Profilbild von reni74

reni74

Lesejury Profi
offline

reni74 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit reni74 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.05.2021

Atmosphärisch sehr dicht

Der Verdacht
0

Mutter zu werden ist für viele Frauen fester Bestandteil ihrer Lebensplanung. Blythe hat diesen Drang bisher noch nicht verspürt, ist ihr das Leben mit ihrem Mann Fox doch erfüllend genug. Als dieser aber ...

Mutter zu werden ist für viele Frauen fester Bestandteil ihrer Lebensplanung. Blythe hat diesen Drang bisher noch nicht verspürt, ist ihr das Leben mit ihrem Mann Fox doch erfüllend genug. Als dieser aber ein gemeinsames Kind ganz selbstverständlich als nächsten Schritt ins Gespräch bringt stimmt Blythe zu und so werden die Beiden Eltern der kleinen Violet. Violet, ein rundum gesundes Baby, das das Herz aller im Sturm erobert, nur das ihrer eigenen Mutter irgendwie nicht. Blythe fühlt sich ihrer neugeborenen Tochter vom ersten Moment an fremd, glaubt sogar das Baby würde sie absichtlich ablehnen. Zuerst schiebt sie ihre Empfindungen auf die schwierige Geburt, aber bald ist sie überzeugt davon das ihre Tochter zwei Gesichter hat, das süße unschuldige und das abweisend böse, das allerdings nur Blythe kennt.

Ashley Audrain beschreibt in ihrem Debüt die scheinbar heile Welt eines Paares, welches sein Glück durch ein Kind krönen möchte. Das das Paar dabei ganz unterschiedlich Erfahrungen im Bezug auf Familie mitbringt wird dem Leser schnell klar. Während Fox in einer bilderbuchreifen Familienidylle inklusive aufopferungsvoller Supermum aufwächst ist Blythe's Start ins Leben alles andere als schön. Die Autorin bemüht hier einige Rollenklischees und Stereotypen, baut diese aber absolut glaubwürdig als Grundlage ihrer Figuren ein.

Der Leser folgt der Geschichte aus einer etwas unüblichen Perspektive. Nach einem Prolog, in dem die Figuren kurz eingeführt werden beginnt Blythe ihre Version der Geschehnisse zu erzählen bzw aufzuschreiben. Sie wendet sich dabei in direkter Anrede an ihren Ehemann. Unterbrochen werden ihre Erinnerungen durch Szenen aus dem Leben ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Das Erzählen auf diesen verschiedenen Ebenen ist psychologisch ein guter Schachzug, weil der Leser so an Hintergrundinformationen kommt, mit denen man gut über die Psyche und die Intention der Hauptfigur spekulieren kann. Ein Psychologe hätte an einer Person mit diesem Hintergrund und diesen Erlebnissen seine helle Freude.

Die Autorin schreibt sehr packend. Der Leser begibt sich zusammen mit der Hauptfigur auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle, man hat ständig ein unterschwelliges Gefühl der Bedrohung, der Beklemmung. Man kann dabei aber nie genau sagen, ob dieses Gefühl tatsächlich einen realen Grund hat, oder es der Einbildung der Protagonistin entspringt. Sehr dicht und atmosphärisch erinnert mich das Buch hier auch sehr an einen Psychothriller, obwohl es ja in der Kategorie Roman vermarktet wird.

Ich bin ein sehr visueller Leser, sprich, in meinem Kopf läuft beim Lesen ein Film ab. Nicht unbedingt im Bezug auf das Aussehen der Figuren, aber im Bezug auf die Handlung. Ganz oft betrachte ich so den Stoff eines Buches unter dem Aspekt, ob er einen guten Film abgeben würde. Dieses Buch ist für mich prädestiniert für eine Verfilmung. Wer beim Lesen zu der Schlüsselszene an der Ampel kommt wird verstehen was ich meine.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.04.2021

Konnte mich nicht wirklich begeistern

Der Schneeleopard
0

Der Schneeleopard ist ein magisches Tier, begehrt seit Jahrhunderten wegen seines Fells. Nur noch Wenige gibt es in freier Wildbahn und nur selten bekommt man ihn zu Gesicht. Wie schwierig es ist, einen ...

