Profilbild von AgnesM

AgnesM

Lesejury Profi
offline

AgnesM ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit AgnesM über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.03.2017

Betrunkene Bäume

Betrunkene Bäume
1

Erich, ein Wissenschaftler im hohen Alter, lebt alleine in einer Wohnung und hat mit allerlei körperlichen Beschwerden zu kämpfen. Seine Tochter versucht unentwegt ihn zu einem Umzug in ein betreutes Heim ...

Erich, ein Wissenschaftler im hohen Alter, lebt alleine in einer Wohnung und hat mit allerlei körperlichen Beschwerden zu kämpfen. Seine Tochter versucht unentwegt ihn zu einem Umzug in ein betreutes Heim zu überreden, doch Erich möchte seine Selbstständigkeit nicht aufgeben. Er will nicht wie all die anderen Senioren in einem Heim auf den Tod warten, sondern so gut es geht sich selber in der Wohnung zurecht finden und an seinen Forschungen arbeiten. Vor sehr langer Zeit hat er die Liebe zu den Bäumen entdeckt und sich mit einer Reise nach Sibirien einen Traum erfüllt. Dort konnte er diverse Bodenproben nehmen und seine Untersuchungen u.a. an den betrunkenen Bäumen intensivieren. Glücklicherweise zieht nebenan ein junges Mädchen namens Katharina ein, welches von zu Hause weggelaufen und notdürftig in dieser Wohnung untergekommen ist. Sie freunden sich langsam an und entwickeln eine Zuneigung zu einander. Sie erledigt fortan seine Einkäufe, putzt die Wohnung und zeigt sogar Interesse an seinen Forschungsarbeiten. Ihr Vater ist vor einiger Zeit beruflich in Richtung Sibirien aufgebrochen und deshalb empfindet sie eine gewisse Verbundenheit mit diesem Land und erfährt von Erich viele interessante Details zu der Landschaft und dem Leben in dem fernen Land. Die Freundschaft tut beiden gut, die Gespräche beflügeln sie und beide Außenseiter ziehen für sich einen adäquaten Nutzen daraus.

Ada Dorian hat hier ein Buch mit unglaublicher Tiefe geschrieben. Hinter den Protagonisten verbergen sich beeindruckende Lebensgeschichten, die im Leser Mitgefühl, eine gewisse Wärme und Zuneigung hervorrufen. Die Zeitsprünge und die Verknüpfung der Geschichten zwischen Erich und Katharina sind toll ausgearbeitet worden. Durch Rückblenden erfährt der Leser wie Erichs Reise nach Sibirien verlaufen ist, wie er seine Liebe zu den Bäumen entwickelt hat und wie intensiv ihn diese all die Jahre über begleitet hat. In dem anderen Erzählstrang erfährt man mehr über Katharina und ihre schwierige Familiensituation, welche sie nicht nur traurig, sondern auch in ein gewisses Milieu hat abstürzen lassen. Zwei Leben, die vom Schicksal gebeutelt sind finden zu einander und haben definitiv mein Herz als Leserin berührt.

Veröffentlicht am 02.03.2017

Fliegenpilze aus Kork

Fliegenpilze aus Kork
0

In dem Buch „Fliegenpilze aus Kork“ erzählt die Hauptprotagonistin stückchenweise aus ihrem Leben. Es beginnt mit ihrer Geburt und Kindheit, die in kurzen Kapiteln abgehandelt werden und mündet in ihrer ...

