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Veröffentlicht am 03.02.2026

Eine außergewöhnliche Erzählung

Hirschtier
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Penobscot ist eine Kleinstadt mit ungeteerten Straßen, vielen Kirchen, vielen Gläubigen und einer Papierfabrik. Dahinter Felder mit mehligen Kartoffeln, Farmen mit Milchkühen, Schweinen und Schafen. Dahinter ...

Penobscot ist eine Kleinstadt mit ungeteerten Straßen, vielen Kirchen, vielen Gläubigen und einer Papierfabrik. Dahinter Felder mit mehligen Kartoffeln, Farmen mit Milchkühen, Schweinen und Schafen. Dahinter der Wald, in dem Kinder spielen. Dort leben auch wilde Männer, die Kinder mit Rotwild verwechseln und auf sie schießen. Die Elche sind reizbar und wehrhaft. Wer unter ihre Hufe gerät, überlebt selten. Dort lebt auch eine Frau, stark, wütend – gut. Eine Kriegswitwe Florence und die liebt ihre Nachbarin Ruby. Florence arbeitet im Ort an der Mittagstheke, dort bezirzt sie die Männer, weil sie es noch nicht aufgegeben hat. Ihre Schwester Dolly arbeitet in der Papierfabrik. Beide leben in einem Haus und erziehen die kleine Margaret, Florences Tochter, die mit vier anfing, die ersten Engel zwischen Grashalmen zu sehen. Die Nachbarin Ruby Bickfort ist eine Gefallene. Ihr Mann haute ab, als Agnes gerade geboren war. Agnes ist Margarets beste Freundin und im Gegensatz zu Margaret ist sie energisch und standhaft wie ein Zinnsoldat.

Seit dem Tag der Schulhofüberschwemmung schreibt Margaret Geschichten, die gut enden. Nein, sie geht noch nicht zur Schule, denn sie ist ja erst vier. Sie kann lesen, weil sie Dolly schon ewig über die Schulter blickt, wenn die ihre Bibelverse vorliest. Margaret hat sich eine Geheimsprache ausgedacht. Sie schreibt in kleinen Zeichen, die nur sie versteht. Am Tag der Schulhofüberschwemmung hat Margaret Agnes Zuhause abgeholt und sie sind die Straße runtergelaufen. Agnes hat sich im Schlamm auf dem Schulhof gewälzt, aber Margaret wollte nicht mitmachen. Sie sind zu Agnes zurückgelaufen und haben sich in den Schuppen geschlichen. Agnes wollte unbedingt „Erwacht Prinzessin“ spielen und stieg in den alten Fischkühler. Margaret sollte den Deckel schließen, bis zehn zählen und dann die Prinzessin wieder herauslassen, aber sie bekam den Verschluss nicht mehr auf.

Fazit: Claire Oshetsky hat eine außergewöhnliche Geschichte geschaffen. Ihre Protagonistin Margaret verliert auf tragische Weise ihre beste Freundin. Sie kann mit niemandem darüber reden. Ihre Mutter hilft ihr aktiv das Ereignis zu verdrängen. Es bleibt ein diffuses Gefühl, einen großen Fehler begangen zu haben, das sie mit erfundenen Geschichten kompensiert. Für Agnes Mutter Ruby ist die Trauer überwältigend, bis sie Margaret beschuldigt, für den Tod ihrer Tochter verantwortlich zu sein und damit ein Hirschtier in Margaret zum Leben erweckt. Für Margaret war der psychische Zusammenbruch Agnes Mutter nicht fassbar. Ihre eigenen Gefühle spiegelten eher ein Vermissen wieder. Was mir gut gefallen hat, ist zu zeigen, wie sich ein Kind fühlt, das glaubt schuld am Tod der besten Freundin zu sein und dieses Hirschtier, das ihr ins Gewissen beißt, ganz alleine tragen muss. Ebenso hat die Autorin einen geübten Blick auf die Erwachsenen geworfen, die ihre eigene Verantwortung auf die damals Vierjährige abwälzen. Zu Anfang fand ich die einfache Sprache großartig, später nicht mehr so angemessen. Die Geschichten, die Margaret erfindet, hat die Autorin zum Teil mit der immerwiederkehrenden Anfangsszene eingeleitet, das fand ich hilfreich und gut gelöst. Dieser Linie ist sie aber nicht immer treu geblieben und das war für mich verwirrend. Eine sehr spezielle Geschichte mit einem soliden Grundgerüst über Trauma, Verlust und Schuld. Und sicher eine Herausforderung für die Autorin, die hiermit den Janet Heidinger Kafka Prize for Fiction 2025 gewonnen hat.

