Posttraumatische Belastungsstörung
Aus dem DunkelNach den Sitzungen fährt sie eine Stunde mit dem Bus nach Hause. Sie ist so müde, dass sie einnickt. Sie solle sich danach nichts mehr vornehmen, es werde anstrengend, sagten sie ihr. Ihren Therapeuten ...
Nach den Sitzungen fährt sie eine Stunde mit dem Bus nach Hause. Sie ist so müde, dass sie einnickt. Sie solle sich danach nichts mehr vornehmen, es werde anstrengend, sagten sie ihr. Ihren Therapeuten nennt sie den PTBS-Mann. Während der ersten Termine brachte sie kein Wort heraus. Statt seine Fragen zu beantworten, starrte sie auf den Boden.
Zuhause angekommen, legt sie sich aufs Sofa und fällt in einen leichten Schlaf. Sie träumt, dass sie auf Kinder aufpassen soll, die sie vernachlässigt. Ihr schlechtes Gefühl im Traum ist tief. Als sie erwacht, hat sie Hunger. Sie kocht Reis und Gemüse, setzt sich an den Klapptisch in der Küche und starrt aus dem Fenster. Die Stimmen im Radio sind ein lärmendes Hintergrundgeräusch. Sie steht auf, schaltet es aus, geht ins Wohnzimmer und legt sich auf das Sofa, um irgendeine hohle Sendung im Fernsehen zu schauen. Das wird Öl auf ihre ausgefransten Nerven gießen.
Etwas reißt sie aus dem Schlaf, ihr Herz klopft wild unter der Brust. Sie schwört, dass jemand in der Wohnung ist, durchsucht akribisch jeden Raum, aber sie ist allein. Mit ihrer Decke geht sie ins Schlafzimmer, legt sich hin. In den frühen Morgenstunden schläft sie ein, ein paar traumlose Stunden, ausgespült vom Regen, der gegen das Fenster fällt.
Viele ihrer Albträume handeln davon, nicht zu genügen, alles verkehrt zu machen, Menschen oder Kinder in Not nicht retten zu können. Pflichten zu versäumen, sich an vertrauten Orten nicht mehr auszukennen, verloren zu gehen. S. 197
Fazit: Naja Marie Arndt, preisgekrönte dänische Schriftstellerin, hat das Thema Posttraumatische Belastungsstörung verhandelt. Ihre namenlose Protagonistin hat einen gewalttätigen Vater hinter sich gelassen, eine Schwester verloren und eine Vergewaltigung in ihrer Jugend noch nicht verarbeitet, als sie auf einem nächtlichen Nachhauseweg eine Frau schreien hört. Sie kann ihr nicht nur nicht helfen, sie wird selbst angegriffen. Danach ist nichts mehr, wie es war. Sie findet einen fähigen Psychotherapeuten, der sie durch eine Verhaltenstherapie wieder ins Leben boxt. Aber nicht nur seine Arbeit bereichert ihre Zukunftsaussichten, sondern auch ihre vier Freundinnen. Die Autorin schreibt über traumatische Erfahrungen, als hätte sie es selbst erlebt. Diese tiefe, zehrende Müdigkeit, gleicht einer Ohnmacht, die sie in die Arbeitslosigkeit zwingt. Jederzeit kann sie getriggert und retraumatisiert werden, dazu reichen Geräusche oder ein wenig Druck, ein wenig zu viel von etwas. Während der Therapie ist das notgedrungen gewünscht und angeleitet, aber darüber hinaus allein mit der Todesangst zu sein und dem Gefühl sterben zu müssen, überfordert sie zutiefst. Ihre Freundinnen geben ihr Halt und Fürsorge. Sie absorbieren ihre Wutanfälle, wenn sie überfordert ist, kratzen sie vom Asphalt, wenn sie zitternd und keuchend am Boden klebt und lachen mit ihr über ihre neuerlichen Wunderlichkeiten. Naja Marie Aidt erzählt von männlicher Übergriffigkeit und weiblicher Solidarität. Sie beleuchtet einen Weg des Heilwerdens und macht Mut. Ein Buch für alle, die mit traumatisierten Menschen zu tun haben und sie besser verstehen möchten.