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Veröffentlicht am 13.02.2026

Aufräumen mit der Ehe: Autobiographische Vergangenheitsanalyse

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
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Nachdem ihr Ehemann gestorben ist, entrümpelt Christien Brinkgreve das gemeinsame Haus. Dabei kommt sie nur mühsam voran, denn alles erinnert sie an die Vergangenheit, das gemeinsame Leben mit ihrem Ehemann:

„Es ...

Nachdem ihr Ehemann gestorben ist, entrümpelt Christien Brinkgreve das gemeinsame Haus. Dabei kommt sie nur mühsam voran, denn alles erinnert sie an die Vergangenheit, das gemeinsame Leben mit ihrem Ehemann:

„Es ist ein Kommen und Gehen von Erinnerungen, häufig sind sie verknüpft mit Gegenständen, häufig führen sie ein Eigenleben.“

„Das Sehen und über etwas Hinwegsehen: Es fiel mir nicht wie Schuppen von den Augen. Jetzt, da ich den Raum hatte, wirklich hinzusehen, erwies sich das Haus als unbarmherzig. So wie der Körper spricht, wenn man gut zuhört, so sprach auch das Haus: Es legte offen, wie unsere Ehe sich zu getrennten Leben entwickelt hatte. Ich musste mit dem Haus in den Dialog treten, um mich wieder wohlzufühlen.“

Die Ehe war nicht immer glücklich, der Ehemann kein einfacher Mensch. Und auch wenn ihr Leben zwischen Mutterschaft und Karriere weitgehend selbstbestimmt war, konnte sie als Frau den gesellschaftlichen Erwartungen nicht wirklich entgehen.

„Ich habe bestimmte Aspekte vor der Außenwelt verhüllt, aber sie konnten nur deshalb so gut verhüllt werden, weil die Familie als Privatbereich angesehen wird. Auch der feministische Blick war lange auf die Außenwelt gerichtet: Die gesellschaftliche Stellung der Frau, die Benachteiligung im öffentlichen Leben, die Gesetze und Regeln. Was sich hinter den eigenen vier Wänden abspielt, bleibt unsichtbar. Und auch wenn Menschen manchmal etwas Beunruhigendes wahrnehmen, wollen sie sich lieber nicht ungefragt einmischen, sich die Finger nicht an den Problemen anderer Leute verbrennen. Aber ist es kein Bestandteil von Freundschaft, das trotzdem zu tun, frage ich mich jetzt, denn die Augen und Stimmen guter Freunde können so wichtig sein. Ich sehe erst jetzt, wie alleingelassen ich mich manchmal gefühlt habe, etwas, das ich genau wie die Wut erst verzögert zulasse.“

Am Ende schafft sie es, mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen und ist bereit für einen Neuanfang.

„Schicht für Schicht wird freigelegt. Die Geschichte entwickelt sich, lebt unter meinen Händen, wird anders beleuchtet und akzentuiert.“

Dieses autobiografische Memoir war einerseits durchaus lesenswert, doch das Fehlen von Namen sowie der eher kühle Ton lassen die Lektüre etwas emotionslos wirken.

Vielen Dank an den Hanser Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 13.02.2026

Feministischer Klassiker: Frauenschicksale um die Jahrhundertwende

Das Tränenhaus. Roman
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Als „Das Tränenhaus“ von Gabriele Reuter 1908 erstmals erschien, war der Roman ein Skandal; es gab offenbar Parallelen zum Leben der Autorin, die selbst Mutter einer unehelichen Tochter war.

Die Protagonistin ...

Als „Das Tränenhaus“ von Gabriele Reuter 1908 erstmals erschien, war der Roman ein Skandal; es gab offenbar Parallelen zum Leben der Autorin, die selbst Mutter einer unehelichen Tochter war.