Der Schneeleopard ist ein magisches Tier, begehrt seit Jahrhunderten wegen seines Fells. Nur noch Wenige gibt es in freier Wildbahn und nur selten bekommt man ihn zu Gesicht. Wie schwierig es ist, einen Schneeleoparden zu beobachten, konnte ich mit meiner Familie schon selbst feststellen. Während eines Besuchs im Rostocker Zoo standen wir recht ratlos vor dem dicht bewachsenen Gehege. Meine Kinder bezweifelten, dass sich das auf der Schautafel versprochene Tier, überhaupt im Gehege befinden würde. Selbst nach intensiver Suche konnten wir es nicht entdecken. Auf der Schautafel gab es einen Hinweis auf den bevorzugten Liegeplatz der Raubkatze, aber ich habe keine Ahnung, ob ich mir den Flecken schwarz weißes Fell zwischen all dem Grün letztlich nur eingebildet habe.

Der französische Reiseschriftsteller Sylvain Tesson begleitet den Fotografen Vincent Munier auf einer Reise in die tibetanische Hochebene, um dieses, vom Aussterben bedrohte Tier vor die Kamera zu bekommen. Entstanden ist danach dieser Reisebericht.

Ich kenne bisher keine anderen Arbeiten des Autors, ich weiß also nicht, ob das sein üblicher Schreibstil ist. Für mich war das Ganze, im Vergleich mit ähnlichen Büchern, eher zäh und trocken. Die Faszination für das titelgebende Tier, die umgebende Natur ist nur selten spürbar und das ist sehr sehr schade. Wenn der Autor von der manischen Arbeitseinstellung des Fotografen Munier berichtet, klingt diese Faszination kurz an, er kann die Stimmung aber nicht weiter ins Buch transportieren. Der Autor betont recht oft, wie eintönig und ungemütlich das Warten auf das Auftauchen des Tieres gewesen ist. Er überbrückt die eisigen Wartezeiten mit philosophieren über die verschiedensten Themen, schweift gedanklich ab, bis in seine eigene Vergangenheit. Diese persönlichen Gedankengänge füllen das Buch und haben eben nur bedingt etwas mit dem tatsächlichen Grund der Reise zu tun. Für mich leider doch sehr am Thema vorbei.

Das Buch wurde in den Kritiken sehr gelobt und ich wollte es unbedingt lesen. Meine Erwartungen konnte es nicht erfüllen, ich bleibe etwas enttäuscht zurück. Die Arbeiten von Vincent Munier hingegen finde ich grandios, die bei der beschriebenen Reise entstandenen Fotografien sind 2019 in einem eigenen Bildband erschienen, zu dem es am Ende des Buches einen Hinweis gibt. Schade, dass nicht auch Einige Einzug in diese Erzählung gefunden haben.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.04.2021

Nicht ihr Bester

Das Grab in den Schären
0

Auf der kleinen, unbewohnten Nachbarinsel von Sandhamn erden bei Bauarbeiten Knochen gefunden. Nach den Ermittlungen der Polizei gibt es nur wenige Personen, die als vermisst gelten und um deren Leiche ...

Auf der kleinen, unbewohnten Nachbarinsel von Sandhamn erden bei Bauarbeiten Knochen gefunden. Nach den Ermittlungen der Polizei gibt es nur wenige Personen, die als vermisst gelten und um deren Leiche es sich bei dem Fund handeln könnte. Da ist zum einen Siri, eine junge Frau, die verschwunden ist, während ihr Mann auf einer Geschäftsreise war und bei der man von einem Selbstmord ausgeht, obwohl ihre Leiche auch nach zehn Jahren nicht gefunden wurde. Zum anderen Astrid, ein junges Mädchen von der Insel, das immer bei Nora Linde zum Babysitten war. Da Nora damals nicht wirklich an Astrids Verschwinden Aneil genommen hat, quält sie heute etwas das schlechte Gewissen und so beginnt sie auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen.

Der Leser begegnet der Staatsanwältin Nora und dem Polizisten Thomas nun schon im 10. Roman der Autorin. Zu machen einem Leidwesen muss ich gestehen, das mir Nummer 9 in meiner Sammlung fehlt und gerade auf diesen bezieht sich die Autorin des Öfteren, um den aktuellen Gemühtszustand ihrer Hauptfigur Nora zu erklären. Dieser Gemühtszustand und das, in meinen Augen, dauernde darauf Herumreiten hat mich zeitweise echt genervt. Wie gesagt, ich kenne die Geschichte dazu nicht, aber die Art und Weise wie sie genutzt wird, um jegliche Handlung einer Figur zu erklären war mir zu plakativ, zu sehr Klischee und passt irgendwie überhaupt nicht zu dem Bild, das ich bisher von Nora Linde hatte.

