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Veröffentlicht am 11.11.2018

Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Uns gehört die Nacht
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Kurzmeinung:
Uns gehört die Nacht von Jardine Libaire ist ein Buch, das mich zwiegespalten zurücklässt. Einerseits haben mich die Charaktere und die Geschichte sehr fasziniert und in ihren Bann gezogen. ...

Kurzmeinung:
Uns gehört die Nacht von Jardine Libaire ist ein Buch, das mich zwiegespalten zurücklässt. Einerseits haben mich die Charaktere und die Geschichte sehr fasziniert und in ihren Bann gezogen. Eine Liebesgeschichte ohne Klischees, ganz anders, als man es bei der Prämisse erwarten würde. Allerdings hat das Buch im Mittelteil deutlich nachgelassen und es gab einiges, was mich gestört hat.


Meine Meinung:
Puh, dieses Buch lässt mich wirklich zwiegespalten zurück.
Am Anfang war ich absolut begeistert. Das Buch beginnt gleich absolut rasant und hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Wie im Rausch musste ich einfach immer weiter und weiter lesen. Der außergewöhnliche Schreibstil mit seinen vielen Beschreibungen hat mich fasziniert. Die Charaktere waren so ungewöhnlich, so anders, dass ich sie nicht in Schubladen stecken konnte und unglaublich neugierig war, was hinter ihrer Fassade steckt, wie sie sich weiterentwickeln. Die Handlung war für mich am Anfang absolut unvorhersehbar, ja manchmal fast schon verwirrend, so dass ich unbedingt weiterlesen musste, um zu erfahren, wie es weitergeht. Die erste Zeit hatte ich beim Lesen so das Gefühl, dass ich die Figuren und auch die Geschichte nicht ganz zu fassen bekommen habe, nicht greifen konnte. Aber genau das hat für mich auch einen Teil der Faszination ausgemacht. Alles war so unvorhersehbar: Die Handlung, die Charaktere, selbst die Sprache. Dieses Buch war einfach so ganz anders als alles, was ich seit langer Zeit gelesen hatte.
Für mich war es sehr spannend, diese zwei Liebenden aus den völlig verschiedenen Welten zu beobachten und zu verfolgen. Was alles zwischen sie kommen konnte. Und was die beiden, trotz all der Leidenschaft und Liebe füreinander, trennt.
Libaire hat es geschafft eine Liebesgeschichte zu erzählen, ohne auch nur im Ansatz in die typischen "Love Story Klischees" zu verfallen.


"Manchmal muss es uns das Leben so richtig zeigen, manchmal musst du es am eigenen Leib spüren, damit es echt ist." (Aus "Uns gehört die Nacht", S. 204)


Doch dann hat sich irgendwann so ein Trott eingeschlichen. Die Handlung hat sich irgendwie immer um das selbe gedreht, nur an anderen Schauplätzen. So hat sich dann bei mir ein Gefühl von "auf der Stelle treten" eingestellt –es ging einfach nicht voran mit der Handlung.
Auch der außergewöhnliche Schreibstil, der mich am Anfang so begeistert hat, hat dann irgendwann angefangen, mich zu nerven, denn das Stilmittel der Beschreibung von selbst kleinsten Alltagsdingen wurde mich irgendwann zu viel, zu ausufernd. Statt für eine besonderen Atmosphäre sorgte das zunehmend eher für Längen im Text.

Auch die vielen, sehr detailliert beschriebenen Sexszenen haben mir nicht so gut gefallen. Für mich hatte das mit zunehmender Häufigkeit und Detailliertet weniger etwas Erotisches, sondern eher Voyeuristisches. Und die teils vulgäre Sprache hat den Eindruck bei mir noch verstärkt.

Doch trotzdem waren da zwischendurch immer wieder wundervolle Sätze, die mich beim Lesen haben innehalten lassen. Sätze voller Tiefe und Bedeutung.
Und trotz der Längen habe ich das Buch gern zu Ende gelesen, weil ich einfach wissen musste, wie es mit Elise und Jamey weitergeht. Die beiden Figuren haben mich fasziniert und mich in ihren Bann gezogen. Und es ist schon eine große Kunst der Autorin, so ein abgedroschenes Thema –reicher Junge trifft armes Mädchen und sie verlieben sich gegen den Willen seiner Familie– auf eine so neue und aufregende Art darzustellen. Schon alleine deswegen lohnt es sich, dieses Buch zu lesen.