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Veröffentlicht am 29.01.2026

So schmerzlich wie fesselnd

Ein Mädchen verließ das Zimmer
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2017

Etwas bahnt sich in ihr Weg, das sie nicht benennen kann. Eg ist tot, friedlich verstorben, sah sie in einem Facebook Posting und dachte, endlich.

Es war 1980, sie war vierzehn, als sie Eg zum ersten ...

2017

Etwas bahnt sich in ihr Weg, das sie nicht benennen kann. Eg ist tot, friedlich verstorben, sah sie in einem Facebook Posting und dachte, endlich.

Es war 1980, sie war vierzehn, als sie Eg zum ersten Mal begegnete. Auf einer Vernissage ihres Vaters tauchte er mit ihrer Mutter hinter ihr auf. Sie blickte gerade durch das Objektiv ihrer Kamera. Ob sie Blow Up gesehen hatte, wollte er wissen. Seine Mutter stellte ihn als Schriftsteller vor. Er nahm ihr die Kamera aus der Hand und schoss ein Foto von ihr. Sie möge es ihm schicken, wenn sie es entwickelt hätte, dann habe er etwas, das ihn an sie erinnern würde.

Das Foto war schrecklich, sie haderte mit sich, kam dann aber ihrer Pflicht nach und steckte es in ein Kuvert. Den Brief, der das Bild begleiten sollte, schrieb sie dreimal um. Wenige Tage später bekam sie einen Brief von ihm, der mit den Worten, meine hübsche, hinreißende, liebe Tanja, begann. Nach wenigen Wochen des Briefwechsels konnte sie an nichts anderes mehr denken. In den einsamen Nächten streichelte sie ihr Gesicht, fuhr sich mit den Fingern über die Lippen, den Hals und tauchte schließlich unter die Bettdecke nach unten, als wäre es seine Hand.

Eg forderte sie auf, mit ihm zu telefonieren, aber das traute sie sich nicht, weil sie befürchtete, dass ihr die Worte fehlten. In den Briefen war sie jemand anders, eine erwachsene Tanja, die, die sie für Eg sein wollte. Sie fieberte jedem seiner Briefe entgegen, verschlang jedes Wort:

Kannst du etwas damit anfangen, dass du mir mehr bedeutest als ich mir selbst? S. 66

Eg gestand ihr, dass er als Dozent schon einmal ein so junges Mädchen gehabt habe. Er sei ihr Erster gewesen.

Fazit: Die dänische Dichterin Ulrikka S. Gernes hat in ihrem Romandebüt eine toxische Beziehung zwischen dem 44-jährigen Eg und der 14-jährigen Tanja beleuchtet. Es beginnt mit einem harmlosen Foto. Die Autorin lässt ihre heute 30 Jahre alte Protagonistin zurückblicken. Ausgelöst durch seinen Tod beginnt die Tortur der Erinnerungen. Tanja ist vulnerabel, ihr erfolgreicher, kränklicher Vater ist mit sich selbst beschäftigt und ungenießbar, ihre Mutter leidet darunter. Die Schule langweilt sie und da trifft sie ihn. Er macht ihr schnell mit schnulzigen Worten Avancen, für die sie sehr empfänglich ist. Ab ihrem 15. Geburtstag nötigt er sie mehrfach, sich mit ihm zu treffen. Sie belügt ihre Eltern. Er manipuliert gekonnt ihre Mutter, indem er sie mit verbaler Wertschätzung überhäuft. Tanja wird emotional abhängig. Die Geschichte wirkt so real und entwickelt einen Sog, dem ich mich nicht entziehen kann. Gebannt sehe ich dabei zu, wie er sie auf sich konditioniert. Tanja versucht für ihn eine erwachsene Frau zu sein und verpasst diese wichtige Entwicklungsphase, die sie nur mit Gleichaltrigen erleben kann. Alle sehen dabei zu, keiner kommt auf die Idee, dass es ihr nachhaltig schaden könnte. Dieser kranke, erfolgreiche Mann hat alles, was sie nicht hat. Er ist lebenserfahren, klug, galant, hat Freundschaften und wird bewundert. All das reicht ihm nicht. Wie ein Fass ohne Boden benutzt er sie, um sein Ego zu mästen. Ein schmerzliches, fesselndes Buch, das völlig verständlich ein Bestseller in Dänemark geworden ist.

