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Veröffentlicht am 19.05.2026

Starke Protagonistin, heftige Geschichte

Waisenkind
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"Waisenkind" von Galit Dahan Carlibach erzählt die Geschichte der zwanzigjährigen Avital. Ihre Kindheit und Jugend waren hart. Ohne Mutter wuchs sie in prekären Verhältnissen bei ihren alkoholabhängigen ...

"Waisenkind" von Galit Dahan Carlibach erzählt die Geschichte der zwanzigjährigen Avital. Ihre Kindheit und Jugend waren hart. Ohne Mutter wuchs sie in prekären Verhältnissen bei ihren alkoholabhängigen Großeltern am Rande von Jerusalem auf. Irgendwann hält sie es nicht mehr aus, sie haut ab, doch sie gerät von einem Unglück ins nächste. Ihr größter Traum: Ihr unbekannter Vater, den sie sehnsüchtig "König Lear" nennt, kommt und rettet sie - genau wie in den Waisenkindergeschichten, die sie so gerne liest.
Als irgendwann der ehemalige Mossad-Agent Achituv Porat auftaucht und sich um sie kümmert, scheint Avitals Leben sich endlich zum Positiven zu wenden.

„Ich wohnte jetzt in einem Palast, wollte dort aber nicht bleiben. Ich wusste, wer sich nicht bewegt, droht unterzugehen. Es ist zwar besser, in Sahne zu ertrinken als im Schlamm, so viel ist klar, aber man muss aufs Weiterziehen gefasst sein, immer.“

Aber war Avitals Begegnung mit Achituv wirklich so zufällig?
Achituv weiß mehr über Avitals Familie, als sie ahnt …

Ich gebe zu, ich habe eine Weile gebraucht, um in die Geschichte hineinzufinden.
Galit Dahan Carlibachs Schreibstil ist ungewöhnlich, aber auch fordernd. Ebenso die Geschichte an sich:
Obdachlosigkeit, Gewalt, Alkoholismus, Missbrauch - das Buch ist wahrlich keine leichte Kost.
Im weiteren Verlauf zog mich die Geschichte jedoch immer mehr in ihren Bann; gerade zum Schluss hin zeigte das Buch seine wahre Stärke.
Avital als Protagonistin fand ich sehr stark und authentisch: Kein Opfer, trotz all ihrer unschönen Erlebnisse, sondern eine Kämpferin.
Ungewöhnlich und interessant ist auch die Perspektive: Avital wendet sich direkt an den Richter bzw. Sozialarbeiter, was für eine eindringliche Wirkung sorgt.

„Jetzt, während ich an euch schreibe, kommt mir ein interessanter Gedanke: Hat der Ort, an dem ihr sitzt, Herr Richter und werte Sozialarbeiter, einen Geruch? Wie riecht überhaupt die Gerechtigkeit? Denn erst jetzt, nach allem, was ich durchgemacht habe, wird mir klar, dass unwirkliche Orte geruchlos sind.“

„Waisenkind“ ist ein sehr intensiver, aber auch fordernder Roman mit einer sehr starken Protagonistin, für den ich 4 von 5 Sternen vergebe.

Vielen Dank an den Kein & Aber Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 18.05.2026

Seinen Platz in der Welt finden: Kinderbuch für Vielfalt und Akzeptanz

Theo liebt es bunt
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„Theo liebt es bunt“ von Samuel Langley-Swain hatte mich sofort vom Cover her angesprochen, aber auch inhaltlich:

Im Wald führen alle Wiesel ein unauffälliges Leben, alle sehen gleich aus. Nur nicht Theo! ...

„Theo liebt es bunt“ von Samuel Langley-Swain hatte mich sofort vom Cover her angesprochen, aber auch inhaltlich:

Im Wald führen alle Wiesel ein unauffälliges Leben, alle sehen gleich aus. Nur nicht Theo! Er liebt es nämlich, bunte und knallige Kleidung zu tragen und benimmt sich so gar nicht, wie es sich für ein Wiesel gehört. Doch er hatte nicht erwartet, dass die anderen Wiesel das so verärgern könnte. Die finden, er muss sich anpassen und so sein wie sie alle. Sie stellen sich ihm mit Protestschildern in den Weg. Theo geht traurig nach Hause und räumt seine bunten Outfits weg. Doch sein Vater macht ihm Mut, zu sich selbst zu stehen und sich nicht unterkriegen zu lassen.
Doch erst dank der Hilfe durch vorbeikommende Hermeline schafft Theo es, seinen Platz in der Welt zu finden.
Die anderen Wiesel erweisen sich überraschend auch noch als lernfähig, denn am Ende sehen sie ein: Jede*r darf so sein, wie sie/er will - Unterschiede machen das Leben sogar schöner, lustiger, besser.

