Wenn Bücher Flügel bekommen
Manchmal kommt ein Buch daher wie ein Vogel, der sich nicht einfach auf die Schulter setzt, sondern erst mal über einem kreist und wartet, bis man bereit ist. Die Herrin der Vögel ist genau so ein Roman. ...
Manchmal kommt ein Buch daher wie ein Vogel, der sich nicht einfach auf die Schulter setzt, sondern erst mal über einem kreist und wartet, bis man bereit ist. Die Herrin der Vögel ist genau so ein Roman. Poetisch, geheimnisvoll, etwas eigenwillig und dabei voller Herz.
Sausan hat mich sofort bekommen. Dieses junge Mädchen, das wegen ihrer Gesundheit an einen Ort gebunden ist und sich trotzdem die ganze Welt in den Kopf liest, ist einfach stark. Da sitzt sie in der Bibliothek ihres Vaters und reist durch Bücher weiter als mancher Typ mit Reisepass und Wanderschuhen. Fand ich ehrlich schön, aber auch ein bisschen traurig.
Die Idee mit den drei Verehrern ist herrlich märchenhaft. Acht Jahre reisen, einhundert Vögel mitbringen und dann erzählen, was sie gesehen haben. Ganz ehrlich, das ist mal eine Ansage. Andere fragen nach Blumen oder Schmuck, Sausan will Welt, Geschichten und offene Augen. Genau mein Humor.
Bachtyar Ali schreibt nicht einfach nur eine Liebesgeschichte. Da steckt viel mehr drin. Heimat, Hoffnung, Krieg, Sehnsucht, Macht und diese Frage, wie viel Welt ein Mensch in sich tragen kann. Manchmal musste ich langsamer lesen, weil die Sprache so voll ist. Nicht schwer im schlechten Sinn, eher wie ein Tisch, auf dem einfach zu viele gute Sachen stehen.
Für mich ist das ein Buch, das man nicht wegatmet, sondern wirken lässt. Kein schneller Snack für zwischendurch, eher ein Tee am Fenster, während draußen der Wind an den Gedanken rüttelt. Schön, klug, anders und mit einer Wärme, die lange bleibt.