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Veröffentlicht am 16.07.2026

Dem Schmerz mit (Selbst)Täuschungen entfliehen

Alles Liebe
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Ronja vom Rönne erzählt in „Alles Liebe“ in fünf lose miteinander verbundenen Kurzgeschichten fünf Lebensgeschichten von Menschen, die sich ihre Realität schönlügen, um dem eigenen Schmerz zu entfliehen.

Laura ...

Ronja vom Rönne erzählt in „Alles Liebe“ in fünf lose miteinander verbundenen Kurzgeschichten fünf Lebensgeschichten von Menschen, die sich ihre Realität schönlügen, um dem eigenen Schmerz zu entfliehen.

Laura versteht schon als Kind durch ihre krebskranke Freundin Miriam, wie man durch vorgetäuschte Schicksalsschläge und Tragödien zu Aufmerksamkeit und Mitleid kommt.

„ ‘Ich habe Krebs, niemand ist sauer auf ein Kind mit Krebs’, sagte Miriam mit einer Selbstverständlichkeit, die überzeugte.
Ich merkte mir diesen Satz sorgfältig, verstaute ihn wie eine wertvolle Münze in meinem Gedächtnis. ‘Ich habe Krebs, niemand ist sauer auf ein Kind mit Krebs.’ Das war mehr als nur eine Feststellung – das war ein Freifahrtschein, eine magische Formel. Das konnte ich verwenden, nicht für mich natürlich, aber ich konnte es für sie verwenden, und dadurch würde auch ich geschützt sein. Die beste Freundin eines Krebskindes zu sein, das war fast so gut, wie selbst Krebs zu haben. Ich würde unter ihrem Schutz stehen. Ich würde sie beschützen. Und mit dieser Art von Abhängigkeit konnte ich leben.“

Barbara füllt ihr Haus und Leben mit endlosen Bestellungen aus Versandhauskatalogen und Fotos eines Models, nachdem ihr Ehemann sie verlassen hat und ihre Tochter an Krebs starb.

Heike leidet unter der permanenten Einmischung ihrer Schwiegermutter, in deren Haus sie mit ihrem Mann lebt. Weil ihr Traum vom eigenen Garten unerreichbar bleibt, sucht sie Ablenkung im virtuellen Austausch mit einem Garten-Blogger.

Der erfolglose Künstler Fedor verliebt sich in Christina, die mit ihren Kunst-Miniaturen großen Erfolg hat. Er verachtet ihre Kunst, aber ihre Einnahmen verschaffen ihm ein sorgenfreies Leben. Als Christina schwanger wird, stellt sie fest, dass ihre Liebe zu Fedor verschwunden ist.

Im letzten Kapitel schließt sich der Kreis der verschiedenen Erzählstränge: Die inzwischen erwachsene Laura ist Journalistin. Ihre schon als Kind erlernten manipulativen Fähigkeiten setzt sie für Ihre Karriere ein. Als ihr Kollege Mattis seine Wut darüber nicht mehr bändigen kann, bringt ein Vorfall die beiden vor Gericht.

„Am Anfang hatte Lauras Talent dazu ihn beeindruckt: der verletzte Blick, den sie immer einsetzte, wenn es darauf ankam. Auf Redaktionskonferenzen, wenn ihr Ressortleiter fragte, warum der Artikel noch nicht fertig sei. Oder warum sie ein Interview nicht zur Autorisierung freigegeben habe. Und einmal vor der Kamera, in einem Fernsehinterview mit einem Lokalsender, als man sie auf die Vorwürfe einer Hinterbliebenen ansprach, die behauptete, Laura habe Zitate verdreht. Ihr Blick sagte: Ich bin das Opfer. Ich war schon immer das Opfer. Und wer das nicht versteht, ist Teil des Problems. Und dann die selbstbewusste, stolze Laura. Die wieder geliefert hatte. Die trotz aller Widerstände fest im Leben stand.
Aber diesmal würde sie nicht mit der Opfernummer durchkommen. Denn diesmal hatte er Beweise.“

Ronja von Rönne ist eine feine Beobachterin; ihr Schreibstil, ihre Charaktere und der Aufbau des Romans haben mir sehr gut gefallen.
Ich vergebe für diesen Roman über Liebe, Traumata, Einsamkeit und Selbsttäuschung 4 von 5 Sternen und eine klare Leseempfehlung!

