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Veröffentlicht am 24.03.2026

Für mich DIE literarische Entdeckung 2025!

Himmel & Erde
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James McBride, Sohn eines Afroamerikaners und einer polnischen Jüdin, die in den 1940er-Jahren nach Amerika emigriert ist, ist für mich DIE literarische Entdeckung des Jahres. McBrides Wurzeln sind die ...

James McBride, Sohn eines Afroamerikaners und einer polnischen Jüdin, die in den 1940er-Jahren nach Amerika emigriert ist, ist für mich DIE literarische Entdeckung des Jahres. McBrides Wurzeln sind die Basis seines Schreibens, jedes seiner Worte atmet die Verbundenheit mit diesen beiden Kulturen, seine Liebe zu den Menschen und den Werten, die ihn prägten.

In „Himmel & Erde“ führt der Autor uns auf den Chicken Hill, ein kümmerliches Viertel in Pottstown, Pennsylvania. 1972 wird hier bei Grabungen ein Skelett gefunden, dessen Identität Rätsel aufgibt. Aufschluss erhoffen die Polizisten sich von einem auffälligen Anhänger, der in die 1930er-Jahre weist, eine Zeit, als jüdische Einwanderer und Afroamerikaner den Hill bevölkerten, misstrauisch beäugt von der christlichen Mehrheit, die mauert und sich weigert, mit den Fremden Geschäfte zu machen. Auch das frisch verheiratete Ehepaar Ludlow baut sich eine bescheidene Existenz auf. Moshe leitet ein Theater, während seine junge Frau Chona den „Heaven & Earth Grocery Store“ von ihrem Vater übernommen und mit ihrer guten Seele gefüllt hat. Hier gibt es ein offenes Ohr für jeden, hier werden Sorgen und Geheimnisse geteilt, Hoffnungen geboren, und hier geschieht ein großes Unrecht, das die Verbundenheit der Chicken Hiller auf die Probe stellt.

James McBride öffnet mit diesem Roman eine ganze Welt vor unseren Augen, überlässt uns einem bunten Haufen leuchtender Figuren, die sich einem ins Herz bohren und dort bleiben. Bis dahin ist ein klitzekleines bisschen Durchhaltevermögen gefragt, denn McBride gibt jeder Figur ausreichend Raum für Tiefe und dem Plot Zeit, sich stringent und logisch zu entwickeln. Kaum aktueller und notwendiger könnte dieser Roman über die Grenzen der Nächstenliebe sein – und über diejenigen, die mutig darüber hinweggehen. Ein wunderbares, tröstliches, traurig und dann glücklichmachendes Buch, das ich wirklich jedem in die Hand drücken möchte.

Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Ganz große Literatur

Die Lungenschwimmprobe
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„Die Lungenschwimmprobe“, dieser seltsame Titel und das extrem tolle Cover haben mich direkt angezogen, „Verteidigung einer jungen Frau die des Kindsmords bezichtigt wurde“ heißt es weiter, und damit war ...

„Die Lungenschwimmprobe“, dieser seltsame Titel und das extrem tolle Cover haben mich direkt angezogen, „Verteidigung einer jungen Frau die des Kindsmords bezichtigt wurde“ heißt es weiter, und damit war die Sache klar - reizt mich, muss ich lesen. Tore Renberg, einer der erfolgreichsten Autoren Norwegens, entführt uns ins Sachsen des 17. Jahrhunderts, ins barocke Leipzig, und mitten hinein in eine hochspannende Zeit der Veränderungen und Umbrüche. Der Dreißigjährige Krieg liegt hinter den Menschen, die Pest wütet in der Region, die Aufklärung liegt in der Luft, kündigt sich leise an, Traditionalisten und Freidenker prallen hart aufeinander, der Klerus folgt dabei seinen eigenen, grausamen Gesetzen. Hier wird die junge Gutstochter Anna Voigt angeklagt, ihr kleines Mädchen direkt nach der Geburt ermordet und verscharrt zu haben. Diese beteuert vehement ihre Unschuld und der zur Rate gezogene Arzt Dr. Schreyer ist geneigt, dem Mädchen Glauben zu schenken. Die sogenannte Lungenschwimmprobe soll Aufschluss geben, eine ganz neue, noch nicht anerkannte Methode zur Bestimmung der Lungentätigkeit des Kindes außerhalb des Mutterleibes. Doch diese ruft auch große Skeptiker auf den Plan und eine wahre Odyssee beginnt, ein Ringen um die Wahrheit und noch vielmehr um die Vorherrschaft zwischen Medizin und Kirche, zwischen einem Pfarrer und einem Anwalt, schlicht zwischen Männern, die sich an der eigenen Stellung und Macht ergötzen, diese um jeden Preis zu untermauern versuchen.

