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Veröffentlicht am 18.08.2026

Die Frauen ihrer Familie sind durch Seile verbunden

Parasiti
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Alisha Gamischs Debütroman „Parasiti“ spielt auf zwei Zeitebenen. In der Gegenwart leben Großmutter Lydia, Enkelin Rina und Tante Valli in Fürstenfeldbruck. Als im Briefkasten ein Brief radikaler Abtreibungsgegner ...

Alisha Gamischs Debütroman „Parasiti“ spielt auf zwei Zeitebenen. In der Gegenwart leben Großmutter Lydia, Enkelin Rina und Tante Valli in Fürstenfeldbruck. Als im Briefkasten ein Brief radikaler Abtreibungsgegner landet, verstummt Oma Lydia urplötzlich. Und Rina beginnt, Fragen über die Vergangenheit zu stellen. Diese möchte Valli lieber nicht beantworten, doch Rina lässt nicht locker. Sie ahnt, dass in ihrer Familiengeschichte einiges im Verborgenen liegt.

In Rückblenden und aus wechselnden Perspektiven erfahren wir nach und nach von Lydias schwerem Leben, in den 1960er Jahren in Sibirien. Als Wolgadeutsche wurde sie während des Zweiten Weltkriegs deportiert und lebt seitdem im eisigen Novosibirsk, in einer Holzbaracke ohne fließendes Wasser und Strom. Sie arbeitet hart als Näherin in einer Fabrik, während ihr Ehemann Sashka die meiste Zeit säuft. Ihrem tyrannischen Schwiegervater muss sie ihren gesamten Lohn abgeben. Neben ihrer kleinen Tochter Lydia lebt auch noch Valli als Ziehkind bei ihnen auf, weil ihre leiblichen Eltern keinen Platz für sie hatten in der Sowjetunion.
Lydia wird ungewollt wieder schwanger; es folgt eine Abtreibung, nicht ihre erste, doch danach ist Lydia nicht mehr dieselbe. Verzweifelt versucht sie, ihren Mann nachts von sich fernzuhalten.

„Er jammert, ohne Rücksicht auf die Schlafenden, was er denn noch alles tun solle, eine Arbeit habe er gefunden, in die eiskalte Hölle gehe er für sie, aber sie sei selber eiskalt, lasse ihn leiden und gebe ihm nicht, was ihm zustünde, obwohl er nun drei Monate nur für sie schuften ginge. Sie sei schuld, wenn ihn seine Kollegen einen Brakadel nennen würden, und überhaupt: Sie sei ihm was schuldig!“

Über ein Auffanglager gelangt Lydia in den 1970er Jahren nach Deutschland, ihre Tochter heiratet, bekommt zwei Kinder, Rina (Irina) und Eugen.

Besonders die Frauen der Familie sind stark miteinander verbunden; selbst ihrem Ziehkind bzw. „Kuckuckskind“ Valli, wie Lydia sie manchmal verächtlich nennt, fühlt sie sich nah.
„Die Frauen ihrer Familie sind durch Seile verbunden, die sich fest um die Taillen winden und nur bis zu einem gewissen Grad nachgeben. Großtante, Mutter und Schwester haben immer wieder an den Seilen gezogen, bis sie nach Estland kam. Aber weil sie so viel Zeit mit der Jelenatochter verbrachte, hat sich das Seil nicht nur um die winzige Hüfte von Elvira geschlängelt, was aus Lydias Sicht der natürlichen Ordnung entspräche, sondern unerwartet auch mindestens zweimal um die eckige Hüfte der Jelenatochter gewickelt, mit der sie nicht mal richtig verwandt ist.“

Doch die unverarbeiteten Erlebnisse und Traumata der vorherigen Generationen haben sich auch auf Rinas Leben übertragen:

