Anspruchsvolle Charakterstudie: 3,5⭐️
Tokyo Girls ClubEriko hat auf den ersten Blick ein perfektes Leben: ein toller Job in einer großen Handelsfirma, gepflegtes Äußeres. Doch innerlich verzehrt sie sich vor Einsamkeit. Sie ist Single, doch mehr als einen ...
Eriko hat auf den ersten Blick ein perfektes Leben: ein toller Job in einer großen Handelsfirma, gepflegtes Äußeres. Doch innerlich verzehrt sie sich vor Einsamkeit. Sie ist Single, doch mehr als einen Ehemann wünscht sie sich schon ihr ganzes Leben lang eine beste Freundin.
Eriko ist fasziniert von Shoko, einer Hausfrau, die unter dem Pseudonym „Heilbutt“ in ihrem Lifestyle-Blog „Tagebuch einer nutzlosen Ehefrau“ von ihrem für eine Hausfrau untypischen Alltag berichtet.
„Eriko war fasziniert davon, wie Heilbutt in den Tag hineinlebte, ohne etwas Bestimmtes zu tun, ohne ein Ziel zu haben oder Pläne zu schmieden. Wie eine Katze. Wann hatte sie selbst ihre Zeit zum letzten Mal so verbracht? Es musste sehr lange her sein, denn sie konnte sich an nichts dergleichen erinnern. Doch die Lektüre des Blogs half ihr, sich ein wenig von ihrer beruflichen Belastung und den allabendlichen Firmenessen zu erholen.
Eriko war stets darauf bedacht, ihre Zeit produktiv zu nutzen. Wenn sie nicht arbeitete, widmete sie sich emsig der Körperpflege, recherchierte und bildete sich weiter. Selbstverständlich sorgte sie auch für ausreichend Ruhe und Schlaf. Sie war zuversichtlich, dass alles, was sie tat, ihr zu irgendeinem Vorteil gereichte, und zweifelte nie daran, dass sie sich im Vergleich zum Vortag verbessert hatte. Allerdings verspürte sie – vielleicht seit sie dreißig geworden war? – beim geringsten Anlass einen stechenden Schmerz in der Nase. Dann bekam sie nicht ausreichend Sauerstoff und ihre Hände fühlten sich taub an, selbst wenn sie sie hektisch bewegte. In solchen Momenten versuchte sie, tief durchzuatmen. Sie sagte sich immer wieder, dass alles in Ordnung sei, und rechnete sich ihren Anteil am Wachstum und Erfolg der Firma vor. Wenn auch das nicht zu ihrer Beruhigung beitrug, bemühte sie sich, das Wohlwollen anderer durch übertrieben bescheidenes Verhalten zu erregen, bis sie ihre Fassung wiedererlangte. Doch trotz aller Bemühungen stellte sie häufig am Ende des Tages fest, dass ihr die Kontrolle entglitten war und eine Kurskorrektur sich ihr zunehmend entzog. Ob diese Unruhe etwas mit dem Alter zu tun hatte? Würde sie sich in ein paar Jahren daran gewöhnen? Wenn sie eine ähnliche Unruhe bei anderen Frauen wahrnahm, war sie unwillkürlich erleichtert und sogar erfreut.
Heilbutts Tagebuch einer nutzlosen Ehefrau war frei von derartigen Beunruhigungen. Eriko fand es besonders angenehm, dass der Ehemann die einzige andere Person war, die darin vorkam. Keine Freundinnen und niemand sonst. Heilbutt bildete damit eine große Ausnahme, denn die meisten Hausfrauen prahlten in ihren Blogs ständig mit »Networking« und ihren zahlreichen Kontakten. Es war Erikos heimliches Ziel, sich Heilbutts Unbekümmertheit anzueignen.
Es ermutigte sie, dass eine Frau wie Heilbutt keine Freundinnen hatte. Offensichtlich war es möglich, dass auch ein wunderbar ausgeglichener Mensch wie die Bloggerin unter Umständen nicht in der Lage war, Freundinnen zu finden. War es denn ein Versagen, keine Freundinnen zu haben? Oder war es womöglich gar kein Versagen, sondern lediglich eine andere Form des zwischenmenschlichen Umgangs?“
Eriko forciert ein (zufällig wirkendes) Zusammentreffen mit Shoko, und obwohl beide auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben, verstehen sie sich gut. Eriko glaubt, endlich eine beste Freundin gefunden zu haben – doch die Beziehung der beiden Frauen nimmt eine toxische Wendung, der in einem Strudel der Besessenheit zu enden droht ...
„Tokyo Girls Club“ von Asako Yuzuki war mein erster Roman der Autorin, der sich innerhalb der japanischen Kultur hauptsächlich um die Themen Freundschaft, Familie und Social Media dreht.
Sprachlich fand ich den Stil gleichermaßen interessant wie herausfordernd. In die fremde Kultur muss man sich etwas einfühlen, doch die Darstellung der gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbilder, denen beide Frauen unterworfen sind, fand ich sehr überzeugend dargestellt.
Ich bin etwas zwiegespalten: Auf der einen Seite werden die Emotionen der beiden Protagonistinnen sehr detailliert dargestellt, durch die wechselnden Perspektiven bekommt man tiefe Einblicke in ihre Leben. Andererseits blieben die Charaktere insgesamt eher kühl und distanziert für mich.
„Tokyo Girls Club“ ist ein anspruchsvolles Psychogramm zweier Frauen, das mich fasziniert hat, jedoch zum Ende hin nicht ganz überzeugen konnte. Ich vergebe daher 3,5 von 5 Sternen für diese interessante Leseerfahrung.
Vielen Dank an den Aufbau Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