„Theo liebt es bunt“ ist ein wertvolles Kinderbuch rund um das Thema Akzeptanz, Diversität und Vielfalt, das mit schönen Illustrationen und einem kindgerechten Text gut gelungen ist.
Der Schluss hätte meiner Meinung nach noch etwas besser umgesetzt werden können, was aber bei der angestrebten Zielgruppe ab 4 Jahren wohl auch schwierig sein könnte.

Insgesamt finde ich das Buch gelungen, auch als Gesprächsbasis mit Kindern, nicht nur zum Thema Kleidung, sondern das geht viel tiefer: Wie darf ich sein, wie darf ich mich zeigen. Gut geeignet auch, um Gruppenzwang und Vorurteilen vorzubeugen und die Individualität und das Selbstbewusstsein von Kindern zu stärken.

Vielen Dank an den Knesebeck Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 18.05.2026

Gebrauchsanweisung für Empathie und Zusammenhalt

Wut und Wärme
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Die fünf Schwestern Tuna, Tülin, Tuğba, Tezcan und Düzen Tekkal stammen aus einer jesidisch-kurdischen Flüchtlingsfamilie. Sie sind Aktivistinnen und setzen sich weltweit für Frauen- und Menschenrechte ...

Die fünf Schwestern Tuna, Tülin, Tuğba, Tezcan und Düzen Tekkal stammen aus einer jesidisch-kurdischen Flüchtlingsfamilie. Sie sind Aktivistinnen und setzen sich weltweit für Frauen- und Menschenrechte ein. In ihrem gerade im Brandstätter-Verlag erschienenen Buch „Wut und Wärme: Wie wir mit Schwesternschaft Deutschland verändern“ gehen sie der Frage nach, was wir in Zeiten von Hass, Hetze und Polarisierung brauchen.

Neben der persönlichen Lebens- und Familiengeschichte der Tekkal-Schwestern, die alleine schon beeindruckend genug ist, hat mich ihr Buch mit vielen klugen Worten und vor allem den Taten dieser Frauen sehr beeindruckt und berührt.

„Widerstand ist Leben. Dabei hat Rebellion viele Gesichter. Sie kann laut sein oder leise, sie ist kein Selbstzweck. Alles umzuwerfen, nur um seine selbst willen, führt uns nicht weiter. Aber: es sind Situationen denkbar, in denen nur ein harter Bruch der Ausweg ist. Auch Flucht ist eine Rebellion.
Wir gehen von einer Situation aus, in der es Spielräume gibt. Was hier weiterführt: Regeln und Normen zu hinterfragen, sie auf ihren Sinn und ihre Gültigkeit zu überprüfen, gegen Ungerechtigkeit aufzustehen. Auch und gerade in den Systemen, den wir uns zugehörig fühlen und die wir beeinflussen können, unsere Familien, unsere Partnerschaften, Arbeitsumgebungen, den Wohnort.
Unseren Rebellionsmuskel trainieren wir nicht nur für uns selbst. Sondern auch, um andere stark zu machen. Aber dafür müssen wir unsere eigenen Bedürfnisse kennen, artikulieren können und unsere Argumente schärfen. Gewinnen darf nie, wer am lautesten schreit - sondern wer die Vernunft auf seiner Seite hat.“

Im Mittelpunkt des Buches steht die Schwesternschaft: nicht (nur) als Blutsverwandtschaft, sondern als Haltung. Und mit dieser Haltung kann jeder etwas bewirken, im privaten, im Beruf, überall.
„Unterschiede zulassen und trotzdem die Verbindung halten“ – „Es geht nicht um Nationalität, nicht um Religion.“

