Die Frauen ihrer Familie sind durch Seile verbunden
ParasitiAlisha Gamischs Debütroman „Parasiti“ spielt auf zwei Zeitebenen. In der Gegenwart leben Großmutter Lydia, Enkelin Rina und Tante Valli in Fürstenfeldbruck. Als im Briefkasten ein Brief radikaler Abtreibungsgegner ...
Alisha Gamischs Debütroman „Parasiti“ spielt auf zwei Zeitebenen. In der Gegenwart leben Großmutter Lydia, Enkelin Rina und Tante Valli in Fürstenfeldbruck. Als im Briefkasten ein Brief radikaler Abtreibungsgegner landet, verstummt Oma Lydia urplötzlich. Und Rina beginnt, Fragen über die Vergangenheit zu stellen. Diese möchte Valli lieber nicht beantworten, doch Rina lässt nicht locker. Sie ahnt, dass in ihrer Familiengeschichte einiges im Verborgenen liegt.
In Rückblenden und aus wechselnden Perspektiven erfahren wir nach und nach von Lydias schwerem Leben, in den 1960er Jahren in Sibirien. Als Wolgadeutsche wurde sie während des Zweiten Weltkriegs deportiert und lebt seitdem im eisigen Novosibirsk, in einer Holzbaracke ohne fließendes Wasser und Strom. Sie arbeitet hart als Näherin in einer Fabrik, während ihr Ehemann Sashka die meiste Zeit säuft. Ihrem tyrannischen Schwiegervater muss sie ihren gesamten Lohn abgeben. Neben ihrer kleinen Tochter Lydia lebt auch noch Valli als Ziehkind bei ihnen auf, weil ihre leiblichen Eltern keinen Platz für sie hatten in der Sowjetunion.
Lydia wird ungewollt wieder schwanger; es folgt eine Abtreibung, nicht ihre erste, doch danach ist Lydia nicht mehr dieselbe. Verzweifelt versucht sie, ihren Mann nachts von sich fernzuhalten.
„Er jammert, ohne Rücksicht auf die Schlafenden, was er denn noch alles tun solle, eine Arbeit habe er gefunden, in die eiskalte Hölle gehe er für sie, aber sie sei selber eiskalt, lasse ihn leiden und gebe ihm nicht, was ihm zustünde, obwohl er nun drei Monate nur für sie schuften ginge. Sie sei schuld, wenn ihn seine Kollegen einen Brakadel nennen würden, und überhaupt: Sie sei ihm was schuldig!“
Über ein Auffanglager gelangt Lydia in den 1970er Jahren nach Deutschland, ihre Tochter heiratet, bekommt zwei Kinder, Rina (Irina) und Eugen.
Besonders die Frauen der Familie sind stark miteinander verbunden; selbst ihrem Ziehkind bzw. „Kuckuckskind“ Valli, wie Lydia sie manchmal verächtlich nennt, fühlt sie sich nah.
„Die Frauen ihrer Familie sind durch Seile verbunden, die sich fest um die Taillen winden und nur bis zu einem gewissen Grad nachgeben. Großtante, Mutter und Schwester haben immer wieder an den Seilen gezogen, bis sie nach Estland kam. Aber weil sie so viel Zeit mit der Jelenatochter verbrachte, hat sich das Seil nicht nur um die winzige Hüfte von Elvira geschlängelt, was aus Lydias Sicht der natürlichen Ordnung entspräche, sondern unerwartet auch mindestens zweimal um die eckige Hüfte der Jelenatochter gewickelt, mit der sie nicht mal richtig verwandt ist.“
Doch die unverarbeiteten Erlebnisse und Traumata der vorherigen Generationen haben sich auch auf Rinas Leben übertragen:
„Rina lernte, dass man zu einem Mann nicht direkt Nein sagt, sondern, dass es andere Wege gibt. Am besten, man drapiert alles um ihn herum so, dass er glaubt, er bekäme, was er will. So wendet man das Schlimmste ab, ohne sich in eine Auseinandersetzung zu begeben. In dieser Fähigkeit wurde sie trainiert – von ihrer Mutter, der Tante und der Oma auf je verschiedene Art und Weise, sodass sie jetzt drei unterschiedliche Strategien hat, direkten Diskussionen mit Männern auszuweichen.
Bevor Rina Fra kennenlernte, lag sie oft mit einem Jeweiligen in seinem WG-Zimmer oder Wohnheimbett und nahm wahr, wie der Opageruch aus den Bettlaken kroch. Dann musste sie aufspringen und schnell ihre Sachen zusammensammeln. Wenn der Geruch der Bettlaken frisch war, konnte sie sich in den Gliedmaßen eines Jeweiligen für einen Moment einrichten, sich von aus Filmen abgeschauten Bewegungen leiten lassen, die sich manchmal verselbstständigten.
Aber wenn ein Jeweiliger irgendwas viel zu schnell machte oder zu fest, wenn er etwas Falsches sagte, wenn etwas wehtat oder nichts in Rina auslöste, sagte sie nie etwas, ließ den Jeweiligen gewähren, als liefe da ein unabwendbares Ereignis ab, und tat im Zweifelsfall so, als wäre alles großartig.“
Das Ende des Romans ist offen, lässt jedoch hoffen, dass ein Ausbruch aus dem lähmenden Schweigen der russlanddeutschen Vergangenheit möglich ist.
„Parasiti“ ist ein interessanter Familienroman über Herkunft und Migration, generationenübergreifende Traumata, familiäres Schweigen und den harten Kampf um weibliche Selbstbestimmung.
Vielen Dank an den Voland & Quist Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