Schnörkellos, pointiert und kraftvoll!
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Als Teenager las ich das Buch „Nina vom Zirkus“ von Paula Busch, das einen intensiven Einblick in das harte Leben eines Zirkusmädchens bietet. Ich kannte ...
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Als Teenager las ich das Buch „Nina vom Zirkus“ von Paula Busch, das einen intensiven Einblick in das harte Leben eines Zirkusmädchens bietet. Ich kannte solche Kinder persönlich, habe sie immer ein wenig um ihre Freiheit und Lässigkeit beneidet; vielleicht habe ich deshalb den Roman umso begeisterter verschlungen. Besonders fasziniert - und fast ein bisschen verstört - hat mich damals beim Lesen der extreme Kontrast zwischen der glamourösen Zirkuswelt, dieser perfekten Inszenierung, und dem brutalen Leben hinter den Kulissen. Tiere wurden gequält, Menschen mit Behinderung schikaniert, Kinder misshandelt. Es gab nichts Glitzerndes, nichts Glänzendes; alles wirkte schäbig und schien doch süchtigmachend. Kaum jemand, der einmal die Luft des fahrenden Volkes geschnuppert hatte, schaffte es, aus dem Karussell auszusteigen.
Kathryn Scanlans „Boxenstart“ hat mich schlagartig in eine ähnlich raue Welt katapultiert – eine Welt, in der Gewalt allgegenwärtig ist, aber auch ein unerschütterlicher Zusammenhalt und eine große Leidenschaft für ein gemeinsames Ziel herrschen. In extrem verdichteten Vignetten erzählt die Autorin die Geschichte von Sonia, einer Pferdetrainerin und -pflegerin, die über Jahrzehnte Teil des amerikanischen Galopprennsports war. Es fühlte sich an, als würde Sonia mir ganz persönlich Episoden aus ihrer bewegten Vergangenheit erzählen, kleine Schnappschüsse, die sich nach und nach zu einem größeren Bild zusammenfügen. Der Ton ist locker, umgangs-sprachlich; man fliegt nur so durch die kurzen Absätze. Und dann stößt man plötzlich auf einen unscheinbaren Satz, der einen mit voller Wucht trifft – weil er so treffend beschreibt, wie sich das Leben manchmal anfühlt. Schnörkellos, pointiert und kraftvoll. Ein großer Lesegenuss.
„Ein Pferdemensch sagt nicht: Wir haben das Rennen gewonnen. Er sagt: Wir gewinnen. Es heißt nicht: Wir haben gewonnen. Es heißt nicht: Wir werden gewinnen. Das Rennen ist bereits vorbei, es wurde bereits gewonnen, aber wir sagen: Wir gewinnen, wir gewinnen, wir gewinnen.“ S. 179
Übersetzt von Jan Karsten.