Die Protagonistin des Romans ist ebenfalls Autorin: Cornelie Reimann setzt sich stark für Frauen und Selbstbestimmung ein, sie ist international berühmt. Als sie schwanger wird, aber nicht heiraten möchte, begibt sie sich in ein sogenanntes „Tränenhaus“, in dem zur damaligen Zeit unverheiratete Frauen diskret ihre Kinder gebären und danach in Pflege geben konnten. So konnte man die ungewollte Schwangerschaft vor dem Umfeld verheimlichen; ansonsten wäre der gesellschaftliche Abstieg unvermeidlich gewesen.
In der schwäbischen Provinz sind viele Töchter aus höheren Kreisen untergebracht; jede hat ihre eigene Geschichte.
Anfangs möchte Cornelie nur ihre Ruhe haben, doch bald kann sie nicht mehr wegsehen angesichts der Schikanen der Hausherrin gegenüber den schwangeren Frauen. Sie findet unverhofft Freundschaft und Solidarität.
Auch Cornelie muss für sich entscheiden, wie es nach der Geburt des Kindes weitergehen soll.

„Vorbei – – vorbei – – vorüber …
Nun durfte sie den Namen des Mannes aus ihrer und ihres Kindes Zukunft löschen.
Nun lag das Zukünftige vor ihr als ein weißes leeres Blatt, mit frischen, noch nie versuchten Schriftzügen, noch unbekannten Figuren zu bedecken.
Ein neu Beginnen.
Cornelie atmete tief und befreit. Jetzt wollte sie das Dasein wieder leben. Wollte es mit ganzem Willen leben!“

„Einsam war sie gekommen, nun gab eine Schar seltsamer Freunde ihr das Geleit. [...] Hinter ihr blieb das Tränenhaus, das sich, seines sommerlichen Blütenschmuckes entkleidet, als die armselige, baufällige Hütte, die es in Wirklichkeit war, unter dem knorrigen Gerippe des alten Birnbaumes an die Hügelflanke schmiegte. Cornelie schaute zurück und umfasste es mit einem langen, zärtlichen Blick.
Hier hatte ihr Glück die Augen zum Lichte geöffnet – hier hatte ihr Kind zum ersten Male gelächelt.“

Die altmodische, teilweise poetische Sprache hat viel Schönes: „Und alle Schmerzen schliefen. Sie waren betäubt von den Düften und der Wärme und der stillen Einsamkeit.“, ist jedoch auf Dauer recht herausfordernd beim Lesen. Auch die vielen Dialoge in schwäbischem Dialekt verlangen viel Konzentration.

Dennoch finde ich diesen wiederentdeckten Roman sehr wichtig und lesenswert, zeigt er doch, dass es auch damals schon Frauen gab, die den Konventionen zum Trotz selbstbestimmt ihr Leben lebten.

Sehr hilfreich und informativ empfand ich bei dieser Neuausgabe das Nachwort!

Ich empfehle das Buch allen, die einen feministischen Klassiker über Doppelmoral, Ausbeutung sowie weibliche Selbstbestimmung und Solidarität lesen möchten.

Vielen Dank an den Reclam Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 13.02.2026

Leider sehr zäh und langatmig

Schwarzer September
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Der Klappentext zu "Schwarzer September" von Sandro Veronesi versprach eigentlich eine interessante Handlung: Italien in den 70er Jahren. Der zwölfjährige Gigio verliebt sich in die dreizehnjährige Astel. ...

Der Klappentext zu "Schwarzer September" von Sandro Veronesi versprach eigentlich eine interessante Handlung: Italien in den 70er Jahren. Der zwölfjährige Gigio verliebt sich in die dreizehnjährige Astel. Das gemeinsame Interesse an der Musik von David Bowie und Cat Stevens bringt die beiden näher. Doch dann wird Astels Vater ermordet, ihre Mutter steht unter Mordverdacht und Gigios Vater, ein Rechtsanwalt, soll deren Verteidigung übernehmen. Währenddessen verübt in München die Terrorgruppe „Schwarzer September“ einen Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft.

Doch ich fand einfach nicht in die Geschichte hinein. Sie zog sich zäh wie Kaugummi dahin.
Nach etwa einem Viertel des Buches schreibt der Autor:

"Und damit sind wir an dem Punkt, an dem die Geschichte eine andere Wendung nimmt. Oder nein, noch tut sie das nicht, aber sie nimmt Fahrt auf; sie nimmt urplötzlich Fahrt auf — weshalb die Bruchlandung, wenn die Wendung dann wirklich kommt, ziemlich verheerend sein wird."

