Zeitzeugnis
Emma Lüttjes aus Jever hat zwei Kriege überlebt. Eigentlich hätte sie zur Sängerin ausgebildet werden sollen, aber ihr Vater mochte aus ihr lieber eine gute Partie machen und so ging sie auf die Haushaltsschule. ...
Emma Lüttjes aus Jever hat zwei Kriege überlebt. Eigentlich hätte sie zur Sängerin ausgebildet werden sollen, aber ihr Vater mochte aus ihr lieber eine gute Partie machen und so ging sie auf die Haushaltsschule. Um ihr praktisches Können zu vertiefen, schickte die Familie sie für sieben Jahre nach Düsseldorf. Dort wurde sie von Hilde im Putzen, Kochen und Handarbeiten angelernt.
1933 wurde der Aufstieg der NSDAP in Jever (Niedersachsen) gefeiert, wie nirgends sonst in Deutschland. Schon 1930 erlangten sie bei den Reichstagswahlen 39,7 %, deutschlandweit dagegen nur 18,3 %. 1931 bei der Rede Hitlers in der fahnengeschmückten Reithalle wurde er gefeiert wie ein heutiger Popstar. Das jeversche Wochenblatt verkündete danach frenetisch:
…der nationalsozialistische Führer ist nicht nur an Ideen, Kraft, sondern auch an Klugheit, Besonnenheit und unbeirrbarer Zielklarheit vielen Staatsmännern von heute turmhoch überlegen. S. 17
1934 wurde der Jude Fritz Levy wegen Unzucht mit einem deutschen Mädel in Haft genommen, da war Emma schon zum dritten Mal schwanger.
Emma und ihr Mann Gepke hielten Hühner, Lämmer, Kaninchen und Schweine. Im Nutzgarten spross das Wurzelgemüse und die Obstbäume trugen reichlich Früchte. Obwohl Gepke an die Front musste, hatte Emma durch viel Fleiß und die Unterstützung ihrer Töchter und ihres Vaters ein gutes Auskommen während des Krieges.
Fazit: Der 1962 geborene Autor und Satiriker Gerhard Henschel hat mit diesem Briefroman seine Familie geehrt und ein Zeitzeugnis geschaffen, das ich so noch nicht gelesen habe. Am Ende gelingt ihm ein Gesamtbild über die Menschen und die Umstände dieser Zeit, dabei schließt er auch die unangenehmen Wahrheiten (sein Opa hat sich als Herrenmensch aufgespielt, nachdem er durchs Warschauer Ghetto gefahren ist) nicht aus. Interessant fand ich, wie leicht es für diesen verrückten (aus heutiger Sicht) Mann Adolf Hitler war, so viele Menschen für sich zu gewinnen und wie dissoziativ der Großteil der Bevölkerung war, entweder so zu tun, als seien die Plünderungen, Enteignungen, Deportationen richtig oder als gäbe es sie nicht. Zu sehen, wie schon mit dem verlorenen 1. Weltkrieg der Grundstein für diese Katastrophe gesetzt wurde, beeindruckt mich. Zu verstehen, wie viel Trauma aus dieser Zeit bis in meine Generation geschwappt ist, erschreckt mich. Während des Lesens wurde mir bewusst, wie viel Kriegssprech sich bis in mein Vokabular geschlichen hat. Der Autor erwähnt auch immer wieder am Rande, wie die „Entnazifizierung“ gescheitert ist und Verantwortliche nach der Kapitulation um neue Pöstchen geschachert und ihre Pfründe gesichert haben. Tja und Emma (Oma Jever) wird so nett erzählt. Sie war fleißig, akkurat, stets freundlich und nützlich, wie die deutsche Frau eben erzogen wurde. Ein unterhaltsames, gut recherchiertes Zeitzeugnis, das ich gerne gelesen habe.