Starke Protagonistin, heftige Geschichte
Waisenkind"Waisenkind" von Galit Dahan Carlibach erzählt die Geschichte der zwanzigjährigen Avital. Ihre Kindheit und Jugend waren hart. Ohne Mutter wuchs sie in prekären Verhältnissen bei ihren alkoholabhängigen ...
"Waisenkind" von Galit Dahan Carlibach erzählt die Geschichte der zwanzigjährigen Avital. Ihre Kindheit und Jugend waren hart. Ohne Mutter wuchs sie in prekären Verhältnissen bei ihren alkoholabhängigen Großeltern am Rande von Jerusalem auf. Irgendwann hält sie es nicht mehr aus, sie haut ab, doch sie gerät von einem Unglück ins nächste. Ihr größter Traum: Ihr unbekannter Vater, den sie sehnsüchtig "König Lear" nennt, kommt und rettet sie - genau wie in den Waisenkindergeschichten, die sie so gerne liest.
Als irgendwann der ehemalige Mossad-Agent Achituv Porat auftaucht und sich um sie kümmert, scheint Avitals Leben sich endlich zum Positiven zu wenden.
„Ich wohnte jetzt in einem Palast, wollte dort aber nicht bleiben. Ich wusste, wer sich nicht bewegt, droht unterzugehen. Es ist zwar besser, in Sahne zu ertrinken als im Schlamm, so viel ist klar, aber man muss aufs Weiterziehen gefasst sein, immer.“
Aber war Avitals Begegnung mit Achituv wirklich so zufällig?
Achituv weiß mehr über Avitals Familie, als sie ahnt …
Ich gebe zu, ich habe eine Weile gebraucht, um in die Geschichte hineinzufinden.
Galit Dahan Carlibachs Schreibstil ist ungewöhnlich, aber auch fordernd. Ebenso die Geschichte an sich:
Obdachlosigkeit, Gewalt, Alkoholismus, Missbrauch - das Buch ist wahrlich keine leichte Kost.
Im weiteren Verlauf zog mich die Geschichte jedoch immer mehr in ihren Bann; gerade zum Schluss hin zeigte das Buch seine wahre Stärke.
Avital als Protagonistin fand ich sehr stark und authentisch: Kein Opfer, trotz all ihrer unschönen Erlebnisse, sondern eine Kämpferin.
Ungewöhnlich und interessant ist auch die Perspektive: Avital wendet sich direkt an den Richter bzw. Sozialarbeiter, was für eine eindringliche Wirkung sorgt.
„Jetzt, während ich an euch schreibe, kommt mir ein interessanter Gedanke: Hat der Ort, an dem ihr sitzt, Herr Richter und werte Sozialarbeiter, einen Geruch? Wie riecht überhaupt die Gerechtigkeit? Denn erst jetzt, nach allem, was ich durchgemacht habe, wird mir klar, dass unwirkliche Orte geruchlos sind.“
„Waisenkind“ ist ein sehr intensiver, aber auch fordernder Roman mit einer sehr starken Protagonistin, für den ich 4 von 5 Sternen vergebe.
Vielen Dank an den Kein & Aber Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