„Rina lernte, dass man zu einem Mann nicht direkt Nein sagt, sondern, dass es andere Wege gibt. Am besten, man drapiert alles um ihn herum so, dass er glaubt, er bekäme, was er will. So wendet man das Schlimmste ab, ohne sich in eine Auseinandersetzung zu begeben. In dieser Fähigkeit wurde sie trainiert – von ihrer Mutter, der Tante und der Oma auf je verschiedene Art und Weise, sodass sie jetzt drei unterschiedliche Strategien hat, direkten Diskussionen mit Männern auszuweichen.
Bevor Rina Fra kennenlernte, lag sie oft mit einem Jeweiligen in seinem WG-Zimmer oder Wohnheimbett und nahm wahr, wie der Opageruch aus den Bettlaken kroch. Dann musste sie aufspringen und schnell ihre Sachen zusammensammeln. Wenn der Geruch der Bettlaken frisch war, konnte sie sich in den Gliedmaßen eines Jeweiligen für einen Moment einrichten, sich von aus Filmen abgeschauten Bewegungen leiten lassen, die sich manchmal verselbstständigten.
Aber wenn ein Jeweiliger irgendwas viel zu schnell machte oder zu fest, wenn er etwas Falsches sagte, wenn etwas wehtat oder nichts in Rina auslöste, sagte sie nie etwas, ließ den Jeweiligen gewähren, als liefe da ein unabwendbares Ereignis ab, und tat im Zweifelsfall so, als wäre alles großartig.“

Das Ende des Romans ist offen, lässt jedoch hoffen, dass ein Ausbruch aus dem lähmenden Schweigen der russlanddeutschen Vergangenheit möglich ist.

„Parasiti“ ist ein interessanter Familienroman über Herkunft und Migration, generationenübergreifende Traumata, familiäres Schweigen und den harten Kampf um weibliche Selbstbestimmung.

Vielen Dank an den Voland & Quist Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 18.08.2026

Was du nicht aussprichst, kannst du nicht vergessen

Nelka
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„Nelka“ von Svenja Leiber hatte mich vom ersten Satz an in den Bann gezogen:
„Sie werden sich nicht an mich erinnern. Mein Gesicht würden Sie nicht erkennen, wenn wir uns auf einer beliebigen Straße begegneten. ...

„Nelka“ von Svenja Leiber hatte mich vom ersten Satz an in den Bann gezogen:
„Sie werden sich nicht an mich erinnern. Mein Gesicht würden Sie nicht erkennen, wenn wir uns auf einer beliebigen Straße begegneten. Ich aber erinnere mich an Ihr Gesicht. Alles daran sehe ich noch heute vor mir. Nichts habe ich vergessen.“

Erzählt wird die berührende Geschichte von Nelka. Mit 16 Jahren wird sie im Jahr 1941 aus dem damals polnischen Lemberg (Lwów/Lwiw) von Soldaten mit zahlreichen Mädchen und Frauen zur Zwangsarbeit in den Westen verschleppt.

„Es scheint möglich, auf einer einzigen Reise um Jahre zu altern. Diejenigen, die als junge Mädchen in Królewska in den Waggon gestiegen waren und die für einige Tage in einem Sammellager bei Krakau bleiben mussten, sehen beim Aussteigen und Hinübergehen zum Desinfektionslager in der Nähe der Reichshauptstadt wie sehr blasse Frauen aus.“

Auf einem Gutshof in Norddeutschland müssen sie unter menschenunwürdigen Umständen körperlich schwere Arbeit verrichten. Als der junge Gutsverwalter Marten auf Nelka aufmerksam wird, nützt ihr das große Fachwissen über Obstbau, das ihr Vater ihr als erfahrener Obstbaukundler beigebracht hatte. Nelka hilft Marten, eine profitable Apfelplantage zu planen und kann sich so vor seinen Zudringlichkeiten erweren; doch die Angst ist unterschwellig immer präsent. Durch enge Freundschaften versuchen die Frauen, den permanenten Machtmissbrauch und die Gewalt zu überstehen.

„‘Was können wir tun?’, flüstert Margaryta endlich und fasst nach Nelkas Hand.
‘Hoffnung verlieren’, sagt Nelka nur. Sie zieht die Hand weg und dreht sich zur Wand. Sie hört Margaryta schluchzen.
‘Ich meine, was sollen wir tun, Nel?’
Nelka schweigt. Denkt nach. Und dann sagt sie endlich leise zur Wand: ‘Hoffnung wiederfinden, Ryta.’“

Etwa fünfzig Jahre später kehr Nelka als alte Frau aus der Ukraine zurück auf den Gutshof, um den gealterten Marten mit der Vergangenheit zu konfrontieren – in der Hoffnung, sich von dem Trauma der Vergangenheit zu befreien.

