Gesellschaftliche Strukturen im Umbruch
Im Zentrum der Handlung steht das fiktive Dorf Vallorgàna, hoch oben in fiktiven Bergen Italiens und die alte Villa, der Adelssitz der Familie Cimamonte, der jahrhundertelang das Dorf und alles darum herum ...
Im Zentrum der Handlung steht das fiktive Dorf Vallorgàna, hoch oben in fiktiven Bergen Italiens und die alte Villa, der Adelssitz der Familie Cimamonte, der jahrhundertelang das Dorf und alles darum herum gehörte, Wiesen, Wälder und Berge. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Vallorgàna ist ein sterbender Ort mit aufgegebenen Wiesen und darauf wachsendem Wald, näherkommenden Wölfen und Krähen , die wie Unglücksvögel über dem Ort kreisen.
Seit zehn Jahren lebt im Dorf der Großeltern in deren Villa die Hauptfigur, ein junger, orientierungsloser Mann, 25, der letzte Nachkomme der Dynastie der Cimamontes seit dem 15. Jahrhundert und der Ich-Erzähler der Geschichte. Er hat das große Anwesen unten in der Stadt verkauft, lebt vom jahrhundertealten Vermögen der Familie und möchte nichts weiter als seine Ruhe haben vor der Stadt, vor der Welt, vor dem Leben. Die Tage sind ausgefüllt damit, die Villa und die ihm noch gehörenden Ländereien in Schuss zu halten, als Zaungast am Dorfleben teilzuhaben und sich abendelang mit alten Dokumenten und der Familienchronik zu beschäftigen. Der »Duca« merkt zu seinem eigenen Erstaunen, wie sich all das Wissen über seine Familie, das er sich in den letzten Jahren angelesen hat, Bahn bricht. Wie er – ohne es zu wollen – die gesellschaftlichen Strukturen der Feudalzeit verinnerlicht hat. Wie dieses Bewusstsein, auch wenn es längst nichts mehr mit der heutigen Realität zu tun hat, von Generation zu Generation vererbt wurde, bis hin zu ihm. Sein Niedergang als Adeliger ohne Bedienstete und Pächter ist unübersehbar. In seiner Gegenwart im Roman scheint es noch keine PCs und Mobiltelefone zu geben.
Nelso Tabióna, ein Alteingesessener und einer der erfahrensten Waldarbeiter des Dorfes, teilt ihm mit, dass auf dem Grund der Cimamontes – weit oben in den Bergen – ein großes Stück seines Waldes abgeholzt wurde. Hinter dieser massiven Grenzverletzung steckt Mario Fastréda, der unangefochten in Vallorgàna den Ton angibt. Es ist eine unerhörte Provokation, und das Dorf wartet stillschweigend ab, wie der »Duca« auf diesen Übergriff, auf diesen Diebstahl reagieren wird.
Diese uralten Strukturen scheinen auch heute noch unter der Oberfläche des Dorfes zu schlummern, nur kaschiert von einer dünnen Schicht der Moderne. Daher erscheint das Abholzen des Waldes nicht nur als dreister Diebstahl, sondern damit stellt Mario Fastréda die gesamte Persönlichkeit des »Duca« in Frage. Es ist ein Frontalangriff auf jahrhundertealte Traditionen, die es eigentlich gar nicht mehr gibt, die aber im Stillen trotzdem das Miteinander der Menschen in Vallorgàna prägen. Eine Respektlosigkeit, ein Fehdehandschuh. Der Ich-Erzähler nimmt diesen Fehdehandschuh auf – und damit geraten Dinge ins Rollen, die irgendwann nicht mehr zu stoppen sind. Aus Sticheleien werden Racheakte, im Dorf bilden sich Parteien und was als Ränkespiel beginnt, endet als Drama. Der »Duca« als Adeliger wägt wohl überlegt ab, wie er mit der Provokation eines Bauern umgehen soll. Wie hätte wohl jener oder dieser seiner Vorfahren in solch einem Fall gehandelt – zu Zeiten, als Streitigkeiten wie diese mit dem blanken Schwert ausgetragen wurden? Je länger weitere Gerüchte und Anschuldigungen dauern, desto mehr empfindet er die Blutlinie der Cimamontes und das Familienerbe wie ein Gefängnis und eine Bürde der Geschichte, wie eine schwere Kette, die ihn hinab in die Vergangenheit zieht.
Für einige überraschende Wendungen sorgt Maria, einer jungen, arbeitslosen Frau, Restauratorin, die aus der Stadt in das Dorf kommt und beim Ich-Erzähler nicht nur für emotionale Abwechslung sorgt. Mit ihr stehen sich auch aristokratische Werte der Moderne gegenüber. Die Schatten der Jahrhunderte mit ihren längst überwunden geglaubten Gesellschaftsstrukturen sickern zumindest in diesem Bergdorf bis in die Gegenwart ein. Was für die Ewigkeit zu gelten schien, mag vielleicht mit Maria und dem letzten, jungen »Duca« ein Ende finden.
Die Landschaftsbeschreibungen mit undurchdringlichen Wäldern, schroffen Felsformationen, Höhlen und Szenen in vollkommener nächtlicher Dunkelheit und bei extremem Sturm gefallen.
Der Schreibstil in komplexen Satzstrukturen bedient sich zuweilen auch einer antiquierten Wortwahl. Philosophische und politische Gedankengänge wirken langatmig. Insgesamt ein Roman zum Nachdenken!