„Menschen wie uns, Frauen wie uns kommt hier eine wichtige Rolle zu: Weil wir unsere Identität so sehr als Mischung aus verschiedenen Einflüssen erleben, können wir Brücken bauen zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft.
Das ist eine Kraft, die oft zu wenig gesehen und geschätzt wird. Wir laden alle Menschen ein, diese Fähigkeit bei sich selbst zu kultivieren. Nur so entsteht Empathie, nur so ist Differenzierung möglich.“

„Wut und Wärme halten unsere Familie zusammen, unser Denken, uns als Schwestern. Unsere Vision: diese Familienformel zu übertragen. Die Kraft der Schwesternschaft als eine neue Form des Wir.
Denn das, was in einer Vierzimmerwohnung in Hannover-Linden funktioniert hat, und später in einem Haus in Berenbostel, passt auch in größere Zusammenhänge. Es geht überall um Aushandlungsprozesse, darum, dass die besseren Argumente sich durchsetzen. Wir sind überzeugt: Das könnte eine Gebrauchsanweisung sein für eine Einwanderungsgesellschaft in krisenhaften Zeiten. Für eine Politik der Menschlichkeit. Für Zusammenhalt statt Spaltung, aber genauso für ehrliche und respektvolle Debatten ohne Tabus und blinde Flecken.“


„Wut und Wärme“ ist ein Plädoyer für Zusammenhalt, Verantwortung und Empathie – und genau das brauchen wir aktuell mehr denn je!

„Wir können Hebammen dieser Neugeburt sein. Aber die Anstrengung müssen wir alle gemeinsam leisten. Am Ende wünschen wir uns nur eines: einen Ort der Liebe und der Verbindung. Einen Ort, an dem man den Schlüssel von außen stecken lassen kann, ohne Angst davor, wer zu Besuch kommt.“

Vielen Dank an diese tollen Schwestern und 5⭐️ für ihr Buch!
Und ganz herzlichen Dank an den Brandstätter-Verlag und Lovelybooks.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 18.05.2026

Fantasievolles, witziges Abenteuer mit Tante Polly

Tante Polly
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Theoretisch ist mein Kind schon aus dem Lesealter für dieses Buch raus ... eigentlich. Aber es ist nun mal so, dass wir bei Neuveröffentlichungen von Paul Maar einfach immer zugreifen müssen!

Auch „Tante ...

Theoretisch ist mein Kind schon aus dem Lesealter für dieses Buch raus ... eigentlich. Aber es ist nun mal so, dass wir bei Neuveröffentlichungen von Paul Maar einfach immer zugreifen müssen!

Auch „Tante Polly“ hat genau unseren Geschmack getroffen!

Hier darf der 10jährige Mirko in den Ferien für zwei Wochen seine Großtante Polly besuchen. Zum Geburtstag hatte sie ihm ein geheimnisvolles Buch geschenkt, das sie angeblich auf einer abenteuerlichen Amerika-Reise erworben hat. So ganz realistisch klingt die Geschichte nicht – aber das ist bei Tante Polly eigentlich normal. Mirkos Mutter ist nicht so begeistert davon, dass Tante Polly so viel flunktert und fantasiert:

„‘Tante Polly, ich habe eine große Bitte: Erzähl Mirko nicht ständig solche Fantasiegeschichten, sonst fängt er irgendwann auch damit an.’
‘Was hast du gegen Fantasie?’, fragte Tante Polly. ‘Ohne Fantasie gäbe es zum Beispiel keinen Nasenhaarschneider und keinen elektrischen Spaghetti-Dreher. Auch keine Zahnbürste. Die musste ja erst mal erfunden werden.’
‘Ich schätze, Mirko wäre manchmal froh, wenn man die nicht erfunden hätte’, sagte seine Mutter.“

Doch Mirko ist neugierig, was von Tante Pollys Geschichten stimmt und was nicht. Schließlich darf er doch zu ihr reisen in den Sommerferien. Er freundet nicht nur mit Monika, einem Mädchen aus dem Dorf, an, vor allem erlebt er mit Tante Polly so allerlei. Die lebt nämlich in einem alten Haus, ohne warmes Wasser, ohne Internet, dafür mit Brieftauben und zwei Hunden namens Zorro und Lizzy. Hier gibt es viel zu entdecken, und Mirko und Tante Polly fantasieren beide gerne.
Als dann noch ein seltsamer Mann in ständig anderen Verkleidungen durch Tante Pollys Haus schleicht und ihre Schränke durchwühlt, wird es immer geheimnisvoller. Was sucht der Mann denn?
Am Ende hat auch Tante Polly noch ein großes Geheimnis – aber das verrate ich natürlich nicht. Lest es bitte selbst!

