Schöne neue Welt
Tristan lebt in einer Welt, in der man keinerlei Agressionen kennt, die Menschen, sogenannte Mitverschmutzer, leben harmonisch in kleinen Gruppen, erledigen ebenso harmonisch ihre täglichen Aufgaben, reflektieren ...
Tristan lebt in einer Welt, in der man keinerlei Agressionen kennt, die Menschen, sogenannte Mitverschmutzer, leben harmonisch in kleinen Gruppen, erledigen ebenso harmonisch ihre täglichen Aufgaben, reflektieren regelmäßig ihre Gefühle und Emotionen, Paarbeziehungen im klassischen Sinne gibt es nicht mehr, sexuelle Kontakte werden unkompliziert nach Bedarf verabredet und im Vorfeld bis ins Detail den persönlichen Vorlieben angepasst, um so ein optimales Ergebnis für alle Beteiligten zu erzielen. Das tägliche Leben verläuft eher ereignislos, bis zu der Nacht, in der Tristan plötzlich unplanmäßig aufwacht, etwas, das eigentlich gar nicht möglich sein sollte, wird der Schlaf doch von der Hüterin herbeigeführt und überwacht.
Ich habe das Buch von Autor Jan Off auf der Leipziger Buchmesse entdeckt und war als allererstes erstmal vom etwas ungewöhnlichen Format angetan, in zweiter Linie dann natürlich aber auch von der futuristischen Geschichte. Der Autor nimmt den Leser mit ins Jahr 2161, die Erde hat offenbar einen klimatischen Kollaps hinter sich und das Überleben der Menschheit konnte nur durch eine radikale Geburtenkontrolle gesichert werden. Die jungen Leute in Tristans Alter leben in kleinen Gruppen in einer Colonia zusammen und können sich durch eine entsprechende Lebensweise für den Umzug in die Family-Zone qualifizieren, in der eine Familie gegründet werden kann, alles natürlich streng reguliert und überwacht.
Mich hat das Setting ein wenig an "Die Insel" erinnert, gerade zu Beginn gibt es hier viele Parallelen. Später nimmt die Geschichte dann aber einen gänzlich anderen Verlauf, einen, mit dem ich so nicht gerechnet habe und von dem ich ehrlicherweise auch etwas schockiert bin. Jan Off lässt seine Hauptfigur Tristan erkennen, dass seine Welt ganz anders ist als gedacht und die vermeintliche Harmonie verwandelt sich unvermittelt in Gewalt und Brutalität, hier sehe ich dann eher Parallelen zu "The Purge", oder aber ansatzweise auch zu "Tribute von Panem". Was mich dabei am meisten schockiert hat war dabei nichteinmal die Gewalt an sich, ich lese seit vielen Jahren Horror und auch harte Krimis und Thriller, damit kann ich im allgemeinen eigentlich umgehen, was mich schockiert hat war tatsächlich die Art und Weise wir der Autor das Ganze beschreibt, so absolut emotionslos, kalt, steril und gleichgültig, dass es mir eine Gänsehaut verpasst hat. Und nicht nur das, auch Tristans Umgang mit dieser, ihm vorher absolut unbekannten Verhaltensweise ist schockierend, sein sich so schnell in die Situation fügen, sein nicht Hinterfragen, aber am Meisten seine so schnelle Bereitschaft zur Ausübung von Gewalt, ohne groß erkennbare persönliche Konflikte. Seine Figur hadert nur ganz, ganz kurz, erwägt nur den Bruchteil einer Sekunde eine Verweigerung, um sich dieser neuen, berauschenden Macht dann einfach so hinzugeben. Das macht mir ehrlicherweise Angst.
Tatsächlich habe ich etwas mit mir gehadert, was die Bewertung des Buches angeht. Die Art und Weise wie der Autor seine Geschichte erzählt kann man fast als Verherrlichung interpretieren, eben auf Grund dieser absoluten Neutralität und Gleichgültigkeit. Im Nachgang denke ich allerdings, dass er diese Erzählweise bewusst als Stilmittel eingesetzt hat um damit eine Intensität zu erzeugen, die den Leser nicht kalt lässt. Mich hat er damit emotional ziemlich negativ getriggert, aber letztlich muss sich hier jeder seine eigene Meinung bilden. "Cumulus" ist eine Dystopie die von einer Welt nach einem globalen Kollaps erzählt, einer Welt, in der ich nicht leben möchte.