Wenn Trauer ein Haus mitten im Nirgendwo wäre
Von Vieh und VögelnManchmal fährt eine Figur einfach los und man denkt sich: Na wunderbar, das kann ja nur schiefgehen. Coro landet ohne Handy, ohne Benzin und ganz offensichtlich ohne Plan bei Betania, diesem abgelegenen ...
Manchmal fährt eine Figur einfach los und man denkt sich: Na wunderbar, das kann ja nur schiefgehen. Coro landet ohne Handy, ohne Benzin und ganz offensichtlich ohne Plan bei Betania, diesem abgelegenen Haus voller Frauen, Hunde, Rituale und einer Natur, die nicht einfach nur Kulisse ist, sondern gefühlt selbst mit am Tisch sitzt und einen schweigend anstarrt.
Von Vieh und Vögeln ist kein Roman, der einem die Hand hält und freundlich sagt: Komm, ich erkläre dir mal alles. Nein, dieses Buch stellt sich eher neben dich, flüstert etwas Merkwürdiges ins Ohr und verschwindet dann wieder im Wald. Und genau das ist gleichzeitig seine größte Stärke und seine kleine Gemeinheit.
Die Atmosphäre ist unglaublich dicht. Dieses Haus, der Felsen, der See, die Vögel, die Hunde, diese Frauen, die wirken, als hätten sie längst mehr verstanden als Coro selbst. Das alles hat etwas Traumartiges, Bedrohliches und fast Märchenhaftes. Nur eben kein Märchen mit Keksen und Happy End, sondern eher eins, bei dem man nachts nochmal prüft, ob die Haustür wirklich zu ist.
Emotional sitzt der Roman vor allem dort, wo es um Trauer geht. Coros Verlust hängt über allem wie feuchte Wäsche an einem grauen Tag. Man spürt, dass sie eigentlich weg will, aber innerlich längst feststeckt. Das fand ich stark, manchmal sogar richtig schön schmerzhaft.
Ganz ehrlich: Wer klare Antworten, Tempo und eine saubere Auflösung braucht, wird hier vermutlich zwischendurch leise mit den Augen rollen. Dieses Buch ist langsam, symbolisch, sperrig und manchmal sehr eigen. Aber wenn man sich darauf einlässt, bekommt man eine intensive, unheimliche und sprachlich besondere Geschichte über Verlust, Gemeinschaft und dieses seltsame Gefühl, irgendwo dazuzugehören, obwohl man nie darum gebeten hat.
Kein Buch zum Wegatmen, eher eins zum Nachhallen. Und ja, ein bisschen schräg ist es auch. Aber manchmal sind gerade die schrägen Vögel die interessantesten.