Vielen Dank an den dtv Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.07.2026

Liebe und (für mich zu) viele Dramen

Herz König
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„Herz König“ von Lily King erzählt auf mehreren Zeitebenen die Geschichte von Jordan, Sam und Yash.
Als Literaturstudentin lernt Jordan die beiden kennen, hat bald eine heftige, aber auch komplizierte ...

„Herz König“ von Lily King erzählt auf mehreren Zeitebenen die Geschichte von Jordan, Sam und Yash.
Als Literaturstudentin lernt Jordan die beiden kennen, hat bald eine heftige, aber auch komplizierte Beziehung mit dem sehr religiösen Sam. Sie trennen sich und bald darauf kommt Jordan mit Yash zusammen. Dennoch wird die Beziehung der beiden durch Sams Einfluss auf Yash beeinträchtigt:

„Alle paar Wochen kommt Sam in die Stadt und stört mein Glück. Er wohnt bei Yash, und ich kann zu keiner Party gehen, die die beiden besuchen. Mein Name ist tabu. Wenn Sam da ist, existiere ich praktisch nicht mehr, sagt Yash. Alle Freunde wissen, sie dürfen meinen Namen nicht aussprechen. Wenn Yash nach dem Wochenende zu mir zurückkommt, will er nicht berichten, wo sie waren, was sie unternommen oder worüber sie gesprochen haben. Ich hasse Sam dafür, dass er mir Yash tagelang wegnimmt und ihn mir hinterher mürrisch, schmollend und zerrissen wiederbringt. In einem ähnlichen Zustand bin ich früher nach einem Wochenende bei meinem Vater zu meiner Mutter zurückgekehrt. Ich hasse den Geruch des Zimmers, nachdem Sam dort war. Ich hasse den Karton mit meinen Sachen, den Yashs Mitbewohner netterweise unter seinem Bett versteckt und den ich erst wieder herausholen darf, wenn Sam weg ist.“

Als Jordan nach Paris zieht, bleibt die Verbindung zu Yash durch Briefe und seltene Treffen bestehen. Eigentlich wollten sich die beiden in New York ein gemeinsames Leben aufbauen, doch Yash taucht nicht wie verabredet am Flughafen auf; er zieht stattdessen nach Atlanta – ohne zu wissen, dass Jordan von ihm schwanger ist ...

Viele Jahre später ist Jordan eine erfolgreiche Schriftstellerin und glücklich verheiratet mit Silas, mit dem sie zwei Söhne hat. Ein unerwarteter Besuch von Yash zwingt sie, sich mit einer damaligen Entscheidung auseinanderzusetzen. Und bald folgen noch mehr Schicksalsschläge - doch ich möchte hier nicht spoilern ...

„Herz König“ war an sich nicht schlecht, er hatte durchaus ein paar sehr gute Momente, aber insgesamt waren es etwas zu viele Dramen und Schicksalsschläge (Krankheiten, Tod, Verluste) für meinen Geschmack.
Ich vergebe daher 3 von 5 Sternen.

Vielen Dank an den C.H. Beck Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.07.2026

Körper sind niemals verhandelbar!

Unshame
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Dem Buch „Unshame: Wie wir uns von Idealen befreien und den weiblichen Körper wertschätzen“ von Louisa Dellert habe ich schon lange sehnsüchtig entgegengefiebert und ich muss sagen: zu Recht, denn es gehört ...

Dem Buch „Unshame: Wie wir uns von Idealen befreien und den weiblichen Körper wertschätzen“ von Louisa Dellert habe ich schon lange sehnsüchtig entgegengefiebert und ich muss sagen: zu Recht, denn es gehört definitiv zu meinen diesjährigen Sachbuch-Jahreshighlights!