Das Buch hatte, darauf bezogen, zwei Ebenen. Es gab die der sich in Selbstmitleid suhlenden Nora, die ich stellenweise langatmig fand und die um Thomas und seine Arbeit, die ich mit wesentlich mehr Vergnügen gelesen habe. Zur Spannung des Buches trägt auch die interessante Erzählweise der Geschichte bei. Die Autorin lässt den Leser in Rückblenden die Wege der beiden vermissten Frauen begleiten. Beginnend Wochen vor ihrem Verschwinden, bis zu dem Zeitpunkt, als sich dann tatsächlich ihre Spur verliert und der Leser so die Aufklärung erhält. Mir hat dieser Dreh sehr gut gefallen, bekommt man doch so ganz andere Einblicke als die Ermittler, ohne das zu viel verraten wird und kann demzufolge ganz eigene Thesen zum Hergang aufstellen.

Für mich war das Buch jetzt nicht unbedingt eines der Besseren der Autorin. Es bietet Fans der Reihe trotzdem ein spannendes Lesevergnügen in bekannter, malerischer Kulisse und vielleicht revidiere ich meine Meinung ja, nachdem ich den Vorgänger gelesen habe.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.04.2021

Naturgewalten

Die Farbe des Nordwinds
0

Ellen bekommt die Möglichkeit als Lehrerin auf einer kleinen Hallig, mitten in der Nordsee zu arbeiten. Ein Traum geht für sie damit in Erfüllung, hat sie doch an dieses raue Fleckchen Erde ihr Herz verloren, ...

Ellen bekommt die Möglichkeit als Lehrerin auf einer kleinen Hallig, mitten in der Nordsee zu arbeiten. Ein Traum geht für sie damit in Erfüllung, hat sie doch an dieses raue Fleckchen Erde ihr Herz verloren, als ihre Mutter sich hier vor Jahren als Halligbäuerin versucht hat. Der Versuch scheitert recht schnell und Ellens Mutter tritt, wie so oft im Leben, die Flucht an. Ellen verlässt ihr neues Zuhause nur ungern, hat sie hier doch zum ersten Mal im Leben das Gefühl angekommen zu sein und endlich eine richtige Familie zu haben, zusammen mit Liske und ihrem Vater, bei dem ihre Mutter eingezogen war. Nun ist sie zurück, hofft anschließen zu können an die Vergangenheit, doch die Halliglüd sind ein besonderer Menschenschlag und Liske hat Ellen nie vergeben, dass sie sie zurück gelassen hat.

Der Roman läuft auf zwei Zeitebenen, das Heute, rund um Ellen und Liske und den Alltag auf der Hallig, und die Vergangenheit rund um Arjen, einen Jungen, der nach dem Tod seiner Eltern die Hallig und seinen Bruder verlässt, um zur Schule zu gegen und ein Gelehrter zu werden. Als er Jahre später mit seiner Frau zurück kommt, gehört er nicht mehr dazu und seine Vorschläge zur Verbesserung der Situation der Halligbewohner werden abgetan. Seine Geschichte erfährt man aus einer Chronik, die die damaligen Ereignisse beschreibt.

Die Autorin beschreibt sehr eindrucksvoll das harte Leben auf einer Hallig, damals wie heute. Immer wieder gibt es sehr bildhafte Beschreibungen von Flora und Fauna und natürlich von der See, dem Wind, den Naturgewalten. Ihre Charakterisierung der Figuren ist speziell, aber passend, sie wirken trotz ihrer Eigenheiten sympathisch, allerdings bedient die Autorin teilweise auch ein paar Klischees. Da ist dann die Zwillingsmama, die alles vegan möchte und Videos für YouTube dreht, der Witwer, der sich in seiner Arbeit vergräbt, statt Trauer zuzulassen, oder der junge Mann im sozialen Jahr, der die Stelle nur angenommen hat, weil er hier faulenzen kann. Aus diesen Klischees heraus bilden sich dann verschiedene Spannungspunkte, die für den Verlauf der Geschichte wichtig sind. Kurz vor Schluss wird die Geschichte etwas vorhersehbar, aber das ist ok, denn so kommt die Geschichte eben zu dem Ende, das die Autorin im Kopf hatte und das einen gewissen Bogen zwischen Heute und Damals schlägt.

