Gelungene Kombination aus Politik und Liebe
Im Juni 1989 sitzt der Seismologe Luis Sommerfeldt, verlässlich wie immer, auf dem kleinen Feldberg im Taunus. Die Nadel zittert über das Papier. Die Magnitude zeigt einen Erdstoß von vier auf der Gutenberg-Richter-Skala. ...
Im Juni 1989 sitzt der Seismologe Luis Sommerfeldt, verlässlich wie immer, auf dem kleinen Feldberg im Taunus. Die Nadel zittert über das Papier. Die Magnitude zeigt einen Erdstoß von vier auf der Gutenberg-Richter-Skala. Gleich wird das Telefon im Haupthaus klingeln. Die Polizei fragt in solchen Fällen gleich nach, ob ein Beben verzeichnet werden konnten, denn sonst müssten sie von der Detonation einer Bombe ausgehen. Luis sieht das Licht im Haupthaus angehen und Lorenz den Hörer abnehmen. Luis weiß jetzt, dass die Erde sich bei Köln bewegt hat.
Sie waren einmal eine kleine Familie, Luis der Professor, Lorenz der Sohn des Hausmeisters Konrad und dessen Frau Charlotte. Früher waren auch ein paar Meteorologen hier oben. Jetzt sind jedoch einzig deren Gerätschaften geblieben. Sie lassen sich die Daten digital zukommen, um sie unten im Tal auszuwerten. Zwischen Konrad dem Waffensammler, Luis und Charlotte haben sich ein paar unfeine Szenen ereignet, auf die Luis nicht stolz ist, aber er kann das Geschehene nicht mehr rückgängig machen. Es ist einsam auf 825 m über NN. Oft löst sich der Nebel tagelang nicht von den Fenstern und der suppige Eindruck schlägt aufs Gemüt. Die Winter sind hart, zehn Grad kälter als unten in der Ebene.
Lorenz hat er beim Aufwachsen zugesehen und sich an ihm erfreuen dürfen, jetzt ist er Ende zwanzig. Der Einser Abiturient arbeitet im Frankfurter Bankenwesen, ziemlich erfolgreich, wie Luis so hört. Das letzte Beben bei Köln hat ihm eine Frau beschert, die verängstigt aus dem achten Stock eines Hochhauses anrief. Luis kann sich vorstellen, dass es bei ihr ziemlich geschaukelt hat. Und beim Nachbeben hat es dann zwischen den beiden gefunkt.
Fazit: Dirk Kurbjuweit hat eine unterhaltsame Geschichte über die Liebe, Naturkatastrophen und das Bankenwesen samt historischen Ereignissen geschaffen und alles gelungen unter einen Hut gebracht. Seine Arena zeigt die 90er-Jahre. Die Mauer fällt und die stabile Deutsche Mark weicht dem Euro. Lorenz träumt davon, den Euro und die folgende Inflation zu verhindern. Er ist ein Typ, der schnell entflammt und sich fix verliebt. Der Autor zeigt anhand Lorenz, wie sich Menschen auch privat finanziell übernehmen und wie fragil das Gebäude der Ehe sein kann. Die Erzählstimme ist ruhig, reflektiert und versöhnlich. Sie kommt vom alten Luis, der aus seiner Sicht erzählt, alle Ereignisse chronologisch erinnert und sich mit einem allwissenden Erzähler abwechselt. Das ist sehr authentisch gemacht. Ich mag auch sehr die Gedanken der Beteiligten, die sie sich nicht trauen auszusprechen, weil sie Konflikte fürchten. Eine ganz feine Kombination über die Wiedervereinigung, die Währungsreform, die Konsequenzen und die Fallstricke der Liebe, die ich ausnehmend gerne gelesen habe.