In dem Buch „Fliegenpilze aus Kork“ erzählt die Hauptprotagonistin stückchenweise aus ihrem Leben. Es beginnt mit ihrer Geburt und Kindheit, die in kurzen Kapiteln abgehandelt werden und mündet in ihrer Jugend- und Erwachsenenzeit, deren Kapitel sich über mehrere Seiten erstrecken. Erlebt hat sie allerdings in all den Jahren eine Menge, ob in positiver oder negativer Hinsicht sollte hier jeder Leser für sich entscheiden.
Die meiste Zeit verbringt sie mit ihrem Vater. Zwar wird die Mutter auch am Rande erwähnt, doch der Fokus der Geschichte liegt auf der Beziehung zu ihrem Vater. Die Eltern haben sich getrennt, scheinen sich aber das Sorgerecht zu teilen. Zumindest darf sie die Wochenenden und auch Tage unter der Woche bei ihm wohnen und diverse Aktivitäten mitmachen und Erfahrungen sammeln. Schon früh legt sie erwachsene Züge an den Tag und des Öfteren hat man das Gefühl, dass eher sie die Erwachsene und der Vater derjenige ist, der Hilfe, Unterstützung und Geborgenheit benötigt.
Ihr Vater ist anders als die anderen Väter. Er wechselt andauernd den Job, hat kaum Geld und erscheint wie ein Überlebenskünstler, der nicht weiß wohin es ihn letztendlich zieht. Dies wird ihr im fortgeschrittenen Alter immer deutlicher und manchmal ist er ihr auch peinlich, weil er Dinge tut, die ihn im Mittelpunkt stehen lassen oder die man einfach nicht tut, doch sie hält zu ihm und bricht den Kontakt nicht ab. Als würde sie schon in jungen Jahren merken, dass sie eine Art Stütze für ihren Vater ist, begleitet sie ihn ins Theater oder streift in den Nächten mit ihm durch Wien, immer auf der Suche nach Gebrauchsgegenständen, die noch verwertet werden können. Mangelnde Hygiene und das wenige Essen an diesen Tagen scheinen der Kleinen nichts auszumachen. Als Leser ist man aber an der einen oder anderen Stelle regelrecht entsetzt über die Lebenshaltung und die vorherrschende Verwahrlosung. Will die Autorin hier vielleicht aufzeigen wie einfach solch fragwürdigen „Fälle“ den Jugendämtern nicht gemeldet oder nie von diesen entdeckt werden?
Trotz all der misslichen Lagen und den ständigen Abweichungen von der Norm liest man durch die Zeilen von einer starken Verbindung und Liebe zwischen den Protagonisten. Beide sind in ihren Handlungen bemüht, ihnen scheint eigentlich nichts wirklich zu fehlen und beide versuchen sich gegenseitig durch den Alltag zu helfen. Hier schwingt eine gewisse positive Stimmung mit, doch für mich persönlich überwogen bei der Lektüre eher die negativen Aspekte des Zusammenlebens und der Handlungen der beiden, die mich nun doch etwas betreten und ungläubig zurücklassen. Als spannend hingegen empfand ich die Begleitung der Tochter durch ihre Lebensphasen bis zur Erwachsenen. Es war interessant von ihren Sichtweisen und Eindrücken zu lesen, um dann zu erfahren wie sich diese im Erwachsenenalter ändern.
„Fliegenpilze aus Kork“ ist ein anspruchsvolles und nicht einfaches Buch mit einem ganz besonderen und außergewöhnlichen Inhalt.

Veröffentlicht am 25.02.2017

Das Geheimnis jener Tage

Das Geheimnis jener Tage
0

1980: Eine junge Frau begibt sich, wie jeden späten Nachmittag, an den Strand von Cork. In den Dünen lässt sie sich nieder und versucht ihre Gedanken zu ordnen, sie sucht Ruhe und inneren Frieden, denn ...

1980: Eine junge Frau begibt sich, wie jeden späten Nachmittag, an den Strand von Cork. In den Dünen lässt sie sich nieder und versucht ihre Gedanken zu ordnen, sie sucht Ruhe und inneren Frieden, denn das, was sie in den letzten Wochen durchmachen musste, liegt ihr schwer auf der Seele. An diesem Tag entdeckt sie jedoch ein paar Schuhe samt einem Brief am Ufer und kurz darauf einen Mann im Wasser. Schnell erfasst sie die Lage und rennt förmlich ins Wasser, um den Mann vor einem großen Fehler zu bewahren. Noch ahnen beide nicht, welch schicksalhafte Wendung ihr Leben fortan nehmen wird.

Gegenwart: Carrie ist eine junge Frau Anfang 30 und hat schon viele Schicksalsschläge erleben müssen. Ihre Eltern sind vor 5 Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, sie hangelt sich von einem Job zum nächsten und erledigt diese mit wenig Leidenschaft und ihre Beziehung zu Mark, ihrem Verlobten, ist in die Brüche gegangen. Sie ich ein psychisches Wrack, kann sich nicht aufraffen und das Leben genießen, sie lebt nur für den Tag, kann sich anderen gegenüber nicht öffnen und frisst all ihren Kummer in sich hinein. Glücklicherweise hat sie eine tolle Familie, die sich liebevoll um sie sorgt und ihr oftmals zur Hand geht. Als Carrie überraschenderweise von einer älteren Dame aufgesucht wird, die sie bittet sie in die Schweiz zu begleiten um dort jemanden kennenzulernen, ist Carrie verunsichert und blockt zunächst ab. Die Neugier ist jedoch stärker als die Angst vor dem Flug und so macht sich Carrie auf dem Weg zu einem Treffen mit einem Mann, der ihr künftiges Leben ungeheuer beeinflussen und bereichern wird.