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Veröffentlicht am 26.01.2026

Sehr unterhaltsame Aufführung mit Tiefe

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
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Felix hat eingeladen. Felix hat bezahlt. Jetzt betreten Matze, Linn, Eva, Felix und ihre beiden Kinder den Bungalow. Ein loftähnlicher Traum aus bodentiefen Fenstern und Beton. Die Terrasse ist riesig, ...

Felix hat eingeladen. Felix hat bezahlt. Jetzt betreten Matze, Linn, Eva, Felix und ihre beiden Kinder den Bungalow. Ein loftähnlicher Traum aus bodentiefen Fenstern und Beton. Die Terrasse ist riesig, das azurblaue Mittelmeer zu ihren Füßen. Linn traut sich kaum zu atmen. Eva erobert eines der Schlafzimmer und verschwindet darin. Felix ist Matzes ältester Freund. Matze erinnert sich noch gut an den Fünfzehnjährigen.

Linn hat das Bad aufgesucht. Der rostrote Streifen in ihrem Höschen gibt Anlass zur Sorge. Im Fertilisationsforum findet sie keine befriedigende Antwort. Eva ruft sehr laut Scheiße. Linn zerrt ihre Hose wieder hoch und lugt um die Ecke. Eva hat das namenlose Baby auf dem Arm, das seine kleine Faust um ihre Haare geschlossen hat. Evas Blick fällt auf Linn und sofort drückt sie ihr Baby in die Arme. Linn hält Baby, wie man eine alte fette Katze halten würde. Eva rennt ins Schlafzimmer und kommt mit einer Federschaukel zurück, findet aber in dem kantenlosen Neubau nichts, wo sie sie aufhängen könnte.

Eva steht vor dem Badezimmerspiegel und wäscht sich Babys Kotze aus dem Shirt. Der BH hat auch etwas abbekommen, also runter damit. Ihr Blick, den sie sonst vermeidet, fällt auf die prallen, hängenden Brüste. Sie umfasst die linke, drückt sie nach oben, greift mit der rechten Hand nach und bringt sie in die Form, die sie vor zwei Schwangerschaften hatte. Bekümmert lässt sie sie wieder fallen, als die Badezimmertür aufgeht und Linn im Türrahmen erscheint. Peinlich berührt, den Blick etwas zu lang auf Evas Brüste geheftet, entschuldigt sie sich.

Fazit: Dita Zipfel, Drehbuchautorin und Essayistin, hat sich in dieser Geschichte der weiblichen Selbstbestimmung gewidmet. Gekonnt inszeniert sie eine Story um zwei Paare, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Eva ist Sinnbild des Weiblichen und wird wegen ihrer Ruhe und gekonnten Mutterschaft von Linn heimlich bewundert. Linn möchte ein Kind, aber ihre Eierstöcke wollen nicht mehr. Sie lässt sich künstlich befruchten und glaubt, dass man ihr nach diesem Kurzurlaub sechs herrlich entwickelte In-vitro-Zellen einsetzen wird. Evas Mann Felix ist der selbstgefällige Selfmadereiche Typ, der einfach alles bekommt, was er will, inklusive einer schönen, jüngeren Eva. Matze besticht mit seiner Geduld, die Menschen, die er mag, so zu lassen, wie sie sind. Linn macht aus ihrer Abneigung gegen Felix keinen Hehl. Matze ist stets bemüht, loyal zu vermitteln. Im Laufe der Handlung kommt es zu einigen komischen Verwicklungen. Die Annäherung zwischen den Frauen hat mir gut gefallen. Die Geschichte wird mir aus Sicht eines allwissenden Erzählers vermittelt. Das Ende ist krass und nur dadurch verständlich, dass die Autorin ein ausgezeichnetes Szenario auf die Spitze treibt. Gut ausgearbeitete Charaktere. Sehr unterhaltsame Aufführung mit Tiefe.

