Dieses Buch ist eine Bereicherung
Der „Palast“ erhob sich als stattliches Gebäude aus dem Wüstensand. Es musste einmal ein Hotel oder ein Pflegeheim gewesen sein, hatte seine beste Zeit jedoch lange hinter sich gelassen. Der abblätternde ...
Der „Palast“ erhob sich als stattliches Gebäude aus dem Wüstensand. Es musste einmal ein Hotel oder ein Pflegeheim gewesen sein, hatte seine beste Zeit jedoch lange hinter sich gelassen. Der abblätternde Putz bot einen Blick auf rote Backsteine. Hier hatte der Mann, den er besuchen sollte, ein Zimmer gemietet. Der Mann hielt sich am Türrahmen fest, als er die Treppe heraufkam, der Körper ausgezehrt, fast skelletiert, aber in seinen Augen brannte ein Feuer. Er würde bei ihm bleiben, solange es dauerte, versprach er dem Fremden, der sich Juan nannte. Aber eigentlich, und das wusste auch Juan, konnte er nirgends hin. Juan war auf der Suche nach Miss Jan Gay gewesen, deren Nachname auch seiner war. Die Suche hatte Juan lange in Beschlag genommen und er sollte sein Projekt zu Ende bringen.
Sie waren sich früher schon einmal begegnet, das Leben hatte sie für wenige Wochen zusammengeführt, als er siebzehn war. Damals schon hatte Juan verbraucht und verlebt ausgesehen, mit seiner fleckigen Haut und dem faltigen Gesicht. Sie trafen in einer Einrichtung aufeinander, er zu reif für sein Alter. Sie frisierten die Regeln und brachten ihn bei den Erwachsenen unter. Es machte ihn stolz, auf eine erwachsene Art geistesgestört zu sein. Sie waren Staatsmündel gewesen und standen unter ständiger Beobachtung.
Das Projekt, das er weiterführen sollte, bestand aus einer Aktenmappe mit losen Seiten, Fotografien, Zeitungsartikeln und Notizzetteln. Ein bis zwei Bände mit Forschungsstudien seien damals veröffentlicht worden mit dem Titel: „Sex Variants. A Study in Homosexual Patterns“. Allerdings nicht unter dem Namen der Urheberin Jan Gay. Drei Männer hatten sich ihre Studien angeeignet. Juan wollte der Welt zeigen, dass es Jan und ihre wichtige Arbeit gab.
Fazit: Justin Torres hat eine ungemein feinsinnige Geschichte erzählt, die teils auf historischen Ereignissen, teils auf Fiktion beruht. Seine beiden Protagonisten sind homosexuell und sind von Puerto Rico nach Amerika gekommen. Die lesbische Jan Gay kam ursprünglich aus Deutschland nach Amerika und forschte in den 30er-Jahren zum Thema Homosexualität. Sie wollte die gesellschaftliche Sichtweise, queere Menschen als psychisch krank und kriminell zu stigmatisieren, auflösen. Wie bei so vielen begabten Frauen dieser Zeit haben Männer sich deren Aufzeichnungen angeeignet und zu eigen gemacht. Der Autor webt die Geschichte Jans geschickt in die Existenzen der beiden Männer ein. Und ich erfahre über deren kurzes Zusammensein alles über deren Herkunftsgeschichte, die sie sich, wie in luziden Träumen in den heißen Nächten nebeneinanderliegend, erzählen. Die Stimme des Autors ist so fesselnd, dass ich durch dieses Kunstwerk, mit zahlreichen schwarz-weiß Fotos und den Textausschnitten aus Jans Studien, regelrecht gerauscht bin. Justin Torres hat die Gabe Poesie, Humor, Pathos, Spannung, Lebensweisheit und Melancholie wohldosiert an den richtigen Stellen einzustreuen. Ein ganz wichtiges Buch zur Historie der Homosexualität und für mich eine echte Bereicherung.