„Es kostet zu viel, denkt sie. Diese Reise wird meine Zeit verkürzen. Aber hatte ich eine Wahl? Jede Wahl wird falsch gewesen sein. Die Sache selbst war falsch. Sie hat mich für immer erschöpft. Ich bin, denkt sie, seit damals nie wieder ganz zu Kräften gekommen. Ich habe nur weitergelebt.“

Svenja Leibers präziser, feinfühliger Stil hat mir ebensogut gefallen wie ihre Charaktere.
Erst im Laufe der Erzählung fügen sich Vergangenheit und Gegenwart zu einem Gesamtbild zusammen.

„Über das Wichtigste hatte sie nie gesprochen. Über das, was war und was nicht hätte sein sollen, nie ein Wort.“

„Nelka“ ist ein sehr intensiver, bewegender Roman über die Schrecken des Krieges, Ausbeutung und Machtmissbrauch, der mich stark berührt hat. Nelkas Geschichte und das Schicksal der Zwangsarbeiter*innen wird sicher noch lange in mir nachhallen.

„Nelka“ ist zu Recht für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert – von mir gibt es 5 Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung!

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 16.08.2026

Warum nur weiß man immer erst hinterher, dass man jemanden zum letzten Mal gesehen hat

Und mittendrin der Birnbaum
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Ute Manks Protagonistin Dora kehrt im Roman „Und mittendrin der Birnbaum“ erst als alte Frau wieder nach Hausen zurück. Sie verließ das Dorf nach Ende des zweiten Weltkriegs. Als Dora nun wieder durch ...

Ute Manks Protagonistin Dora kehrt im Roman „Und mittendrin der Birnbaum“ erst als alte Frau wieder nach Hausen zurück. Sie verließ das Dorf nach Ende des zweiten Weltkriegs. Als Dora nun wieder durch die gleichzeitig fremden wie vertrauten Straßen spaziert, vorbei an ihrem Elternhaus, steht sie plötzlich vor dem Haus ihrer ehemals besten Freundin Fanny. Dort wurden vier Stolpersteine verlegt. Dora ist fassungslos: warum fehlt der Stein von Fanny? Was ist mit ihr passiert?

Gemeinsam mit der jungen Pina begibt Dora sich auf Spurensuche. Ohne Pina zu sagen, dass sie so eng mit Fanny befreundet war, decken sie nach und nach das Schicksal von Fanny auf. Und auch Dora muss sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen …

„Vielleicht war es aber auch einfach so, dass, wenn man erst einmal einen Zipfel der Decke, die über der Vergangenheit lag, anhob, immer mehr zum Vorschein kam. Ob man wollte oder nicht.“

Besonders anfangs tat ich mir sehr schwer mit dem Schreibstil, es kam irgendwie kein Lesefluss auf. Doch nach und nach wurde ich gefesselt, vor allem die Rückblenden in die NS-Vergangenheit im Dorf fand ich sehr berührend.

„Die ganze Jokops-Familie war noch da. Die Amerikareise war abgeblasen worden. Warum, hatte Dora nicht verstanden. Obwohl Fanny es ihr erklärt hatte. Von einem speziellen Konto hatte sie gesprochen, auf das auch Bachkriemers das Geld fürs Haus hätten einzahlen müssen. Dann sei dieses Konto gesperrt worden. Der Vater müsse sich jede Abhebung genehmigen lassen.
Dora hatte keine Ahnung von Konten. […]
Fanny hingegen war sehr erwachsen geworden und kannte sich in Erwachsenendingen aus. Miete müssten sie nun auch zahlen, klagte sie. Das Haus gehöre ihnen ja nicht mehr. Arm seien sie auf einmal. An Amerika sei nicht mehr zu denken. Aber es sei ja sowieso längst zu spät.
Dora hörte sich das alles an, spürte die Not, Fanny, ach, die ganze Familie tat ihr unendlich leid. Sie sagte es jedes Mal: ‚Fanny, das tut mir alles so leid.‘ Was sie nicht sagte, nicht sagen konnte, weil es so egoistisch war: Sie war froh, dass Fanny in Hausen bleiben würde. Amerika. Für immer. Sie hätten sich doch nie wiedergesehen.
So konnte sie sich zu Fanny schleichen. Obwohl sie Angst hatte.
Ihre Freundschaft war zu etwas Gefährlichem erklärt worden. Wie wenn man ein Etikett irgendwo draufklebte. Giftig! Und niemand mehr sollte die Berechtigung dieser Warnung überprüfen wollen.
Dora weigerte sich, ihr Folge zu leisten. Dennoch kamen ihr die Besuche bei Fanny und ihrer Familie vor, als betrete sie eine bedrückende Unterwelt. Aus der sie selbst problemlos auftauchen konnte in eine Welt, die sich für sie selbst immer besser anließ.“

