Farbexplosion mit Herzklopfen – Paula neu entdecken
Wer glaubt, dass Expressionismus staubig, akademisch oder nur was für Museumsnächte mit Rotwein und Jazzquartett ist, sollte mal Paula Modersohn-Becker in die Hand nehmen – oder besser: diesen grandiosen ...
Wer glaubt, dass Expressionismus staubig, akademisch oder nur was für Museumsnächte mit Rotwein und Jazzquartett ist, sollte mal Paula Modersohn-Becker in die Hand nehmen – oder besser: diesen grandiosen Ritt durch ihr Leben, geschrieben von Boris von Brauchitsch. Der Mann schafft das Kunststück, Paula aus der goldgerahmten Vergangenheit direkt in mein Wohnzimmer zu katapultieren – wild, widersprüchlich, genial, ungebügelt. Und ehrlich: Diese Frau war ihrer Zeit so weit voraus, dass selbst Picasso wohl kurz mal ins Skizzenbuch geschielt hätte.
Zwischen Worpswede-Matsch und Pariser Bohème leuchtet hier das Leben einer Künstlerin auf, die nicht nur malte, sondern explodierte – vor Ideen, Zweifeln, Sehnsucht, Trotz. Von Brauchitsch schaut hin, wo andere romantisieren würden. Kein weichgespülter Künstlerroman, sondern ein analytisches, aber sehr lebendiges Porträt. Er schreibt mit viel Feingefühl, aber auch mit Witz und Tempo. So liest sich Kunstgeschichte, wenn sie keine Pflichtlektüre, sondern Leidenschaft ist.
Was mich besonders packte: die Szenen, in denen Paula aus der Enge Worpswedes ausbricht – auf nach Paris, zu Farbe, Form und Freiheit. Und ja, man spürt förmlich, wie sie gegen das Korsett der Konventionen kämpft – im Leben, in der Ehe, in der Kunst. Der tragisch frühe Tod? Klar, er trifft einen mitten ins Herz. Aber statt Pathos gibt’s hier kluge Perspektive: die Frage, was aus ihr geworden wäre, hätte sie länger gelebt, hallt lange nach.
Fazit: Ein Buch, das nach Terpentin riecht, nach Revolution und nach ganz viel Leben. Wer Kunst liebt – oder einfach nur starke Charaktere – sollte das lesen. Und wer danach keine Lust bekommt, mal wieder in ein Museum zu gehen, hat vermutlich auch keine Seele.