Schnell ist klar, dass das hier viel mehr als nur ein Roman ist, sowohl inhaltlich als auch in der Bedeutung dessen für den Autor, beruht er doch auf wahren Begebenheiten. Der Roman ist in vier Teile aufgeteilt, die sich unterschiedlicher Stile und Tonalitäten bedienen, vom Fiktiven ins Reale springen und auch vor sehr persönlichen Einblicken in die Gefühlswelt Renbergs nicht Halt machen. Das Schicksal Annas hat sich über Jahre der Recherchen mit dem Leben, den Gedanken Renbergs verknüpft und lässt sich nicht mehr lösen. Dies führt zu einem sehr intensiven Leseerlebnis, das mir noch eine Weile nachhängen wird. Große Empfehlung.

Pro Tipp – NICHT googeln während des Lesens!

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Schnörkellos, pointiert und kraftvoll!

Boxenstart
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Gefällt wort.bildung und 335 weitere Personen
Als Teenager las ich das Buch „Nina vom Zirkus“ von Paula Busch, das einen intensiven Einblick in das harte Leben eines Zirkusmädchens bietet. Ich kannte ...






Gefällt wort.bildung und 335 weitere Personen
Als Teenager las ich das Buch „Nina vom Zirkus“ von Paula Busch, das einen intensiven Einblick in das harte Leben eines Zirkusmädchens bietet. Ich kannte solche Kinder persönlich, habe sie immer ein wenig um ihre Freiheit und Lässigkeit beneidet; vielleicht habe ich deshalb den Roman umso begeisterter verschlungen. Besonders fasziniert - und fast ein bisschen verstört - hat mich damals beim Lesen der extreme Kontrast zwischen der glamourösen Zirkuswelt, dieser perfekten Inszenierung, und dem brutalen Leben hinter den Kulissen. Tiere wurden gequält, Menschen mit Behinderung schikaniert, Kinder misshandelt. Es gab nichts Glitzerndes, nichts Glänzendes; alles wirkte schäbig und schien doch süchtigmachend. Kaum jemand, der einmal die Luft des fahrenden Volkes geschnuppert hatte, schaffte es, aus dem Karussell auszusteigen.

Kathryn Scanlans „Boxenstart“ hat mich schlagartig in eine ähnlich raue Welt katapultiert – eine Welt, in der Gewalt allgegenwärtig ist, aber auch ein unerschütterlicher Zusammenhalt und eine große Leidenschaft für ein gemeinsames Ziel herrschen. In extrem verdichteten Vignetten erzählt die Autorin die Geschichte von Sonia, einer Pferdetrainerin und -pflegerin, die über Jahrzehnte Teil des amerikanischen Galopprennsports war. Es fühlte sich an, als würde Sonia mir ganz persönlich Episoden aus ihrer bewegten Vergangenheit erzählen, kleine Schnappschüsse, die sich nach und nach zu einem größeren Bild zusammenfügen. Der Ton ist locker, umgangs-sprachlich; man fliegt nur so durch die kurzen Absätze. Und dann stößt man plötzlich auf einen unscheinbaren Satz, der einen mit voller Wucht trifft – weil er so treffend beschreibt, wie sich das Leben manchmal anfühlt. Schnörkellos, pointiert und kraftvoll. Ein großer Lesegenuss.

„Ein Pferdemensch sagt nicht: Wir haben das Rennen gewonnen. Er sagt: Wir gewinnen. Es heißt nicht: Wir haben gewonnen. Es heißt nicht: Wir werden gewinnen. Das Rennen ist bereits vorbei, es wurde bereits gewonnen, aber wir sagen: Wir gewinnen, wir gewinnen, wir gewinnen.“ S. 179

Übersetzt von Jan Karsten.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Hat mich im Innersten berührt

Sein Garten Eden
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Paul Harding, der für seinen Debüt-Roman „Tinkers“ 2010 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, hat sich für seinen dritten Roman „Sein Garten Eden“ (im Original „This Other Eden“, was mir noch besser ...

Paul Harding, der für seinen Debüt-Roman „Tinkers“ 2010 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, hat sich für seinen dritten Roman „Sein Garten Eden“ (im Original „This Other Eden“, was mir noch besser gefällt) einer historischen Begebenheit als Vorlage bedient.

