Eine schaurige Lektüre - perfekt für den Herbst
“Klassiker des Schreckens”, erschienen im Reclam Verlag, ist eine Sammlung klassischer Schauergeschichten. In der kurzen Geschichte “Reise in die Stadt der Toten” von Frédéric Boutet begleiten wir einen ...
“Klassiker des Schreckens”, erschienen im Reclam Verlag, ist eine Sammlung klassischer Schauergeschichten. In der kurzen Geschichte “Reise in die Stadt der Toten” von Frédéric Boutet begleiten wir einen wissbegierigen Philosophen, der das Wesen des Todes entschlüsseln will, in das Totenreich. Die Geschichte lebt insbesondere von den plastisch dargestellten Szenen im Totenreich sowie dem fatalistischen Ende. Darauf folgt “Der Horla” von Guy de Maupassant: Eine meisterhafte Erzählung in Tagebuchform, in der mithilfe eines stakkatohaften Erzählstils nach und nach der Wahn des namenlosen Protagonisten entfaltet wird - atmosphärische Handlungsorte sowie unheimliche Figuren inklusive. In einer Anthologie mit Schauergeschichten darf natürlich auch Edgar Allan Poe nicht fehlen. Dieser ist mit “Das Fass Amontillado” vertreten, einer frühen Kriminalgeschichte, in der die Beziehung zweier Menschen eine große Rolle spielt. Bram Stoker findet sich mit “Das Haus des Richters” in “Klassiker des Schreckens”: In dieser klassischen Schauergeschichte mietet sich ein Student in ein einsames Herrenhaus ein, um seine Abschlussarbeit zu vollenden. Das Haus ist allerdings nicht so verlassen, wie es zunächst den Anschein hat. Diese Geschichte wird atmosphärisch erzählt, leidet aber etwas darunter, dass sie eine Struktur nutzt, die heutzutage eher abgegriffen wirkt. Die folgende Geschichte “Das Präparat” ist eine analytisch erzählte, moderne Horrorgeschichte, die sich um das Verschwinden eines Freundes der Protagonisten dreht. Einziger Kritikpunkt: Die Geschichte wird sehr rasch erzählt, sodass sie nicht ihr volles Potential entfalten kann. Ein Highlight der Sammlung ist wiederum H. P. Lovecrafts “Das Ding auf der Schwelle”, eine fesselnd erzählte Horrorgeschichte mit rätselhaften Elementen: Daniel Upton, der Ich-Erzähler, beginnt die Geschichte mit der Offenbarung, er habe seinen besten Freund töten müssen; inwiefern er dafür verurteilt werden solle, legt er in die Hände der Lesenden. Im Folgenden führt er den Weg aus, der zum Tod des Freundes führte - was spannend, schön konstruiert und schaurig erzählt wird. Die folgende Erzählung “Die Lotterie” (von Shirley Jackson), die von einem archaischen Ritual handelt, lebt insbesondere von der geheimnisvollen Abgründigkeit dieses Rituals. Den Abschluss bildet “Der Mann, der Dickens liebte” von Evelyn Waugh. Hier treffen wir auf Paul Henty, der nach einer gescheiterten Expedition orientierungslos im Amazonasgebiet umherirrt - bis er auf das Haus von Mr. McMasters stößt. Die Geschichte besticht insbesondere durch eine latente Bedrohlichkeit, die McMasters umgibt. Insgesamt ist “Klassiker des Schreckens” eine fesselnde und abwechslungsreiche Sammlung von schaurigen Geschichten - perfekt für den Herbst.