Das Buch ist eine Hommage an eine einzigartige, leider bedrohte Landschaft, und an den besonderen Typ Mensch, der hier lebt und arbeitet. Das Buch ist aber auch eine Mahnung, es zeigt die Gewalt und die Gefahren des Meeres, die verheerenden Folgen des Klimawandels und der Umweltverschmutzung. Es zeichnet ein Bild, entgehen der Postkartenidylle, abseits der verklärten Romantik von Touristen und Sommerurlaubern.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.04.2021

Aufarbeitung der Geschichte

Der gefrorene Himmel
0

Saul Indian Horse ist alkoholabhängig. Ein wichtiger Bestandteil der Therapie ist es, seine Vergangenheit aufzuarbeiten, die eigene Geschichte zu erzählen, die Antworten in sich selbst zu suchen. Um so ...

Saul Indian Horse ist alkoholabhängig. Ein wichtiger Bestandteil der Therapie ist es, seine Vergangenheit aufzuarbeiten, die eigene Geschichte zu erzählen, die Antworten in sich selbst zu suchen. Um so schnell wie möglich aus der Anstalt raus zu kommen erzählt Saul also seine Geschichte, vielmehr schreibt er sie auf, denn das Sprechen im Redekreis fällt ihm schwer. Der Leser erfährt von dem kleinen Saul und seiner Familie, Angehörige der Ojibwe Indianer aus der Gegend des Winnipeg River Mitte der fünfziger Jahre. Die Kinder der Familie leben in ständiger Angst, Angst vor Fremden, vor Weißen, die kommen um die Kinder ihren Müttern zu entreißen um sie in die "Schule" zu bringen. Schulen, die diesen Namen nicht im Entferntesten verdienen, sind sie doch Orte an denen Entbehrung, Missbrauch, Gewalt und Tod den Alltag der Kinder bestimmen.

Richard Wagamese, der Autor, hat selbst indigene Wurzeln. Ihm blieb das Schicksal der Umerziehung an einer solchen Schule zwar erspart, aber auch er wurde aus seiner Familie herausgerissen und wuchs in Heimen und Pflegefamilien auf, ohne Zugang zu seiner Kultur. Seine Hauptfigur Saul zeigt starke autobiografische Züge, geht aber noch weit darüber hinaus und gestattet so einen verstörenden Blick auf den Umgang Kanadas mit seiner indigenen Bevölkerung.

Zu Beginn des Buches hatte ich kurz Probleme richtig in die Geschichte hineinzufinden. Ich fand die Sätze etwas holprig und wusste nicht, ob der Autor das absichtlich so angelegt hat. Im Weiteren zeigt sich dann aber das erzählerische Talent des Autors, er lässt wundervolle Landschaften vorbeiziehen und Legenden der Ojibwe auferstehen. Ganz virtuos beschreibt er Sauls Talent beim Eishockey, seine Beinarbeit, seine Spielzüge. Mein Gehirn konnte gar nicht so schnell Bilder zu den rasanten Beschreibungen formen. Meisterhaft.

Mit genau der gleichen Präsenz beschreibt der Autor aber auch die dunkle Seite der Geschichte, die Gewalt, den Missbrauch, Hass, Diskriminierung, Rassismus. Er legt die unglaubliche Arroganz offen, mit der die Weißen, den in ihren Augen minderwertigen Ureinwohnern begegnen. All dies nicht irgendwann im 18. Jahrhundert, sondern in nicht allzu weit zurückliegender Vergangenheit, noch in der Generation meiner Eltern. Unvorstellbar.

Für mich ist das Buch eine Offenlegung historischen Unrechts in einem Land, das ich mit solchen Geschehnissen bisher gar nicht in Verbindung gebracht habe. Irgendwie kommt einem ja eher die USA bei diesem dunklen Kapitel der Geschichte in den Sinn. Das diese Form des Rassismus, dieser Umgang mit der indigenen Bevölkerung kein rein amerikanisches Problem ist konnte man ja leider auch in der Vergangenheit Australiens sehen, um so hoffnungsvoller ist das Umdenken und Aufarbeiten der Vergangenheit zu sehen.

Richard Wagamese hat ein sehr politisches Buch verfasst, eine Gesellschaftskritik eingebettet in die fiktive Lebensgeschichte seines Helden, stellvertretend für ganze Generationen. Er tut dies schonungslos, emotional und mit großer erzählerischer Dichte. Bei mir hat das Buch noch lange nachgehallt, der Autor hat erreicht, dass ich mich im Nachgang noch weiter mit dem Thema auseinander gesetzt habe. Von den fünfzehn Büchern des verstorbenen Autors sind leider bisher nur dieses und "Das weite Herz des Landes" ins Deutsche übersetzt, ich werde es auf jeden Fall lesen.

Kanada wäre in diesem Jahr Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse, dieser Autor zählt definitiv zu seinen bedeutendsten Schriftstellern.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere