only Fans auf wahnwitzige WG.
Margo ist jung. Margo braucht dringend Geld. Margo ist schwanger...
Schwanger von ihrem College-Professor, einem wesentlich älteren (ca so ...

Auf 352 Seiten trifft Tiktok und Only Fans auf wahnwitzige WG.
Margo ist jung. Margo braucht dringend Geld. Margo ist schwanger...
Schwanger von ihrem College-Professor, einem wesentlich älteren (ca so alt wie ich... :( ) Mann, der verheiratet mit zwei Kindern nichts von ihr und dem gemeinsamen Baby wissen will und das auch sehr, sehr klar macht...

Doch so leicht lässt Margo sich nicht unterkriegen. Und so entwickelt sie einen Plan über Tiktok und Only Fans an Geld zu kommen. Gemeinsam mit ihrer Cosplay liebenden Mitbewohnerin und ihrem kürzlich bei ihr eingezogenen Vater (der rein zufällig ehemaliger Wrestling-Profi ist) erfüllt Margo diesen Roman mit so viel Witz Charme und guter Laune dass es eine Riesenfreude war ihr eine Weile durch ihr chaotisches Leben zu folgen.
Dabei gefiel mir der besondere Kniff der Autorin die Perspektive zwischen Ich-Erzählerin Margo im Jetzt und Dritte Person-Margo in der Vergangenheit besonders gut und auch die Metaebene lässt grüßen.
Margo - obwohl sehr jung - ist so stark!

Für mich (bisher) die beste Protagonistin 2025.

Gerade im letzten Drittel bekommt die Handlung noch mal eine ganz andere Richtung, die mir (auf persönlicher Ebene) die Schuhe ausgezogen hat. Ich konnte kaum aufhören zu lesen.

Witzig, spannend, emotional, mit tollen Haupt- und Nebencharakteren die man gerne immer weiter begleiten möchte. Reicht, oder? Machen wir den Sack zu? Nein, muss sich Rufi Thorpe gedacht haben. Das reicht mir noch nicht. Ich will mehr!
Denn die Autorin hat zusätzlich noch auf so kluge Art und Weise eine Kritik an diesem ganzen großen patriarchalen System in ihre vordergründig witzige Story eingewoben, dass man gerade wegen der Art und Weise wie die Welt Frauen und besonders Mütter behandelt alles brennen sehen will!

Und während ich Margo dabei begleiten darf, wie sie auf so mutmachende Art ihre Probleme angeht hoffe ich insgeheim, dass ein bisschen Margo auf mich abfärbt. Auf dass ich mit hoch erhobenem Kopf und kreativen Lösungsideen auch meine Kämpfe zu bestreiten lernen.

Margo hätte ich noch gerne weiter begleitet auf ihrem Weg. Und so schlug ich am Ende sehr wehmütig das Buch zu. Ich werde es sicher bald wieder lesen.

Ganz große Empfehlung!

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Veröffentlicht am 26.03.2025

Danke, Sie können mein Herz gleich behalten

Der längste Schlaf
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Mara Lux ist Wissenschaftlerin. Wissenschaftlerin für Schlaf. Doch das Schlafen selbst fällt Mara alles andere als leicht.
Als Mara dann plötzlich ein altes Herrenhaus geschenkt bekommen soll, mitten in ...

Mara Lux ist Wissenschaftlerin. Wissenschaftlerin für Schlaf. Doch das Schlafen selbst fällt Mara alles andere als leicht.
Als Mara dann plötzlich ein altes Herrenhaus geschenkt bekommen soll, mitten in der deutschen Provinz, von jemandem zu dem sie keinerlei Verbindung hat und den sie nicht einmal kennt… Ja, ab da wird es dann wirklich seltsam.

Und richtig, richtig gut. Melanie Raabe schreibt mit kraftvollen, klaren Worten. Wie ein Maler der energisch sein Bild mit starken Strichen auf die Leinwand bindet. So zieht sie ihre Leser immer tiefer in Maras Kopf und ihre Geschichte hinein. Verweilt man dann an der ein oder anderen Stelle einmal kurz, um zu Atem zu kommen und nutzt die Zeit um sich in ihren Worten umzusehen entdeckt man die vielen Schnörkel und Verzierungen die dem Buch seine Tiefe geben. Ich hatte das Gefühl beim Lesen auf ein Bild zu blicken, dass sich mir zunächst vollkommen klar eröffnet, nur um beim zweiten Blick an Tiefe zu gewinnen. Immer mehr Details könnte ich hinter den Worten wahrnehmen.

Ich muss zugeben, dass ich nicht wirklich etwas über das Buch wusste. Somit war ich von dem Anteil an magischem Realismus im Buch erst überrascht, konnte mich dann zum Glück schnell darauf einlassen.
Zwischendurch dachte ich erst, es wäre etwas viel. Aber am Ende fügt sich alles sehr rund zusammen.

Die Hauptfigur Mara ist sympathisch und beim Zurückblicken habe ich das Gefühl selbst durch die Gassen und Wälder von Limmerfeld gestromert zu sein (sucht gar nicht erst, den Ort gibt es nicht).

Kaum ein Buch hat mich bisher in diesem Jahr so emotional aufgerissen.

Daher eine klare Empfehlung.

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