Cover-Bild Abul Abaz
29,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Franz Steiner Verlag
  • Themenbereich: Geschichte und Archäologie - Geschichte
  • Genre: keine Angabe / keine Angabe
  • Seitenzahl: 101
  • Ersterscheinung: 26.08.2014
  • ISBN: 9783515108393
Achim Thomas Hack

Abul Abaz

Zur Biographie eines Elefanten

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts erhielt Karl der Große vom Kalifen Harun ar-Rasid einen Elefanten zum Geschenk, von dem wir sogar den Namen kennen: Abul Abaz. Vermutlich wurde er im fernen Indien geboren und starb bei einem Feldzug gegen die Normannen im Jahre 810. Sein Leben wirft ein höchst interessantes Licht auf eine Vielzahl natur- und kulturgeschichtlicher Fragen, die das Verhältnis von Menschen und Tieren im Mittelalter betreffen.

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Veröffentlicht am 28.12.2021

Elefant in Menschenhand: Vater der Runzeln (Abul Abaz)

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In den Knittelvers ist kondensiert, dass der Esel ein „dummes Tier“ ist und der Elefant „nichts dafür“ kann, das Zebra treffe man „streifenweise“ (Wilhelm Busch). Das markante Äußere zeichnet solche Tiere ...

In den Knittelvers ist kondensiert, dass der Esel ein „dummes Tier“ ist und der Elefant „nichts dafür“ kann, das Zebra treffe man „streifenweise“ (Wilhelm Busch). Das markante Äußere zeichnet solche Tiere bis heute aus, aber in der Bilderflut der ubiquitären Bild-Medien haben sie ihre Sonderstellung in der Natur längst eingebüßt. Europäer hatten einst wenig Anschauung von den größten unter den Landtieren, wie sie im 8. Band von Plinius Historia Naturalis als „maximum est elephans...“ eingeführt wurden (Reclam 18335, 51ff) - „Der Elefant ist für das europäische Mittelalter zunächst ein ´Buchtier´ und den Autoren aus eigener Anschauung kaum bekannt.“ (Tierlexikon. Probeartikel „Elefant“). Ihn anatomisch richtig zu zeichnen (wie 1516 Raffael) gelang lange Zeit eher nicht, die vielen misslungenen Versuche sind im Internet zur allgemeinen Schaulust und modernen Schadenfreude / Selbstbestätigung freigegeben. Der ältere Plinius, der am 24. August 79 n.Chr „am Vesus (starb), ohne sein letztes Werk vollendet zu haben“, schöpfte sein Wissen „nicht aus Büchern allein. Als im Jahr 42 ein Schwertwal im Hafen von Ostia auftauchte, sah Plinius der Jagd zu.“ (Arno Borst, Das Buch der Naturgeschichte, 20f). Elefanten imponierten dem Römer mächtig: „Er versteht nämlich die Sprache seines Landes, gehorcht den Befehlen, merkt sich, was er zu tun gelernt hat, und zeigt Freude an Liebe und Ruhm.“ (Reclam, 51) Später wird es bei Barnum in den USA einen Jumbo geben, dem dann ein Großflugzeug den Namen verdankt, der 3,5 Meter hoch war und 6,5 Tonnen auf die Waage brachte. Oder einen „Achten Elefanten“ in einem Brecht-Song: „Und der achte war´s, der sie bewachte.“ (edition suhrkamp 73, 116) Eine römische Schale aus Süditalien aus dem 3. Jht. v.Chr stellt den Kriegselefanten schon recht genau dar, inkl. den „süßen“ Nachwuchs, der hinterhertrottet und in verkitschter Form als Benjamin B, Babar oder Ottifant Einzug in Kinderzimmer und -herzen hielt. In der Tiermetaphorik des Deutschen hatten es Zebras oder Dickhäuter naturgemäß schwer, wie der Blick in eine Diss. aus Tübingen zum Thema aus dem Jahr 2000 zeigt, in der als Nr. 1344 der Zebrastreifen erwähnt wird. Der Elefant liegt alphabetisch zwischen Elch und Elster und konnotiert Gedächtnisstärke, Dickhaut, Hochzeit (Fusion zweier Großfirmen), Gewicht, Porzellanladen und Mücke (Nr. 117-125. Dem Verf. waren also die „Elefantenrunden“ als TV-Gesprächsformat mit politischen Schwergewichten nach Siegen oder Niederlagen bei wichtigen Wahlen noch unbekannt.). Ob man einem geschenkten Elefanten auch nicht ins Maul schauen sollte, ist gewiss eine müßige Frage. Ich habe es als Kind bei Zoobesuchen immer wieder versucht, bin aber nicht sehr weit damit gekommen. Ich freue mich im reiferen Alter, von Arbeiten zu hören, die die „Schaulust am exotischen Tier“ (Gerhild Kaselow 1999) oder „Die Schaulust am Elefanten“ (Stephan