Der Kanzler, die Macht und das schmutzige Handwerk
Konrad Adenauer — ein Name wie ein altes Ledersofa: unbequem, zuverlässig, mit Dellen und Geschichten. Friedrich Kießling nimmt dieses sperrige Möbelstück auseinander, polstert es neu, findet darunter ...
Konrad Adenauer — ein Name wie ein altes Ledersofa: unbequem, zuverlässig, mit Dellen und Geschichten. Friedrich Kießling nimmt dieses sperrige Möbelstück auseinander, polstert es neu, findet darunter Glanz, Staub und eine Beule, die man nie ganz glattbekommt. Hinter den nüchternen Fakten lauert bei ihm ein Mensch mit stoischer Zähigkeit und Ecken, die weh tun können. Das Buch liest sich, als würde man einem leicht grantigen Onkel lauschen, der einem sowohl die Fassade als auch das heimliche Chaos im Keller zeigt.
Kießling erzählt Adenauers Erfolge – die europäische Rückkehr, das Fundament der sozialen Marktwirtschaft, die konsolidierte Demokratie – ebenso klar wie seine Schattenseiten: illegale Parteienfinanzierung, Geheimdienstmethoden, Machtspiele. Besonders stark: Die Balance. Keine Heldenverehrung, aber auch kein bloßes Zerreißen. Stattdessen diese irritierende Mischung aus Bewunderung und moralischem Stirnrunzeln, die einen nicht mehr loslässt, wenn man das Buch zuklappt.
Stilistisch angenehm: trocken, manchmal spitz, immer informiert. Kleine Anekdoten bringen Witz und Nähe, selten wird’s trockenes Lehrbuch-Tempo. Man spürt Kießlings Respekt für Quellen, ohne dass die Sachlichkeit die Erzählfreude erstickt. Kritikpunkt? Manchmal wünscht man sich noch mehr Kontext zu den politischen Gegenkräften jener Zeit — nicht alles bleibt gleichverständlich, wenn man nicht tief in der Nachkriegspolitik steckt.
Fazit: Wer ein Portrait sucht, das nicht in Schwarz-Weiß denkt, sondern in allerhand Grautönen, ist hier bestens bedient. Kein Kuschelkurs für Adenauer-Fans — und genau deshalb lohnend. Wer Geschichte gern mit Ecken, Humor und ein bisschen Misstrauen liest, wird das Buch lieben.