Büroalltags-Satire vom Allerfeinsten
Supersaurio„Supersaurio“ von Meryem El Mehdati ist ein Debütroman, der mich wirklich positiv überrascht hat!
Vom Cover und Titel her hatte ich das gar nicht erwartet, aber diese Story hat es in sich.
Die 26-jährige ...
„Supersaurio“ von Meryem El Mehdati ist ein Debütroman, der mich wirklich positiv überrascht hat!
Vom Cover und Titel her hatte ich das gar nicht erwartet, aber diese Story hat es in sich.
Die 26-jährige Meryem hat ihr Sprachstudium beendet. Statt der erträumten Karriere als UN-Übersetzerin landet sie als schlecht bezahlte Praktikantin in der Zentrale von „Supersaurio“, der größten Supermarktkette Gran Canarias. Täglich kämpft sie sich mit unpünktlichen Bussen zur Arbeit mit sinnlosen, eintönigen Aufgaben. Im Großraumbüro trifft sie auf eine ignorante Chefin und Kollegen, die ihren Namen konsequent falsch aussprechen. In ihrer Freizeit schreibt sie Fanfiction mit ihren Kollegen in den Hauptrollen, um dem deprimierenden Büroalltag zu entfliehen.
Meryem war eine absolut authentische und sympathische Protagonistin, die mich vom ersten Moment an in den Bann gezogen hat.
„Mich hat keiner gefragt, ob ich geboren werden will. Wenn mich einer gefragt hätte, dann hätte ich Nein gesagt. Besten Dank, zu freundlich, das klingt echt interessant, aber ich passe. Stumm gestellt, weggeswipt, blockiert. Das Leben ist kompliziert. Man muss vorsichtig sein, wir sind zerbrechliche Wesen. Eben hast du noch auf den Unterarm deines Vaters gepasst, schon bist du fünfundzwanzig und heulst im Bus leise vor dich hin, hinten in der letzten Reihe, wo eigentlich nur Touris und die coolen Oberstufenkids sitzen, weil du zum fünften Mal im Bewerbungsprozess für ein Betriebspraktikum steckst. Du kommst erschöpft vom letzten Bewerbungsgespräch, fühlst dich komisch, hast Gliederschmerzen und bist dir sicher, dass du gar nichts wert bist.“
Der Schreibstil von Meryem El Mehdati hat mir ausgesprochen gut gefallen, ihre direkte und bissige Art, ihre feine Beobachtungsgabe. Sie bringt die Absurditäten des Berufslebens immer treffend auf den Punkt:
„Wirf einen Haufen Leute unterschiedlicher Herkunft als Gruppe zusammen und lass sie ein paar Stunden täglich gemeinsam in einem geschlossenen Raum verbringen. Gib jedem von ihnen eine Rolle, die ihrer Ausbildung, Erfahrung und ihrem Alter entspricht. Organisiere ihre Beziehungen hierarchisch. Schließ die Tür und guck, was passiert. Das Stanford-Gefängnisexperiment ist ein Witz verglichen mit den Dynamiken in einem gewöhnlichen Großraumbüro. Gib einer Person in so einem Büro auch nur ein Quäntchen Macht über die anderen, und du wirst sehen, wie sie sich über Nacht in einen comicreifen Böse wicht verwandelt. Ihre Untergebenen werden zu Menschen, denen sie all ihre Frustration und Ängste überstülpt, denen sie das Doppelte dessen abverlangt, was sie selbst leistet, die sie schlecht behandelt, wenn es nicht gut läuft, die sie schlicht nicht mehr als ihresgleichen betrachten muss. Und jetzt gib einem der Untergebenen ein Milligrämmchen Macht über die restlichen. Mach es dir bequem und schau, was passiert.“
Was bei Meryems Weg von der Praktikantin zur Festanstellung zunächst amüsant wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als schonungslose Darstellung von Ausbeutung und unwürdigen Arbeitsbedingungen.
„Von den fünf Sätzen, die ich am meisten zu meinem Chef sage, ist »Ja, klar« der allerhäufigste. Kannst du am Donnerstag eine halbe Stunde früher kommen? Ja, klar. Kannst du heute eine Stunde länger bleiben? Ja, klar. Kannst du diese Dokumente mal auf Fehler durchsehen? Ja, klar. Kannst du zwei Wochen lang Arbeit für zwei erledigen, weil Yolanda im Urlaub ist? Ja, klar. Kann ich nachtreten, wenn du heulend am Boden liegst? Ja, klar.“
Als sie die Festanstellung endlich erreicht, stellt sie fest, dass der Aufstieg einen hohen Preis fordert. Für die Jobsicherheit hat sie ein Stück ihrer eigenen Identität und Seele aufgegeben.
„Ich habe jetzt bereits fünfhundertsiebenunddreißig verschiedene Erfahrungen in dieser Firma gemacht. Eine schlimmer als die andere.“
Ich war wirklich begeistert von der Klugheit und Tiefe dieses Romans. Vom ersten bis zum letzten Satz hat für mich einfach alles gepasst, daher vergebe ich 5 von 5 Sternen für diesen tollen Debütroman!
Vielen Dank an den ecco Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