Aufbruch aus der Apathie
Die Professorin für Allgemeine Geschichte an der Uni Bielefeld legte 2001 eine angenehm knappe und sehr dichte, europäisch - transatlantische ausgerichtete Darstellung vor, die nun in der 6. Auflage (!) ...
Die Professorin für Allgemeine Geschichte an der Uni Bielefeld legte 2001 eine angenehm knappe und sehr dichte, europäisch - transatlantische ausgerichtete Darstellung vor, die nun in der 6. Auflage (!) weiterhin zum Sparpreis erhältlich ist. Einen solchen Kauf muss also niemand bereuen, wenn er eine einführende Darstellung zum berühmten Thema der 68er lesen möchte. Aber auch der schon etwas kundigere Leser wird hier noch auf manch Überraschendes stoßen, etwa dass Charles de Gaulle am 29.05.1968 als französischer Staatschef quasi aus der Hauptstadt floh und „mit dem Hubschrauber nach Baden-Baden (!) fliegt, überzeugt, die Macht verloren zu haben“ (90) oder dass Kunzelmann und Konsorten „in der Atelierwohnung des in NY lebenden Schriftstellers Uwe Johnson (…) die erste Kommune in Berlin ein(richten)“ (55) oder dass „der ehemalige SDS - Vorsitzende Reimut Reiche (…) auf einer Vollversammlung der Soziologen am 10. Dezember (1968 in Frankfurt/M) in Anwesenheit der Professoren Jürgen Habermas und Theodor W. Adorno (erklärt habe), dass (…) man den herkömmlichen Wissenschaftsbetrieb zerschlagen und alle Professoren, die nicht gewillt seien, an der (…) von Studenten selbst organisierten Wissenschaft teilzunehmen, in die Zonenrandgebiete oder (!) nach Konstanz schicken könne.“ (108) Hätten Sie das gewusst? Hatte Konstanz, heute eine Exzellenzuni, das verdient (oder das ´Zonengebiet´)? Der allen bekannte Dutschke (Jg.1940) wird von Rudolf Augstein „monatlich mit 1000 DM unterstützt“ und nach einem „Titelphoto in der Zeitschrift `Capital´ auf Ausschluss aus dem SDS verklagt und „angeklagt sich zum ´Hofnarren der herrschenden Klasse´ degradiert haben zu lassen.“ (106) Herrliche Zeiten! Weniger herrlich waren dann die „bleiernen (70er) Jahre“, die Anni di piombo (76), aber sie liegen eigentlich nicht mehr in der Reichweite dieses meisterhaften „Überblick(s) über den Aufstieg, die Ziele und den Zerfall der 68er Bewegung“ (Klappentext). Der „Ausbruch aus der Apathie“ wird in „Soho, Frühjahr 1960“ verortet, im Erdgeschoss von No7 Carlisle Road, der Redaktion der New Left Review um Historiker und Soziologen wie E.P. Thompson, 37, oder Raymond Williams, 48. Das französische Pendant ist in Paris, das deutsche in Berlin („Das Argument“) oder das italienische ist der „Rigionamenti“. Die „freischwebenden Intellektuellen der Neuen Linken“ schaffen parallel zum deutschen Wirtschaftswunder in den 60er Jahren eine „neue kognitive Orientierung.“ (12-17) Ideen müssen allerdings „Sozialrelevanz (…) entfalten“ wie etwa in Port Huron (Michigan), 40 Meilen von Detroit entfernt, wo es auch einen SDS gibt und wo ein Autor wie C. Wright Mills als „the big daddy of the New Left“ nicht nur Studenten der Soziologie wie Tom Hayden, 23, aus Ann Arbor (Michigan) beeinflusst hat. (19) Der deutsche SDS hat 1962 schon seinen 17. Delegiertenkongress, denn er wurde bereits 1946 gegründet. (20) 1962 legt er eine überarbeitete Fassung der Hochschuldenkschrift vor, die uns heute wieder zu denken geben müsste: „Kritisiert werden in dieser Denkschrift die Reduktion von Bildung auf Ausbildung, d.h. ´die Verdinglichung des Wissens zum Stereotyp, zur bloßen Parole des know how.