Ich hoffte also auf eine Wendung - doch weit gefehlt.
Ich musste mich wirklich sehr bemühen, der langatmigen und wirren Geschichte weiter zu folgen. Ich war mehrmals kurz davor, das Buch abzubrechen; aber ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass das Buch mich doch noch überzeugt.
Leider ist das nicht geschehen. Vielleicht ist der Schreibstil dieses Autors einfach nicht für mich gemacht, aber hier kam einfach keine Lesefreude auf. Der Autor verliert sich in schier endlos ausschweifenden Erzählungen, die für mich einfach zu zäh und langweilig waren.

Bei mir ist hier leider kein Funke übergesprungen. Ich kann das Buch daher nicht weiterempfehlen und vergebe nur 1 von 5 Sternen.

Dennoch vielen Dank an den Zsolnay Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 12.02.2026

Eine Provokation, ein Spiegel unserer Zeit?

Fuckgirl
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„Alle Beziehungen innerhalb meiner Familie waren toxisch. Ohne Ausnahme. Wer so aufwächst, kennt nur diese eine, strukturell verdrehte Realität. Es ist, als ob ich zwei Jahrzehnte in einem Haus ohne Eingangstür ...

„Alle Beziehungen innerhalb meiner Familie waren toxisch. Ohne Ausnahme. Wer so aufwächst, kennt nur diese eine, strukturell verdrehte Realität. Es ist, als ob ich zwei Jahrzehnte in einem Haus ohne Eingangstür gelebt hätte, ohne es zu bemerken.
Ich hörte die Kommentare, die gegenseitig übereinander gefallen sind, allerdings verbuchte ich sie als unbedeutenden Tratsch, als Teil unseres Lebens als Frauen – und nicht als das, was sie waren.
[...]
Meine Antennen für Missbrauch waren nicht scharfgestellt, sie waren: ausgeschaltet, abgebrochen. Nicht vorhanden. Romantische Beziehungen waren entweder Mittel zum Zweck oder Mittel zur Ausbeutung, man hat sich gegenseitig ausgehalten und sicherlich zeitweise verachtet. Darüber hat niemand ein kritisches Wort verloren. So hat sich das eingeprägt.“

Die Protagonistin „Fuckgirl“, eine erfolgreiche Performancekünstlerin, macht es also anders: Sie lebt kinderlos in einer einseitig offenen Ehe: Während ihr Mann nur mit ihr alleine glücklich ist, sucht sie sexuelle Abenteuer mit wechselnden Partnern. Als sie bei einem ihrer One-Night-Stands herausfindet, dass dieser seiner Freundin/Mutter seines Kindes betrügt, heckt sie einen Racheplan aus. Denn: „Andere Frauen sind unsere einzige Möglichkeit, die Wahrheit zu erfahren. [...] Aus feministischer Solidarität.“

Ein paar Szenarien waren mir etwas zu explizit dargestellt. Die häufigen, langen englischsprachigen Passagen finde ich (auch wenn ich sie natürlich verstehen kann) nicht so gelungen, sie stören den Lesefluss und sind wohl nicht für jeden zugänglich.

Auch wenn die Handlung sicherlich abseits der „gängigen“ Lebensrealitäten sein dürften, finden sich viele Wahrheiten in dem Buch: „Da bemerkte ich, dass es letztlich egal war, was ich tat als Frau in der Welt. Es würde immer falsch sein, für irgendwen.“

„... fiel es mir plötzlich auf. Dass ich selbst kein Stückchen besser war als die anderen. Ich hatte bloß Glück gehabt, nicht mehr. Und trotzdem, während ich dasaß, mit meinen Schwestern und ihren mittelmäßigen, langweiligen, unattraktiven Männern, während ich spürte, wie sich die vertraute Mischung aus Mitleid und Überheblichkeit in mir regte, wusste ich: Es war lächerlich, Frauen vorzuwerfen, dass sie blieben. Als hätte man ihnen nicht von klein auf beigebracht, dass genau das von ihnen erwartet wurde. Als wäre es eine individuelle Schwäche, ein Zeichen mangelnden Selbstbewusstseins und keine logische Folge einer Welt, die Frauen nichts zutraut. Was gewann ich, wenn ich Frauen wie meine Mutter und meine Schwestern mal mehr, mal weniger offensichtlich dafür beschämte, dass sie bei den falschen Männern blieben? Nichts, außer dass sie sich noch schlechter fühlten. Dass sie sich noch weniger trauten, zu gehen. So, wie ich mich damals nicht getraut hatte. Weil ich mich so geschämt habe, als Frau versagt zu haben.“