"Keiner von beiden hatte einen verdammten Schimmer, was sie mit dem Leben machen sollten, außer leben." (Aus "Uns gehört die Nacht", S.12)


Fazit:
Uns gehört die Nacht von Jardine Libaire hat einige Schwächen und hätte von mir aus gern 100 Seiten weniger haben können. Doch ich möchte es trotzdem empfehlen, weil es eine uralte Plotidee auf so außergewöhnliche und neue Art darstellt und mich –trotz aller Kritikpunkte– zu fesseln wusste.

Veröffentlicht am 04.11.2018

Großartige Dystopie über Selbstoptimierung und die Leistungsgesellschaft

Die Hochhausspringerin
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Kurzmeinung:
Ein wirklich starkes Debüt, das mich sehr beeindruckt hat. Julia von Lucadou erschafft eine Zukunftsversion unserer Gesellschaft, bei der es mich schaudern lässt, die aber gleichzeitig erschreckend ...

Kurzmeinung:
Ein wirklich starkes Debüt, das mich sehr beeindruckt hat. Julia von Lucadou erschafft eine Zukunftsversion unserer Gesellschaft, bei der es mich schaudern lässt, die aber gleichzeitig erschreckend realistisch erscheint. Sie wirft wichtige Fragen über den Leistungsdruck in unserer Gesellschaft, über Selbstoptimierung und Überwachung auf. Das ganze veranschaulicht sie gekonnt an der Gegenüberstellung zweier sehr interessanter Frauenfiguren, die sich gut kontrastieren. Eine Geschichte, die es sich zu lesen lohnt!

Meine Meinung:
Mit "Die Hochhausspringerin" erschafft von Lucadou eine erschreckend realistische Dystopie, in der die Leistungsgesellschaft absolut auf die Spitze getrieben wurde. In einer Welt, in der man nur so viel Wert ist, wie man leistet, darf man keine schlechten Tage haben. Denn Credits, Wohnort, Aufenthaltserlaubnis –wirklich alles hängt von der eigenen Leistung ab.
Wenn man manche aktuellen Entwicklungen weiterdenkt, könnte eine zukünftige Gesellschaft tatsächlich so aussehen. Alles was zählt ist Produktivität und wie viel Leistung ein Mensch bringt
In dieser Welt treffen zwei sehr unterschiedliche Frauen aufeinander. Hitomi, die hart arbeitet, um ganz nach oben zu kommen. Und Riva, die dort schon angekommen ist und riskiert, alles zu verlieren, weil sie nicht mehr "funktioniert".

Was mich sehr schüttert hat, sind die Werte in dieser Welt. Wirklich alles dreht sich um die Leistungsfähigkeit der Menschen. Zum Beispiel soll eine Affäre nicht etwa beendet werden, weil es moralisch fragwürdig ist und die Partnerin oder der Partner emotional darunter leiden könnte. Nein, sondern weil das Ende einer Partnerschaft schlecht für die Produktivität ist. Das ist wirklich ziemlich zynisch, finde ich.
In dieser Welt ist es auch nicht per se schlimm, wenn es einem Menschen schlecht geht. Es ist nur seine Leistungsfähigkeit sinkt. Es geht nicht darum zu heilen, sondern nur darum Funktionalität wieder herzustellen.


Zwei interessante Frauenfiguren: Riva und Hitomi

Genau so ein Fall ist Riva. Sie war erfolgreiche Hochhausspringerin, hatte es aus den "Slums" –den sogenannten Peripherien– bis in den elitären Stadtkern geschafft. Doch von heute auf morgen schmeißt sie plötzlich alles hin, riskiert ihren ganzen Status. Und das ohne ersichtlichen Grund. Deswegen wird Hitomi engagiert. Die Psychologin soll herausfinden, was mit Riva los ist und sie wieder dazu bringen, zu funktionieren.
Für Hitomi hängt viel an diesem Auftrag. Sollte sie nicht die gewünschten Erfolge erzielen, wird auch sie alles verlieren und muss zurück in die Peripherie, wo sie ein Leben im Elend erwartet.

Die Geschichte wird also angetrieben von zwei sehr starken Spannungsbögen:
Einerseits möchte man herausfinden, was mit Riva los ist. Was Auslöser für ihren plötzlichen Sinneswandel ist. Andererseits nimmt man großen Anteil an Hitomis Schicksal und was aus ihr wird.

