Ganz große Literatur
„Die Lungenschwimmprobe“, dieser seltsame Titel und das extrem tolle Cover haben mich direkt angezogen, „Verteidigung einer jungen Frau die des Kindsmords bezichtigt wurde“ heißt es weiter, und damit war ...
„Die Lungenschwimmprobe“, dieser seltsame Titel und das extrem tolle Cover haben mich direkt angezogen, „Verteidigung einer jungen Frau die des Kindsmords bezichtigt wurde“ heißt es weiter, und damit war die Sache klar - reizt mich, muss ich lesen. Tore Renberg, einer der erfolgreichsten Autoren Norwegens, entführt uns ins Sachsen des 17. Jahrhunderts, ins barocke Leipzig, und mitten hinein in eine hochspannende Zeit der Veränderungen und Umbrüche. Der Dreißigjährige Krieg liegt hinter den Menschen, die Pest wütet in der Region, die Aufklärung liegt in der Luft, kündigt sich leise an, Traditionalisten und Freidenker prallen hart aufeinander, der Klerus folgt dabei seinen eigenen, grausamen Gesetzen. Hier wird die junge Gutstochter Anna Voigt angeklagt, ihr kleines Mädchen direkt nach der Geburt ermordet und verscharrt zu haben. Diese beteuert vehement ihre Unschuld und der zur Rate gezogene Arzt Dr. Schreyer ist geneigt, dem Mädchen Glauben zu schenken. Die sogenannte Lungenschwimmprobe soll Aufschluss geben, eine ganz neue, noch nicht anerkannte Methode zur Bestimmung der Lungentätigkeit des Kindes außerhalb des Mutterleibes. Doch diese ruft auch große Skeptiker auf den Plan und eine wahre Odyssee beginnt, ein Ringen um die Wahrheit und noch vielmehr um die Vorherrschaft zwischen Medizin und Kirche, zwischen einem Pfarrer und einem Anwalt, schlicht zwischen Männern, die sich an der eigenen Stellung und Macht ergötzen, diese um jeden Preis zu untermauern versuchen.
Schnell ist klar, dass das hier viel mehr als nur ein Roman ist, sowohl inhaltlich als auch in der Bedeutung dessen für den Autor, beruht er doch auf wahren Begebenheiten. Der Roman ist in vier Teile aufgeteilt, die sich unterschiedlicher Stile und Tonalitäten bedienen, vom Fiktiven ins Reale springen und auch vor sehr persönlichen Einblicken in die Gefühlswelt Renbergs nicht Halt machen. Das Schicksal Annas hat sich über Jahre der Recherchen mit dem Leben, den Gedanken Renbergs verknüpft und lässt sich nicht mehr lösen. Dies führt zu einem sehr intensiven Leseerlebnis, das mir noch eine Weile nachhängen wird. Große Empfehlung.
Pro Tipp – NICHT googeln während des Lesens!