Eine besondere Erzählart
Es gibt keine Babyfotos von ihr. Die Eltern behaupten, dass eine ganze Filmrolle verloren gegangen sei. Auf die Idee, einen neuen Film zu kaufen, kamen sie nicht, sie waren zu beschäftigt, von ihrem Bruder ...
Es gibt keine Babyfotos von ihr. Die Eltern behaupten, dass eine ganze Filmrolle verloren gegangen sei. Auf die Idee, einen neuen Film zu kaufen, kamen sie nicht, sie waren zu beschäftigt, von ihrem Bruder jedoch gibt es unzählige Bilder. Eine mögliche Erklärung für ihr nicht Vorhandensein der ersten Lebensmonate im Familienalbum ist, adoptiert worden zu sein. Was ihr erzählt wird, ist wie sie mit zwei Monaten schrie und ständig Durchfall hatte. Laktoseintoleranz attestierte die Ärztin. Von da an mussten die Eltern Spezialmilch aus der Schweiz importieren.
Auch die Großmutter war nicht so belastbar. Ihr ist öfter dunkel geworden und dann fand sie sich auf dem Küchenboden wieder. Sie hat sicher viel mitgemacht durch den Krieg, aber ob das ihren Standardspruch „Wir sind nun mal zum Leiden geboren“ rechtfertigte, weiß sie nicht.
Der Vater ergoss sich regelmäßig in beifallheischendem Stolz über den Sohn wegen dessen Arbeitseifer und untermauerte seine Glaubwürdigkeit damit, dass Manolo oder XY das genauso sehe. Er beschönigte dessen Versetzungsgefahr und bagatellisierte die schlechten Noten damit, dass Lehrer auch einfach Idioten seien.
Die Mutter war immer da, schmiss mit großer Ernsthaftigkeit den Haushalt und schleppte sie alle regelmäßig zu Senyor Felix, den sie nur „den Mann von da oben“ nannten. Der hörte ihnen zu, fing die Schwingungen aus ihren aufgeschriebenen Namen auf und sprach in Metaphern. Wenn das Leben einmal tagelang aus den Fugen geriet, mussten sie Zigarettenpapierblättchen, auf die der Senyor Kreuze gemalt hatte, in Wasser einweichen. Danach tunkten sie Ohrenstäbchen hinein und strichen sich damit gegenseitig über den Körper und dann ging es meist schnell wieder bergauf.
Fazit: Anna Ballbona, mehrfach ausgezeichnete katalanische Journalistin und Autorin, nähert sich auf unterhaltsam komische Art einer Familie. Die Protagonistin fühlt sich überall fremd und sucht nach Gründen, die sie in ihrer Kindheit oder ihrer späteren Jugend vermutet. Sie resümiert die Enge des Dorfes, ihren starken Nachahmungsdrang zu Uni-Zeiten. Sie wollte so sein wie die, die beliebt waren. Die Autorin analysiert die Familie, schält das Unprätentiöse heraus. Zuerst hadert die Hauptdarstellerin mit dieser Einfachheit doch im Laufe der Erzählung bewundert und schätzt sie ihren familiären Hintergrund. Sie bekommt, allen Unkenrufen zum Trotz, selbst eine Tochter und hinterfragt, welche Eigenarten sie an sie weitergeben will. Die Geschichte ist durchzogen von klugen Sichtweisen.
Vielleicht hören wir einfach nie auf Kinder zu sein, verletzte Kinder. Und der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass die Wunden bei einigen offener liegen als bei anderen. S. 227
Am Ende schließt sich der Kreis, der mit einer Kiste voller Erinnerungen begann und lässt mich erstaunt zurück. Eine besondere Erzählart, die ich gerne gelesen habe.