Der Kontrast zwischen diesen beiden Frauenfiguren hat mir sehr gut gefallen. Hitomi, die gerade dabei ist, sich hochzuarbeiten und Angst hat alles zu verlieren. Und Riva, die auf dem Höhepunkt ihres großen Erfolges bereitwillig alles wegschmeißt, was sie sich aufgebaut hat.
Ich hatte beim Lesen richtig Herzklopfen, so sehr habe ich den Erfolgsdruck gespürt, unter dem Hitomi steht. In dieser Welt steht und fällt alles mit der Leistung.

Je mehr ich in diesem Buch gelesen habe, desto mehr hat sich das unangenehme Gefühl verstärkt, das ich gegenüber dieser dystopischen Welt empfunden habe. Dass der Wert eines Menschen ausschließlich an seiner Leistung bemessen wird.


Psychologisch interessant: Heilung, Optimierung und Produktivität

Auch wegen meines Studiums beschäftigt mich die Frage sehr, wie man mit Menschen in Krisensituationen oder mit psychischen Belastungen umgeht. Was steht im Vordergrund? Die Heilung des Patienten um des Patienten willens, oder die Wiederherstellung seiner Produktivität? Ist das überhaupt deutlich zu trennen?
In dem Roman ist die Antwort scheinbar einfach. Riva soll wieder funktionieren. Was ihr fehlt, oder was der Auslöser war, ist eigentlich egal. Hauptsache, sie springt wieder und die Sponsoren bekommen ihr Geld durch die Werbeeinnahmen.
Versteckt wird das alles aber sehr geschickt unter dem Deckmantel der Sorge um die Gesundheit der Menschen. Man will ja schließlich nur das Beste für die Menschen. Ihre psychische und physische Gesundheit stärken. Das dadurch auch die Produktivität steigt? Purer Zufall.
Für mich hat von Lucadou hier sehr geschickt der Gesellschaft den Spiegel vorgehalten. Schaut man sich den aktuellen Trend des "Selbstoptimierungswahn" an, sind da solche Tendenzen schon zu erkennen, finde ich. Schnell noch eine Achtsamkeitsmeditation in den vollen Terminplan einschieben. Nicht, weil man es wirklich will und das dem eigenen Lebensstil entspricht, sondern weil man sich dadurch positive Outcomes verspricht. Oder in der dystopischen Welt der Hochhausspringerin: weil man es machen muss, um seine Credits zu erhöhen und seinen Status aufrechtzuerhalten. Dass das dem zugrundeliegenden Konzept von Achtsamkeit komplett widerspricht, ist dabei egal.
Das sind für mich persönlich total spanende Fragen. Kann etwas prinzipiell Gutes, wie Achtsamkeit und Meditation auch seine positive Wirkung verlieren, wenn man es aus den falschen Gründen macht?


Ein zweiter spannender Aspekt war für mich die totale Überwachung, die in dieser zukünftigen Welt stattfindet. In der Geschichte findet eine fast vollständige Überwachung der Menschen statt. Überall sind Kameras, man wird über Handy und Tablet immer geortet, die Fitnesstracker liefern weitere Daten zu Schlaf und Ess- und Trinkgewohnheiten. So wird jeder Einzelne zum gläsernen Menschen. Doch in dem Buch gibt es keinen per se "bösen" Staat mit bösen Absichten, der die Daten ausnutzt, um Macht auszuüben und Angst und Schrecken zu verbreiten. Es geschieht ja alles unter dem Deckmantel der Fürsorge für die Bewohner. Es geht um die "Optimierung" der Menschen. Ein hehres Ziel? Und gerade weil diese Böswilligkeit fehlt, macht es für mich die Situation irgendwie noch unangenehmer, weil ich kein richtiges Feindbild hatte, keinen klaren Gegner, kein schwarz-weiß.
Diese technische Überwachung lieferte für mich auf jeden Fall einen zweiten, reizvollen Blick auf das vorherrschende Thema der "Optimierung des Menschen" und die Erhöhung seiner Leistungsfähigkeit.


>>"Macht es dich nicht wütend, dass wir nichts selbst entscheiden können?" "Sie versuchen ja nur, unser Potenzial zu erkennen und uns zu fördern. Du kannst ja immer noch nein sagen." "Wen kennst du, der schon mal nein gesagt hat?"<<


Fazit:
Die Hochhausspringerin von Julia von Lucadou ist ein absolut gelungenes Debüt, das uns in eine erschreckende Zukunftswelt entführt und damit spannende Fragen auch für die heutige Gesellschaft stellt. Wie wichtig ist uns der Mensch, wie wichtig seine Leistung. Wie weit wollen wir gehen, in den Bereichen Selbstoptimierung und Tracking?
Das alles wird sehr spannend und anschaulich verpackt in eine Geschichte, die um zwei interessante Frauenfiguren kreist, die sich wunderbar kontrastieren und ergänzen.

