Intensive, morbide Erzählungen
Er hatte K. eingeladen, gerade noch so. Sie ist sicher, dass die anderen weit vor ihr eingeladen wurden. Sicher hätte man sie fast vergessen. Nachdem seine Frau ihr die Tür öffnete, stolperte sie aus dem ...
Er hatte K. eingeladen, gerade noch so. Sie ist sicher, dass die anderen weit vor ihr eingeladen wurden. Sicher hätte man sie fast vergessen. Nachdem seine Frau ihr die Tür öffnete, stolperte sie aus dem Licht in das Halbdunkel des Hauses. Sie sah die anderen, ging unsicher in ihre Richtung. Musste zur Toilette, hatte nicht vor, den Professor etwas so Profanes zu fragen, wie nach dem Weg zu den Waschräumen, wollte sich selbst durchschlagen. Auf dem Wohnzimmertisch vor dem Kamin Küchenutensilien, Zeitschriften, Bücher, bestürzt über so viel Privates, so viel Intimität. Neben dem Sofa ein schmutziger Sneaker. Sie hasste diesen Mann. Sie hierher einzuladen und den hämischen Blicken der anderen auszusetzen. Er zollte ihr nicht die Anerkennung, die ihr gebührte.
In einem seiner Seminare schlug der Professor das Nullsummenspiel vor. Seine Verachtung für Bewertungen und Ranglisten verkündend, wolle er jedem seiner Studenten am Ende des Trimesters die Note 1- geben. Der sich regende Widerstand, durch langsames Kopfschütteln signalisiert, veranlasste den Professor, eine demokratische, anonyme Abstimmung vorzunehmen. Er verteilte blanke Zettel, bat alle zu voten und erhielt ein einstimmiges Nein.
Bei K. lag es daran, dass sie anders sein wollte als die anderen, besser. Am Ende jedoch bekam sie für ihre Leistung dann doch eine 1-. Sie war brüskiert, starb tausend Tode und rächte sich an dem Mann, der wohl glaubte, der Größte zu sein.
Fazit: In den Short Storys der Nobelpreisanwärterin Joyce Carol Oates begegnen mir allerlei verstörte Persönlichkeiten. In der titelgebenden Kurzgeschichte „Nullsumme“ treffe ich auf eine ausgeprägt narzisstische Frau, die ihren Professor verehrte, solange er ihr seine kurze Aufmerksamkeit schenkte, ihn dann jedoch zu hassen beginnt, weil sie sich nicht zu Genüge anerkannt fühlt.
In der Geschichte „Mr. Stickum“ lerne ich fünf Mädchen kennen, die Berichte über Sex-Sklavinnen zwischen sechs und sechzehn Jahren gelesen haben und einen perfiden Plan gegen die männlichen Konsumenten junger Mädchen und Kinder schmieden.
In „Liebeskummer“ erzählt die von Stalking Betroffene dem Falschen von den gewaltandrohenden Anrufen.
In „Die Kälte“ erleidet eine Mutter eine Fehlgeburt und entwickelt nicht nur psychosomatische Symptome.
Allen Erzählungen ist gemein, dass die Protagonistinnen psychisch krank sind und versuchen unter dem Radar zu fliegen. Es finden keine Hilfeaufrufe statt. Die Menschen, die sie begleiten, merken nichts von der Tiefe der Ausnahmezustände. Die Autorin zeigt ein untrügliches Gespür für menschliche Abgründe. Jedem Gewinner folgt ein Verlierer. Die Art zu schreiben ist brillant, nicht umsonst unterrichtet sie kreatives Schreiben. Ich muss gestehen, dass mich einige Geschichten in ihrer Intensität erschüttert haben. Das war kein vergnügliches Lesen. Ein Buch für Leserinnen, die sich gern vom Morbiden absorbieren lassen.