Die Entwicklung der Protagonistin zum Ende hin gefiel mir gut, gerade ihre Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. „Und so stehe ich da, auf dieser Party, mit dem Journalisten, inmitten dieser verschwommenen Szenerie aus Körpern und Rollen, und sehe auf das Leben, das ich gewählt habe. Oder das mich gewählt hat. Es erscheint mir wie eine Kette aus Szenen, jeder Akt zu meinen Bedingungen inszeniert, jede Geste bewusst kalkuliert, um ein Bedürfnis zu befriedigen, das nie wirklich nur meins gewesen war. Jetzt, in diesem Moment, fragte ich mich, was ich suchte, und ob ich es in diesem Modell, das ich mir gebaut hatte, jemals finden würde.“

„Ich wiederum könnte zum ersten Mal seit meiner Jugend richtig alleine sein. Männer dezentrieren, meinen Körper rückerobern. Lernen, wer ich ohne Mann als Back-up war. Wie ich mich selbst gut behandle.“

„Fuckgirl“ von Bianca Jankovska ist ein provokanter Roman, der während des Lesens bei vielen sicherlich gemischte Gefühle hervorrufen dürfte und aufgrund der teils sehr derben Ausdrucksweise bzw. der Handlung eher nichts für die breite Masse ist. Dennoch kann ich „Fuckgirl“ allen Leser
innen empfehlen, die einen provokanten, bewusst nicht gefälligen Roman über weibliche Solidarität, Selbstbestimmung und Rache lesen möchten.

Vielen Dank an den Haymon Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 12.02.2026

Berührender Roman übers Pflegen und Sterben

Gelb, auch ein schöner Gedanke
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„Gelb, auch ein schöner Gedanke“ von Nefis Kavouras ist ein wirklich berührender, intensiver Roman.

Ruth pflegt zuhause ihren Mann Georg, der seit Jahren schwer krank ist. Doch das Sterben zieht sich ...

„Gelb, auch ein schöner Gedanke“ von Nefis Kavouras ist ein wirklich berührender, intensiver Roman.

Ruth pflegt zuhause ihren Mann Georg, der seit Jahren schwer krank ist. Doch das Sterben zieht sich dahin. Unter dieser Ausnahmesituation leidet auch die 15jährige Tochter Lea sehr.
In wechselnden Kapiteln fühlen wir mit Mutter und Tochter mit.

Ruth hat ihre Arbeit schon lange aufgegeben und verliert sich während der Dauerpflege ihres Mannes immer mehr selbst: „Pflegejahre sind Jahre ohne Details. Alles wird im Groben zusammengehalten, für mehr reicht es nicht.“

Die Kapitel, in denen sie von den täglichen An- und Überforderungen beim Pflegen, beim Warten auf das Sterben ihres Mannes erzählt, haben mich sehr bewegt:

„Ich pflege, bis ich fertig gepflegt habe, und dann sitze ich da und langweile mich neben meinem Mann, bis es wieder etwas zu tun gibt und ich weiterpflegen kann.
Ich fange wieder an, ihm vorzulesen. Das tat ich lange nicht, mir kam es so mühselig vor, und meistens schlief er eh ein. Aber jetzt, wo er gar nicht mehr redet, wo jegliche Kommunikation einfach verschollen ist, muss ich diesen leeren Raum füllen, auch für mich. Ich lese ihm die Zeitung vor, und Georg guckt ins Nichts, ich lese Romananfänge vor, aber sie langweilen mich, und Georg guckt weiter ins Nichts, also höre ich auf zu lesen, mein Mund ist trocken, ich frage mich, wie sich Georg fühlt. Da ist keine Regung, und trotzdem sind da die körperlichen Veränderungen. Ich kann gar nicht sagen, wann es genau anfing, dass er immer und immer weniger wurde. Aber in diesem Prozess des Wenigerwerdens passiert so viel.
Seine Haare wachsen schneller, oder mir fällt es schneller auf. Ich rasiere täglich seine Bartstoppeln, weißer Schaum, ganz sachte. Ich denke an Baiser, niemand backt mir Kuchen. Wenn jemand Geburtstag hat, gibt es Kuchen, aber wenn der eigene Ehemann einem wegstirbt, gibt es gar nichts.“