Oettermann 1982) zu ihrem Thema gemacht haben. Der Jenaer Mediävist Achim Th. Hack, 1967 in Stuttgart geboren, hat wohl den Vogel abgeschossen und viele Quellen genutzt und erschlossen, die uns die merkwürdige Sitte von höchst unhandlichen Herrschergeschenken über so weite Entfernungen (5000 km zwischen Aachen und Bagdad) in einer so weit zurück liegenden Zeit (der Zeit Karls des Großen und Harun al-Raschids) besser zu verstehen hilft, zumal die Sammlung diplomatischer Staatsgeschenke im Berliner Kanzleramt wohl nichts Vergleichbares aufzuweisen hat. Im „Aufstand der Massen“ hat Ortega Y Gasset (1883-1955) schon 1930 beklagt, „dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ´Leben´ nur an den Tag kommt, wenn man es im Sinn von Biographie, nicht von Biologie gebraucht“ (im Kapitel „Primitivismus und Technik“!) und Judith Schalansky (Jg. 1980) zeigt in „Der Hals der Giraffe“ (Berlin 2011) an der Biologielehrerin Inge Lohmar eine déformation professionelle, die ganz im Sinne von Ortegas Zivilisationskritik Leben als „eine Abfolge chemischer Reaktionen“, sozialdarwinistischen Deutungen, aber eben nicht als „ein realer Ablauf von Seelenzuständen“ (rororo 10, 57) versteht und begreift. Man kann sich das monatelange speditive Spektakel um das kolossale Geschenk eines (indischen?) Elefanten - über Jerusalem, Alexandria, Karthago, Porto Venere und „den relativ gut begehbaren Großen St.-Bernhard-Pass“ (27) - evtl. nicht prächtig (und umständlich) genug vorstellen, evtl. ist man an Überführungsprozessionen hochherrschaftlicher Bräute von Theophanu, der Zukünftigen von Kaiser Otto II, bis Marie Antoinette, der Tochter Maria Theresias, erinnert, aber auch Gastspiele großer Zirkusunternehmen wie Knie, Althoff oder Krone könnten einen Eindruck gegeben haben, wie die Verhältnisse en route („in itinere“) ausgesehen haben mögen. (22ff) Auch das recht gut erforschte Reisekönigtum, das man z.B. in der ehemaligen Kaiserpfalz Ingelheim ausgestellt findet, kann über die Bedeutung des physischen Unterwegsseins für die vormoderne Herrschaftsklammer zwischen Führungskräften und Gefolge Auskunft geben, wenn Herrschaft in weiter Ferne angesiedelt war, die Wegstrecken gefährlich, die Transportmittel bescheiden sind und nur mit Hilfe von metaphysisch-esoterischen Grandiositäten die eigene irdische Begrenztheit überformt (und hinterm Berg gehalten) werden konnte, verkörpert in der Nähe durch örtliche Waffen- und Würdenträger, die sich entsprechend benehmen und ausstaffieren mussten, um den Schein der Macht jederzeit aufrecht zu erhalten. Hannibals Alpenüberquerung war immerhin ebenso legendär wie lange her (218 v.Chr). Hack zitiert Literatur zur Ars donandi (J. Hennig), zu Figurations of Exchange (Groebner/Jussen), verweist auf „eine sehr lange Tradition“ im Austausch von Luxusgütern „im diplomatischen Verkehr“. (29) Bei Haruns Rüsseltier Abul Abaz („Vater der Runzeln“, 66) konnten sich Karls über 30 Jahre etablierten Beziehungen etwa zu den „norditalienischen Küstenstädten“, deren „seemännische(s) Know-how“ für den Erfolg wichtig war, bewähren, sein großzügiger Partner im fernen Osten, der auch als „rex Persarum“ oder „König der Sarazenen“ in den Quellen steht (16), war aber auch kein Kleinbauer: „Das Kalifat umfasste um das Jahr 800 selbst schon ein riesiges Gebiet, das sich vom Indus bis an den Atlantik erstreckte.“ (21) Mit der Kaiserkrönung war Karl in diese „Liga“ aufgestiegen. Die Ankunft des Geschenks am 20. Juli 802 in Aachen macht den neuen Rang den Einheimischen und der Welt augenfällig. Dennoch verfügen wir „über keine Ego-Dokumente, die uns einen verlässlichen Einblick in die Gedankenwelt Karls des Großen erlauben (...). Wer sich hinter der Chiffre ´Karl der Große´ verbirgt, ist eigentlich immer unklar.“ (43) Auf der abgelegenen Bodensee-Insel Reichenau jedenfalls sitzt ein aufmerksamer Zeitgenosse im Tragestuhl und „widmet in seiner Chronik gleich zwei Einträge dem fremdländischen Tier: Er verzeichnet sowohl seine Ankunft 802 als auch seinen Tod acht Jahre später.“ (77, Herimanni Augiensis Chronicon, S. 101f)
Michael Karl