Die Autorin und Aktivistin rechnet hier gnadenlos mit toxischen Schönheitsidealen ab.
Sehr offen und ehrlich erzählt sie anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte, was viele von uns selbst auch kennen: wir finden uns zu dick, zu dünn, zu untrainiert, zu alt, zu hässlich, sprich: einfach nicht „perfekt“.
Von klein auf „lernen“ wir, wie Frauenkörper aussehen sollen – dass dahinter eine riesige Schönheits- und Diätindustrie steckt, die Milliarden mit der Scham und den Selbstzweifeln der Frauen verdient, kann gar nicht oft genug betont werden.
Neben diesem Aspekt deckt das Buch ein großes Themengebiet ab, von der Auseinandersetzung mit dem „Pretty Privilege“ und „White Privilege“, Modetrends und sich wandelnde Schönheitsideale, Body Positivity, dem Einfluss von sozialen Medien bis hin zu Diäten und Schönheitsoperationen.

Louisa Dellert gibt tolle Empfehlungen für weiterführende Literatur und Social-Media-Accounts und baut nach jedem Kapitel „Mitmach-Elemente“ ein, die ich besonders wertvoll fand:

„.... denk daran, dass dein Wert nie von einer Zahl auf einer Waage abhängt.
.... denk daran, dass dein Körper dich bis hierher m getragen hat - auch durch Zeiten, in denen du ihn nicht mochtest.
... denk daran, dass dein Körper kein Projekt ist, sondern dein Zuhause
... denk daran, dass Scham ein Geschäftsmodell ist.
.... denk daran, dass du dein Leben nicht in Kalorien erinnern wirst.“

Durch die Mischung aus Fakten und persönlicher Geschichte ist das Buch besonders wertvoll. Ich werde es sicher noch öfter lesen; ich habe mir so viele Stellen markiert, dass ich hier wirklich nur ein paar Ausschnitte zitieren kann, um den Rahmen nicht zu sprengen.

„Erst heute, viele Jahre später weiß ich: ich hätte mich für all das niemals schämen müssen. Niemand hatte jemals das Recht, mir einzureden, dass mein Körper eine Dauerbaustelle ist. Oder dass ich erst schrumpfen muss, um geliebt zu werden. Und überhaupt: Mein Körper hätte verdammt noch mal niemals verhandelbar sein dürfen!“

„Unshame“ ist ein gleichermaßen persönliches wie politisches Manifest von Louisa Dellert, das den gesellschaftlichen Optimierungswahn anprangert: Ein sehr wertvoller und ermutigender Aufruf, sich von unrealistischen Schönheitsidealen zu lösen und dem eigenen Körper mit Respekt und Versöhnung zu begegnen.

„Und vielleicht ist es das, was wir uns immer wieder vor Augen führen sollten: dass die eigentliche Größe eines Menschen nichts mit seinem Umfang zu tun hat.“

„Ich versuche, jede Falte in meinem Gesicht als Mittelfinger ans Patriarchat zu betrachten.“

Von mir gibt es 5 Sterne und eine ganz klare Leseempfehlung!

Vielen Dank an den Ullstein/Allegria Verlag und an Vorablesen.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 29.06.2026

Die Lüge, hat man einmal mit ihr begonnen, ist eine treue Begleiterin

Sommerrauschen
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Ich-Erzählerin Judith verbringt seit ihrer Kindheit die Sommermonate im südfranzösischen Médoc, wo ihre Familie ein Ferienhaus besitzt. Als Jugendliche verbrachte sie hier jede freie Minute mit Natascha, ...

Ich-Erzählerin Judith verbringt seit ihrer Kindheit die Sommermonate im südfranzösischen Médoc, wo ihre Familie ein Ferienhaus besitzt. Als Jugendliche verbrachte sie hier jede freie Minute mit Natascha, ihrer besten Freundin, die im Nachbarhaus wohnte. Auch ihre jüngere Schwester Lola war für ein paar Wochen dabei. Durch ein tragisches Ereignis endete die Freundschaft zwischen Natascha und Judith. Seit 40 Jahren haben sie sich nicht mehr gesehen.
Diesen Sommer reist Judith gemeinsam mit ihrer exzentrischen Mutter Oda, zu der sie ein schwieriges Verhältnis hat, ihrem Mann Robert und ihren 16jährigen Zwillingstöchtern Paula und Sophie an die Atlantikküste. Das leerstehende Nachbarhaus ist zu verkaufen, Robert hat Interesse, um mehr Platz für die Familie zu haben. Doch für Judith hängen zu viele Erinnerungen daran. Als dann noch unerwartet Natascha mit ihrem Mann Simon eintrifft, prasseln alle Erinnerungen auf Judith ein, die sie 40 Jahre lang verdrängt hatte.