Pina hat mir als Protagonistin gut gefallen. Insgesamt blieben die Figuren allesamt etwas blass. Auch fand ich die Masse an Namen von Personen plus „Hausnamen“ im Dorf etwas herausfordernd; hier wäre eine Übersicht hilfreich gewesen.
Dennoch ist „Und mittendrin der Birnbaum“ ein bewegender Roman über Freundschaft, Schuld und Verdrängung sowie Kollektives Schweigen und Wegschauen.

Vielen Dank an den dtv Verlag und Vorablesen.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 15.08.2026

Vegane Ernährung: Hilfreiche Informationen & leckere Rezepte

Omi, ich bin jetzt vegan!
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Mein Kind und ich wollen uns aus verschiedenen Gründen mit veganer Ernährung beschäftigen. Der Einstieg ist nicht einfach, und die Auswahl der vielen veganen Kochbücher hat uns überfordert. Da stach uns ...

Mein Kind und ich wollen uns aus verschiedenen Gründen mit veganer Ernährung beschäftigen. Der Einstieg ist nicht einfach, und die Auswahl der vielen veganen Kochbücher hat uns überfordert. Da stach uns das Buch „Omi, ich bin jetzt vegan!“ von Angelique Vochezer und ihrer Oma Ingeborg Teßmann ins Auge. Ich dachte, es wäre einfacher bzw. familientauglicher, ein Kochbuch mit „deutscher Hausmannskost“ zu testen, in der Hoffnung, dass hier für jede*n in der Familie etwas dabei ist.

Der Aufbau und vor allem die Einleitung mit der persönlichen Geschichte der Autorin hat mir sehr gut gefallen; ebenso die Beiträge ihrer Oma, als sie von früher erzählt.
Auch die Einführung in die vegane Lebensweise und die zahlreichen Informationen über wichtige Nährstoffe sowie die echt praktische „Austauschliste“ (das heißt, wie man Milch, Ei oder Butter recht einfach pflanzlich ersetzen kann) finde ich hilfreich.
Der Rezeptteil bietet eine Vielfalt an verschiedenen Gerichte, von „Klassikern“ der deutschen Küche (Schnitzel, Knödel, Braten, etc.), Suppen, Aufläufe, aber auch Süßspeisen und Backwaren. Da ist hoffentlich für jeden Geschmack etwas dabei.

Ich hoffe, dass meine Familie und ich durch das Kochbuch (und sicherlich noch weitere Lektüren, Informationen und einfach durch Ausprobieren) die Vielfalt der veganen Küche kennenlernen können und unsere Ernährung nach und nach umstellen können.

Für jemanden, der sich schon gut mit veganer Ernährung und Rezepten auskennt, mag das Buch vielleicht nicht viel Neues bieten; wir fanden es als einstieg jedoch sehr gut und hilfreich – wir werden hier definitiv viele der Rezepte mal ausprobieren.

Vielen Dank an den Ullstein Buchverlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 05.08.2026

Ein Plädoyer für reproduktive Gerechtigkeit - 4,5⭐️

Mein Körper – wessen Entscheidung?
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Journalistin und Autorin Sibel Schick schrieb das Sachbuch „Mein Körper – wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen“ ausgehend von einer persönlichen Situation: Eine ungewollte ...