Von der ersten Seite an hatte mich das Buch regelrecht gepackt und in eine andere Welt katapultiert. In dem Buch wechseln sich die beiden Zeitstränge ab, so dass man nach und nach alle Charaktere kennenlernt und sich die Ereignisse langsam zu einem Gesamtbild zusammenfügen. So wird ein immenser Spannungsbogen aufgebaut, es werden viele Geheimnisse angedeutet und zum Ende hin gelüftet, aber auch falsche Fährten für den Leser gelegt, so dass man nicht so schnell der Auflösung auf die Schliche kommt.

Mir hat der klare Schreibstil gefallen, jedoch sind mir die doch zahlreichen Wiederholungen über Carries Gemütszustand und die Wiederholung dessen in manchen Dialogen ein wenig negativ aufgestoßen. Insgesamt betrachtet ist es aber ein tolles und emotionales Buch mit vielen überraschenden Wendungen, Drama, Spannung, Liebe und zumeist netten und interessanten Charakteren.

Veröffentlicht am 23.02.2017

Das Buch der Spiegel

Das Buch der Spiegel
0

Katz, ein Literaturagent, wird auf ein Teil-Manuskript aufmerksam, welches ihm schon vor einiger Zeit von einem Herrn Flynn zugesendet worden ist. Allein schon das Anschreiben von Richard Flynn lässt ihn ...

Katz, ein Literaturagent, wird auf ein Teil-Manuskript aufmerksam, welches ihm schon vor einiger Zeit von einem Herrn Flynn zugesendet worden ist. Allein schon das Anschreiben von Richard Flynn lässt ihn aufhorchen, da dieses sehr ungewöhnlich formuliert ist. Also beginnt er mit der Lektüre und findet schnell einen Zugang zu der Story, die sich mit dem genialen Psychologie Professor Wieder beschäftigt. Dieser wurde vor etlichen Jahren brutal in seinem Haus ermordet und Flynn scheint mit seinem Buch diesen Mord und somit den Mörder aufdecken zu wollen. Flynn, damals ein Student, hatte einen guten Draht zu dem Professor und hat eine zeit lang für ihn als Hilfskraft gearbeitet. Er, so scheint es, will nun im hohen Alter die Lasten von seinen Schultern abwerfen und für Aufklärung sorgen.
Begeistert und fasziniert von dem Inhalt des Manuskriptes möchte Katz Flynn unter Vertrag nehmen und den Rest der Story lesen. Er wird hier nur vor das große Problem gestellt, dass Flynn in der Zwischenzeit verstorben ist und niemand weiß wo er das komplette Manuskript versteckt hat. Katz beauftragt daraufhin John Keller, einen Reporter, mit der Recherche- und Sucharbeit und möchte, dass dieser jeder erdenklichen Spur nachgeht und alle Beteiligten von damals aufsucht und befragt. Doch je mehr Beteiligte, Verdächtige und Angehörige Keller befragt, desto mehr Fragen treten auf und umso undurchsichtiger wird der ganze Fall.