Auf Malaga Island, im Roman Apple Island, einer winzig kleinen Insel vor der Küste Maines, siedeln sich um 1800 herum erstmals Menschen an. Benjamin Honey, ein ehemaliger Sklave, und seine Frau Patience, eine Irin, erreichen die karge Insel 1793 und bauen unter schwierigsten Bedingungen eine Apfelplantage und sich ein gemeinsames Leben ohne Anfeindungen auf. Ihr eigenes Paradies, wenngleich ein hartes, entbehrungsreiches. Andere Sonderlinge und Außenseiter fühlen sich von diesem Schutzraum angezogen und so wächst die kleine, eigenwillige Gemeinschaft und lebt friedlich zusammen, bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein Missionar auf sie aufmerksam wird. Matthew Diamond hat die besten Absichten. Er sieht Möglichkeiten und Talente bei den Kindern und möchte diese fördern, ohne auch nur zu ahnen, welche Konsequenzen sein Handeln für diese haben könnte und wird. Es kommt, wie es kommen muss, wenn der Mensch seine Finger im Spiel hat. Diamonds Interesse zieht die Aufmerksamkeit des Staates auf sich, der schnell beschließt, dass diese Gemeinschaft von Gestrandeten am Rand der Gesellschaft keine Daseinsberechtigung hat und zerschlagen gehört.

Paul Harding erzählt diesen doch recht harten, fast biblischen Stoff mit unheimlich viel Empathie und Feingefühl. Wir Lesenden sind gewarnt, wir wissen von Anfang an worauf wir uns einlassen, ahnen unser gebrochenes Herz bereits nach dem Vorwort. Durch den klugen Aufbau, die verschiedenen Erzählperspektiven und die Vielschichtigkeit der Figuren gelingt es Harding, diese unheimlich nah an uns heran zu bringen, uns eine eine echte Verbindung zu diesen Menschen aufzubauen zu lassen – nur um uns im zweiten Teil die Seiten wechseln und mit der kühlen, geschäftsmäßigen Distanz der Behörden auf sie blicken zu lassen. Das ist im höchsten Maße irritierend und bewegend und ein starker Kniff, der mich im Innersten berührt hat.

Ins Deutsche übersetzt von Silvia Morawetz.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Von Müttern und Töchtern, von Essen und der Liebe

Brot und Milch
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Meine Mutter kochte und backte nicht gerne und nicht besonders raffiniert. Wenn sie es in meiner Kindheit noch öfter tat, gab sie es in meiner Jugend ganz auf, überließ meinem Vater und uns selbst die ...

Meine Mutter kochte und backte nicht gerne und nicht besonders raffiniert. Wenn sie es in meiner Kindheit noch öfter tat, gab sie es in meiner Jugend ganz auf, überließ meinem Vater und uns selbst die Zubereitung warmer Mahlzeiten nur zu gerne. Nein, Nahrung war nie die Love Language meiner Mutter. Trotzdem, oder gerade deshalb, erinnere ich mich sehr gut an den Geschmack ihres herrlichen und dabei absolut simplen Apfelkuchen, den sie mir immer zu meinem Geburtstag backte. Der mir ganz persönlich galt, in diesem Moment, obwohl jedes meiner drei Geschwister an seinem Geburtstag ebenfalls in dessen Genuss kam. Jeder Apfelkuchen aus meiner Hand wird zwangsläufig irgendwo in mir an ihrem gemessen – und kann nur verlieren.

Der Geschmack von reifen Himbeeren katapultiert mich stets direkt an den Ort meines ersten Urlaubs zurück, als ich drei war, in das Dickicht riesiger Himbeersträucher, in dem unsere kleine Ferienhütte an der Ostsee stand. Cervelatwurst aus der runden Packung, die ganz billige, gab es immer bei meiner Oma; ich stelle mir gerne vor, sie hat sie nur für uns gekauft.

Auch die Protagonistin in Karolina Ramqvists „Brot und Milch“ erzählt solche Geschichten, von in Lebensmitteln konservierten Erinnerungen, von Müttern an Töchter weitergegeben. Universelle Geschichten, in der jede Frau sich wiederfinden wird, denn beginnend mit der Muttermilch, dem Stillen als erste gemeinsame Sinneserfahrung, prägen sie unser weiteres Leben, unsere Art diesem zu begegnen. Sie alle handeln von Zuneigung und Ablehnung, von Essen als Geste der Liebe und des Trostes, als Sehnsuchts-Stiller und Nahrung für Körper sowie Geist. Und von Krankheit, wenn die Nahrungsaufnahme Gefühle kompensiert, eine innere Leere füllt und sie, wie in diesem Roman, ein Ausdruck von Kontrolle respektive Kontrollverlust wird, von scheinbarer Sicherheit in einer unsicheren Welt, in der die Protagonistin sich als ängstliches Kind befindet und behaupten muss.

„Brot und Milch“ ist eine sehr besondere Familiengeschichte, die das Thema Essstörung auf mir völlig neue Art behandelt und nachdenklich stimmt, ordentlich an der eigenen Chronik rüttelt. Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein.

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