Identitätssuche über Generationen hinweg
Real AmericansLily, Tochter chinesischer Einwanderer ist 22 als sie während eines Praktikums den Neffen ihres Chefs auf der Firmenweihnachtsfeier kennenlernt. Matthew ist klug, witzig, überaus charmant und um Geld muss ...
Lily, Tochter chinesischer Einwanderer ist 22 als sie während eines Praktikums den Neffen ihres Chefs auf der Firmenweihnachtsfeier kennenlernt. Matthew ist klug, witzig, überaus charmant und um Geld muss er sich keine Gedanken machen, anders als Lily, die unbezahlt für Matthews Onkel arbeitet. Lily und Matthew fühlen sich sofort zueinander hingezogen und werden recht schnell ein Paar, doch Lily fühlt sich zunehmend unwohl ob ihrer finanziellen Situation und beendet die Beziehung überraschend.
Schon im Klappentext des Buches ist zu lesen, dass dies keinesfalls das Ende der Geschichte ist, gegen alle Widrigkeiten werden Lily und Matthew ein Paar, heiraten bekommen einen Sohn. Dieser Abschnitt beginnt 1999 und bildet den ersten des in drei Teile gegliederten Buches. In Teil Zwei springt die Geschichte ins Jahr 2021, Nick, Lilys und Matthwes Sohn steht kurz vor seinem Schulabschluss und der Leser begleitet ihn in seinem Alltag und bei der Suche nach einem passenden College. Im dritten Teil dann erfolgt wieder ein größerer Zeitsprung und wir sind nun im Jahr 2030 und Lilys Mutter wird nun zur Hauptperson, in ihren Gesprächen mit Nick erfährt der Leser nun etwas aus ihrer Vergangenheit, über ihre Herkunft, ihre Flucht aus China und ihr neues Leben in Amerika.
Jeder der drei Abschnitte ist somit einer anderen Figur gewidmet und wird jeweils aus deren Sicht erzählt. Beginnend mit Lily, der Tochter, über Nick, den Enkel, hin, oder besser zurück zu May, der Großmutter. Hier wird dann auch endlich der Bogen zum Prolog geschlagen und es gibt eine Erklärung, auf die der Leser schon seit langem wartet, ob befriedigend, oder nicht, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, mir hat sie leider nicht ausgereicht. Der Punkt um den es hierbei geht, beschäftigt Figuren wie Leser gleichermaßen über weite Strecken des Buches, bildet ein verbindendes Element zwischen ihnen, gibt der Geschichte fast etwas phantastisches und bleibt leider das Einzige, das man als roten Faden bezeichnen könnte.
Rachel Khong schreibt fesselnd und erschafft eine generationenübergreifende Familiengeschichte, die einige sehr spannende Elemente enthält. Trotzdem bleiben die Figuren recht blass, erreichen mich als Leser nicht wirklich, wecken zwar Emotionen, schaffen es aber nicht, dass ich über längere Zeit bei ihnen bleibe. Über weite Strecken des Buches plätschert die Geschichte im alltäglichen vor sich hin, während fast banale Szenen seitenlang erzählt werden, bekommen die wichtigen Elemente, die Fragen, die den Leser beschäftigen, zu wenig Raum, bleiben unkommentiert, oder verlaufen im Sand. Als dann endlich eine Aufklärung kommt, ist es nicht das, was ich nach all diesem Hinarbeiten erwartet habe. Letztlich wurde ich hier eher enttäuscht.
Eigentlich hat die Story unglaublich viel Potential, es werden total interessante Themen angeschnitten, familiäre Traumata, Gentechnik, Rassismus, die Problematik der Identitätsfindung bei Kindern aus Einwandererfamilien, es geht um Migration, um Zugehörigkeit, um Herkunft, um Loyalität, um Ethik, um Moral, um nationales und kulturelles Erbe, um Individualität, Freiheit, Flucht und Verfolgung und politischen Fanatismus, aber auch um Familie und Liebe und um die Frage, was, oder wer ist "real american". So viele Themen, die alle in das Leben der Figuren verwoben sind, die das Leben dieser Figuren bestimmen, die dabei aber leider oft zu oberflächlich bleiben.
In der Gesamtheit habe ich das Buch gern gelesen, auch über die teilweise vorhandenen Längen hinweg. Grund dafür war einfach der Drang, endlich Klarheit zu bekommen, eine Antwort auf all meine Fragen, eine Erklärung für all diese Andeutungen. Irgendwie habe ich ständig gehofft, auf die nächste Seite, auf das nächste Kapitel, darauf, dass sich die Geschichte zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Wirklich zusammengefügt hat sich leider nur wenig, die Figuren stehen über weite Strecken isoliert und für sich allein, erzählen ihre Geschichte ebenso isoliert, eine Verbindung gibt es erst spät im Buch, mir leider zu spät.
Was das Buch allerdings erreichen konnte, ist ein unglaublich intensiver und interessanter Austausch innerhalb der Leserunde, in der ich es gelesen habe. Das zeigt, dass diese Geschichte polarisiert, auf jeden Leser anders wirkt und die Grundaussage von jedem Leser anders gedeutet wird. Die Autorin wirft viele Themen in den Raum und bietet mit ihrem Buch die Basis für Diskussionen und Auseinandersetzung. Auch das muss man als Autor*in erstmal schaffen. "Real Americans" ist definitiv ein Buch das mich noch lange beschäftigen wird.