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Veröffentlicht am 12.05.2026

So berührend

Pause
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Hanna liegt auf dem Boden des Konferenzraums. Dass die Notfallärztin den Raum betritt, bekommt sie nicht mit. Während die Ärztin einen Zugang legt, erwacht Hanna mit einem tiefen Atemzug, so als wäre sie ...

Hanna liegt auf dem Boden des Konferenzraums. Dass die Notfallärztin den Raum betritt, bekommt sie nicht mit. Während die Ärztin einen Zugang legt, erwacht Hanna mit einem tiefen Atemzug, so als wäre sie längere Zeit unter Wasser gewesen. Doch als sie angesprochen wird, driftet sie schon wieder weg. Als nächstes nimmt sie das Beep Beep wahr und sieht links die Monitore mit denen sie verkabelt ist. Sie muss dringend pinkeln, will aufstehen, verheddert sich in den Kabeln, will klingeln, will doch nicht klingeln, sicher haben die hier alle genug zu tun. Die Tür geht auf, eine Schwester mit forsch wippendem Zopf kommt herein. Einmal untenrum frei machen und das Becken anheben. Das Metall der Bettpfanne berührt kalt ihren unteren Rücken. Sie kann das so nicht, dann doch. Der Urin rinnt über die Pfanne hinaus und benetzt ihre Leinenhose. Die Schwester zieht den Topf wieder raus und schlägt die Bettdecke über Hannas Unterleib. „Gleich kommt eine Ärztin und vielleicht rufen sie schon jemanden, der sie abholen kann. Ich kann aufstehen und gehen, kein Problem, sagt Hanna erleichtert. „Jemand holt sie ab oder sie bleiben.“

Laut Ärztin hatte Hanna einen Krampfanfall. Sie wird nicht dableiben und sich durchchecken lassen. Sie schreibt ihrem Paul, wo sie ist und wann er sie holen kommt. Wenig später „… ach Hanna, was machst du denn für Sachen, das sind 160 Kilometer und ich habe schon zwei Bier getrunken. Ich hole dich morgen.“ Hanna durchforstet ihr Telefon nach möglichen Kandidaten und schreibt ergebnislos. Alle haben besseres zu tun. Sie will ihre Eltern nicht anrufen. Sie wird ihre Eltern anrufen müssen: „Hallo Mama, wie gehts? „Hanna?, du, ich lese gerade ein bisschen. „Mama, ich bin im Krankenhaus, jemand müsste mich abholen. „Hanna, was machste denn für Sachen? Wo biste? Hanna, das sind jetzt 200 Kilometer, das will ich dem Papa jetzt nicht zumuten. Und das wird mir jetzt aber auch zu viel. Ruf Paul an!“ „Wer ist denn dran? Gib mal. Hanna-Schatz, ja sicher, sind schon unterwegs. „

Fazit: Lena Kupke hat nach einigen Sachbücher nun ihr Romandebüt abgeliefert und das ist bezaubernd. Als Protagonistin stellt sie eine Mitte dreißigjährige vor, die während einer beruflichen Präsentation einen epileptischen Anfall bekommt. Sie wird im Krankenhaus gesichert und darf, sobald stabil, abgeholt werden. Der einzige, der bereit ist, hunderte Kilometer auf sich zu nehmen, ist ihr Vater. So landet Hanna in ihrem ehemaligen Kinderzimmer. Und dann grüßt täglich das Murmeltier. Hannas Eltern haben sich arrangiert und frönen ihrer Rituale. Der Vater frühstückt in der Küche, die Mutter im Wohnzimmer. Der Vater radelt einige Kunden ab. Mittag um zwölf essen alle in der Küche Mutters Gemüse-Kartoffelaufläufe, zu denen der Vater sich ein schönes Stück Fleisch brät. Die unterkühlte Schwester kommt zwischendrin kurz hereingeschneit. Man spricht nicht über das Wesentliche, nur nicht unnötig rumrühren und unangenehm stören. Hanna möchte aber über ihre traumatische Erfahrung sprechen. Hanna möchte sich aber auch niemandem aufzwingen, deshalb bleibt sie mit ihrem Frust allein, bis sie überzukochen droht. Einzig die sonderbare Nachbarin der Eltern findet zarten Zugang zu Hanna. Was ist das für eine berührende Erzählung. Die Autorin greift mitten ins Leben und zeichnet ihre Personen so authentisch. Hier habe ich alles finden können, was mein Herz berührt. Humor im Sinne von Selbstironie, Menschen, die ich (trotzallem) liebgewonnen habe. Skurrile Situationen, die nur das Leben schreiben kann. Eine Hauptdarstellerin, die sich behaupten und Interesse an ihr einfordern muss. Das Ende hat mich lachen und gleichzeitig weinen gemacht. So gut erzählt, so gut unterhalten. Für alle, die gerne Caroline Wahl oder Vera Zischke lesen.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Posttraumatische Belastungsstörung

Aus dem Dunkel
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Nach den Sitzungen fährt sie eine Stunde mit dem Bus nach Hause. Sie ist so müde, dass sie einnickt. Sie solle sich danach nichts mehr vornehmen, es werde anstrengend, sagten sie ihr. Ihren Therapeuten ...

Nach den Sitzungen fährt sie eine Stunde mit dem Bus nach Hause. Sie ist so müde, dass sie einnickt. Sie solle sich danach nichts mehr vornehmen, es werde anstrengend, sagten sie ihr. Ihren Therapeuten nennt sie den PTBS-Mann. Während der ersten Termine brachte sie kein Wort heraus. Statt seine Fragen zu beantworten, starrte sie auf den Boden.

Zuhause angekommen, legt sie sich aufs Sofa und fällt in einen leichten Schlaf. Sie träumt, dass sie auf Kinder aufpassen soll, die sie vernachlässigt. Ihr schlechtes Gefühl im Traum ist tief. Als sie erwacht, hat sie Hunger. Sie kocht Reis und Gemüse, setzt sich an den Klapptisch in der Küche und starrt aus dem Fenster. Die Stimmen im Radio sind ein lärmendes Hintergrundgeräusch. Sie steht auf, schaltet es aus, geht ins Wohnzimmer und legt sich auf das Sofa, um irgendeine hohle Sendung im Fernsehen zu schauen. Das wird Öl auf ihre ausgefransten Nerven gießen.

Etwas reißt sie aus dem Schlaf, ihr Herz klopft wild unter der Brust. Sie schwört, dass jemand in der Wohnung ist, durchsucht akribisch jeden Raum, aber sie ist allein. Mit ihrer Decke geht sie ins Schlafzimmer, legt sich hin. In den frühen Morgenstunden schläft sie ein, ein paar traumlose Stunden, ausgespült vom Regen, der gegen das Fenster fällt.

Viele ihrer Albträume handeln davon, nicht zu genügen, alles verkehrt zu machen, Menschen oder Kinder in Not nicht retten zu können. Pflichten zu versäumen, sich an vertrauten Orten nicht mehr auszukennen, verloren zu gehen. S. 197

Fazit: Naja Marie Arndt, preisgekrönte dänische Schriftstellerin, hat das Thema Posttraumatische Belastungsstörung verhandelt. Ihre namenlose Protagonistin hat einen gewalttätigen Vater hinter sich gelassen, eine Schwester verloren und eine Vergewaltigung in ihrer Jugend noch nicht verarbeitet, als sie auf einem nächtlichen Nachhauseweg eine Frau schreien hört. Sie kann ihr nicht nur nicht helfen, sie wird selbst angegriffen. Danach ist nichts mehr, wie es war. Sie findet einen fähigen Psychotherapeuten, der sie durch eine Verhaltenstherapie wieder ins Leben boxt. Aber nicht nur seine Arbeit bereichert ihre Zukunftsaussichten, sondern auch ihre vier Freundinnen. Die Autorin schreibt über traumatische Erfahrungen, als hätte sie es selbst erlebt. Diese tiefe, zehrende Müdigkeit, gleicht einer Ohnmacht, die sie in die Arbeitslosigkeit zwingt. Jederzeit kann sie getriggert und retraumatisiert werden, dazu reichen Geräusche oder ein wenig Druck, ein wenig zu viel von etwas. Während der Therapie ist das notgedrungen gewünscht und angeleitet, aber darüber hinaus allein mit der Todesangst zu sein und dem Gefühl sterben zu müssen, überfordert sie zutiefst. Ihre Freundinnen geben ihr Halt und Fürsorge. Sie absorbieren ihre Wutanfälle, wenn sie überfordert ist, kratzen sie vom Asphalt, wenn sie zitternd und keuchend am Boden klebt und lachen mit ihr über ihre neuerlichen Wunderlichkeiten. Naja Marie Aidt erzählt von männlicher Übergriffigkeit und weiblicher Solidarität. Sie beleuchtet einen Weg des Heilwerdens und macht Mut. Ein Buch für alle, die mit traumatisierten Menschen zu tun haben und sie besser verstehen möchten.

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Veröffentlicht am 06.05.2026

Intensiv und atmosphärisch

Wilde Häuser
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Dev liegt auf dem Sofa, die Kopfhörer auf den Ohren. Schräg gegenüber im Sessel, den früher seine Mutter für sich beanspruchte, die Promenadenmischung Georgie. Ein in die Jahre gekommener räudiger Köter ...

Dev liegt auf dem Sofa, die Kopfhörer auf den Ohren. Schräg gegenüber im Sessel, den früher seine Mutter für sich beanspruchte, die Promenadenmischung Georgie. Ein in die Jahre gekommener räudiger Köter mit schlechter Laune, fettem Überbiss und immerzu flehentlichem Blick. Georgie hat seiner verstorbenen Mutter gehört und war nie Devs Freund. Da er jedoch akzeptiert, dass Dev nun das Sagen hat und Herr über das Dosenfutter ist, führt er Devs Befehle aus, sofern sie energisch genug herausgebellt kommen.

Schluss jetzt!, dämmt Dev Georgies Gekläffe ein. Die Scheinwerferlichter eines Autos gleiten über die Wohnzimmerwände. Dev steht auf und schiebt die Vorhänge zur Seite. Er erkennt den Wagen seines Cousins Gabe Ferida. Er hält an, steigt aus, gefolgt von seinem Bruder Sketch. Sie zerren einen Jugendlichen von der Rückbank und scheuchen ihn zur Hintertür. Dev öffnet und sieht in ein blasses Gesicht.

Sketch ist zwei Jahre älter als Dev. Seine trainierten Oberarme sind übersät mit Tätowierungen. Sein Kinn ist kantig, die blauen Augen leuchten launisch. Wenn ihm danach ist, zieht er Schwachköpfen eins über. Gabe ist vierzig, sieht aber zehn Jahre älter aus. Er besteht aus Haut und Knochen. Sein langes vernarbtes Gesicht rahmt die tief in den Höhlen liegenden Augen ein. Zehn Jahre Heroin hatten ihm übel mitgespielt. Gar nicht einfach in der tiefsten Provinz Irlands so draufzukommen. Sie arbeiten für einen Typen namens Mulrooney. Kommen immer mal wieder bei Dev reingeschneit und bringen Pakete, die Dev dann wahlweise im Keller oder der Scheune unterbringt, bis sie wieder abgeholt werden. Dev bekommt dafür ein bisschen Geld. Jetzt sitzt der Junge in seiner Küche, weil sein Bruder die Feridas abgezockt hat. Dreizehn Riesen schuldet er Mulrooney und Sketch und Gabe werden sie eintreiben, egal wie.

Fazit: Colin Barrett, mehrfach ausgezeichneter Autor, hat das Porträt dreier Kleinstadtganoven gezeichnet. Die Feridabrüder verticken Drogen, der behäbige Cousin Dev bietet sein Haus als Lager an. Eigentlich will Dev, der keine sozialen Kontakte hat, nur seine Ruhe. Doch dann schleppen sie ihm eine Geisel ins Haus, um von dessen Bruder zu erpressen, was ihnen zusteht. Die Mutter der Geisel setzt seinen Bruder unter Druck, der das Dilemma zu verantworten hat. Ich erfahre Devs Hintergründe und warum er unter Panikattacken leidet. Im Laufe der Geschichte nimmt die Geisel Einfluss auf den konfliktscheuen Dev und rettet damit ihr Leben. Der Autor hat die Gabe, szenisch zu schreiben, was die Geschichte atmosphärisch und dicht macht. Manchmal wurden mir die detaillierten Umgebungsbeschreibungen etwas viel, dennoch liest sich das Buch, als würde man einen Film schauen. Das war gute Unterhaltung und für alle Krimifans, die einen besonderen Schreibstil mögen genau das richtige Buch. Nicht zu vergessen, das Cover, die gesamte Umschlaggestaltung ist, wie bei allen gebundenen Steidl Büchern wieder ein besonderes Zusatzbonbon.

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Veröffentlicht am 05.05.2026

Verzweifelte Suche nach Identität

Zähe Hunde
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„Sie hat nicht geheult“ scheint der Hauptteil ihrer Entstehungsgeschichte, das, was sie ausmacht, keine Heulsuse zu sein. Es waren die Worte ihres Vaters, nachdem sie geboren wurde. Weder heulte sie, noch ...

„Sie hat nicht geheult“ scheint der Hauptteil ihrer Entstehungsgeschichte, das, was sie ausmacht, keine Heulsuse zu sein. Es waren die Worte ihres Vaters, nachdem sie geboren wurde. Weder heulte sie, noch kackte sie der Mutter in den Schoß. Ihr Bruder hingegen hatte zwei Jahre später geschrien wie ein Ferkel, das langsam durch den Fleischwolf gedreht wird. Ihre Eltern waren schon mit zwanzig kaputt gearbeitet, als Ada auf die Welt kam. Und damit sie keine verzogene Göre wurde, machten sie noch ein Kind, den mageren Broos.

Nachdem die Eltern sich getrennt hatten, holte ihr Vater Ada und Broos jeden Freitag mit dem Lkw ab und fuhr sie zum Trailerpark, wo sein Wohnwagen stand. Ada erinnert sich an die staubige Enge, wenn sie zu dritt auf der Matratze im hinteren Teil des Wagens schliefen, immer Broos zwischen Ada und ihrem Vater.

Ada ist erwachsen und macht was mit Kunst, eigentlich Holzschnitzarbeiten. Sie hatte sich eingeschrieben, weil Frédérike ihr dazu geraten hatte. Frédérike lernte sie in der Fleischfabrik kennen, in der Ada arbeitete, seit sie neunzehn war. Frédérike hielt es genau zwei Stunden aus bei vier Grad Celsius, dann ging sie einfach und nahm Adas Telefonnummer mit. Nach Adas erster Ausstellung hat ihr Vater sie in die Verbannung geschickt. Sie wäre ihm in den Rücken gefallen, seitdem lebt sie bei Frédérike. Von ihr hat sie die Adresse in Galizien „In the middle of fucking nowhere“, wo Ada seit zwei Wochen ist. Hier lebt ein maulfauler Spanier mit seinen beiden Hündinnen, ein paar Schafen und drei Hühnern in einer verfallenen Hütte ohne Strom mit Plumpsklo. Sie fällen von morgens bis abends Bäume und sammeln Holz.

Fazit: Falun Ellie Koos, Schriftstellerin und Filmemacherin, hat in ihrem mehrfach nominierten Debüt eine etwas andere Familie erzählt. Ihre Icherzählende Protagonistin lebt mit ihrem Bruder bei der Mutter. Der Vater holt die Kinder jedes Wochenende. Er ist ein zäher Hund, der Gefühlsduseleien verachtet und seine Kinder ebenso stählen will, wie er einst gehärtet wurde. Sein Erziehungsstil beginnt früh und ist gnadenlos. Die beiden traumatisierten Kinder suchen als junge Menschen ihre Einzelteile, um sich neu zusammenzusetzen, aber Adas Bruder scheitert kläglich. In der Einsamkeit in Galizien erlebt Ada mit größerer Distanz etwas Ähnliches wie bei ihrem Vater, doch jetzt kann sie das besser einordnen und aktiv werden. Falun Ellie Koos hat mir mein Herz aus der Brust gerissen, vor die Wand geschleudert und versucht mich wiederzubeleben. Zwischendurch hätte ich schreien und das Buch in den Mülleimer werfen mögen, so wütend haben mich einige Szenen gemacht. Und das liegt nicht an der besonderen Brutalität der Szenen, sondern daran, dass sie die Gabe hat, dass dumme Gegebenheiten sich ohne Vorbereitung zu Horror entwickeln. Dieses Buch hat eine Gefühlskaskade in mir losgetreten, wie ich es selten erlebe. Ekel, Wut, Hass, Erschrecken, Trauer und Mitgefühl. Die Charaktere sind alle extrem gut gezeichnet, ebenso wie die Umstände. Der letzte Absatz hat mir gezeigt, was ich für eine Heulsuse bin und ich bin froh, dass ich meine Gefühle rauslassen kann. Um nicht zu spoilern, das hier ist kein Leid-Porn, keine Geschichte, die mit aller Gewalt an mein Mitgefühl appelliert. Hier geht es um innere Kämpfe, um die fast verzweifelte Suche nach Identität und um Resilienz.