Veröffentlicht am 06.10.2018

Erschütternd und bewegend

Einsame Schwestern
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"Wo würde ich hinlaufen, wohin würde ich vor meiner Schwester fliehen? Oder vor mir selbst? Wie sieht das Leben aus, wenn man keine Gefangene ist?" (Aus "Einsame Schwestern, S. 113)

Kurzmeinung:
Ein starkes ...

"Wo würde ich hinlaufen, wohin würde ich vor meiner Schwester fliehen? Oder vor mir selbst? Wie sieht das Leben aus, wenn man keine Gefangene ist?" (Aus "Einsame Schwestern, S. 113)

Kurzmeinung:
Ein starkes Debüt aus Georgien. Ekaterine Togonidze erschafft mit Einsame Schwestern einen besonderen Roman mit außergewöhnlichen Protagonistinnen und einer außergewöhnlichen Erzählart. Die Geschichte der siamesischen Zwillinge Diana und Lina ist erschütternd und ergreifend. Ein besonderes Buch, das sich zu lesen lohnt.

Meine Meinung:
Die Frankfurter Buchmesse steht vor der Tür. In diesem Jahr ist das Gastland Georgien, weswegen viel interessante georgische Literatur ins Deutsche übersetz wurden. Auch ich habe also mal ein bisschen gestöbert, was georgische Autor_innen so zu bieten haben. Das Debüt von Ekaterine Togonidze hat mich gleich angesprochen.

Es ist wirklich ein besonderes Buch. Es erzählt die Geschichte von Diana und Lina. Die beiden Mädchen sind Schwestern. Aber nicht nur das. Sie teilen sich einen Körper. Von der Taille abwärts sind sie verbunden. Sind nie allein. Gleichzeitig leben sie versteckt bei ihrer Großmutter, dürfen nie raus, sind immer allein.


"Als wir noch Kinder waren, hat das nicht so wehgetan. Früher gab es Momente, in denen wir auch glücklich waren. (...) Es wird mir zu eng hier, in diesem kleinen Zimmer, uns fällt allmählich die Decke auf den Kopf. Das alles, diese Leere, macht mich schrecklich müde. Unser Leben besteht nur aus dieser Leere."
(Aus "Einsame Schwestern, S. 17)

Doch das Leben für die Schwestern wird noch schlimmer. Als die Großmutter stirbt und das Haus durch ein Hochwasser zerstört wird, finden sich Diana und Lina schließlich im Zirkus wieder, wo sie körperlich und emotional misshandelt werden.

In Tagebuchform schreiben die beiden abwechselnd, was sie erleben und fühlen. Die Autorin schafft es dabei sehr gut, beiden eine eigene Stimme, einen eigenen Stil zu geben.
Diana, die viel nachdenkt, die Pragmatischere, die Starke.
Lina, die Sentimentale, Hoffnungsvolle und Naivere. Die Gedichte schreibt und sich sogar verliebt.

Dazwischen erfahren wir in kurzen Passagen auch immer etwas über Rostom, den Vater der beiden, der nichts von der Existenz seiner Töchter weiß. Erst hatte ich fast ein bisschen Mitleid mit ihm, weil er erst durch den Tod der Zwillinge von ihnen erfährt. Doch je mehr ich von ihm gelesen habe, desto wütender hat mich dieser Charakter gemacht!
Gleich am Anfang erfährt man als Leser*in mit Rostom zusammen, dass Diana und Lina sterben. Und so herrscht von Anfang an in dieser Geschichte eine sehr bedrückende Stimmung.

Die Zwillinge stellen sich oft die Frage nach dem Warum? Warum passiert so was? Warum ihnen? Will sie überhaupt jemand? Wie soll ein Leben für sie aussehen?