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Veröffentlicht am 23.01.2026

Inspirierende Gedanken zum Älterwerden

Die Altenboomer
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Es ist doch eigentlich schön, wenn der morgendliche Wecker keinen Druck mehr erzeugt. Unser Arbeitsleben lang haben wir das Wochenende herbeigesehnt, jetzt darf jeder Tag unbekümmert zelebriert werden. ...

Es ist doch eigentlich schön, wenn der morgendliche Wecker keinen Druck mehr erzeugt. Unser Arbeitsleben lang haben wir das Wochenende herbeigesehnt, jetzt darf jeder Tag unbekümmert zelebriert werden. Wir sind befreit von der Periode und noch entfernt von Inkontinenzbinden. Wie schaffen wir es, das Alter nicht nur als Verlust von Gesundheit, straffer Haut und Vitalität anzusehen, sondern als Befreiung mit großen Intensitäten? Die Autorin führt mich mit ihrem schwungvollen Schreibstil durch verschiedene Epochen der Kunst, auf der Suche nach der Darstellung gealterter Körper und hilft mir, das Schöne darin zu finden. Wir sollten den eigenen Körper mit Gnade betrachten, uns dessen bewusst werden, wie gut er Krankheiten pariert hat, dabei half, unsere Lebensentwürfe zu verwirklichen und uns mit anderen Menschen verbunden hat. Die dritte Lebenshälfte schenkt uns die Zeit noch einmal alles zu hinterfragen und uns von einengenden Konventionen zu befreien. Da die heteronormative Attraktivität entschwindet, sind wir von dem Ballast befreit, mithalten zu müssen und jeden hübschen Menschen als Konkurrenz zu betrachten.

Wir können Schönheit jetzt selbst definieren. Die Natur bietet ungeheure Möglichkeiten, schönes zu entdecken und hat einen beruhigenden Einfluss.

Freude in den kleinen Dingen finden. Die Himbeermarmelade auf lauwarmem Brot, die heiße Dusche, das Sonnenbad, der schmerzarme Spaziergang, die Freude am Gelingen anderer oder ein gutes Buch. Minimalismus und Müßiggang im Alter können unsere Grundstimmung verbessern.

Sicher, diese letzten Lebensjahrzehnte mögen als Fluch und Segen zugleich betrachtet werden. Der Körper wird müde, Verluste von Freunden häufen sich, der/die Lebenspartner*in wird krank, leidet und verstirbt möglicherweise und Altersarmut vermiest einem sowieso das Leben. Die eigene Gesundheit verabschiedet sich und Schmerzen machen reizbar. In der Fülle der verlustreichen Möglichkeiten ist Jammern ein gängiges Mittel, das leider nichts kompensiert. Die Autorin weiß aus eigener Erfahrung, dass die Option ist, den Spieß umzudrehen. Zu schätzen, was man hat, statt zu vermissen, was fehlt. Aus der Opferhaltung in die eigene Macht und Handlungsfähigkeit zu kommen.

Fazit: Die 1959 geborene Autorin und Juristin hat mit diesem kleinen Buch einen wichtigen Fahrplan guter Ideen zusammengestellt, wie wir unseren Lebensabend verbringen könnten, ohne zu verzweifeln. Mit ihrer klugen Lebenserfahrung und der richtigen Prise Humor hat sie definitiv mein Bewusstsein erweitert. Dieses berührende, inspirierende kleine Schmuckkästchen aus Gedanken und Einsichten ist ein echtes Geschenk an jede/n der/die den Renteneintritt gerade hinter sich gebracht hat.