Die lustigen Illustrationen von Nikolai Renger passen perfekt zu dieser Geschichte voller Fantasie und Wortwitz.

Wir können das Buch auf jeden Fall weiterempfehlen!

Vielen Dank an den Oetinger Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 17.05.2026

Wort-Spaziergänge mit Mely Kiyak

Gute Momente
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Seit ich das berührende Buch „Frausein“ von Mely Kiyak gelesen habe, bin ich ein großer Fan!
Daher habe ich mich sehr auf ihre neueste Veröffentlichung „Gute Momente“ gefreut.

In ihrem unverkennbaren ...

Seit ich das berührende Buch „Frausein“ von Mely Kiyak gelesen habe, bin ich ein großer Fan!
Daher habe ich mich sehr auf ihre neueste Veröffentlichung „Gute Momente“ gefreut.

In ihrem unverkennbaren Stil versammelt die Autorin hier persönliche Geschichten und Texte, die teilweise auch aus ihrer ZEIT-Kolumne stammen. Diese literarischen „Wort-Spaziergänge“ nehmen uns Leser*innen mit in ihren Alltag: Ob persönliche Beobachtungen über ihren Vater, Begegnungen mit Handwerkern, Reiseerlebnisse oder gesellschaftspolitische Stimmungsbilder - all das fügt sich zu einem vielschichtigen, stimmigen Mosaik zusammen.

„Da sind sie ja wieder, die guten alten Zeiten, wo die Führer der Welt Worte von vorgestern ausgraben und alle leeren Versprechen nach hinten zeigen. Und erneut sind es die Schriftsteller, die den Lügen hinterherräumen und Schicht für Schicht den Schutt abtragen, weil irgendwo darunter verborgen liegt, welche Ungeheuerlichkeiten aus der Vergangenheit Vorlage fürs Heute sind.
[...]
Längst nicht alle haben das Glück, fliehen zu können. Und also hören wir auch die Gefängnisketten wieder rasseln, damit aus Schreibenden Schweigende werden. Was die Staaten lenkenden Analphabeten jedoch nie begreifen werden, ist: Auch das Schweigen schreibt Bände. So wandern wir die Weltliteratur Buchrücken für Buchrücken ab, lesen, wie es war, und wissen, was wird. Nur ein Rätsel, das sich nie ganz lösen ließ, bleibt. Wer folgt eigentlich wem? Die Wirklichkeit der Fiktion oder umgekehrt?“

„Wie war ich als junger Mensch? Mit vierzehn oder fünfzehn. Wenn man glaubt, dass zwanzig noch ewig hin ist? Ich kann mich erinnern, was ich von meiner Tante zu Weihnachten bekam (einen Föhn von Braun). Aber wie habe ich gefühlt? Wie dachte ich über das Glück nach? Und darüber, wie es wohl ist, wenn man Schulden hat oder ein Kind verliert. Was dachte ich über Helmut Kohl? Dachte ich irgendwas über ihn? Meine Vergangenheit ist wie ein Buch, von dem ich weiß, dass ich es schon viele Male las, aber ich habe die Details vergessen. Ich kenne noch ungefähr den Plot.“

Die Texte sind ein gelungener Mix aus feinsinnigem Humor („Ich hoffe auf Zeichen, Erkenntnis, irgendwas. Aber hier fährt nur die Straßenreinigungsmaschine auf und ab.") und tiefgründigen Gedanken. Auch wenn mich (wie bei solchen Textsammlungen wohl üblich) nicht jeder Beitrag gleichermaßen angesprochen hat, waren etliche Hightlighs dabei.

„Deshalb: mit Worten gegen Worte wehren. [...]
Das Hadern hat hier keinen Platz. Es ist ein Luxus für bessere Zeiten. Hadern ist ein Ausdruck von Ohnmacht. Erzählen ist Macht.“

Vielen Dank an Mely Kiyak für diese wunderbare Mischung aus tiefgründigen Impulsen und herrlich amüsanten Momenten!

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