"Mir ist es peinlich, dass wir anders sind. Manchmal macht mich das alles fast verrückt. Warum passiert so was? Und warum ausgerechnet uns?"
(Aus "Einsame Schwestern, S.13)

Auch wenn die Geschichte absolut trostlos ist, konnte ich es als Leserin doch ertragen, es zu lesen, was vor allem durch die Art und Weise herrührt, wie die Schwestern von ihrem Leben erzählen. Sie waren nie in der Schule und drücken sich eher einfach aus. Außerdem wuchsen sie isoliert auf und wissen wenig von der Welt. So beschreiben sie oft sehr naiv und unwissend, was ihnen passiert. Sie erleben die Dinge anders, als andere es vielleicht täten, weil sie Vieles nicht verstehen. Das schafft irgendwie auch eine gewisse Distanz und macht die Geschichte für mich erträglicher zu lesen.

"Unsere Mutter konnte friedlich sterben, weil sie uns nicht alleine zurückließ, wir haben einander, und so wird es bleiben. Ich kann ohne Diana nicht leben, und sie nicht ohne mich. Diese Worte entsprechen den Tatsachen, sind kein romantisches Gefasel."
(Aus "Einsame Schwestern, S. 31)


Fazit:
Dieses Buch ist wirklich besonders und sticht aus anderen Romanen heraus, sowohl was die Themenwahl angeht, aber auch was Aufbau und Schreibstil betrifft. Eine absolut bewegende und erschütternde Geschichte über das Schicksal der siamesischen Zwillinge Lina und Diana, die so gerne leben wollten, und denen das Leben nur Kummer und Leid zu bieten hatte.

Veröffentlicht am 03.10.2018

Großartiges Buch. Absolute Empfehlung!

Altes Land
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Kurzmeinung:
Ein großartiges Buch. In wunderschöner Sprache erzählt die Autorin manchmal mit ironischem aber stets liebevollem Blick von Figuren mit Ecken und Kanten. Vom Leben im Alten Land, von Bioäpfeln, ...

Kurzmeinung:
Ein großartiges Buch. In wunderschöner Sprache erzählt die Autorin manchmal mit ironischem aber stets liebevollem Blick von Figuren mit Ecken und Kanten. Vom Leben im Alten Land, von Bioäpfeln, Marmeladekochen, aber auch von Krieg und Flucht. Und von Müttern und Töchtern.
Absolute Leseempfehlung!


Meine Meinung:
Die Geschichte und vor allem die großartige Sprache der Autorin konnten mich absolut begeistern. Dörte Hansen findet tolle Bilder für innere Vorgänge und schreibt mit vielen Metaphern. Dennoch ist der Text überhaupt nicht anstrengend zu lesen. Die eingestreuten Sätze auf plattdeutsch haben mir unglaublich gut gefallen und viel zur authentischen Atmosphäre des Buches beigetragen.
Mit einem kritischen Blick beschreibt die Autorin manchmal fast bissig, aber immer auch mit einer gewissen Wärme und Zärtlichkeit neurotische Städter, hektische Helikoptereltern, blauäugige Möchtegernbauern und drei Generationen starker Frauen.
Dörte Hansen hat ein unglaublich gutes Auge für Beobachtungen und kann diese dann auch noch wunderbar in Worte fassen. Man spürt in jeder Zeile ihre Liebe für diese Geschichte, für die Gegend und die Bewohner, was sie aber nicht davon abhält, auch sehr streng mit ihnen ins Gericht zu gehen.
Die Charaktere sind alle toll beschrieben, haben Ecken und Kanten. Und auch die Beziehungen gestalten sich sehr interessant. Die Charaktere sind dynamisch und machen im Laufe des Buches eine Entwicklung durch. Das passiert aber langsam und allmählich und ist steht absolut glaubhaft und nachvollziehbar.
Beeindruckt hat mich auch die Fähigkeit der Autorin, durchaus auch tragische Themen zu bearbeiten, etwa die Flucht und die Vertreibung, erfrorene Kinder, die im Krieg gefallenen und die, die zurückkehrten, aber nicht mehr die selben waren, wie vorher. All das fängt die Autorin sehr gut ein und schreibt darüber berührend, aber ohne übertriebene Rührseligkeit. Die Schlichtheit der Worte lässt die Dinge für mich um so ergreifender wirken.


Fazit:
Altes Land von Dörte Hansen ist einfach ein großartiges Buch und eine absolute Leseempfehlung. Die schöne Sprache, die interessanten Charaktere und der strenge, aber liebevolle Blick auf das Geschehen konnten mich absolut begeistern.
Ich freue mich schon sehr auf das neue Buch der Autorin.