„Es ist ein heißer Sommertag, als ich realisiere, dass er sterben wird. Das heißt aber nicht, dass ich es akzeptiere.
[....]
Sterben sieht so aus:
Ich schaue ihm beim körperlichen Abbau zu. Wie er schmaler und auch kleiner wird. Wie seine Haut an Farbe verliert. Grau sieht er aus, als wäre er schon eine Statue im Museum. Niemand wird für meinen Mann eine Statue errichten, ich denke jetzt schon an sein Grab. Ich lausche seiner Atmung, sie klingt nicht mehr menschlich, Georg muss noch seinen Sterberhythmus finden. Ich beobachte das Heben und Senken seiner Brust, das zeigt uns, dass er lebt, dass irgendwas von ihm noch da ist. Manchmal öffnet er die Augen, aber nie schaut er mich an. Kein Gespräch ist mehr möglich. Auch keine Gesprächsfetzen. Mir fällt ein, wie im Supermarkt eine ältere Frau zu einer anderen Frau mal sagte: ‚Mein Mann, der ist nur noch Gemüse, liegt im Bett, kann nichts, sagt nichts‘, und ich bin nun eine dieser Frauen.“

Auch Leas Hilflosigkeit und Überforderung sind deutlich spürbar:
„Ich denke seit Jahren täglich an Papas Tod, er begleitet mich schweigend und manchmal lachend und manchmal schon fast sehnsüchtig auf all meinen Wegen, das Wasser kocht und ich denke mir, jetzt könnte es so weit sein, und ich gehe zur Schule und ich trinke Kaffee und ich gehe wandern und ich stehe an der Bushaltestelle und ich warte auf den Bus und eigentlich warte ich immer nur auf Papas Tod, und dann kommt der Bus und ich frage mich, was wäre, wenn es, ja, jetzt, ja, in drei Minuten, passieren würde, aber es passiert nicht, seit Jahren passiert nichts, aber ich habe das Gefühl, genau zu wissen, wie es sich anfühlt, wenn es passiert.“

Wie allein und verloren Mutter und Tochter sind, ist schwer zu ertragen:
„‘Brauchst du noch was?‘, fragt sie und guckt mich noch nicht einmal an.
Ich bräuchte so viel, aber wo fange ich da an, und darf ich in so einem Ausnahmezustand überhaupt etwas brauchen? Aber immer sind wir im Ausnahmezustand, nie hört das auf, bald bin ich erwachsen, und meine ganze Jugend über begleitet mich das Sterben meines Vaters.“

Bis etwa zur Hälfte des Romans war ich absolut begeistert: So heftig und schonungslos, schmerzhaft und berührend!
Doch dann kann eine kafkaeske Wendung (mehr sage ich nicht dazu), mit der ich irgendwie nicht umgehen konnte. Nichts gegen Kafka, aber hier fand ich das irgendwie nicht passend. Oder es hat mich einfach überfordert?
Jedenfalls tat ich mir dann etwas schwer mit dem Verlauf der Geschichte. Erst gegen Ende hin fand ich dann wieder hinein. Und der Schreibstil von Nefis Kavouras hat mich auf jeden Fall sehr begeistert!

Da mir die unerwartete Wendung leider nicht so gefallen hat, vergebe ich final „nur“ 4 von 5 Sternen, aber dennoch eine unbedingte Leseempfehlung: Ein Roman, der sich auf so empathische Weise mit unbequemen Themen wie Pflegen und Sterben beschäftigt, ist auf jeden Fall lesenswert.

Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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