Journalistin und Autorin Sibel Schick schrieb das Sachbuch „Mein Körper – wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen“ ausgehend von einer persönlichen Situation: Eine ungewollte Schwangerschaft, die sie fast das Leben gekostet hätte.

„Erst als ich über die Irritation nachdachte, die ihre Frage bei mir auslöste, wurde mir klar, welche Mechanismen hier am Werk waren. Die Kultur, in der zu gebären selbstverständlich und der Wunsch danach selbsterklärend war - egal, welche Kosten es mit sich brachte -, während ein Schwangerschaftsabbruch per se begründet werden musste, verhinderte ein offenes Gespräch.“

Die Autorin argumentiert, dass „My Body, my choice“ leider oft ein Privileg der Wohlhabenden ist; wer arm ist oder diskriminiert wird, hat keine echte Wahl. Wirkliche reproduktiver Gerechtigkeit basiert auf 3 Säulen: Das Recht, keine Kinder zu bekommen; das Recht, Kinder zu bekommen; das Recht, Kinder in einer sicheren, gesunden Umgebung aufzuziehen.

„Die Gründe für Schwangerschaftsabbrüche sind vielfältig, und sie sind alle legitim. Sie müssen nicht gerechtfertigt und erklärt werden, und Sie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, als gäbe es einen Wettbewerb für den besten Grund. Und trotzdem lohnt es sich, darüber nachzudenken, welche strukturellen und politischen Ursachen hinter diesen Entscheidungen liegen können. Es geht nicht darum, Menschen davon zu überzeugen, dass es mehr Geburten geben sollte. Es geht darum, dass alle Menschen die Möglichkeit haben sollten, ganz frei zu entscheiden ob sie ein Kind bekommen wollen.“

Doch leider werden „gebärfähige Körper“ von Staat, Kapitalismus und dem gesellschaftlichen Rechtsrück kontrolliert, um die Geburtenraten zu steuern: Der Staat braucht zukünftige Arbeitskräfte.

„Wie kann es sein, dass Politikerinnen eher auf die Idee kommen, diejenigen zu bestrafen, die keine Kinder haben, als darauf, die Gründe für ihre Kinderlosigkeit zu beseitigen? Während es - gewiss ganz zufällig - dieselben Politikerinnen sind, die Verbote für Schwangerschaftsabbrüche als ‚Lebensschutz‘ verharmlosen und legitimieren wollen? So zynisch.“

Sibel Schick fordert auf, die eigene Position zu überdenken:

„Die Gebärzwangsbewegung, die sich als Lebensschutz bezeichnet, im Kern aber zutiefst lebensfeindlich ist, will zwar, dass ausnahmslos jede Schwangerschaft fortgeführt wird. Allerdings entwickelt sie keine Visionen dafür, wie diese Kinder in Menschenwürde leben könnten, wie Menschen Kinder bekommen und bei der Geburt und danach angemessen unterstützt werden könnten. Wie sie ihre Kinder frei von Gewalt und unter guten sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Bedingungen aufziehen könnten. Wie Kinder und Erwachsene vor sexualisierter Gewalt geschützt, wie Selbstbestimmung in jeder Hinsicht hergestellt werden könnte. Und das ist schlüssig, denn eine Bewegung, die die körperliche Autonomie und Selbstbestimmung von gewissen Menschen einschränken und sogar verletzen will, ist per se gegen Gerechtigkeit. Eine solche Bewegung ist nicht in der Lage, eine gerechte Welt zu fordern - das wäre ein Widerspruch. Von ihnen sollten wir also keine Lösungen erwarten, sondern von uns selbst. Wir sind diejenigen, die diese Verantwortung ernst nehmen sollten.“

Als noch tiefgreifendere Lektüre möchte ich an dieser Stelle das Buch „Das Patriarchat im Uterus“ von Dr. Alicia Baier empfehlen (https://www.lovelybooks.de/autor/Alicia-Baier/Das-Patriarchat-im-Uterus-18878001804-w/rezension/24498004588/), das sich noch vielschichtiger mit diesem Thema beschäftigt.

Ansonsten ist „Mein Körper, wessen Entscheidung“ ein gleichermaßen persönliches wie politisches, wichtiges Sachbuch über ein Thema, das uns ALLE angeht!

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