Veröffentlicht am 23.09.2018

viele gute Ideen, aber schwache Umsetzung

Leere Herzen
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Kurzmeinung:
Viele gute Ideen, aber eine eher schwache Umsetzung. Zu großen Teilen mehr zynisch als aufrüttelnd. Die Kritik wird einem so platt um die Nase gehauen, dass der Reiz verloren geht. Das wirklich ...

Kurzmeinung:
Viele gute Ideen, aber eine eher schwache Umsetzung. Zu großen Teilen mehr zynisch als aufrüttelnd. Die Kritik wird einem so platt um die Nase gehauen, dass der Reiz verloren geht. Das wirklich starke Ende kann aber noch viel retten.

Meine Meinung:
Juli Zeh erschafft in ihrem neuen Roman Leere Herzen eine beklemmende Zukunftsvision. Die Demokratie hat sich selbst abgeschafft, die EU ist weiter zerfallen. Überall herrscht Politikverdrossenheit. An der Macht ist die BBB, die Besorgte Bürger Bewegung. Allen geht es nur um Machterhalt und Effizienz. Die Bürger haben sich in der neuen Situation eingerichtet und das allgemeine Motto scheint zu sein, bloß nicht kritisch nachzufragen, sondern einfach brav seiner Arbeit nachzugehen und zu funktionieren. Generell scheinen die Menschen in "Leere Herzen" seltsam unbeteiligt.
Doch einige wenige gibt es, die Unzufrieden sind und auch etwas tun wollen. Um diese Menschen kümmert sich Protagonistin Britta und ihr Freund Babak. Mit ihrem Unternehmen "Die Brücke" bilden sie suizidwillige Menschen zu Selbstmordattentätern aus und vermitteln sie an verschiedene Organisationen –von islamistischen Terrorzellen bis zu radikalen Umweltaktivisten ist für jede*n das Passende dabei.
Dieses perverse Geschäftsmodell ist an Nihilismus wirklich kaum zu überbieten. Allerdings ist mir das Ganze dann doch etwas zu zynisch. Die Menschen wirken in ihrem Desinteresse, ja fast schon Lethargie nicht mehr glaubwürdig. Was als Zuspitzung vielleicht augenöffnend wirken soll, ist bei mir nicht so richtig angekommen und wirkte in der Übertreibung eher etwas lächerlich.
Allein das Britta und ihre Freundin ernsthaft die Frage diskutieren, ob sie für eine gratis Waschmaschine ihr Wahlrecht abgeben würde, ist so plakativ und dabei aber so an den Haaren herbeigezogen, dass ich es nicht als Gesellschaftskritik ernst nehmen kann, sondern es mir allenfalls ein müdes Schmunzeln entlockt.

Dabei denkt Zeh einige heutige Entwicklungen durchaus spannend weiter und diese Gesellschaftskritik hätte durchaus Potential gehabt. Das Genre der Dystopie ist sehr reizvoll und ein gutes Mittel, sich mit der aktuellen Situation auseinanderzusetzen und Kritik zu üben. Und einige aktuelle Probleme, wie die steigende Politikverdrossenheit, hat Juli Zeh ja durchaus gut erkannt. Allerdings finde ich die Umsetzung in Leere Herzen nicht ganz so gut gelungen. In vielen Teilen wirkte es für mich eher geschmacklos zugespitzt als aufrüttelnd. Zu oft spürt man beim Lesen den moralischen Zeigefinger und die politischen Botschaften werden einem so deutlich unter die Nase gerieben, das der Reiz verloren geht.

Juli Zeh kann schreiben, dass ist keine Frage und so kann man den Roman trotz großer Schwächen gut lesen. Für mich fehlt allerdings die Spannung. Genau wie seine Protagonisten ist die Geschichte eher kühl und verläuft ohne große Überraschungen und Wendungen, dafür gespickt mit kaum versteckten Belehrungen.
Dafür konnte mich das überraschend starke Ende aber wirklich überzeugen und hat dafür gesorgt, dass mir Leere Herzen insgesamt dann doch nicht so schlecht gefallen hat.


Fazit:
Leere Herzen von Juli Zeh ist ein Roman, den man gut lesen kann. Zeh erkennt und benennt einige kritische Entwicklungen in unserer Gesellschaft und liefert durchaus einige Denkanstöße und steckt viel Kritik in die Handlung. Mir allerdings zu viel und zu platt, so dass es insgesamt eher zynisch und teilweise fast schon lächerlich wirkt. Mit dem wirklich starken Ende kann Zeh aber nochmal viel aus der Handlung rausholen.