“ (21) Eine Broschüre aus „Straßburg, Herbst 1966“ geißelt „die Kritiklosigkeit (…), die auch den Universitätsalltag prägt.“ (23) In „Berkeley, September 1964“ eskaliert der Streit um einen Büchertisch, Zielscheibe des Protests sind die „akademischen Bürokraten“ und das Multiversity - Bildungskonzept der Hochschulleitung. (26-29) An der FU Berlin gibt es Trouble um ein Hausverbot für Erich Kuby und regt zum Nachdenken über den Namen „Freie Universität“ an. (30-33) In Vietnam steigt die US - Präsenz in zwei Jahren (1964-66) um das Zweihundertfache (35), was die angesprochene Entfaltung der Sozialrelevanz stark begünstigte - „der Vietnamkrieg als Katalysator der Proteste“ -, dessen wellenartiger „Transfer der Proteste von Amerika nach Europa“ (45) die Autorin in Kapitel II,2 darstellt, wo sich Kürze auf Würze reimt. (35-49) Das Auto von Robert McNamara wird auf dem Camups von Harvard von den Studenten kräftig durchgerüttelt. (47) In Kapitel II,3 wird dann die „Diffusion von Ideen“ (49) als Aufweichen von harter Politik durch weiche Soziokultur gesehen: Marihuana, Beat - Boheme (Beat, Folk, Rock), Kerouacs ´On the Road´, Hare Krishna, Hippies, Räucherstäbchen und Dr. Spocks Sauberkeitserziehung mit ihrer entspannten Haltung gegenüber Masturbation. (50-54) „Was die jugendlichen Rebellen mit dem SDS verbindet, sind die Abkehr von der `wahnsinnigen Rationalität´ technokratischer Apparate.“ (52) Auf dem deutschen Festland (Kap. II,4) scheint es sich dagegen in der Hauptsache um intellektuelle Kopfgeburten gehandelt zu haben - Marcuse, Adorno oder Enzensberger stehen dafür. (58-61) Im 3. Teil (III.) werden die „Mobilisierungsprozesse“ in dichter Folge skizziert. (61-94) Mit den „Doors“, einer Band, fordert man den Sofortvollzug NOW (78), Mai 68 mobilisiert in Frankreich in kurzer Zeit „7,5 - 9 Millionen Arbeiter im Streik.“ (86) Autogestion (Selbstverwaltung) und Contestation (das sich selbst in Szene Setzen) sind die Losungen des Tages, der Stunde. Parallel sitzt der Deutsche Bundestag an der 3. Lesung der Notstandsgesetze. (91) Im Sauseschritt kommt es im 4. Teil (IV.) zu dem Zerfall und den Nachwirkungen. (95-125) Der Ruf „Organisation statt Aktion“ wird gehört, die Mäßigung sogar in Frankreich oder Italien angestrebt. (100-105) Die deutschen K-Gruppen sind in den 70er Jahren zwar weiter aktiv, aber „die Antiautoritären lösen sich in Subkulturen auf.“ (106) Horst Mahler sieht sich einer Schadenersatzklage des Hauses Springer „in Höhe von 506.696,70 DM“ ausgesetzt (107, die Gegenrevolution nimmt es also genau. „Der SDS hat sich am 21. März 1970 aufgelöst.“ (111) Die Rebellion ist kein Selbstzweck, allenfalls ein Mittel zum Zweck, der aber demokratischer Kontrolle bedarf - und die findet im Parlament statt. Zur Not tut es wie zu Goethes Zeiten eine Einstellung in den Staatsdienst auch, pompös zum „Marsch durch die Institutionen“ heroisiert. Die Veteranen beziehen heute nach langen Dienstjahren ihre verdienten Pensionen.
Michael Karl