„Worte seien Macht, hatte mein Vater einmal gesagt. Doch wo Menschen verstummen, wo Schweigen herrsche, werde Wahrheit sichtbar.“

Ich habe ein bisschen gebraucht, um in das Buch hineinzufinden. Christiane Adlungs Schreibstil ist leise, bildhaft und metaphorisch, damit aber auch sehr anspruchsvoll und nicht leicht zu lesen. Nach einiger Zeit hatte ich mich aber an ihre Sprache gewöhnt und fand sie sehr passend zur Geschichte. Gerade der langsame Erzählstil macht es spannend, schichtweise wird die Wahrheit freigelegt, bis am Ende mit einem Knall das Geheimnis gelüftet wird.

„Die Lüge, hat man einmal mit ihr begonnen, ist eine treue Begleiterin.“

Judith blieb als Protagonistin weitgehend distanziert für mich, unnahbar. Diese erzeugte Distanz passte jedoch widerum gut zu der Art der Erzählung, die lange vieles unklar ließ.

„Alles sei vollkommen in Ordnung, bestätigte ich, obwohl ich der Redewendung nichts abgewinnen konnte. Nichts in meinem Leben war in Ordnung, und nichts würde je wieder in Ordnung kommen. Doch die Vorstellung hatte ich verinnerlicht. Mit selbst auferlegter Disziplin hielt ich mich an die gesellschaftlichen Konventionen, wie ich mich auch an Beständigkeiten hängte. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich längst verloren.
Der Preis für mein Überleben.“

„Vor einigen Jahren hatte ein Journalist während eines gemeinsamen Rundgangs auf einer Ausstellungseröffnung geäußert, dass meinen Objekten etwas Schwermütiges anhänge, eine Art Kapitulation vor dem Leben. Ihm erscheine alles wie ein stummer Schrei, hinter dem sich verstecke, was ich eigentlich sagen wolle, als fehlte mir die Worte. Aber vielleicht könne es für das, was ich empfinde, auch keine Worte geben?“

„Sommerrauschen“ ist ein atmosphärisches, psychologisch tiefgründiges Familiendrama über die Frage nach Schuld, verdrängte Erinnerungen und Geheimnisse aus der Vergangenheit, für das ich 4 Sterne vergebe.

Vielen Dank an den DuMont Verlag & den Thalia Book Circle für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 29.06.2026

Kann man wirklich verwöhnt sein, wenn man niemals das bekommt, was man haben will?

Chaos
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Heddas Leben ist ein Chaos: Sie ist schwanger, ihr Freund Björn und sie freuen sich sehr auf ihr erstes Kind, er unterstützt sie sehr. Doch der Druck, ihre Masterarbeit fertigzustellen, setzt ihr sehr ...

Heddas Leben ist ein Chaos: Sie ist schwanger, ihr Freund Björn und sie freuen sich sehr auf ihr erstes Kind, er unterstützt sie sehr. Doch der Druck, ihre Masterarbeit fertigzustellen, setzt ihr sehr zu. Ausgerechnet jetzt taucht plötzlich ihr Vater wieder auf: Der ehemalige Dotcom-Milliardär ist kein einfacher Mensch, um es mal vorsichtig auszudrücken. Seine Geschäfte waren immer an der Grenze der Legalität und Heddas Kindheit alles andere normal. Diese Vergangenheit holt sie nun wieder ein. Wie der sprichwörtliche Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt, trifft auch Hedda einige fragwürdiger Entscheidungen und alles beginnt, gründlich schiefzugehen. Kann Hedda sich aus den destruktiven Dynamiken ihrer toxischen Familie befreien?

