Eine eindrückliche Reiseerzählung, die man unbedingt lesen sollte, wenn man die Moselregion bereits bereist hat
“Die Moselreise” ist eine autobiografische Erzählung von Hanns-Josef Ortheil, die auf einer Reise basiert, die der Autor gemeinsam mit seinem Vater im Jahr 1963 unternahm (nach eigenen Angaben schrieb ...
“Die Moselreise” ist eine autobiografische Erzählung von Hanns-Josef Ortheil, die auf einer Reise basiert, die der Autor gemeinsam mit seinem Vater im Jahr 1963 unternahm (nach eigenen Angaben schrieb er unmittelbar nach der Reise auf Grundlage seiner Notizen die vorliegende Erzählung, weshalb “Die Moselreise” auch den Untertitel “Roman eines Kindes” trägt). Erzählt wird die Reise dementsprechend von einem Ich, dem kindlichen Reisenden. Die Reise führt Vater und Sohn, beginnend mit Koblenz, über Kobern-Gondorf, Burg Eltz, Cochem, Beilstein, Ediger-Eller, Bullay und Bernkastel-Kues bis nach Trier. Im Mittelpunkt stehen dabei einerseits Mikroabenteuer, die das Ich erlebt: die erste Übersetzung mit einer Fähre (ganz allein), eine Katze, die ihn nicht aus den Augen lässt, ein funkelndes Beilstein mit Tänzen, eine (langatmige) Führung durch Burg Eltz, das Rutschen über den Domstein in Trier oder auch das Fußballspielen mit anderen Kindern, die er auf der Reise trifft. Andererseits finden sich auch Reflexionen von Geschichte und Gegenwart: So philosophieren die beiden Protagonisten u.a. über die römische Geschichte der Moselregion, den Weinanbau und das gerade stattfindende Zweite Vatikanische Konzil. Ergänzt wird beides durch Beschreibungen der besuchten Städte, wobei insbesondere die Burg Eltz, Beilstein und Bernkastel-Kues atmosphärisch herausstechen. Interessant ist auch der erzählerische Aufbau der Reiseerzählung. Durchbrochen wird der Haupttext, die eigentliche Reise von Vater und Sohn, durch zwei Arten von Nebentexten: Postkarten, die der Ich-Erzähler an die daheimgebliebene Mutter schrieb, sowie kurze Überlegungen über Unterschiedlichstes (z. B. das Braunwerden, die Farben der Mosel, Heimweh, bleibende Erinnerungen oder die Planungsweise des Vaters). Der Ton der Erzählung ist eher kindlich, in einfachen Satzstrukturen; der Inhalt ist aber keineswegs naiv, sondern vergleichsweise tiefgehend. Eingeklammert wird “Die Moselreise” durch ein aufschlussreiches Vorwort und ein nicht minder erhellendes Nachwort. Im Vorwort schildert Ortheil die Entstehung “Der Moselreise”: Grund der Reise sei Ortheils zeitweises Verstummen gewesen, das mit familiären Verlusten einherging; die entschleunigende Reise mit seinem Vater sollte dazu beitragen, dass Ortheil wieder mehr auf Menschen zugehen konnte. Im Nachwort geht Ortheil u.a. darauf ein, wie wichtig, ja geradezu therapeutisch es für ihn sei, bereits bekannte Orte erneut zu besuchen. So auch in Bezug auf die Moselreise: Nach dem Tod seines Vaters wiederholte er die Reise so genau wie möglich, um den Tod zu verarbeiten. Insgesamt ist “Die Moselreise” eine eindrückliche Erzählung, in der Reisebeschreibungen, Betrachtungen über die damalige Weltlage und Vater-Sohn-Beziehung miteinander vermengt werden. Durch den Blick auf Moselland und Leute in den 1960ern ist der Text zudem eine kleine Zeitkapsel, die man unbedingt lesen sollte, wenn man die Moselregion bereits bereist hat