Zauberhaft
Der Kampa Verlag haut in den letzten Jahren zuverlässig im Herbst (ein strategisch äußerst klug gewählter Zeitpunkt) Titel raus, die in mir den dringenden Wunsch wecken, sie unter den Weihnachtsbaum zu ...
Der Kampa Verlag haut in den letzten Jahren zuverlässig im Herbst (ein strategisch äußerst klug gewählter Zeitpunkt) Titel raus, die in mir den dringenden Wunsch wecken, sie unter den Weihnachtsbaum zu legen. So auch Jess Walters „Der Engel von Rom“, eine gerade einmal 125 Seiten umfassende, so zauberhafte wie amüsante Erzählung vom Erwachsenwerden. Geschrieben 2022 und angesiedelt in den 1990er-Jahren, mutet sie doch ganz klassisch an, wohnt ihrer Botschaft eine gewisse Zeitlosigkeit inne, die sie aus den vielen Neuheiten wie ein kleines literarisches Leuchtfeuer herausstechen ließ.
Der 21jährige Jack Rigel aus Omaha, Nebraska, möchte nichts lieber als Schriftsteller werden. Seine Mutter wiederum möchte nichts lieber als einen Priester als Sohn, der alle Sünden der Familie reinwaschen kann; die ungünstige Tatsache, dass Jack noch unter ihrem Dach lebt, befeuert diesen Interessenkonflikt massiv. Ein Latein-Stipendium des Vatikans kommt da wie gerufen, beide fühlen sich mit diesem Schritt ihrem Traum ein gutes Stück näher gekommen, wenngleich Jack seinen Lebenslauf dafür kräftig aufpolieren muss. Rom, wie weltmännisch und inspirierend das schon klingt, hier soll es gelingen mit der Schriftstellerei. Doch die bittere Realität holt den jungen Mann bald ein. Sprachbarrieren, Geldmangel und Einsamkeit zwingen ihn, seine kindischen Fantasien und naiven Vorstellungen vom lässig rauchend in Cafés sitzenden und angeregt in sein Moleskine kritzelnden Autoren kritisch zu hinterfragen. Am Tiefpunkt angekommen stolpert er buchstäblich in ein Filmset mit der faszinierenden Schauspielerin Angelina Amadio, dem Engel von Rom, einer Ikone, die ihre besten Jahre hinter sich hat. Aus dieser Begegnung erwächst für beide ein stiller, aber tiefgreifender Wandel: Jack beginnt langsam zu verstehen, dass weder Zugehörigkeit noch Reife durch Posen entstehen, sondern durch echte Beziehungen und gelebte Erfahrungen. Wahre Inspiration entspringt nicht Rollen, sondern Authentizität – und nur er selbst kann bestimmen, welchen Weg er als Schriftsteller und als junger Mensch einschlagen möchte.
Aus dem amerikanischen Englisch von Georg Deggerich.