„Chaos“ von Andréa Ager-Hanssen ist ein sehr spezielles Buch, das nicht einfach zu lesen war.
Er spielt im Wechsel heute, während Heddas aktueller Lebenskrise, und in der Vergangenheit. Gerade diese Rückblicke in ihre Kindheit fand ich besonders stark!
Eine Kindheit wie Heddas mag man sich gar nicht vorstellen. Was macht es mit einem Kind, das in absurdem Reichtum lebt, aber dennoch nie das bekommt, was ihm selbst wichtig ist?
„Kann man wirklich verwöhnt sein, wenn man niemals das bekommt, was man haben will???“

„‘Ist es nicht schön? Es ist eines der größten Häuser in der ganzen Gegend. Man könnte auf der Rückseite auch einen Pool bauen, mit Schieferplatten drumherum. Es gibt auch ein fantastisches Gewächshaus.’
‘Warum können wir nicht einfach weiter zu Hause wohnen?’, frage ich und hebe einen gelben, vertrockneten Ast vom Boden. Die liegen hier überall herum, umgeben von Löwenzahn und anderem Unkraut. ‘Warum konntest du nicht einfach das alte Haus zurückkaufen?’
Papa fängt an zu erklären, dass das Haus auf ein Unternehmen eingetragen war, das in Konkurs gegangen ist, aber dann unterbricht er sich. ‘Es hat keinen Sinn, in alten Sorgen zu verharren, das ist nicht gut fürs Gehirn.’ Er zeigt auf eine Reihe Fenster, rubinrote Rhomben mitten im Glas. ‘Hast du so was Schönes schon mal gesehen?’
‘Ich dachte, du würdest am Existenzminimum leben’, sage ich.
‘Existenzminimum?’ Papa lacht auf. ‘Dass ich am Existenzminimum lebe?’
‘Ja.’
Er schüttelt den Kopf.
‘Maximum’, antwortet er. ‘Das ist das Einzige, woran wir leben, Hedda. Am Existenzmaximum.’“

„‘Man muss aber doch kein wertloser Mensch sein, nur weil man Geld in einem Steuerparadies unterbringt‘, sagte ich.
Es passierte etwas mit der Luft, sie wurde dick. Alle um den Tisch waren sprachlos. [...]
Er lachte kurz auf, dann sah er mich wieder ganz ernst an.
‚Menschen, die auf diese Weise leben, sind Nihilisten. Nichts hat irgendeinen Wert. Das ist tatsächlich die Definition von einem wertlosen Menschen, wenn er nicht länger eine in der Wirklichkeit verankerte Auffassung von unterschiedlichen Werten besitzt. Wenn wirtschaftliche Begriffe die Welt lenken, dann sickert das auch in alles andere ein, nicht einmal enge Beziehungen bedeuten mehr etwas.‘
‚Aber alle Beziehungen sind Transaktionen‘, erwiderte ich.
Er riss die Augen auf, der Mund war ein wenig geöffnet. [...]
Ich räusperte mich. ‚Es ist doch klar, dass alle Beziehungen auf irgendeine Weise Transaktionen sind. Eine Art Arbeit, die im besten Fall zu Liebe führt, und dann sind es Aufmerksamkeit, Zeit und Loyalität, die man investiert. Alle Beziehungen sind auf eine Art Tauschhandel gegründet.‘
Sie sahen mich schweigend an. Mir war, als hätte ich eine große, eitrige Beule mitten im Gesicht. [...]
Es fing an, hinterm Stirnbein und in die Augen hinunter zu drücken. Ich sah, wie meine Hände auf dem Tisch vor mir ein wenig zitterten.
‚Ich finde, du hast eine sehr kindliche Art und Weise, die Klassenproblematik zu betrachten, Thomas‘, sagte Danielle. ‚Das Problem sind in diesem Fall nicht notwendigerweise die Menschen, sondern die Gesellschaftsstrukturen, die Ungerechtigkeiten schaffen. Das heißt nicht, dass alle reichen Menschen auf individuellem Niveau schwarze Schafe sind. Man kann das alles hier problematisieren, aber man kann nicht sagen, dass Kinder im Kopf verbrannt sind, denn seine Eltern sucht man sich schließlich nicht aus.‘“

„Chaos“ von Andréa Ager-Hanssen ist wirklich ein etwas chaotischer, recht anspruchsvoll zu lesender Roman; mir hat er insgesamt gut gefallen.

Vielen Dank an den Eichborn Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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