Eine außergewöhnliche Erzählung
Penobscot ist eine Kleinstadt mit ungeteerten Straßen, vielen Kirchen, vielen Gläubigen und einer Papierfabrik. Dahinter Felder mit mehligen Kartoffeln, Farmen mit Milchkühen, Schweinen und Schafen. Dahinter ...
Penobscot ist eine Kleinstadt mit ungeteerten Straßen, vielen Kirchen, vielen Gläubigen und einer Papierfabrik. Dahinter Felder mit mehligen Kartoffeln, Farmen mit Milchkühen, Schweinen und Schafen. Dahinter der Wald, in dem Kinder spielen. Dort leben auch wilde Männer, die Kinder mit Rotwild verwechseln und auf sie schießen. Die Elche sind reizbar und wehrhaft. Wer unter ihre Hufe gerät, überlebt selten. Dort lebt auch eine Frau, stark, wütend – gut. Eine Kriegswitwe Florence und die liebt ihre Nachbarin Ruby. Florence arbeitet im Ort an der Mittagstheke, dort bezirzt sie die Männer, weil sie es noch nicht aufgegeben hat. Ihre Schwester Dolly arbeitet in der Papierfabrik. Beide leben in einem Haus und erziehen die kleine Margaret, Florences Tochter, die mit vier anfing, die ersten Engel zwischen Grashalmen zu sehen. Die Nachbarin Ruby Bickfort ist eine Gefallene. Ihr Mann haute ab, als Agnes gerade geboren war. Agnes ist Margarets beste Freundin und im Gegensatz zu Margaret ist sie energisch und standhaft wie ein Zinnsoldat.
Seit dem Tag der Schulhofüberschwemmung schreibt Margaret Geschichten, die gut enden. Nein, sie geht noch nicht zur Schule, denn sie ist ja erst vier. Sie kann lesen, weil sie Dolly schon ewig über die Schulter blickt, wenn die ihre Bibelverse vorliest. Margaret hat sich eine Geheimsprache ausgedacht. Sie schreibt in kleinen Zeichen, die nur sie versteht. Am Tag der Schulhofüberschwemmung hat Margaret Agnes Zuhause abgeholt und sie sind die Straße runtergelaufen. Agnes hat sich im Schlamm auf dem Schulhof gewälzt, aber Margaret wollte nicht mitmachen. Sie sind zu Agnes zurückgelaufen und haben sich in den Schuppen geschlichen. Agnes wollte unbedingt „Erwacht Prinzessin“ spielen und stieg in den alten Fischkühler. Margaret sollte den Deckel schließen, bis zehn zählen und dann die Prinzessin wieder herauslassen, aber sie bekam den Verschluss nicht mehr auf.
Fazit: Claire Oshetsky hat eine außergewöhnliche Geschichte geschaffen. Ihre Protagonistin Margaret verliert auf tragische Weise ihre beste Freundin. Sie kann mit niemandem darüber reden. Ihre Mutter hilft ihr aktiv das Ereignis zu verdrängen. Es bleibt ein diffuses Gefühl, einen großen Fehler begangen zu haben, das sie mit erfundenen Geschichten kompensiert. Für Agnes Mutter Ruby ist die Trauer überwältigend, bis sie Margaret beschuldigt, für den Tod ihrer Tochter verantwortlich zu sein und damit ein Hirschtier in Margaret zum Leben erweckt. Für Margaret war der psychische Zusammenbruch Agnes Mutter nicht fassbar. Ihre eigenen Gefühle spiegelten eher ein Vermissen wieder. Was mir gut gefallen hat, ist zu zeigen, wie sich ein Kind fühlt, das glaubt schuld am Tod der besten Freundin zu sein und dieses Hirschtier, das ihr ins Gewissen beißt, ganz alleine tragen muss. Ebenso hat die Autorin einen geübten Blick auf die Erwachsenen geworfen, die ihre eigene Verantwortung auf die damals Vierjährige abwälzen. Zu Anfang fand ich die einfache Sprache großartig, später nicht mehr so angemessen. Die Geschichten, die Margaret erfindet, hat die Autorin zum Teil mit der immerwiederkehrenden Anfangsszene eingeleitet, das fand ich hilfreich und gut gelöst. Dieser Linie ist sie aber nicht immer treu geblieben und das war für mich verwirrend. Eine sehr spezielle Geschichte mit einem soliden Grundgerüst über Trauma, Verlust und Schuld. Und sicher eine Herausforderung für die Autorin, die hiermit den Janet Heidinger Kafka Prize for Fiction 2025 gewonnen hat.