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Veröffentlicht am 04.05.2026

Nicht das, was ich erwartet habe

Die Scheinheiligen
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Sophias Vater ist ein bekannter Schriftsteller. Die Eltern hatten sich früh getrennt. Am meisten erinnert sie sich an seine gedankliche Abwesenheit. Die Mutter weiß noch, wie Sophia ihn damals bei der ...

Sophias Vater ist ein bekannter Schriftsteller. Die Eltern hatten sich früh getrennt. Am meisten erinnert sie sich an seine gedankliche Abwesenheit. Die Mutter weiß noch, wie Sophia ihn damals bei der Hand nahm, im Sommer 2010 im Sizilienurlaub. Wir gehen jetzt, sagte sie zu ihm. Und die Vehemenz, die sie ausstrahlte, mit ihrem pfirsischfleisch verschmierten Mund und ihren klebrigen Händen, ließ ihn sofort vom Sofa aufstehen und ihr folgen. Am Strand setzte sie sich ins Wasser, ihr Vater stellte sie wieder auf die Füße. Sophia hob die Schultern, tippelte weiter und setzte sich wieder. Sophias Mutter beobachtete ihre Tochter. Sie kannte ihre Launen und überlegte, ob sie ihr den Hut würde aufsetzen können oder ob ihre Geduld schon nachließ, aber Sophia lächelte. Sie hatte Spaß am Zerstören der Sandburg ihres Vaters, der sie nicht mitspielen ließ.

Am Abend dann waren sie in einem Restaurant, in das ein Freund Sophias Vaters eingeladen hatte. Sie musste Sophia in die Obhut eines jungen Mädchens geben. Als sie ankamen, saßen weitere vier Paare am Tisch. Sie kannte niemanden und sprach kein Italienisch. Man platzierte sie weit weg von ihrem Mann, am anderen Ende des Tisches.

Viel Jahre später hat Sophia ihre erste Theateraufführung. Sie ist nervös, weil sie ihren Vater eingeladen hat. Was er nicht weiß, das Stück handelt von ihm und einem ihrer gemeinsamen Urlaube im Haus seines Freundes. Die Aufführung stellt ihren Vater nicht so dar, wie er sich gerne sieht und Sophia weiß nicht, wie er reagieren wird.

Fazit: Jo Hamya, Autorin und Journalistin, hat eine Vater-Tochter-Geschichte erzählt. Nachdem sie sich von ihm während Kindheit und Jugend vielfach vernachlässigt fühlte, hat sie ihn in ihrer ersten Theatervorführung auf die Bühne geholt. Das Stück erzählt seine ausschweifenden Liebesabenteuer und seinen Hang, Sophia als Schreibkraft zu missbrauchen, um ihr seine Texte näherzubringen. Greift also sein Alter ego auf und karikiert ihn. Sophia, natürlich von ihrer Mutter gebrieft, die die Trennung nie so recht verwunden hat, hat es damit, ihren Vater an die Öffentlichkeit zu zerren, weit getrieben. Ich mache es kurz. Ich konnte der Geschichte nicht viel abgewinnen. Zu Anfang kam ich schlecht rein, dann fand ich die Rückblicke interessant und dann habe ich nicht verstanden, worum es Sophia eigentlich geht. Ich habe einen mittelalten Mann kennengelernt, der seine Profilneurose lebt, sich selbst zu wichtig nimmt und Bindungsängste kompensiert, so wie viele andere auch. Ich hatte an keiner Stelle das Gefühl, dass diese Rache? gerechtfertigt ist. Vielleicht ging es der Autorin darum zu zeigen, wie Sophia sich von ihrer Mutter manipulieren lässt, das ist aber nur mein Interpretationsversuch. Im Grunde meines Herzens fand ich die Umsetzung der Thematik „schwieriges Vater-Tochter-Verhältnis trivial. Das war nicht meins.

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