Für den Leser bietet dieses Buch nicht nur viel Spannung und Rätselraten, sondern auch viel Verwirrung und Denkarbeit. Zunächst liest der Leser das Teil-Manuskript von Flynn mit und lernt so alle Protagonisten kennen. Sofort versucht man hier die Handlungen ebendieser zu analysieren und fragt sich schon zu Beginn wer vielleicht der Mörder oder die Mörderin sein könnte. Im weiteren Verlauf begleitet der Leser Keller bei seinen Befragungen und möchte auch hier alle Puzzleteile zusammenfügen und dem Täter/der Täterin auf die Schliche kommen. Doch so einfach ist das nicht. Das Buch ist so intelligent geschrieben und so spezifisch aufgebaut, dass man die Story einfach nicht durchschauen kann. Es entsteht ein Verwirrspiel auf höchstem Niveau.
Als Leser muss man regelrecht bei der Stange bleiben, um nicht den Anschluss oder gar wichtige Hinweise zu verpassen. Dies kann sich ein wenig anstrengend auf den Lesegenuss auswirken, aber dafür wird man mit einer dramatischen, unterhaltsamen und bemerkenswerten Story belohnt.
Durchweg fragt man sich, was nun die Wahrheit und was nur Fiktion ist? Wer sagt die Wahrheit, wer versucht zu manipulieren, wer spielt ein falsches Spiel und wer will von sich ablenken? Wer kann das, was damals in der Mordnacht geschehen ist noch exakt wiedergeben und wessen Erinnerungen sind über all die Jahre tatsächlich verblasst?

Die Perspektivenwechsel in den Abschnitten und die Menge an Charakteren haben mir keine Probleme bereitet und der Spannungsbogen blieb bis zuletzt erhalten. Ein nebulöses, fesselndes und aufregendes Buch mit absoluter Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 15.02.2017

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster
0

Fred ist ein sensibler alleinerziehender Vater des fast 14 jährigen zu klein gewachsenen und künstlerisch begabten Phil und hat sich dazu entschlossen als ehrenamtlicher Sterbebegleiter tätig zu sein. ...

Fred ist ein sensibler alleinerziehender Vater des fast 14 jährigen zu klein gewachsenen und künstlerisch begabten Phil und hat sich dazu entschlossen als ehrenamtlicher Sterbebegleiter tätig zu sein. In seiner Freizeit hat er diverse Kurse und Fortbildungen zu dem Thema erfolgreich absolviert und wird nun von der Hospizleitung einer bald sterbenden Frau zugeteilt. Es handelt sich um die eigenwillige, direkte und charakterfeste Karla. Die 60 Jährige ist an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, hat die Chemo abgebrochen, nimmt aber diverse Medikamente zu sich und fühlt sich nur in ihrer Wohnung sicher und geborgen. Sie weiß nicht wie viele Wochen oder Monate ihr noch bleiben, aber diese will sie nicht in einem Hospiz verbringen und weiß selber noch nicht, ob das Engagement eines Sterbebegleiters die richtige Entscheidung für sie ist.

Die großen Charakterunterschiede machen das Aufeinandertreffen nicht gerade einfach. Fred ist zu unsicher, während Karla ihm sehr klar und deutlich zu verstehen gibt was sie von ihm und seinem Nebenjob hält. Es ist nicht einfach für die beiden auf einen Nenner zu kommen und gut zusammenzuarbeiten, doch nach einiger Zeit kommt die Beziehung in Fahrt. Zudem vermitteln auch andere Charaktere zwischen den beiden, damit das Eis schneller bricht.

Fred ist ein sehr ehrgeiziger, hartnäckiger und anteilnehmender Begleiter, welcher leider noch zu unerfahren ist und die Dinge und Karlas Wünsche zu Anfang nicht so akzeptiert wie sie sind. Er will das Karla vor ihrem Tod noch schöne Momente erlebt, will für sie eine Überraschung organisieren und ihr zu viele von seinen Ideen aufdrängen. Sein unbeholfenes Handeln bringt unerwartete und negative Konsequenzen mit sich, die die Beziehung zwischen ihm und Karla sehr erschüttern.

Ich habe ein sehr dramatisches und trauriges Buch erwartet und habe herausgelesen, dass es um noch so viel mehr geht als das. Es geht nicht nur um das Sterben an sich und um die Huldigung all der ehrenamtlichen Sterbebegleiter. Es geht zum einen um den Verlust von Menschen in jeglicher Hinsicht und den Folgen daraus für jeden der Charaktere. Es geht um den Zusammenhalt zwischen den Menschen, um die Bereitschaft sich zu helfen, füreinander da zu sein und mit einander kommunizieren zu können, Fehler einzugestehen und ehrlich zu sein. Es ist ein Loblied auf das Leben, die Freundschaft, Lebensentwicklungen und die Familie, so klein diese auch sein möge. Mit unterschwelliger Komik, ein wenig gut platzierter Ironie, alltagstauglichen Dialogen und einprägsamen Charakteren hat Susann Pásztor ein echtes Lesehighlight gezaubert.