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Veröffentlicht am 19.01.2026

Noch ausbaufähig

Spielverderberin
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Die Hauptstraße von Süthland ist schmal. Breit genug für einen Traktor, aber zu eng, als dass zwei Autos aneinander vorbeikämen. Sophie sitzt in dem alten Fiat ihres Großvaters, um Lotte abzuholen und ...

Die Hauptstraße von Süthland ist schmal. Breit genug für einen Traktor, aber zu eng, als dass zwei Autos aneinander vorbeikämen. Sophie sitzt in dem alten Fiat ihres Großvaters, um Lotte abzuholen und sieht sie schon von weitem. Bunte Hose mit Gummizug, Batik-Shirt und Batik-Tasche. Lottes Mutter hatte Sophies erzählt, dass Lotte jetzt mit Kindern arbeitet und die hat Sophie sofort eine Nachricht geschickt. Der Dorftratsch funktioniert immer noch. Als sie vor Lotte hält, klebt ihr Shirt am Rücken. Als Lotte eingestiegen ist, blickt Sophie in ihr Gesicht und sieht die Abdrücke der beiden Schrauben hinter der Stirn.

Romy hatte vor zwei Wochen wie aus dem Nichts eine Chat-Gruppe eröffnet und die beiden früheren Freundinnen hinzugefügt. Jetzt waren sie am See verabredet, sie haben sich ewig nicht gesehen. Sophie denkt an die Nacht, als sie Romy zuletzt gesehen hat, an den Ruß in ihrem Gesicht.

Sophie und Lotte sind zuerst am See und machen es sich auf Handtüchern bequem. Lotte packt tütenweise Gummibärchen und saure Schlangen aus, Sophie ein Baguette und Humus. Sie sehen Romy auf sich zukommen, die verschmitzt lächelt. Sie setzt sich zu ihnen und packt Sekt, drei Becher und ihre orange Tupperware mit Cashewkernen aus. Das Gespräch zwischen den drei jungen Frauen entwickelt sich müßig, bis Romy im See verschwindet und Lotte zu Fuß nach Hause geht.

Fazit: Die Debütantin Marie Menke hat eine Freundschaft und deren Beständigkeit verhandelt. Sophie und Lotte kennen sich aus dem Kindergarten und waren über die folgenden Schuljahre hinaus einmal gute Freundinnen. In der Oberstufe stößt die Münchnerin Romy hinzu und pflegt eine Freundschaft zu Lotte, die Sophie außen vorlässt. Ich erfahre die Geschichte aus Sicht Sophies, die mich mit Rückblicken versorgt. Von Anfang an schwebt eine Ahnung von etwas Schlimmem, das passiert sein muss, über der Szenerie. Da ist Sophies Scham Lotte gegenüber wegen der Schrauben. Ihre Unsicherheit Romy gegenüber, die sie zu vergöttern, aber auch abzulehnen scheint. Mit dieser Ahnung hat die Autorin mich so neugierig gemacht, dass ich ihr fast blind gefolgt bin. Fast blind, weil mir die Charaktere nicht stimmig genug gezeichnet waren. Ich bekomme eine Ahnung von Romys Selbstgefälligkeit, doch mir ist nicht ganz klar geworden, wie sie so mühelos zwischen die beiden grätschen konnte. Lottes Passivität fand ich merkwürdig, Sophies Sozialneid den Städtern gegenüber schauerlich. Ich muss gestehen, dass ich ein nicht korrigiertes Leseexemplar in Händen hielt, aber so ist es nun mal. Davon abgesehen, dass die Geschichte in mir ein durchweg ungutes Gefühl erzeugt hat, hätte ich mir die Charaktere besser ausgearbeitet gewünscht. So bekam ich einen Rohstoff, der ein bisschen mehr Liebe gebraucht hätte. Für Leser*innen, die „Kosakenberg“ von Sabine Rennefanz oder „Furye“von Kat Eryn Rubik mochten.

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