Wenn eine Straße mehr weiß als ihre Bewohner
Die StraßeManchmal reicht eine Straße, um ein ganzes Leben aufzuklappen. Robert Seethaler macht genau das und stellt keine große Bühne auf, sondern lässt einfach Türen aufgehen, Fenster kippen und Menschen vorbeilaufen, ...
Manchmal reicht eine Straße, um ein ganzes Leben aufzuklappen. Robert Seethaler macht genau das und stellt keine große Bühne auf, sondern lässt einfach Türen aufgehen, Fenster kippen und Menschen vorbeilaufen, bei denen man denkt: Moment mal, den kenne ich doch irgendwie.
Die Straße ist kein Roman, der einen am Kragen packt und durch die Seiten schleift. Eher einer, der sich neben einen setzt, Kaffee trinkt und plötzlich einen Satz sagt, der hängen bleibt. Da ist Wut, Sehnsucht, Einsamkeit, Liebe, Hoffnung und dieses ganz normale Durcheinander, das wir Alltag nennen. Klingt unspektakulär, ist aber oft genau da am ehrlichsten.
Besonders stark fand ich, wie Seethaler diese vielen Figuren nicht groß erklärt, sondern kurz aufleuchten lässt. Manche bleiben länger, andere sind fast schon wieder weg, bevor man sie richtig greifen kann. Das kann wunderschön sein, manchmal aber auch ein bisschen frustrierend. Da sitzt man dann da und denkt: Mensch Robert, jetzt bleib doch mal bei der Person, das wurde gerade spannend.
Sprachlich ist das natürlich fein gemacht. Leise, klar, ohne viel Krawall. Kein literarisches Feuerwerk mit Trommelwirbel, eher eine Straßenlaterne im Nebel. Und ja, das muss man mögen. Mir war es stellenweise etwas zu fragmentarisch, aber gleichzeitig hat mich diese ruhige Art erwischt.
Die Straße ist für mich ein stilles, kluges Buch über Menschen, die nebeneinander leben und sich doch oft kaum wirklich sehen. Kein Roman für nebenbei zwischen Tür und Angel, sondern einer für ruhige Abende, an denen man selbst ein bisschen nachdenklich aus dem Fenster schaut.